Wenn du mit einem fremden Menschen schläfst, schläfst du auch mit all seinen Fehlern. Du fickst seine Vergangenheit, seine Gegenwart und nicht zuletzt seine Zukunft. Du küsst dich durch seine Kindheit, das ganze Leben entlang, bis zu diesem Punkt im Jetzt. Du weißt nichts über ihn, aber du schmeckst alle seine Geheimnisse.

Leben aus Leben

Was mir an den Eigenheiten des Lebens besonders gefällt ist, dass in allem Schönheit steckt. Selbst wenn diese Schönheit hässlich ist, oder rhetorisch. Sprache transformiert Ereignisse und Wahrnehmungen in Geschichten, und Geschichten sind immer Schmuckstücke. Man kann Momente sammeln, sortieren und interpretieren, und plötzlich ist jedes Ereignis wertvoll, weil es ein erzählendes Medium wird. Es ist so voller Gefühl und Intellekt, Momente zu sammeln, weil man sie als erzählerischen Rohstoff versteht. Das macht unironisch alles wertvoll, weil es einem lehrt Augenblicke wie Farben zu verwenden, um damit ein größeres Bild zu malen. Leben aus Leben, sozusagen.

Mr. Wackelauge und Mrs. Sexerzwingerin Part IX

Sie sah ihn gefühlte Lichtjahre an und er schien die ganze Zeit auf sie einzureden, was ihr erdnussgroßes Gehirn jedoch nicht adäquat verarbeiten konnte. Kurzum, sie hörte nix. Sie strahlte ihn die ganze Zeit an und überlegte, warum er diesen Monolog nicht endlich beendete. Was um Himmels Willen konnte denn jetzt so wichtig sein? Ganz Frau gab sie sich ihren Träumen hin.
 
Küssen wäre schön …

Sex auf diesem Tisch wäre noch besser, grinsten Teufelchen und Nadine dreckig.
Ihr Gehirn funktionierte also noch. Zwar im tranceähnlichen Zustand, dennoch irgendwie Frau ihrer Sinne, schossen ihre Hände hervor und sie packte ihn am Hemdkragen, um ihn zu sich zu ziehen.

Das! War mehr als überfällig.

»Schhhht … «, hauchte Nadine nur noch an seinen Lippen, dann verschmolzen ihre warmen, weichen Lippen mit seinen. Forsch drängte ihre Zungenspitze in seine Feuchte, tauchte ein und kostete voller Leidenschaft von dem Mann, der jetzt eigentlich auf diesem Tisch über ihr liegen und in ihr stecken sollte. Meine Güte schmeckte Mr. Wackelauge fantastisch. Nach so viel mehr, nach so viel Küchentisch und anderen schmutzigen Möglichkeiten, welche Erwachsene tun durften, weil sie eben erwachsen waren.

Was ein Vorteil, dachte sie. Gerade als die Erdnuss in die weiteren Vorteile des Erwachsenseins vordringen wollte, hörte sie:
»Die Flasche Château Vieux Coutelin, Madame«, diese wenigen Worte, so exakt und absolut richtig ausgesprochen, erinnerten die Erdnuss daran, dass sie gerade im Restaurant saß und auf ein sage und schreibe Riesen Steak wartete. Sie riss sich vom küssendem Küchentisch los und bejubelte den Kellner enthusiastisch.
»Hör mal, Mr. Wackelauge, wie gut der Pinguin das aussprechen kann«, artikulierte sie träumerisch, während sie ihn ansah, als wäre sie zwölf. Voller Anerkennung. Er sprachs so würdevoll aus. So, als könnte er das bei allen Weinen dieser Welt.

»Danke«, kam grinsend von ihrer Begleitung, was Nadine echt irritierte. Konnte es mal jemand vernünftig aussprechen – auch wieder kein Grund ne Rakete zu zünden. Verstehe einer die Männer. Sie verkostete diesen fantastischen Rotwein und befand ihn völlig souverän für gut.

»Ich kann nicht mehr, du machst mich fertig«, hörte sie von ihm, als sich der Pinguin entfernte und beide dieses riesige Rotweinglas anhoben.
»Nicht unbedingt der originellste Toast zum Anstoßen«, witzelte Nadine und setzte dann völlig ernst hinterher:

»Warte mal ab, wenn Mrs. Sexerzwingerin mit dir fertig ist«, zwinkerte sie ihm zu und ließ beide Gläser erklingen.
»So, so … Woher nimmst du eigentlich die Gewissheit, dass du führen darfst«, kam scharf, irgendwie mit ner Nuance Dominanz bei ihr an, was sich sofort auf ihren String und im hüpfendem Herz bemerkbar machte. Ja, dachte sie, woher nahm sie eigentlich diese Gewissheit?

Sie schielte zum Engelchen … das blinzelte als hätte es was Türrahmen ähnliches im Auge. Sie blickte zum Teufelchen, es spielte sich an den Füßen.

Ganz. Großes. Kino!

Sie nahm einen großen Schluck Rotwein, kickte ihren Schuh unter den Tisch und ihre Zehenspitzen arbeiteten sich an seinem Bein nach oben. An seinem Geschlecht angekommen, stellte sie folgendes fest …

Er war in Sekunden knüppelhart. – rrrooaaaarrrrrrrrrrr

Sie wurde rot, obwohl sie nicht hart war. – wieder peinlich, was solls.

Wer jagte denn nun wen in diesem Augenblick? – die gesellschaftsrelevante Frage muss noch geklärt werden, wir überbrücken mit Musik …

Gerade jetzt, wo es so spannend wurde, verließ sie ein wenig der Mut. – Nicht doch!

Für niemanden sah es so aus, als wenn ihr der Mut fehlte. – Verdammt!

Wo waren denn Engelchen und Teufelchen, wenn Frau sie dringend brauchte? – irgendwer schüttelt den Kopf

Gut, musste sie also selber regeln … In genau dem Augenblick, als der Pinguin gefühlte 1,6 kg zartes, nein butterweiches, am Rand karamellisiertes Rindersteak brachte, sah sie Mr. Wackelauge an, und …

»Wir werden um die Führung kämpfen. In meinem Bett! Und jedem seine Waffen.«

Kellneranekdoten

Als Kellnerin wusste meine Mutter ihre Anekdoten so zu erzählen, dass sie aus einer einzigen langen Aufzählung bestanden, wer was gesagt oder getan hatte, ohne irgendein besonderes Ereignis zu beschreiben. Es war ein Rapport des täglichen Lebens, als Placebo dabei gewesen zu sein. Sie breitete einfach gerne ihren Alltag aus, vor mir als ihrem Zuhörer. Es war ein literarisches sich übergeben, wenn sie betrunken von den Bildern war, wie ihre Gäste es von dem Alkohol waren.

Anmerkung der Redaktion

Was ich schreibe ist kein Mimimi. Also doch, ist es. Ich bin ne alte Jammerhure. Aber es ist nicht nur das. Und andere hatten es viel schwerer. Das hilft denen natürlich nicht. Aber es hilft mir. Was ich damit sagen will: Es geht mir sehr gut. Dieser Sauhaufen, der sich mein Leben schimpft, es ist gut. Nicht perfekt und das wird es auch nie sein. Also ehrlich gesagt, wenn man mit Problemen zahlen könnte, dann wäre ich reicher als Elon Musk. Aber ich bin dankbar. Ich mag den Menschen, der ich jetzt bin. Und ich musste mir mich verdienen. Irgendwie mag ich es, mir alles verdienen zu müssen, was ich haben möchte. Denn erst dann gehört es wirklich mir. Und ich nehme nichts für selbstverständlich. Darin allein liegt schon sehr viel Wertschätzung für die kleinen Dinge.

Leben ist kompliziert II

Du hättest es nicht besser auf den Punkt bringen können. Mit elf gekocht, Bude geputzt und viele sehr erwachsene Dinge getan.

Um die Kindheit beraubt. Manchmal bin ich darüber traurig und denke, dass ich diese wenigen unbeschwerten Jahre nicht nur nicht hatte, sondern sie auch nie ersetzt werden können. Viele Jahre war das mein Denken.

Mittlerweile schaue ich sie an, Liebe im Innern und denke, sie hatte es doch viel schwerer als ich.

Ausgesucht hat sie sich das nicht und auch sie hat nur dieses eine Leben, aus welchem sie viel weniger machen konnte als ich.

Der Gedanke ist ein Oxymoron, weil ich traurig und glücklich zugleich bin.

Letztens habe ich ihr gedankt. Meine Kreativität ist von ihr, da bin ich mir sicher. Sie hat gestrahlt.

Es ist wie es ist. Leben ist kompliziert. Und ich zu früh erwachsen geworden.

Leben ist kompliziert

Weil ich hier manchmal Dinge schreibe: Meine Mutter ist übrigens auch kein schlechter Mensch. Ja, sorry. Das Leben ist komplizierter als das. Es gibt nicht immer nur schwarz und weiß. Die ging an so vielen Sachen kaputt. Das ist keine Entschuldigung. Es gibt nie eine Entschuldigung für das eigene Verhalten. Aber ich verstehe sie. Ihre Mutter hat sie als Kind gegen die Wand geworfen. Sie musste als Kind hungern. Sie musste in einen Kübel scheißen. Sie hat ihr den Arm mit einer Bratpfanne gebrochen. Sie zerbrach daran, als mein Vater von der Polizei abgeholt wurde, sie schwanger war, und versuchte dem Auto hinterherzulaufen. Ihr tut heute auch sehr vieles leid. Und jetzt wo ich es nicht mehr brauche, würde sie alles für mich tun, weil sie das Gewissen plagt, weil sie es besser machen wollte. Gerade habe ich hemmungslos gelogen. Scheiß auf meine Prinzipien. Ich habe sie umarm und ihr gesagt, dass sie eine gute Mutter ist. Heute stimmt das auch irgendwie. Weil sie eine alte Frau ist, und ich möchte, dass sie ihren Frieden hat. Weil ich kann, und weil das mit mir alles enden soll. Leben ist kompliziert. Die meisten von uns müssen mit diesen Grauzonen leben. Und ich wähle den Frieden. Sei nicht immer nur wütend, weil du nie ein Kind warst.

Sprachlosigkeit

Umso mehr man zu sagen hat, desto weniger kommt manchmal aus einem heraus, weil man sich hastig an den Worten verschluckt, wie an zu großen Bissen. Etwas von zu großer Bedeutung schnürt einem die Kehle zu. Auf einmal ist es, als ob man die eigene Sprache vergessen hätte. Als ob Worte nur noch ausgestorbene Phantome wären. Es drückt im Herzen, aber der Mund gibt dem keine Gestalt. Die Worte fließen stattdessen rückwärts, und drängen immer tiefer in einen hinein, verbergen sich wie ein ängstliches Tier. Ich hasse es, wenn das passiert, wenn mir von dem Reichtum, mit dem ich etwas sagen könnte, nichts mehr übrig bleibt, weil mir die Sprache zu weit entfernt erscheint. Ich fühle wie die Worte in meinem Mund ersticken. Am Ende ist es ein hilfloses Zusehen, wie alles von dieser Unruhe aufgefressen wird, die keine Stille sein will, aber auch kein Wort erlaubt. Manchmal verfalle ich dann in einen irrsinnigen Aberglauben, wie ein Kind, dass man vielleicht meine Gedanken lesen könnte, aber das einzige was redet, sind meine Hände, die Worte aus der Luft greifen, und in ihrer Sprachlosigkeit zerdrücken.

Mr. Wackelauge und Mrs. Sexerzwingerin. Part VIII

Das mit der blöden Weinbestellung musste sie irgendwie souverän meistern, wobei er sehr genau wusste, dass sie den verdammten Namen des Weins nicht aussprechen konnte. Orrrrrrrrrrrrr, es war zum Verzweifeln. Für ihn wäre es sicher ein leichtes, schließlich war er der Pinguin, der ebenfalls Gäste bediente. Aber nein, von ihm kam nichts, was er später noch bitter, bitter bereuen würde, sie würde es ihm heimzahlen. Engelchen und Teufelchen reckten beide die Faust in die Luft. Alle drei waren sich also einig. Yes! Rache war ab sofort Teil des Plans. Hatte sie erwähnt, das bitter bereuen bei ihr eine eigene Dimension war?
Sie sah ihn mit weit aufgerissenen Augen an. Nickte ihm noch ein letztes Mal dominant zu, er solle doch bitte, bitte was sagen, weil er es sonst bitter, bitter … na ihr wisst schon.

Aber!

Er schmunzelte sich einen wie doof, seine Mimik verriet ihr ganz klar, sie würde hier keine Unterstützung bekommen. Sie verlor sich in Mr. Wackelauges himmelblauen Augen, hielt seinen schon lachenden Blick und nuschelte voller böswilliger und wissentlicher Absicht:
»Eine Flasche Château Vieux Coutelin«, was ungefähr so klang: »eine Flasche Schatooo Fiiiiöx Kautellinn« Sie tat großzügig und alle Weine dieser Welt kennend und setzte sie ein:

»Der 2011-er. Natürlich«, hinterher und brachte ihre Bestellung zu Ende. Selbstgefällig zog sie eine Augenbraue nach oben, während Mr. Wackelauge erneut vor nem fetten Lachkrampf stand.
»Ich wette er hats verstanden«, zischte sie ihm zu.
»Nie im Leben«, raunte er halb hustend, halb sprechend in ihre Richtung.
»Und ob«, presste sie selbstbewusst hervor, während sie vom Kellner hörte:
»Ähm, entschuldigen sie bitte, aber ich habe sie nicht verstanden. Welchen 2011-er wollten sie bestellen«, allein an seiner Tonlage erkannte Nadine, dass Mr. Wackelauge Recht hatte.


»1:0«, flüsterte sie mit bösem Blick in seine Richtung, nahm die Karte, schlug die Seite mit dem Kautelliiiinnnn auf und zeigte mit dem Finger drauf.
»Sehen Sie, den hier. Eine Flasche mit«, sie unterbrach kurz und sah ihre Begleitung an, er schaute sie aus Tränengeschwängerten Augen an. »Rotwein, Darling«, fragte sie ihn und er nickte nur lachend. »Mit zwei Gläsern, bitte.«


Der Kellner nickte und neigte seinen langen Oberkörper erneut etwas zu ihr herunter.
»Und entschuldigen sie bitte, dass ich sie akustisch nicht verstanden habe«, damit drehte er sich auf dem Absatz und verschwand in den größeren Teil des Restaurants. Neben ihr prustete Mr. Wackelauge ungehemmt los.


Sie sah ihn an …


»Du hättest mir helfen müssen«, gluckste sie in seine Richtung. Leider war sie so überhaupt nicht nachtragend, was ne beschissene Eigenschaft. Sie wäre jetzt zu gern ne nachtragende Furie. Aber nein …
»Das war ne Steilvorlage, ich wollte sehen, wie du das meisterst«, brachte er noch immer lachend hervor.
»Gib es zu, meine Idee war genial«, wollte sie von ihm wissen. Engelchen und Teufelchen standen ganz weit am Rand beider Schultern, die drohende Faust in seine Richtung gereckt.


Er nahm ihre Hand, seine Finger hoben erneut ihr Kinn an, so, dass sie ihn anschauen musste. »Es ist mir egal, dass du diesen armen Kellner so verscheißerst, dass er sich noch schlecht fühlt und sich bei dir entschuldigt. Es ist mir auch egal, ob es hier noch Wein, Steak oder Kerzenlicht gibt«, mahnte er fast ernsthaft.
Erwartungsvoll sahen ihn drei Augenpaare an, wobei Engelchen etwas kleiner war, vielleicht hielt sie auch Augenkontakt zu seinen Schlüsselbeinen, überlegte Nadine. Teufelchen und sie standen in jedem Fall in Kontakt, jawohl.
»Du bist zum Niederknien, Weib. Ernsthaft. Ich habe noch keine Frau kennengelernt, die so ist wie du«, brachte er hervor.
Okay, das Erdnussphänomen setzte wieder ein und ihr Hirn schrumpfte. Verwirrt sah sie ihn an …
»Was ist …«, fragte er angespannt.
Keine Reaktion.
»Verstehst du mich und das, was ich gesagt habe«, setzte er besorgt hinterher …


»Akustisch schon«, flüsterten Engelchen, Teufelchen und Nadine uni sono.