Als Kellnerin wusste meine Mutter ihre Anekdoten so zu erzählen, dass sie aus einer einzigen langen Aufzählung bestanden, wer was gesagt oder getan hatte, ohne irgendein besonderes Ereignis zu beschreiben. Es war ein Rapport des täglichen Lebens, als Placebo dabei gewesen zu sein. Sie breitete einfach gerne ihren Alltag aus, vor mir als ihrem Zuhörer. Es war ein literarisches sich übergeben, wenn sie betrunken von den Bildern war, wie ihre Gäste es von dem Alkohol waren.
Anmerkung der Redaktion
Was ich schreibe ist kein Mimimi. Also doch, ist es. Ich bin ne alte Jammerhure. Aber es ist nicht nur das. Und andere hatten es viel schwerer. Das hilft denen natürlich nicht. Aber es hilft mir. Was ich damit sagen will: Es geht mir sehr gut. Dieser Sauhaufen, der sich mein Leben schimpft, es ist gut. Nicht perfekt und das wird es auch nie sein. Also ehrlich gesagt, wenn man mit Problemen zahlen könnte, dann wäre ich reicher als Elon Musk. Aber ich bin dankbar. Ich mag den Menschen, der ich jetzt bin. Und ich musste mir mich verdienen. Irgendwie mag ich es, mir alles verdienen zu müssen, was ich haben möchte. Denn erst dann gehört es wirklich mir. Und ich nehme nichts für selbstverständlich. Darin allein liegt schon sehr viel Wertschätzung für die kleinen Dinge.
Leben ist kompliziert II
Du hättest es nicht besser auf den Punkt bringen können. Mit elf gekocht, Bude geputzt und viele sehr erwachsene Dinge getan.
Um die Kindheit beraubt. Manchmal bin ich darüber traurig und denke, dass ich diese wenigen unbeschwerten Jahre nicht nur nicht hatte, sondern sie auch nie ersetzt werden können. Viele Jahre war das mein Denken.
Mittlerweile schaue ich sie an, Liebe im Innern und denke, sie hatte es doch viel schwerer als ich.
Ausgesucht hat sie sich das nicht und auch sie hat nur dieses eine Leben, aus welchem sie viel weniger machen konnte als ich.
Der Gedanke ist ein Oxymoron, weil ich traurig und glücklich zugleich bin.
Letztens habe ich ihr gedankt. Meine Kreativität ist von ihr, da bin ich mir sicher. Sie hat gestrahlt.
Es ist wie es ist. Leben ist kompliziert. Und ich zu früh erwachsen geworden.
Leben ist kompliziert
Weil ich hier manchmal Dinge schreibe: Meine Mutter ist übrigens auch kein schlechter Mensch. Ja, sorry. Das Leben ist komplizierter als das. Es gibt nicht immer nur schwarz und weiß. Die ging an so vielen Sachen kaputt. Das ist keine Entschuldigung. Es gibt nie eine Entschuldigung für das eigene Verhalten. Aber ich verstehe sie. Ihre Mutter hat sie als Kind gegen die Wand geworfen. Sie musste als Kind hungern. Sie musste in einen Kübel scheißen. Sie hat ihr den Arm mit einer Bratpfanne gebrochen. Sie zerbrach daran, als mein Vater von der Polizei abgeholt wurde, sie schwanger war, und versuchte dem Auto hinterherzulaufen. Ihr tut heute auch sehr vieles leid. Und jetzt wo ich es nicht mehr brauche, würde sie alles für mich tun, weil sie das Gewissen plagt, weil sie es besser machen wollte. Gerade habe ich hemmungslos gelogen. Scheiß auf meine Prinzipien. Ich habe sie umarm und ihr gesagt, dass sie eine gute Mutter ist. Heute stimmt das auch irgendwie. Weil sie eine alte Frau ist, und ich möchte, dass sie ihren Frieden hat. Weil ich kann, und weil das mit mir alles enden soll. Leben ist kompliziert. Die meisten von uns müssen mit diesen Grauzonen leben. Und ich wähle den Frieden. Sei nicht immer nur wütend, weil du nie ein Kind warst.
Sprachlosigkeit
Umso mehr man zu sagen hat, desto weniger kommt manchmal aus einem heraus, weil man sich hastig an den Worten verschluckt, wie an zu großen Bissen. Etwas von zu großer Bedeutung schnürt einem die Kehle zu. Auf einmal ist es, als ob man die eigene Sprache vergessen hätte. Als ob Worte nur noch ausgestorbene Phantome wären. Es drückt im Herzen, aber der Mund gibt dem keine Gestalt. Die Worte fließen stattdessen rückwärts, und drängen immer tiefer in einen hinein, verbergen sich wie ein ängstliches Tier. Ich hasse es, wenn das passiert, wenn mir von dem Reichtum, mit dem ich etwas sagen könnte, nichts mehr übrig bleibt, weil mir die Sprache zu weit entfernt erscheint. Ich fühle wie die Worte in meinem Mund ersticken. Am Ende ist es ein hilfloses Zusehen, wie alles von dieser Unruhe aufgefressen wird, die keine Stille sein will, aber auch kein Wort erlaubt. Manchmal verfalle ich dann in einen irrsinnigen Aberglauben, wie ein Kind, dass man vielleicht meine Gedanken lesen könnte, aber das einzige was redet, sind meine Hände, die Worte aus der Luft greifen, und in ihrer Sprachlosigkeit zerdrücken.
Mr. Wackelauge und Mrs. Sexerzwingerin. Part VIII
Das mit der blöden Weinbestellung musste sie irgendwie souverän meistern, wobei er sehr genau wusste, dass sie den verdammten Namen des Weins nicht aussprechen konnte. Orrrrrrrrrrrrr, es war zum Verzweifeln. Für ihn wäre es sicher ein leichtes, schließlich war er der Pinguin, der ebenfalls Gäste bediente. Aber nein, von ihm kam nichts, was er später noch bitter, bitter bereuen würde, sie würde es ihm heimzahlen. Engelchen und Teufelchen reckten beide die Faust in die Luft. Alle drei waren sich also einig. Yes! Rache war ab sofort Teil des Plans. Hatte sie erwähnt, das bitter bereuen bei ihr eine eigene Dimension war?
Sie sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Nickte ihm noch ein letztes Mal dominant zu, er solle doch bitte, bitte was sagen, weil er es sonst bitter, bitter … na ihr wisst schon.
Aber!
Er schmunzelte sich einen wie doof, seine Mimik verriet ihr ganz klar, sie würde hier keine Unterstützung bekommen. Sie verlor sich in Mr. Wackelauges himmelblauen Augen, hielt seinen schon lachenden Blick und nuschelte voller böswilliger und wissentlicher Absicht:
»Eine Flasche Château Vieux Coutelin«, was ungefähr so klang: »eine Flasche Schatooo Fiiiiöx Kautellinn« Sie tat großzügig und alle Weine dieser Welt kennend und setzte sie ein:
»Der 2011-er. Natürlich«, hinterher und brachte ihre Bestellung zu Ende. Selbstgefällig zog sie eine Augenbraue nach oben, während Mr. Wackelauge erneut vor nem fetten Lachkrampf stand.
»Ich wette er hats verstanden«, zischte sie ihm zu.
»Nie im Leben«, raunte er halb hustend, halb sprechend in ihre Richtung.
»Und ob«, presste sie selbstbewusst hervor, während sie vom Kellner hörte:
»Ähm, entschuldigen sie bitte, aber ich habe sie nicht verstanden. Welchen 2011-er wollten sie bestellen«, allein an seiner Tonlage erkannte Nadine, dass Mr. Wackelauge Recht hatte.
»1:0«, flüsterte sie mit bösem Blick in seine Richtung, nahm die Karte, schlug die Seite mit dem Kautelliiiinnnn auf und zeigte mit dem Finger drauf.
»Sehen Sie, den hier. Eine Flasche mit«, sie unterbrach kurz und sah ihre Begleitung an, er schaute sie aus Tränengeschwängerten Augen an. »Rotwein, Darling«, fragte sie ihn und er nickte nur lachend. »Mit zwei Gläsern, bitte.«
Der Kellner nickte und neigte seinen langen Oberkörper erneut etwas zu ihr herunter.
»Und entschuldigen sie bitte, dass ich sie akustisch nicht verstanden habe«, damit drehte er sich auf dem Absatz und verschwand in den größeren Teil des Restaurants. Neben ihr prustete Mr. Wackelauge ungehemmt los.
Sie sah ihn an …
»Du hättest mir helfen müssen«, gluckste sie in seine Richtung. Leider war sie so überhaupt nicht nachtragend, was ne beschissene Eigenschaft. Sie wäre jetzt zu gern ne nachtragende Furie. Aber nein …
»Das war ne Steilvorlage, ich wollte sehen, wie du das meisterst«, brachte er noch immer lachend hervor.
»Gib es zu, meine Idee war genial«, wollte sie von ihm wissen. Engelchen und Teufelchen standen ganz weit am Rand beider Schultern, die drohende Faust in seine Richtung gereckt.
Er nahm ihre Hand, seine Finger hoben erneut ihr Kinn an, so, dass sie ihn anschauen musste. »Es ist mir egal, dass du diesen armen Kellner so verscheißerst, dass er sich noch schlecht fühlt und sich bei dir entschuldigt. Es ist mir auch egal, ob es hier noch Wein, Steak oder Kerzenlicht gibt«, mahnte er fast ernsthaft.
Erwartungsvoll sahen ihn drei Augenpaare an, wobei Engelchen etwas kleiner war, vielleicht hielt sie auch Augenkontakt zu seinen Schlüsselbeinen, überlegte Nadine. Teufelchen und sie standen in jedem Fall in Kontakt, jawohl.
»Du bist zum Niederknien, Weib. Ernsthaft. Ich habe noch keine Frau kennengelernt, die so ist wie du«, brachte er hervor.
Okay, das Erdnussphänomen setzte wieder ein und ihr Hirn schrumpfte. Verwirrt sah sie ihn an …
»Was ist …«, fragte er angespannt.
Keine Reaktion.
»Verstehst du mich und das, was ich gesagt habe«, setzte er besorgt hinterher …
»Akustisch schon«, flüsterten Engelchen, Teufelchen und Nadine uni sono.
Komplimente die unsere Oberflächlichkeit verbergen
Menschen die von der Allgemeinheit als nicht oder nur mäßig attraktiv empfunden werden, müssen uns bei einem Kennenlernen erst von ihren guten Eigenschaften überzeugen, während es schöne Menschen völlig aus der Hand legen und uns überlassen können, diese guten Eigenschaften für sie zu entdecken, egal ob sie wirklich vorhanden sein mögen. Wir interpretieren sogar solche Züge an ihrem Verhalten als sympathisch, die wir sonst niemals dulden würden, weil Schönheit als eine Form von Macht empfunden wird, an der alle ihren passiven Anteil wollen. Es ist uns wichtig, dass uns schöne Menschen als ebenbürtig empfinden, weil es in den Augen der anderen immer das Versagen des weniger Schönen bleibt, von Personen nicht gemocht zu werden, die ausreichend anziehend sind, dass es für sie schon ausreicht bloß still bei Tisch zu sitzen, damit andere meinen die Klugheit in ihren Augen lesen zu können, weil Schönheit im mehrheitlichen Glauben alle anderen Talente in sich bindet. Sogar wenn sie völlig passiv bleiben, komplimentieren wir ihnen mit großem Eifer für alle möglichen guten Eigenschafen, weil wir uns sehr bemühen tiefgründige Komplimente zu finden, die unsere Oberflächlichkeit verbergen. Wir versuchen Schönheit durch Komplimente zu zähmen, weil sie uns wie wählerischer Adel erscheint. Und genau wie bei Reichtum gilt eine gewisse Diskretion, sie nicht direkt auf ihre Wohlhabenheit anzusprechen, sondern kreativere Gründe zu finden, um nicht vulgär und bittstellend zu erscheinen.
Die Unschuld wie eine Nadel fallen hören
Am schlimmsten ist das Gefühl aus heiterem Himmel wieder ein Kind zu sein. Diese Kinderangst, die nichts mit den Ängsten eines Erwachsenen zu tun hat, sondern aus einem viel älteren Gemüt heraus. Etwas das man so tief fühlt, wie von ihrer natürlichen Angst vor Dunkelheit heimgesuchte Kinder, und diese Angst reicht bis an deinen Urgrund, von dem du gar nicht mehr wusstest, dass so etwas in dir noch existiert, dort wohin man sich nur grundlos hinabweinen kann. Dann verbinden sich Erinnerungen mit dem Gefühl: Einzelne Tränen wie Beistriche aus dem Nirgendwo. Ich kann die Flügelschläge ihrer kleinen Dämonen hören. Ich wachse über dieses Labyrinth hinaus, und doch reicht es mir bis an den Hals. Nur mein Kopf ist erwachsen, aber meine Füße versinken in der Vergangenheit. Nass vor Kindertränen in einem tiefen Morast der Verletzlichkeit. Man kann die zerbrochene Unschuld wie eine Nadel fallen hören. Mir fehlen die Erklärungen für diese Schatten die mich verfolgen. Für die kleinen Nadeln die in mein Herz stechen.
Rückblicke als Erwachsener
Meine Kindheit war kein Zuckerschlecken. Meine Mutter hat mich sehr oft gedemütigt, auch vor anderen, und als jemand fragte „Warum bist du so gemein zu deinem Kind?“ sagte meine Mutter nur „Ich will eben Spaß haben.“ Die andere Person sagte dann: „Wenn du ihn weiter so behandelst, könnte er gefährlich werden. Der bringt dich irgendwann um, wenn du so weiter machst.“ (Kein Kommentar dazu) Und meine Mutter meinte: „Nein, mein Kind verzeiht mir. Der vergisst das alles. Das ist egal.“ Entsprechend verhaltensgestört war ich dann auch als Kind. Und auch wenn Gewaltverbrecher in der Zeitung waren, zum Beispiel einer der seiner Mutter den Kopf abgeschnitten hatte“, zeigte sie mir sofort sein Bild und meinte: „Der sieht aus wie du! Ich hab Angst, dass du genauso wirst. Bitte schneide mir nicht den Kopf ab.“ (Kein Kommentar) Von all den Schlägen die ich bekommen habe, war die psychische Misshandlung am Schlimmsten.
Mir wurde immer eingeredet, dass ich schlecht wäre. Das ich gefährlich bin. Und es hat lang gedauert das in meinem Kopf gerade zu rücken. Dazu muss man aber auch sagen, nicht, dass das eine Entschuldigung wäre, dass meine Mutter selbst noch viel schlimmer, von ihrer Mutter misshandelt wurde. Wie die meisten Eltern hat sie das weitergegeben, was sie selbst erfahren hat.
Und jetzt, selbst erwachsen und nichts vergessen, kämpfe ich um den letzten Frieden mit meiner Mutter. Weil sie meine Mutter ist. Leben ist komisch.
Mr. Wackelauge und Mrs. Sexerzwingerin. Part VII
Ich will Sex. Jetzt!
Aber das Steak …
»Du hattest doch heute Mittag schon ein Steak, ein beschissen schmeckendes, ja, aber es hatte enorm Punkte«
Ich will Sex. »Jetzt auf diesem Tisch!«
Du hast aber noch 16 Punkte über. »Du liebst Rotwein und Steak dazu!«
Irgendjemand störte diesen ausufernden inneren Monolog. Sie spürte die Vibration an ihrem Körper, vernahm auch das erneute, wirklich nervige Räuspern des Kellners und sie versuchte ja ins Hier und Jetzt zurück zu kehren.
Sex!
Steak …
»Sex!«
Steak …
Riesige blaue Augen sahen in ihre. »Würdest du bitte irgendwas bestellen«, presste er hervor und Nadine verstand mal gar nicht, warum er so angespannt auf sie wirkte. Was war denn passiert?
Nadine neigte ihren Kopf langsam zur Seite und dann etwas nach oben, um dem Kellner in die Augen zu sehen. Der Typ war doch völlig verwirrt, wie schaute er sie denn an? Der dürfte hier gar nicht arbeiten, dachte sie.
Sie schaute Mr. Wackelauge an und flüsterte ihm zu, dass dieser Typ in ein Betreutes Wohnen gehörte, aber nicht in ein so renommiertes Steakhaus, da hörte sie von ihm …
»Habe ich sie richtig verstanden, sie hatten heute schon ein Steak, was ihnen nicht schmeckte, weil es Punkte hatte?« Er sah sie irgendwie voll komisch an.
»Sie lieben Rotwein zum Steak und wollen alles jetzt auf den Tisch haben und der Rest galt wohl ihrer Begleitung nehme ich an.« Nadine war völlig überrascht, Euphorie schoss durch ihre Adern, schließlich war er der erste Mensch, der ihre Gedanken lesen konnte!
Krasser Scheiß …
»Mr. Wackelauge«, schrie sie ihn begeistert an. »Er kann meine Gedanken lesen! Ich bin völlig beeindruckt«, freute sie sich.
»Wow … er kann Gedanken lesen«, jubelte sie.
»Du hast laut gedacht, Sexerzwingern. Das ist alles«, presste er hervor, seine Mundwinkel zuckten schon wieder.
Nadine sah den Kellner an. »Laut gedacht«, fragte sie ihn und er nickte.
Scheiße …
Hörte das mit den Peinlichkeiten denn gar nicht mehr auf? Eigentlich würde sie jetzt gern Arschloch denken, hatte aber echt Schiss, dass sie wieder laut denken könnte und sich irgendwer angesprochen fühlte. Sie fing also laut an zu denken. Das! war wirklich krass.
Völlig cool, bestellte sie ein 300 Gramm Angus Rinderfilet, medium verstand sich. Scheiß auf die Punkte, dachte sie, da das viele Peinliche heute sicher viiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiel Energie kostete.
Mr. Wackelauge bestellte sich ein ähnlich gutes Stück Fleisch und dann kam die Frage, die sie back to Basic brachte. All ihre Ängste herauf beschwörte und sie grundlegend echt zur Idiotin degradierte.
Der Kellner fragte …
»Und was darfs zu trinken sein?«