Schreckensgedanken

Ich stellte mir gerade vor, wie es wäre meine Mutter zu verprügeln. Nicht um der Gewalt willen, sondern damit sie die selben innere Zerrissenheit durchlebt, wie das ist wenn dich jemand liebt, plötzlich schlägt. Wenn das eigene Leben nicht mehr zu dir passt. Wirklich tun würde ich das niemals, und der Gedanke ist ein sehr egoistischer, weil sie von ihrer Mutter schon genug geschlagen wurde. Mir macht Gewalt auch eigentlich keine Angst, aber von einem Menschen den man liebt, ist sie schrecklich. Besonders wenn man ein Kind ist, das gerade so etwas wie Grundvertrauen lernen sollte. Diese Lücke schließt sich auch noch so viel später niemals ganz, sondern man lebt immer nur darum herum.

Denn zum einen ist es so,

wie es an mir liegt.

Alles andere liegt bei dir,

da es Menschen nur verschieden gibt.

Die Wahrheit stellt sich immer nur als Spiegel dar.

Altgesagt und immerwahr.

Kinderliebe

Dumpf erinnerte ich mich an diese absurde Kinderliebe, das was kleine Kinder meist besonders für ihre Mutter empfinden. Ein Gefühl das so stark und urig ist, als käme es direkt aus unserer DNS. Eine Bindung die sich so anfühlt, als würde man etwas Göttliches berühren. Es verschmilzt mit dem eigenen Fleisch und brennt sich tief in die Seele. Ich kann mich noch daran erinnern meine Mutter so geliebt zu haben, und ich weiß wie alt diese Erinnerung ist, als ich in meinem Kinderbett gelegen habe, um so zu empfinden, und wenn ich auch nur daran dachte, dass meine Mutter irgendwann sterben würde, als ferne konzeptionelle Erkenntnis, musste ich grässlich weinen. Es war ein Drachengefühl, viel älter als ich selbst, wie eine Eierschale um meine Kinderseele gewachsen. Es war das, im Brennpunkt jener Zeit, was sich von innen heraus, auf meiner Wirklichkeit, festgefroren unter meinen Augen, als Gott spiegelte.

Kinderschauspieler

Das Problem mit Kinderschauspielern ist, dass sie manchmal die Großen an die Wand spielen, wenn ihnen diese lockere Art zu eigen ist, welche nur Kinder besitzen, oder ihre Eigenwelten zeigen, die so voller Dramen und kindlicher Grausamkeit sind, aber sobald man sie zwingt kleine Erwachsene zu spielen, ist es so, als ob sie zu große Hosen tragen würden. Sobald man sie aus ihrem routinierten Umfeld nimmt, tun Kinder in gewisser Weise selbst bei der realsten Handlung, immer nur so als ob, doch sobald man sie zwingt, so zu tun, als ob sie nur so tun würden, verlieren sie alles an Glaubwürdigkeit.

Das Summieren der Zeit

Manche Menschen werden schon in einem gewissen Alter geboren. Man sieht es nicht, aber sie selbst merken es daran, dass sie sich überhaupt nicht für die selben Dinge interessieren, für dich sich andere Gleichaltrige begeistern. Sie fühlen sich nicht ernstgenommen und erscheinen immer etwas zu nachdenklich, weil man mehr Leichtigkeit von ihnen erwarten würde. Ihre Körper müssen erst nachreifen, bis sie dann endlich auch äußerlich so alt sind, wie sie es innerlich immer schon waren. Erst dann rundet sich ihr Inneres, weil ihr ganzes Sein für andere endlich Sinn macht. Genauso wie es Menschen gibt, die sich immer innerlich jünger fühlen, als ihnen das eigene Alter diktiert zu sein. Menschen sind wohl je nachdem etwas versetzt auf die eigene Lebenszeit kalibriert, und es dauert diesen inneren Gegenwartsdrall, nach der Zukunft, oder der Vergangenheit, innerlich auszugleichen. In manchen summiert sich die Zeit wohl einfach anders.

Zeitreisende

Ältere Menschen sind so etwas wie natürliche Zeitreisende. Das merkt man daran, dass sie von Ereignissen in der Vergangenheit so erzählen, als würden sie irgendwo anders als Gegenwart passieren, als hätte sich die Zeit verschoben, und sie deswegen hier nur vorsichtige Beobachter blieben. Sie wirken als ob sie die eigene Zeitlinie vermissen und sich freuen dorthin zurückzukehren. In ihren Erzählungen steckt Wehmut, weil sie die Einzigen sind, die verstehen, dass Zeit eine Form von Ironie ist.

Wechselgeld für Wunder

Ich war geflissentlich verliebt. Was für ein dummer Satz. Ich habe so getan als wäre ich naiv, würde an ein gutes Ende glauben, nein, an einen guten Anfang, aber eigentlich wusste ich, was passieren würde. Nur habe ich mir eben so sehr Liebe gewünscht. Ich hatte Sehnsucht nach diesem Gefühl, aber eigentlich sucht man sich einen Spiegel, ein fremdes Herz das einen vergrößert, weil das Leben erst durch die Liebe echt wird. Man begeht Dummheiten als Wechselgeld für Wunder. So viel Wahrhaftigkeit tut weh.