Dienstleistung ist … naja ihr wisst schon!

Gefühlt schreibe ich über die gestorbene Dienstleistung mit dieser gemachten Erfahrung den 3725. Teil.

Aber ich kann das einfach nicht an mir vorbeiziehen lassen und nichts schreiben. 

 

Es.muss.raus.

 

Für mich. Für dich. Für alle. 

(Klingt wie ein Werbeslogan, ich komme nicht drauf, welcher. Singe es aber die ganze Zeit beim Schreiben.) 

 

Also, ich hatte vor Weihnachten ein nicht näher bezeichnetes Problem am Auge und tat erst mal was? Richtig, gar nichts, weil unser Gesundheitssystem seinen Zenit vor Jahren überschritten hat und man weder einen Arzt bekommt noch einen Termin noch sonst etwas. Also beobachtete ich Auge kritisch aber reflektiert und wünschte mir jeden Abend, dass es doch am nächsten Morgen besser sein würde. 

 

Natürlich nicht. 

 

Dienstag 16.12.25

 

Ich recherchiere, wie meine Augenärztin offen hat und fahre hin, schließlich schwillt mir mein Auge auf eine so gemeine Art und Weise zu, dass ich aussehe, als hätte mir (laut dem Welpen im Büro) gepflegt jemand eine reingehauen. Dazu fühlt es sich auch ähnlich an. Mag psychosomatisch sein, also das mit dem Gefühl, streite ich gar nicht ab. Aber als Frau mit so´nem Matschauge fühlste dich einfach völlig beschissen. Zumal am Abend noch ein wichtiges Treffen anstand, wo der Welpe und ich eigentlich ne gute Figur mit normalen Augen machen wollten.

 

Ein Dank an meine völlig pragmatische Haltung, auf meine Niveauflexibilität und Souveränität, sonst wäre ich so niemals essen gegangen. 

 

Zurück zur Augenarztpraxis. Ab 13:45 Uhr offen und ich hatte nicht den Anspruch sofort bleiben zu dürfen. So ein Termin im April 2033 wäre okay gewesen. Ich komme dort an, stehe vor der Praxistür und sehe: Dienstag zu. Scheiß Google, denke ich, da stand 13:45 Uhr offen. 

 

Aber drinnen brannte Licht. 

 

Zack, ich klingel an der Tür mit dem Milchglas. Es passiert einfach gar nichts. Gut, denke ich, klingel nochmal, vielleicht haben sie dich nicht gehört, obwohl ich natürlich genau weiß, dass mich niemand hören will.

 

Es reagiert erneut keiner. Ich will wieder gehen, denke aber an Auge und will wenigstens noch gegen die Tür drücken, nicht, dass ich unten denke, hätteste mal gegen die Tür gedrückt. 

 

Ich drücke gegen und die Tür geht auf. Direkt rechts ist die Rezeption mit einer etwa Mitte zwanzigjährigen Arzthelferin mit Handy in der Hand, sie schaut mich an, als wäre ich so gesehen die Unverschämtheit in Person. Da ich absolut Dienstleister bin, verstehe ich nicht, warum sie nicht an die „offene“ Tür gekommen ist, um mir zu sagen. Nee, sorry. Ist zu —> Geh weg. 

 

Stattdessen schaut sie mich an und fragt, was ich will. 

 

Ich erkläre in ganz kurz. Rechtes Auge. Matsch. Fett entzündet. Tut weh und sieht kacke aus. Wird im Übrigen seit ein paar Tagen immer schlimmer. Meine beteiligte, offene Beobachtung hat Auge nicht abgeschreckt, schlechter zu werden. 

 

Sie erklärt mir:

 

Meine Ärztin ist in Rente gegangen.

Die, die eigentlich in der Praxis ist, ist krank.

Die Vertretung ist da, aber …

 

Was haben sie überhaupt, fragt sie erneut und ich fühle latenten inneren Frust. Ich erkläre alles erneut in kurz und frage mich, ob Gen Z dementer ist als die Gen Wirtschaftswunder. Sie krönt die Situation, indem sie mir erklärt, dass sie nichts sieht. Ruhiges Durchatmen ist meine Stärke. 

 

Ich sehe zwar auch bald nichts mehr, wenn Auge nicht behandelt wird, aber ich bitte sie, die Vertretung der Vertretung der in Rente gegangenen zu fragen, ob ich bleiben kann oder einen Termin im Jahr 2033 bekomme.

 

Sie steht auf, straft mich mit ihrem Blick und geht offen genervt ins Sprechzimmer, um mir eine Minute später lächelnd mitzuteilen, dass ich nicht behandelt werde. Ich frage sie, was ich denn dann machen soll. Sie erklärt mir, lediglich noch drei Stunden zu warten, dann in die Klinik fahren und die müssen mich behandeln. Dabei lächelt sie mich erneut an und mir fallen die aufgespritzten Lippen auf, weil der kleine Entenschnabel irgendwie unpassend und zu groß auf mich wirkt. Aber mit dem Auge, denke ich, sollte ich wirklich still sein. 

 

Patt.

 

Ich sage ihr ruhig und besonnen, dass, wenn jeder einfach bis abends wartet, um in die Klinik zu fahren, das System Krankenhaus dekompensiert. Sie schaut mich an, als wäre ich die missratene Pizza. Woher ich das wissen will, meint sie und ich sage ihr, dass ich in der Klinik arbeite. 

 

Wieder patt, aber sie merkt es nicht. 

 

Stille und wieder sehe ich ihr an, dass sie mich unfassbar doof findet. 

 

Okay, denke ich und gebe zu, dass ich wütend war. 

 

Spoiler: Wird gleich noch getoppt. Dienstleistung ist schließlich Motherfucker. 

 

Ich sage ihr dann mit ner Menge Fachwissen zu dem ganzen Kram, dass ich von der Ärztin eine Notfallüberweisung brauche und dann weg bin, schließlich will ich ja die romantische, fast leere Sprechsunde bei geschlossener Praxis mit offener Tür nicht weiter stören, da raunt sie mir zu, dass sie von so einer Überweisung nichts weiß. Ich bitte sie die Ärztin zu fragen, schließlich will mich vor Ort niemand behandeln und wenn ich nicht wie ein schlechter Rummelboxer aussehen will, sollte ich in irgendeiner Form, irgendwo behandelt werden. 

 

Sie schaut mich an, schnauft genervt, steht auf und während sie an mir vorbei geht, stöhnt sie absichtlich laut. Ich bin jetzt wirklich wütend. Nicht im Außen, aber innen drin. Ich frage mich, wie man so eine Arzthelferin dort hinsetzen kann. Unfreundlicher und dreister geht es kaum und glauben sie mir, ich bin die ganze Zeit sehr freundlich geblieben. 

 

Ich drehe mich, während sie im Sprechzimmer verschwindet zu ihrer Rezeption um, quasi zur Vorhölle einer jeden Arztpraxis und sehe einen kleinen Zettel, auf welchen sie sich Notizen zu ihren Überstunden, Überminuten in der letzten Woche gemacht hatte.

 

Montag: plus 9 Minuten

Dienstag: plus 12 Minuten …

 

Man sieht, sie hat in jedem Fall ganz viel Spaß an ihrem Job, schließlich ergab die Summe des Zettels nicht mal die Zahl 30 Minuten in der zweiten Dezemberwoche. 

 

Sie kommt wieder, schaut aber absichtlich an mir vorbei.

 

Ich darf bleiben, weil die Vertretungsärztin die Form der Überweisung auch nicht kennt. Ich bin 3 Minuten im Sprechzimmer und gehe, Überraschung mit einer antibiotischen Salbe da raus. 

Sie würdigt mich keines Blickes mehr und ich frage mich, wie Arzttermine in zehn Jahren aussehen werden?

 

Da es ja im Leben immer einen Ausgleich gibt, traf ich mich am Abend mit dem Welpen und einem wichtigen Mann zum gemeinsamen Abendessen. Und während wir über Wein, Essen und Weihnachten sprachen, eröffnete sich eine Gelegenheit zu etwas so Gutem, womit Marc Uwe und auch ich niemals gerechnet hätten.

 

Wir werden sehen, wenn an diesem Abend auch nur mit einem Auge. 

Tagespflege – oder noch 16 km bis Gotha

Ritualwochenenden sind ja etwas unfassbar Cooles! 

Wartet, nochmal von vorn, man darf in der heutigen Zeit nicht mehr verallgemeinern. Das ist nämlich uncool und so. 

Ritualwochenenden können ziemlich kacke oder ziemlich cool sein. Je nachdem, mit wem man unterwegs ist, scheint alles im Rahmen des Möglichen zu sein. Sucht euch was aus, mir egal. 

Mein (unser) drittes Ritual-Wander-Wochenende war großartig. Lustig, schlammig, kalorienreich, waldig, schienenreich, kalt und der Weihnachtsmann ist nicht mehr das, was er einst war.

Aber dazu kommen wir später. 

Am Freitag trafen wir uns in einem stehenden Kreuzfahrtschiff in Friedrichroda. (Wer wissen will, wo wir waren, sollte das riesige Teil mit Panoramablick (zwinker) finden. Die Anreise staureich mit Regen und Nebel, sollten wir alle gegen 18:19 und 12 Sekunden wieder vereint sein. Nicht nur rhetorisch wiedervereint, schließlich waren ein Wessi und sechs Ossis dabei. 

Als erstes freuten wir uns so sehr über unser Wiedersehen, dass sich alle drückten, knufften, bufften und herzten. Hach … einfach schön. Ein Jahr ist lang, aber alle und alles ist vertraut. Und alle an Bord, denn die Älteste ist 82 und die Jüngste 47 Jahre alt.

Bevor wir alle was essen gingen, wurde selbstverständlich mit zwei Flaschen Sekt auf unser Ritualwochenende angestoßen, dazu darüber sinniert, dass dieses Hotel wie ein Kreuzfahrschiff in den Punkten Größe, Ausstattung und Service auf uns wirkte. Ich und mein Serviceherz waren tief, tief beeindruckt, dass es folgende Dinge in diesem ehemaligen DDR-Hotel gab:

Warmes Schwimmbad

Flur im Hotelzimmer mit Tür zum Hauptraum

Gusseiserne Heizkörper, die auf Stufe 2 400 Grad können

150 qm Flur vorm Fahrstuhl

Kino mit vier Vorstellungen am Tag

Kinderparadies

Dart

Kaffee rund um die Uhr

Eine Bar

Vitrine mit Geschmeide

Vitrine mit Geschmeide

Vitrine mit Geschmeide (es waren eben drei Vitrinen)

Popcorn-Maschinen-Automat

Langnese-Eis-Automat

Schlagermusik am Abend

Normale Musik am Abend 

Einen Biergarten

Outdoor-Schach

Bocha

Curling

Abenteuerspielplatz

Grillecke

Kosmetika, Zahnbürste, Kamm, falls zu Hause vergessen

Kleiner Weihnachtsbasar

Unfassbar viel weihnachtliche Deko

Ein DDR-Notruftelefon im Fahrstuhl – Nein, nicht um die DDR in der Not zurückzurufen, sondern wen auch immer, wenn man in einem der fünf Fahrstühle steckenbleibt. 

 

Gerade überlege ich, ob ich den Link des Hotels in meinen YouTube-Channel verlinke und ordentlich mitkassiere, es scheitert aber grandios daran, dass ich keinen Channel habe und dazu, dass das Hotel keine Ahnung von meiner Story hat. 

In jedem Fall habe ich bestimmt zehnmal an diesem Wochenende darüber nachgedacht, dass hier keine Wünsche offenbleiben würden. Es ist einfach an alles gedacht. Wer auch immer hier an alles denkt, Glückwunsch, du Genie. Zusammenfassend hätte mir und wahrscheinlich 1000 anderen Menschen einfach nur das gefehlt, was wir zu Hause vergessen haben.

Gut, 19:00 Uhr finden wir uns ganz oben im Restaurant ein und tauschen uns erstmal zu den vergangenen Monaten aus, schließlich haben wir uns ja ein ganzes Jahr nicht mehr gesehen. Meier und Frau ging es gar nicht mal so gut in der vergangenen Zeit, aber weder sie noch er haben ihren Humor und ihre Haltung verloren. Dafür von mir Chapeau. Krank sein ist nicht leicht. Ihr habt das super gemacht. Wobei Meier immer noch eingeschränkt ist, denn er muss seit vielen Tagen in die Tagespflege. Naja, Reha, aber des Meiers Frau macht sich über den Alten lustig und erklärt uns, dass es ne Tagespflege ist. 

Meier ist wahrlich der Alte, denn er isst wie im letzten Jahr was?

 

Genau! Roulade mit Rotkohl, schließlich sind wir in Thüringen und da gibt es nix anderes.

Leider schmeckte das Teil nicht so wirklich, was schade war und so überlegte Meier umgehend, wie er sich das Debakel am ersten Abend versüßen konnte. Nach einigem hin und her entscheidet er sich, dass es eine Eismaus sein sollte, schließlich hätten Maus und er sehr ähnlich große Ohren. 

Bestellt!

Wir zucken zusammen, als die gruselige Eismaus an den Tisch gebracht wurde und Meier erklärte sich ab sofort für traumatisiert. Da es bereits 20:00 Uhr war und das Restaurant 22:00 Uhr Feierabend hatte, schließen wir nicht aus, dass es sich bei Maus um eine ernstzunehmende Warnung an uns handelte, in den nächsten 30 Minuten hier die Segel zu setzen und weiterzusegeln, schließlich gibt es da unten im Hotel mehr als genug Entertainment.  

 

🤷‍♂️

Zum Vergleich für Sie, mal Maus in der Werbung und gelieferte Maus. Wenn ich bedenke, dass Maus eigentlich für Kinder sein sollte, ziehe ich in Betracht, dass Maushersteller in der Küche ein Sadist ist oder einfach nur großartig Nichtkreativ. Da nützt die niedliche Story rund um Eismaus mit den großen Ohren auch nichts. Die Küche war enttarnt. Roulade und Maus sind für uns genügend Indizien, aber da Meier nen cooler Typ ist, verschlingt er das eisige Trauma und wir suchen die Sitzmöglichkeiten in unserer Etage auf, also jene 150 qm.

Alle strömen in die Zimmer und typisch ostdeutsch bringen alle ihre Mitbringsel zurück in die Fahrstuhl-Vorhalle. 

Wir haben eine riesige Auswahl an Getränken und Snacks und der Abend beginnt mit der Frage, wo wandern wir morgen, wann frühstücken wir und wie gehen die Schwimmwilligen schwimmen.

Der Rotwein ist wenige Minuten später offen, die ersten Kurzen inhaliert, da ist klar. 

09:00 Uhr Frühstück.

Davor alle die wollen ins Schwimmbad.

Wir laufen von hier 16 km nach Gotha. 

Auf den Weihnachtsmarkt. 

 

Jawohl.

 

Coming soon Part II

 

 

Kongress der Mediziner – oder Tonne 38 / Part II

Als wir alle gesättigt sind und auch Peter (endlich) aufgehört hat zu essen, verlassen wir mit einem zuvor georderten Tablett alkoholischer Getränke die Location und setzen uns in und unter sowas mit Glasdach. 

Wintergarten versus Atrium. 

Da ich beim Schreiben der Story keinen Plan habe, was da der Unterschied ist, lasse ich das mal so stehen. #Selbstbewusstseinkannich!

Wir sitzen also alle draußen, Wetter ist mega für September und wir quatschen, trinken und versuchen das gute Essen zu verdauen. Paule bekommt aufgrund meiner motorischen Defizite volle Kanne nen Glas Sekt über den Minirock geschubst. An dieser Stelle frage ich mich, ob ich mich entschuldigt hatte.

Entschuldigung!

Dazwischen müssen wir alle unglaublich viel lachen, was am Pegel und Madeleine liegt. Wie bereits geschrieben, ist dieses aufjuchzende Lachen absolut unverwechselbar. 

Alle, die jetzt schon schlafen wollten, finden das Lachen nicht so cool wie wir und der Wiedererkennungswert sorgt dafür, dass wir alle den Innenhof mit Glasdach räumen müssen, weil spät und so.

Deutschland eben, 22 Uhr. An vielen Stellen, denke ich, hat die Gesellschaft ihren Humor längst verloren … oder nie gehabt.

Kein Thema, es gibt ja unser Backup, schließlich fahren wir mit dem Fahrstuhl schnurstracks in Zimmer 335 und machen da weiter, wo wir vor dem Essen aufgehört hatten.

Kartoffelchips, Wein, Sekt, Rum, Coke!

Plötzlich und ohne erkennbarer Vorwarnung, fängt des Peters Frau an von Urlaubsgewohnheiten, Bootstouren und weiteren familieninternen, unfassbar lustigen Begebenheiten zu erzählen.

Das tut sie aber nicht wie alle anderen Menschen, indem sie auf ihrer Sitzmöglichkeit verharrt und redet, weit gefehlt. Denn nichts hält sie auf ihrem Platz. 

Sie zieht an ihrem Shirt wie eine Amazone kurz vorm Kampf oder Sex, fällt dem Peter ins Wort, weil er es einfach nicht korrekt und im Vergleich zum holden Fastweib, einfach nicht enthusiastisch genug erzählt.

Akzentuell springt sie auf und haut uns mit ihrer Ganzkörpermimik aus den Socken. Es laufen teils Tränen, weil sie dazu Gesichtsausdrücke vorweist, die noch niemand je gesehen hat. Unglaublich, wie gut diese Frau ist. Eine begnadete Erzählerin.

Ich frage mich, ob Fastehefrau und ich nen mega Ensemble wären. Humor in Schrift küsst Stand-up-Ganzkörper-Mimik. Dit hätte was, finde ick. Alternativ weist man uns halt ein.

War sagste, Fasteheweib?

Dazu frage ich mich, wie viel Kalorien sie dabei verbraucht?

Wir, alle ordentlich einem im Tee erfahren von ihr, dass der Turm auf der Chipstüte deshalb so cool für Peter ist, weil sie mehrfach in der Bretagne waren und das sozusagen der Urlaubsort schlechthin ist. Quasi der Ort der Orte. Nichts, aber auch gar nichts in diesem und acht Millionen Paralleluniversen kann da mithalten. Nein. Nein und nochmal Nein.

Reminder:

Ihre körperliche Darbietung und die dazugehörige Mimik ist derart ansteckend, fast wollen wir alle aufspringen und den Wagen aus der Tiefgarage holen. Auf gehts. In die Region mit dem Turm auf der Chipstüte. 

Dann erfahren wir, dass der Peter im Urlaub zur Höchstform aufläuft. Er plant und setzt um, da nützt es der siebenköpfigen Familie auch nichts, im Arsch zu sein. Nach Kunst, Kultur und Kapitalismus in der Turmregion gibt es keene Pause.

So gesehen der NichtPausenPeter.

Alle müssen mit. Keine Ausnahmen. Peter nickt eifrig und versteht nicht, was daran schlecht sein soll, schließlich wäre man ja im Urlaub. 

Alle packen sich am Kopf und ich frage mich, wie viel Adrenalin Familie Peter im Urlaub so mit sich rumschleppt.

Alles lacht und trinkt nebenbei weiter. Logo! Die Flasche Rum mit dem gelben Papagei drauf, leert sich, wir beginnen mit der zweiten Flasche. Plantaton, heißt der und Peter meint erneut, dass er den noch nie gesehen hat. Tja, DDR halt, denke ich grinsend. Vielleicht meint er aber auch nur ein Detail auf dem Bild.

Peter eben.

Dann kommt zur Sprache, dass Peter mal ein Boot hatte. Aber nie ne Karte dabei und Kompass lesen für Voodoo hielt. Bei schönem Wetter ja kein Thema, sagen Sie?

Klar, aber die Beispiele am Abend hatten immer den harten Fakt Gewitter in der Story. Die witzigste Frau zwischen Leipzig und Dresden stellte in ihrem unverwechselbaren Humor, nüchtern fest, dass Peter das doch auch hätte lassen können, so ohne Karte und Kompass. Alle lachen und ich knie vor deinem Humor nieder, liebe Dagmar.

Mein Autorenhirn stellt sich des Peters Szenario folgendermaßen vor:

So schipperte er ohne Navigation über diverse Seen in Sax“n und später in Brandenburg. Einmal wollte er die weltbeste Erzählerin aka Fastfrau vom anderen Ende des Sees mit dem Boot abholen. Scheiterte aber grandios am Gewitter, fehlender Karte, Kompass, Weitsicht, Coca Cola und Erdnussflips. Keine Ahnung, was zwischen den beiden dann los war, aber ihr Gesicht schrieb Bände.

Dagmar lachte Tränen und Peter fand, dass das zukünftige Weib übertreibt. Sein Protest war so bewundernswert, er sagte völlig ruhig Sätze wie:

Das kannste so aber nicht sagen.

Das stimmt doch gar nicht.

Ein bisschen anders war es schon.

Ich feiere seine naiv wirkende Ruhe enorm. Er verdient dafür wahrlich Applaus. Oder es ist seine Art Humor, die ich dann ebenfalls großartig finde.

Ich frage mich insgeheim, ob das am Turm auf der Chipstüte liegt, oder an dem Rum aus Barbados, oder, ob das einfach sein Charakter ist?!

Während alle vor Lachen Bauchweh haben, planen wir ein morgiges Abendessen beim Spanier.

Coming soon: Tapas, geborgte Schnitzel und beschissen sitzender Zahnersatz. 😎

Kongress der Mediziner – oder Tonne 38 / Part I

Da waren wir vorletztes Wochenende wieder. In der DDR 😎

Zwei Jahre später, residierten wir erneut in einer ostdeutschen Fachwerkstadt zur optimalen Federweißer-Wein-Sekt-Prosecco-Rum-mit-und-ohne-Coke-Zeit, um unseren medizinischen Kongress über zwei Tage zu besuchen und die Aussteller anzusehen, Gratisproben abzugreifen und was? 

Genau – feiern. 

Anreise freitags, war der Kongress mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit interessant für …

… huch, ein Eichhörnchen, aber das Wiedersehen und vor allem das unglaublich lustige Vorglühen am Freitagabend im Hotelzimmer und auch der Samstag sollten uns alle schnell zusammenbringen.

Knapp 400 km später parkten wir den Wagen in der Tiefgarage des Hotels und bezogen unser Zimmer gegen 16:00 Uhr. Koffer wurde für zwei Tage nicht ausgepackt, da bin ich konsequent. Den Rum noch schnell ausgepackt, drei Flaschen – logo, wir sind in Dunkeldeutschland. Da wird gefeiert, uff ostdeutsch jefeiert. Dazu die Flaschen Coke in den Kühli und nen paar Snacks, der Abend konnte kommen.

Peter sollte sich später (haha, reimt sich) bei den französischen Kartoffelchips vor allem wegen eines Turms auf der Verpackung freuen. Diese Ostdeutschen, bis heute Verpackungsopfer. Da gibst du dir aus dem goldenen Westen voll Mühe für die Kulturbanausen und was finden sie geil? Die Verpackung. 

👆 Der Turm, schrie Peter.

 

Die verschwörerische Anweisung zum geheimen Treffen kam ohne Umschweife aufs Handy:

 

18:00 Uhr. Zimmer 335! 

Schließlich sind nur die elitären zehn am Freitag und sieben am Samstag ins Zimmer der Zimmer injeladen, um sich einen reinzubimmeln und dann fett zu feiern. 

Yeahh … wie Weihnachten, Ostern oder was auch immer auf einen Tag, machte ich mich schick, schließlich glühen wir ja gemeinsam für den großen Bankettabend vor. Ich gefalle mir so weit, wobei ich da echt Pragmat:innen 🤪 bin und es geht der Anweisung entsprechend direkt in das Zimmer 335.

Krasser Scheiß, denn wir hatten vergessen, so alibimäßig ne Jacke über die Auswahl an Rum, Snacks, ähm Verpackungen und Coke zu werfen, denn wir latschten mit dem offenen neumodernen Tragedingens über die edlen (Medizinkongress) Hotelflure und zogen natürlich alle Blicke auf uns, da die Pullen klimperten und die Verpackungen knisterten. 

Logo, dachten doch alle, die unseren Weg kreuzten: Scheiß Trinker da. Boah, sind die problematisch. Haste die Menge gesehen, die spinnen ja. Das kann ja keiner trinken.

Natürlich nicht, wir befinden uns bei den Galliern, alle fragten uns also, in welches Zimmer sie kommen sollten. Wir grinsten, aber das durfte nicht verraten werden, schließlich könnte diese Information dazu führen, dass Peter und ich zu wenig Rum für uns haben würden. 

Wir schwiegen.

Im Zimmer gab es zuerst herzliche Umarmungen, so richtig echte, menschliche Freude, die selten geworden ist und unglaublich guttut. Grüße gehen an dieser Stelle raus an Ellen, an die witzigste aller Frauen zwischen Leipzig und Dresden sowie an die edle Frau, die dieses Zusammentreffen ermöglicht. 

Anfangs tun alle so, als wären drei Flaschen Rum und die gefühlten anderen 18 Flaschen ne Hausnummer.

Nur kurz, keine Sorge, denn zack, die erste Rum Cola ist gemixxt und Wein, Sekt und was auch immer sind offen und eingeschenkt. 

Stößchen, Skoll, Prost …

T minus 90 Minuten, dann startet der Bankettabend, der zwar großartiges Essen und Getränke parat hält, jedoch den Charme und das Flair eines Bankettabends am Flughafen oder Hauptbahnhof hat. Heißt also, es ist so unfassbar laut, dass es stresst. Viel zu viele Menschen!

Stößchen, Skoll, Prost …

Stößchen, Skoll, Prost …

Stößchen, Skoll, Prost …

Stößchen, Skoll, Prost …

Die Flasche Rum aus Barbados schmeckt für dein Einstieg fast zu gut und zeigt schnell Wirkung, was daran liegt, dass noch niemand was gegessen hat. Kausal, sozusagen.

*Prost

Alle quatschen, Madeleine lacht bei jedem noch so flachen Witz ihr Lachen, dass nur sie hat und alle lachen mit. Geht nicht anders, obwohl wir mit diesem hohen, Orgasmus-gleichen Gejohle noch insofern auffallen sollten, als dass der Wintergarten geschlossen werden musste. 

Uhrzeit – alle – wollen – schlafen – Zeit – Erinnerung. Aber dazu erst später. 

Ich merke, dass ich einen im Tee habe und finde alles leicht, lustig und verhungere jede Minute. 

Plötzlich ist es soweit, Peter sieht endlich ein, dass ich einen großartigen Rum-Geschmack habe und macht ein Foto von dem dahinschwindenden Rum aus Barbados. Um den nach-zu-koofen, sagt er mit einem so fetten Dialekt, dass ich voll lachen muss und glücklich bin, dass es nicht nur um den Papagei auf der Glasflasche geht. Bei Peter weiß man ja nie! Er würdigt auch adäquat, dass ich 1-Liter Flaschen dabeihabe. Der Mann hat nen Blick fürs Detail. 

Ich unterhalte mich mit Peters Frau, auch wenn die beiden (noch) nicht verheiratet sind und ahne nicht, mit welchem Entertainment-Biest ich da gerade quatsche. Noch geht es um so seichte Inhalte wie Personalentwicklung, Idioten und dem Sinn des Lebens. 

Hätte ich geahnt, was des Peters Fastfrau auf dem Kasten hat, hätte ich alle namenhaften Schauspielschulen her zitiert und ihr den Wechsel von der wahrscheinlich großartigen Medizinerin zur Nation beeindruckenden Entertainerin ermöglicht.

 

 Erkenntnis verpflichtet eben.

 

Wir latschen alle runter und finden zwischen gefühlt achtausend anderen Menschen noch einen Tisch für uns zehn. Die Lautstärke ist so ohrenbetäubend und brechreizverursachend, dass selbst mein Hunger sich freiwillig zurückzieht.  Ellen und ich sitzen direkt nebeneinander und schreien uns 1A aus vollem Herzen an, mit irgendjemand anderen könnten wir uns aber auch nicht unterhalten. Unmöglich.

Ich empfinde tiefe Dankbarkeit für den in Barbados hergestellten Rum und danke intrinisch Coca-Cola, weil ich das hier nüchtern wirklich nicht könnte. 

Irgendwer hält eine wahrscheinlich monatelang vorbereitete Dreiminutenrede und dann? 

 

Bleibt es laut. Überraschung!👌

 

Keine Musik, Kapelle oder Humptataaa. Nichts. Ich frage mich, wer auf solche Abendbrot-Ideen kommt und hole mir erst mal was zu essen. 

Barbados-Rum-Peter neben mir erklärt sich nach den dritten Teller zum Buffetschwein und wird später noch einiges vertragen, während seine Frau Energie sammelte, um später als Stand-up Comedian aufzutreten, während der Rest sich wahrscheinlich anschreit, ich aber nichts davon mitbekomme. Dafür habe ich ein großartiges Gespräch mit Ellen. 

Coming soon: Comedian, Rum und zurück im Hotelzimmer. 

Kontaktbeschränkungen

(Während der Pandemie geschrieben)

Hektisch, geradezu impulsiv drängte zuerst sein Geist und verzögert sein Körper an die verdreckte und mittlerweile trüb gewordene Fensterscheibe. Beinahe hätte er sich auf den eiskalten Fliesen langgelegt.

»Wäre auch nicht das erste Mal«, brummte er missgestimmt und jonglierte seinen noch immer eiernden Leib Richtung Ausblick. Der Lauf seiner Pumpgun drängte sich mit einem lauten Gebrumm gegen die Scheibe. Beinahe hatte er Angst, dass das Glas bersten würde. Aber es hielt Stand.

»Glück gehabt«, flüsterte er ehrfürchtig, denn es gab ja keine Möglichkeit auf eine neue Scheibe oder einem Glaser, »oder auf sonst irgendwas«, schimpfte er zynisch vor sich hin. Sein Atem traf dabei auf die Scheibe und ließ sie kurzzeitig erblinden. Er sah dabei zu, wie der Spiegel von eben keiner mehr war, fast träumte er ein wenig, obwohl er sich´s nicht leisten konnte. Er schüttelte sich innerlich und besann sich darauf, dass er das Draußen checken wollte. Nein, musste.

Seine eben noch gedankenverlorenen Augen stellten sich umgehend scharf, die Blindheit wich vom Glas und er taxierte die Dunkelheit, die vor der Hütte lag. Links, nichts. Er konnte die Umrisse der Bäume erkennen, sie lagen hoch und schwarz im dunkelblauen Nachthimmel. Sie ragten so selbstverständlich in die Nacht hinein, dass es ihn fast schmerzte, alles nur noch durch diese Scheibe sehen, besser erahnen zu können. In Zeitlupe drehte sich sein Kopf vom linken Rand in Richtung Mitte und dann nach rechts vor der Hütte. Er atmete durch.

»Nichts«

Das beruhigte ihn, denn nicht alle hielten sich an die Anordnungen der Politik. Und auch die Executive konnte man als nicht mehr existent bezeichnen. Als er das vor drei Jahren endlich begriffen hatte, kam die Knarre ins Haus, naja und diverse andere Mittelchen zur Verteidigung.

Die Zeit der Selbstjustiz kehrte ein. Viele Gesellschaften gab es mittlerweile nicht mehr, sie waren schlicht nicht mehr existent, nach ersten Plünderungen und Morden kam der gesellschaftliche Zusammenbruch und es blieb von vielen Ländern nichts mehr übrig. Grundlegend, dachte er, war es wie immer in der Geschichte. Hochkulturen konnten sich nur von innen heraus auflösen und damit abschaffen. Seine Gedanken gingen ganz kurz zu den Maya und den Ägyptern …

»Hat ja gut geklappt und alles begann mit diesen fürchterlichen Kontaktbeschränkungen«, schoss es ironisch aus ihm heraus. Er dachte nochmal darüber nach, schließlich hatte ihm bereits sein …

Ein laut-krachendes Geräusch zerriss die angespannte Stille und als er trockenes Holz laut bersten hörte, wusste er, dass es zu spät war. Die Hintertür. Verdammt aber auch. In der einen Hand hielt er die geladene Pumpgun, die freie Hand befühlte die Seitentasche der Hose. Erleichterung stellte sich ein, als er die extrem scharfen Kanten der Wurfsterne ertastete. Über die Jahre hatte er sich alle möglichen Arten der Selbstverteidigung beigebracht. Ein Hoch dem Internet und den ganzen YourFight Videos der Streaming Dienste.

Aus dem Hinterzimmer vernahm er leise knarrende Töne, die perfekt zu den Schritten der Eindringlinge passten. Seine schweren, ledernden Schuhe bewegten sich hingegen lautlos auf den Fliesen. In der Nähe der Tür blieb er stehen und wartete. Gleich würde es losgehen. Adrenalin flutete sein Inneres, es breitete sich ähnlich eines Orgasmus aus seiner Körpermitte heraus in alle noch so kleinen Winkel seines Leibes aus. Keine Zeit für Angst oder Rückzug. Er musste Kämpfen.

Die freie Hand holte einen Wurfstern aus der Tasche. Ohne hinzuschauen, drehte er in sich ruhend den Stern ähnlich einem Spinner in seiner Hand. Er lauerte wie ein blutdürstendes Tier auf den oder die Dissidenten, die nicht in der beschissenen Lage waren, sich an die Kontaktbeschränkungen zu halten. Das Knarren kam sekündlich näher, wenn auch langsam und mit Bedacht. Der oder diejenigen schienen keine Amateure zu sein. Er neigte sich weit in den offenen, in der Dunkelheit liegenden Türrahmen, sein Arm schwang brachial zurück, dann feuerte er den Stern mit voller Wucht in Richtung des ersten Eindringlings, denn mittlerweile sprach viel dafür, dass es mindestens zwei waren. Das Geräusch des nach vorn schnellenden Sterns schnitt pfeilschnell durch die Luft. Dumpf schlug der Stern im Fleisch seines Gegners ein. Er konnte nicht genau sagen, ob er ihn getroffen hatte, aber dass es ein guter Treffer war, zeigte sich daran, dass der Typ mit einem dumpfen Laut zu Boden ging und sich anscheinend nicht mehr regte.

»Scheiße«, hörte er aus dem Hinterzimmer. Aber die Stimme klang so … technisch? Ein Cyborg? Was war das? Sein Herz machte einen Satz als das Deckenlicht seines Zimmers ansprang. Oder war es die Taschenlampe direkt vor ihm? Er war geblendet und hielt sich abwehrend einen Arm vors Gesicht. Sein Blick schweifte so gut es ging, kurz durchs Zimmer, am Kalender blieb er hängen, ehe schwere, metallische Schritte auf ihn zukamen.

16. Oktober 2052

»Sag mal, wie oft soll ich dich eigentlich noch zum Abendessen rufen, oder magst Du kalten Flammkuchen lieber.« Seine Hand lag warm und liebevoll auf ihrer rechten Schulter, streichelte und massierte sie ein wenig.  Sie drehte sich mit hochgezogenen Augenbrauen, fragend zu ihm um.

»Wie spät ist es«

»Kurz vor neun«

»Oh«

»Das trifft es, wir wollten um sieben essen, Schatz.«

Sie sah ihren Mann an, aber wo die letzten beiden Stunden hin waren, konnte sie beim besten Willen nicht sagen. So war das nun mal als Schriftstellerin.

»Was für ein Roman wird es denn, du bist ja völlig hypnotisiert davon«, fragte er interessiert. 

»Ich glaube Science-Fiction«, konterte sie grinsend.

Oder doch ein Drama, vielleicht auch ein Essay zur jetzigen Zeit, dachte sie? Wer wusste das schon? Schließlich galten ja auch im realen Leben bis auf weiteres …

Kontaktbeschränkungen.

Glück

Es ist dunkel draußen, als ihr Wecker schrill aufschrie und sie aus dem Tiefschlaf riss. Wie jeden Morgen, erahnte sie die Zahlen auf dem Display lediglich, denn die Uhrzeit war ihr seit vielen Jahren und Wochenenden bekannt. 04:50 Uhr. 

Frühschicht in der Sozialstation. Ambulante Pflege von alten und kranken Menschen. 

Die morgendliche Routine war schnell gemacht, beim Öffnen des Küchenfensters schlug ihr eisiger Wind entgegen. Winter eben, sofort fröstelte es ihr, Gänsehautwellen schwappten einmal über ihrem Oberkörper. Aber der Temperaturtest war wichtig, schließlich musste die Arbeitskleidung für die anstehende erste, sechsstündige Hälfte des geteilten Dienstes im Dienste der Menschlichkeit stimmen. Den ganzen Tag frieren wäre der Abturner schlechthin. Dazu gab es noch die andere Hälfte Menschlichkeit, sie würde an beiden Tagen des Wochenendes um halb vier am Nachmittag ein zweites Mal beginnen und gegen 22 Uhr enden. 

Schnell auf das Außenthermometer geschaut. Minus 17 Grad. Januar in Magdeburg. Das konnte schon mal richtig kalt werden. Nicht durchgehend, aber auch nicht ganz so selten. 

Die Kälte am offenen Fenster fraß die Müdigkeit. Zurück zum Kleiderschrank. 

Die Wahl fiel pragmatisch auf eine dunkelblaue Skihose mit breiten schwarzen Hosenträgern. Darunter eine Thermostrumpfhose. Dazu ein Thermo-Langarmshirt und eine Jacke drüber. Winterstiefel. Bei sechs Stunden draußen würde sie frieren.

Die Frage war nur, ab wann …

Auf zum Auto. Im Hof erkannte sie, dass zu den bereits 40 cm Schnee von gestern Abend, weitere 20 cm draufkamen. Der Dienstwagen fristete sein kaltes Dasein auf dem Parkplatz, anfangs unklar, welcher Wagen der Richtige war, stapfte sie durch den knisternden, leicht knirschenden Schnee. Kein Geräusch ringsum. Nur ihr sichtbarer Atem, ein sternklarer Himmel, eiskalte Temperaturen und das Schneegeräusch mit jedem Schritt. Ein Blick zurück offenbarte den Weg hierher sowie die Höhe des Schnees. Das konnte was werden, der Dienstwagen ein knochenalter Fiat Cinquecento ohne Winterreifen, ohne irgendeinen Komfort. 

Geübt den Schnee vom Auto geholt und mit dem Eiskratzer die dünne Eisschicht von den Scheiben entfernt. 

Mist. Handschuhe vergessen. Taube Finger und das Bewusstsein, die Heizung würde vorerst nicht warm werden. 

Keine Zeit, um nochmal hochzugehen. Der erste Patient wartete …

Vor acht würde es nicht hellwerden, die kaum lesbare Uhrzeit ließ kurz vor sechs erahnen. 

 

Zeit, loszufahren. 

 

Langsam parkte sie den durchgehend rutschenden Wagen beim ersten Patienten. Da das Auto nicht im Ansatz warm war, fiel das Aussteigen nicht schwer. Der Abstand zum Bordstein bemerkenswert, aber bei den Schneemengen, kam es nicht in Frage, mit den Sommerreifen in die Massen zu rutschen. 

Das Wohnhaus des Patienten lag in einem Innenhof. Zwischen den beiden L-förmig stehenden Blöcken aus Beton gab es einen kleinen Pfad, der sich völlig unberührt in reinem Weiß präsentierte. 

Optisch Kunst. Glitzernd funkelnde Oberfläche im Licht der leicht orange-farbenden Straßenbeleuchtung. Kahle Bäume und Äste. Voller Schnee und teils Eis von der kalten Nacht. Absolute Ruhe, niemand da. Eine gleichmäßige Fläche. Sie wollte da nicht durchgehen. Sie musste. 

Querfeldein stapfte sie langsam durch den Schnee. Es knirschte dumpf. Die Schneehöhe mit jedem Schritt akustisch hörbar, schließlich dauerte es einen Moment, bis die Sohle des Winterstiefels den Grund erreichte, vernahm sie ein weiteres Geräusch. Bewegungslosigkeit.

 

Stille. 

 

Erneut der unbekannte Ton und sie konnte einen Vergleich denken. Als würde jemand Pflaster von einer Rolle ziehen. Ganz langsam. 

Sie sah sich um, konnte aber nichts erkennen. 

Ein weiteres Stück Pflaster wurde von der Rolle gezogen und nun blickte sie auf die nackten Äste des Baumes über sich. 

Ein Taubenpärchen saß gut erkennbar auf dem schmalen Ast. Unter ihren Füßen war kein Schnee und auch kein Eis. Das eine Tier hatte seinen linken Flügel über den Rücken des anderen Vogels gelegt. Da sie unter dem Baum durchlief, musste sich das Fluchttier bewegen, dabei knirschte der schützende, wahrscheinlich wärmende, eingefrorene Flügel als würde man langsam Pflaster von der Rolle ziehen. 

Wie lange sie Besucher des Moments war … wusste sie nicht. Der linke, etwas größere Vogel, wahrscheinlich der Hahn, versuchte behutsam seinen eisigen Flügel zurück ins Leben zu holen, ohne der Henne den Schutz zu nehmen, während sie sich mit geschlossenen Augen press an seinen Körper schmiegte. Vertraute. 

Der erste bewusste Moment gefühltes Glück in ihrem Leben. 

Die DDR in Frankreich – oder, etwas landestypisches für drei, bitte …

Äonen von Jahren zuvor besprochen, sollten wir heute, am Samstag, den 23. August 2025 zu dritt nach Frankreich fahren. Leider nicht in den Urlaub, aber immerhin hatten wir einen gemeinsamen Tag. Da wir beide nicht viel Zeit haben, gibt es diese Treffen sehr selten. 

Deshalb entscheiden wir uns bei jedem Treffen und wählen in der Gestaltung des Tages weise zwischen Kultur und Kapitalismus. Dieses Mal entschieden wir uns für Napoleon, Baguette, Parfümerie und Massagesesseln. Für Kapitalismus also. 

Auf ging es heute morgen um 10 Uhr und gegen Mittag waren wir vor Ort, um genau was zu tun? Richtig, alle mussten erst mal pinkeln. Ging fix. Anschließend betraten wir eine vielleicht 20 qm kleine Parfümerie, die uns mit gefühlt 2.725,744 Parfümflaschen erschlug. Selbst wenn wir nur wegen des Parfüms hier gewesen wären, was wir nicht waren, schließlich geht es in Frankreich um was?

Genau, Käse und Kekse, Baguette und Salami! Von vorn, in dieser Parfümerie verlor man nach gefühlten 17 Sekunden tatsächlich die Lust, weil es einfach viel zu viel Parfüm auf viel zu engem Raum war. (Die Deutschen meckern an allem rum.)

Jut, raus aus dem Laden und rein in ein Shoppingcenter Restaurant, das für ein Shoppingcenter Restaurant ziemlich gut war. Alles war schick gemacht und wie ein großes Buffett aufgebaut.  Dennoch standen wir etwas lost da, weil wir weder wussten, was wir nehmen sollten, noch wo wir hinmussten. Es gab überall Tatort-ähnliche Absperrungen und irgendwie haben wir es geschafft, immer falsch zu laufen. (Diese Deutschen …)

Irgendwann hatten selbst die Franzosen Mitleid mit Sax´n-Anhalt und zweimal Thüringen, denn sie quetschten jedes verfügbare deutsche Wort aus sich heraus, bis wir was zu essen und trinken hatten. 

 

Danke, Frankreich! 

 

Aber was lag da jetzt aufm Teller? 

 

Kurzfassung: Ein fantastisches Dessert. Käse, Baguette und Mischjemüse in Mayonnaise. Oder was auch immer das war, es sah zumindest wie Mischjemüse aus. Dazu gab es Gewürzgurken, die jeder Speicheldrüse den Krieg erklärten. So ein saures, nach Anis schmeckendes Gelumpe. Es schüttelte uns. (Keine Kultur, diese Deutschen)

Auf einer gefühlt 300 Jahre alten Couch mit einer im Sterben liegenden Seitenlehne aßen und tranken wir, gab tatsächlich bis auf die Gewürzgurke nix zu meckern und dann sollte der Kapitalismus beginnen. Schließlich haben wir armen Ostdeutschen ein gewaltiges Defizit, welches niemals einholbar ist. 1961-1989 ist nicht diskutabel.

 

Laden eins: 

Tüte voller Klamotten für Thüringen, schließlich sucht sie für ne schicki-micki Veranstaltung, oder auf thüringisch, für ne schiggi-miggi Veranstaltung noch schiggi-miggi Klamotten. Dafür musse nämlich bis nach Spanien fliegen und jut aussehen – Challenge accepted.  An der Kasse finden wir noch voll coole Unterwäsche. Gekooft. 

Laden zwei:

Schadet nicht, noch nen bissel mehr Outfit für schiggi-miggi-na-ihr-wisst-schon zu haben. Tüte zwei ist voll und auch ich finde nen Shirt und ne Hose für meinen ganzen Schrank voll nichts zum Anziehen.

Eine kleine Müdigkeit zieht auf, schließlich sind wir alle schon ne Weile mit Kapitalismus und Konsum beschäftigt. Dazu kommt, dass wir biografisch selten so viele Shoppingmöglichkeiten hatten.

Laden drei: 

Thüringen findet noch ein paar Teile und wir beschließen, dass wir jetzt Tarte mit Pflaumen und Milchkaffee brauchen, um weiter zu funktionieren. Ein Genuss.

Und dann geht es los, wir gehen jagen. (Einkaufen) also Lebensmittel, schließlich können die Franzosen das viel, viel, viel besser als wir. Das hier ist wahrscheinlich ein durchschnittlicher Supermarkt, der den Namen eines F1-Fahrers trägt und wir sind total geflasht, da das hier ein Paradies ist, wenn man gern isst und trinkt. Die Körbe füllen sich und ich komme mir ein wenig vor, als wäre wieder 1989 und die erste Fahrt in den Westen läuft von vorn. Wobei das Unsinn ist, denn das Erste, was ich im goldenen Westen aß, war eine Milchschnitte und ich erinnere mich sehr genau, dass ich die voll scheiße fand. Pumpernickel mit Zitronencreme. Bäh. (Mit nüscht zufrieden die aus Dunkeldeutschland)

Zurück nach Frankreich. Die Auswahl an Fisch, Gemüse, Obst, Käse, Wurst, Käse und was auch immer, brachte uns Ossis fast um den Verstand und so waren wir satte drei Stunden in einem Lebensmittelmarkt. Rekord, würde ich sagen und anstrengend dazu.

Fazit: Es eskalierte (geil). Das Defizit aus der Vergangenheit holte uns gnadenlos ein.

Ungefähr 1000 Euro später (für alles, keine Panik) hatten wir alles ins Auto geladen und mussten was? Richtig, pinkeln. Ging wieder fix und so überlegten wir, ob wir zum Abschluss dieses großartigen Tages ganz landestypisch und gepflegt folgendes gemeinsam dinieren sollten:

1.        Mäcces 🤪

2.        Döner an der Ecke 👌

3.        Landestypisches Restaurant, haute Thüringen als Frau von Welt raus und alle waren einverstanden. Zur Not, sagten wir uns, hätten wir das Auto ja noch voller Baguette, Kekse, Wurst und Co. Was sollte uns schon passieren?

Jesagt, Jetan. Drei Kilometer weiter fanden wir ein schönes kleines Restaurant, was landestypischer nicht hätte sein können. Kleine Holztische, Rote Tischläufer und Musik von vor hundert Jahren im Raum. Alles großartig.

Dann kam die Speisekarte – Rührei. Stulle mit irgendwas?! Hääää?

Komische Geschichte, dachten wir uns und bestellten erst mal Weißwein und Wasser. Dann überlegten wir, ob wir doch den landestypischen Chicken McNugget oder Döner essen sollten und blieben hart dabei, dass es landestypischer geht. 

Da niemand im Restaurant unsere Sprache sprach und wir eben in der Schule russisch anstatt französisch hatten, konnten wir uns grundlegend analog nicht unterhalten. Zack, Handy raus und mit DeepL gefragt, ob wir drei nicht ne Platte bekommen könnten mit so landestypischen Sachen. Die nette Frau nickte.  

Und dann kam das Essen:

 

Froschschenkel mit 🍋
Weinbergschnecken die auf rohen Schinken mit Parmesan lagen.

Niemand hätte damit gerechnet, wobei wir auch nicht genau wussten, womit wir gerechnet hätten. Natürlich dachten wir, das die Froschschenkel Hühnchen wären, aber die nette Dame meinte nur Frog!

Wir schauten uns mit fragendem Blick an und versuchten uns zu verarschen, dass die Schenkel vom Huhn waren, das Frog hieß.

Naja, klappte nur semi.

Und dann Weinbergschnecken auf rohen Schinken mit Parmesan?

Einen Burger (kein Foto vorhanden) für drei Menschen zum Teilen?

Wir haben noch Baguette im Auto meint Thüringen, während sie aus dem Lachen nicht rauskommt. 

Wir bezahlen und sind uns sicher, dass die nette Dame dachte, diese Deutschen …

Wer wollte landestypische Nuggets, denke ich … und hörte von Thüringen:

Wir müssen dringend wandern, Kapitalismus ist zu teuer.

Während ich an ihren Satz denke, muss ich schmunzeln, da sie nach 23 Uhr im Hochschlepp-Auspackmodus gestresst ist, wie sie per WhatsApp schreibt. 

Ich hingegen schreibe diesen Tag nieder und sende Thüringen diese Story, um ihren Auspackstress zu minimieren.

Hat funktioniert:

 

Das beschissene System

Viele Jahre befasse ich mich mit den staatlich auferlegten Zwängen. Mir fiel dabei auf, dass die einzige wirkliche verpflichtungsfreie Zeit die von null bis zum sechsten Lebensjahr war.

Interessant, weil zumindest ich mich erst ab meinem vierten, wenn nicht fünften Lebensjahr erinnern kann. Gehe ich jetzt vom fünften Lebensjahr aus, so hatte ich keine zwei Jahre einfach nur für mich.

Es schließen sich Schule, Ausbildung und/oder Studium an und dann landeste fixxe Schnitzel im Arbeitsleben. Aktuell muss ich bis 67 arbeiten, um endlich mal Zeit für mich selbst zu haben, wobei dann wahrscheinlich diverse Krankheiten im Vordergrund stehen werden.

Und wenn ich mir anschaue, wie offensiv unsere bunte Regierung die Kohle raushaut oder allen Ländern einfach so Geld verspricht, werde ich wahrscheinlich bis 124 arbeiten müssen, um dann 347€ brutto Rente vom Staat überwiesen zu bekommen, während meine Miete zwischen 3450-6000€ liegen wird. Jeder Wocheneinkauf 400€ kostet und sich auch im Jahr 2060 noch immer alles auf Corona und dem Krieg in der Ukraine gründet, während die Inflation längst zweistellig ist, wahr und bleiben wird.

Während ich schreibe schätze ich die Wahrscheinlichkeit auf eine Demenzerkrankung ab dem 80. Lebensjahr als signifikant steigend ein. Für mich. Für Dich. Für alle.

Puh, doch keine freie Zeit für mich, schließlich kann es sein, dass ich nicht mal mehr weiß, wer ich überhaupt bin.

Ist. Das. Nicht. Furchtbar?

Ich antwortete mal für mich: JA! Es ist furchtbar.

Jede Wette ein Großteil der Menschen haben keine Ahnung davon, wie kreativ sie sind oder was sie eigentlich wirklich im Leben machen wollen.

Woher denn auch? Schließlich sind wir ja alle ein ganzes Leben lang beschäftigt.

Ich habe dafür keine Lösung, nur (m)ein Lebensmotto:

Erkenntnis verpflichtet!

Und so versuche ich es für mich anders zu machen, damit ich weiß wer ich bin. Schließlich sind knapp zwei Jahre nur für mich bei meinem erwartbaren Renteneintrittsalter mehr als zu wenig!