Ein Kaleidoskop aus Gliedmaßen

Menschen in Kamasutrapositionen erinnern mich an sexuelle Transformer. Da ragt plötzlich ein Bein hervor, wo man eigentlich eine Hand vermutet hätte, und die ganze anatomische Ordnung macht keinen Sinn mehr, als ob man ein Kaleidoskop aus Gliedmaßen betrachten würde. Ich wäre völlig ratlos und wüsste gar nicht mehr, wo ich ihn jetzt reinstecken sollte, schon aus Angst, dass mich in diesem Körperzoo irgendetwas beißen könnte. Ich möchte vor dem Bumsen keine Lebensversicherung abschließen müssen, weil ich mir beim alten Rein-Raus-Spiel den Hals verrenken könnte. Nähern sich die Schamzonen, der pelzige Venushügel und der nackte Schaft, in diesem wilden Durcheinander an, wirkt das so unfriedlich wie bei einem Kampf zwischen einem Mungo und einer Schlange. Sie dürfen raten wer davon was ist. Also ne, ich suche da wirklich nicht die Herausforderung. Am Ende hänge ich in einem Latexkostüm von der Decke, und sie behandelt mich wie eine mit Sperma gefüllte Piñata. Nope, mein Arsch sagt nein. Der Rest von mir ebenso.

Beim Osteopathen I

Ich brauchte bisher selten einen Arzt. Was ja prinzipiell gut ist, aber mir fiel auch auf, dass wenn ich einen Arzt brauchte, sich niemand wirklich Zeit für meinen vollgefressenen Körper nahm. Schwupp, war ich drin, noch schwupper war ich wieder draußen und fragte mich, ob ich es tatsächlich geschafft hatte in 122 Sekunden alle meine Beschwerden angesprochen zu haben. Wie war nochmal die Rückmeldung vom Arzt? Manchmal erinnerte mich das Ganze an eine Challenge …

Aber das war keine, es ging um meine Gesundheit.

Gut, dachte ich mir, denn ich bin jetzt in einem Alter, wo ich auch an meine Gesundheit denke. Ich rauche schon eine ganze Weile nicht mehr, was mir aber das Übergewicht bescherte.

Dankeschön!

Yeahhhhh …

Natürlich war ich mit Kippe nicht super schlank, jedoch auch nicht annährend so speckig wie ohne Zigarette. Nein, natürlich habe ich nicht wieder angefangen zu paffen, nein, ich genoss das gute Essen. Bis mir nur noch 8,257% meines Kleiderschrankes passte.

Dann war Schluss. Stimmt so nicht, Schluss war erst, als nur noch 5% passten. Ich schwör!

Ich würde wohl nie wieder was essen, dachte ich und da ich endlos viele Diäten ausprobierte und nichts half, aß ich weiter. Logisch, oder? Ich meine Weiteressen war doch ne geniale Idee.

Irgendwann hatte ich Rückenschmerzen (nicht vom Essen) und eine gute Freundin empfahl mir ihren Osteopathen. Da sollte ich mal hin. Der nimmt sich richtig Zeit für dich. Ich sah alle meine vorhandenen und nichtvorhandenen Probleme ernstgenommen und machte einen Termin für mich und meinen Mann, schließlich hat er auch Rücken. Wie alle. Alle haben Rücken. Ich kenne keinen ohne Rücken. (Wortspiel) Okay, ich kenne niemanden, der keine Schmerzen im Rücken hat. Seht ihr, ist nicht mal halb so komisch wie der Satz davor.

Wir Frauen sind ja soooo sozial. *Fürs Foto im Socialmagazin posier … 

Jut, genug im Rampenlicht, zack Termin war da, hingefahren.

Ehemann war zuerst dran und ich las eine Stunde lang fürchterliche Frauenzeitschriften im Wartezimmer. In dieser einen Stunde wurde mir folgendes empfohlen:

8 kg in 3 Tage – So einfach geht das!

4 kg in 1 Tag  – Die Sauerkrautdiät

6 kg in 4 Monaten – Die Schneckendiät

0 kg fürs ganze Leben – Die ich fange erst gar nicht an Diät.

Sagt mal, was stimmt denn mit diesen Zeitschriften nicht? Das sind keine Frauenmagazine, oder denken wir ausschließlich an Hungern, Hungern und Hungern? Als ich mich darüber genug aufgeregt hatte, nahm ich weiterhin wahr, dass sich anscheinend alle Stars gerade vom Partner trennten. Muss wohl am Wetter liegen, dachte ich und mir war klar, dass sich niemand von niemandem trennte. Die berichten über diesen ganzen Mist nur, weil es die Auflagen erhöht. Das wäre so, als wenn ich auf Arbeit immer sage, dass ich arbeite, es aber nicht tue, dennoch mehr Geld verdiene als alle anderen.

Nicht, dass es das nicht geben würde, denke ich und werde in dieser so wichtigen Erkenntnis reingerufen, während mein Mann mir entgegen kommt.

Coming soon. Part II

Sitznachbarn

Das geheime Postsystem der Schule funktionierte ziemlich gut. Man brauchte dafür nur einen willigen Sitznachbarn, um die kleinen handwarmen Zettelchen herumzureichen. Man sollte gar nicht glauben, wie verschworen Kinder solche kleinen Dienste aneinander leisteten. Vielleicht weil es sich um eine mikroskopische Rebellion gegen die Aufsicht durch die Erwachsenenwelt handelt, die niemals die Wichtigkeit solcher kleinen Geschäftigkeiten für sich erkennen könnten. Kinder tun dies mit einem Pflichtbewusstsein des Zusammenhalts der kleinsten Teile. Sie wissen um die Wichtigkeit kleiner Geheimnisse. Erkennen ganz bewusst das Flüstern, die kleinen Briefchen und sonstige Heimlichkeiten als den Kern ihrer Gesellschaft. Darum besitzen kindliche Gemeinschaften ein Herz, während die Zusammenschlüsse der Erwachsenen nur versuchen zu funktionieren. Kinder schließen sich instinktiv zu einem einzelnen Organismus zusammen, dessen Gesamtheit die Geheimnisse jedes Einzelnen respektiert. Wir Erwachsenen versuchen immer diese Zusammenwüchse zu trennen und zu zerstreuen, weil wir dieses Gruppenbewusstsein schon lange vergessen haben. Wir stecken nicht mehr in den großen Pausen unsere Köpfe zusammen und sind plötzlich eins. Der Gemeinschaftssinn von Kindern ist anders. Auch sie sind untereinander gehässig und grenzen sich aus, aber unter der Oberfläche lebt das stille Bewusstsein, dass man einander braucht. Kinder gewähren sich gegenseitig einen Vorschuss des Vertrauens. Sie erkennen ihre Gruppenidentität als Schulklasse und halten gegenseitig die Hand übereinander. Sie schützen diese Gemeinschaft instinktiv und befeuern ihren Zusammenhalt mit kleinen Gesten. Eine empfindliche Flamme, bei der jeder Einzelne mit der Aufgabe sie zu beschützen betraut ist. Dafür müssen Kinder sich noch nicht einmal mögen. Sie tun es als ein lebender Verbund, bei dem das Ganze seine Teile nicht immer wählen kann,aber jeder weiß um die Wichtigkeit seines Fortbestands.

Ich versuche nicht bemüht gut zu sein. Weil ich nur so gut sein kann, wie ich es eben bin. Will ich mehr als das, wird es zu Heuchelei. Also versuche ich stattdessen ehrlich zu sein, weil sich aus Erfahrung das Gute daran selbstständig vermehrt.

Genies auf dem Gebiet der Traurigkeit

Wenn man sich oft unwohl in der eigenen Haut fühlte, ist das als ob jemand gegen das Gehäuse treten würde, in welches die eigene Seele verpackt ist. Manchmal lockert sich dann etwas, gibt einem das Gefühl neben sich zu stehen, und sich selbst beobachten zu können. Weil so eine Seele dann nicht mehr so fest mit der eigenen Identität verbunden ist, werden solche Menschen später oft zu Künstlern, denen es leichter fällt ihre Seele in das zu legen was sie tun, weil ihre Kunst zu einer Art Eskapismus geworden ist. Sie schaffen sich durch die Kunst immer wieder neue Körper, die die gleiche Form wie ihre Erinnerungen haben, weil sie dort besser hineinpassen als in ihre ursprünglichen Körper. Während die meisten Menschen Angst haben sich selbst zu verlassen, sind diese Menschen sehr oft außerhalb von sich selbst, und springen mit einer kathartischen Leichtigkeit über die Schwelle der eigenen Grenzen, wohin ihnen niemand folgen kann. Solche Menschen sind Genies auf dem Gebiet der Traurigkeit.

Sci-Fi.

Sie hielt das Buch in ihren zittrigen Händen und schlug die feinen, an den Ecken abgeknickten Seiten vorsichtig, mit dem schweren Handschuh um.

»Ein Buch«, hauchte sie voller Ehrfurcht, denn soweit sie wusste, wurde das letzte dieser Art vor ungefähr 720 Jahren gefunden.

Sie selbst … hatte es damals gefunden.

Ihr Visier verschwamm vor ihren Augen, weil es beschlagen war. Ihre Tränen zu feucht für diesen Detaanzug aus der älteren Generation. Ja, sie war ein sehr alter Jahrgang von Cyborg. Damals wurde ihre Art noch von den letzten Menschen des Planeten Erde konzipiert.

Ihre größte Stärke, aber auch die größte Schwäche… sie fühlte, was ihr die Menschen mitgegeben hatten.

Und trotzdem … Die Menschen verspürten damals schon so viel Angst vor den künstlichen Intelligenzen, dass sie die ersten mit Emotionen ausgestattet hatten.

Es hatte die Menschen nicht gerettet.

Was auch erklärte, warum nur sie die Bücher der Menschen sammelte. Alles nach ihrer Version und somit nach der Menschheit wurde von künstlichen Intelligenzen konstruiert und gebaut. Wobei dachte sie, mittlerweile waren die neuesten Kreationen lediglich Hologramme, die nichts aber auch gar nichts mehr mit der Welt der Menschen zu tun hatten. 

Sie würden irgendwann vergessen sein. Die Menschen.

Ihre elektronischen Finger vollführten Höchstleistung, denn sie beschädigte nicht eine Seite beim Umblättern. Diese schöne Schriftart, dachte sie … Eine weitere Träne rann aus ihrem Augenwinkel, suchte sich ihren Weg über den metallischen Hals und lief über die stählerne Brust. Als Kronatcyborg dürfte sie ebenfalls nicht mehr auf Grodon leben. Sie müsste längst entsorgt sein, da sie auf diesem hochtechnischen Planeten veraltet und eigentlich längst outgesourct war.

Sie wurde gejagt. Ständig. So wie die Menschen damals auch …

Deshalb hielt sie sich im Widerstand auf, unter der Stadt. Ein gefährlicher Ort, obwohl es für sie überall mehr als gefährlich war. Schon komisch, dass ausgerechnet ein veralteter, gejagter Kronatcyborg dieses Relikt aus einer heilen Welt fand. Wahrscheinlich, dachte sie, war das der Grund für ihre Tränen. Die Menschen und ihre Emotionen fehlten ihr. Zu gern hätte sie auch nur noch einen Tag auf dem Planeten Erde gehabt.

Sie blickte in Richtung des blauen Planeten.

»Einen Tag«

Auf dem Planeten, auf welchen im 21. Jahrhundert alle als ziellos, unzufrieden und selbstsüchtig in den Geschichtsbüchern charakterisiert wurden. Zerissen und egozentriert.

Was nicht für alle stimmte. Okay, für viele schon. Dabei, dachte sie und schaute sich ihr Umfeld an, bevor sie in die kalte Unterwelt zurückkehren musste, hatten die Erdlinge damals alles.

Wärme, Liebe, Familie, Gesundheit und ja …

auch Teddybären, Ketchup und Swimmingpools. 

Das Spiel des Erfolgs und der Beliebtheit

„Wir Amerikaner haben uns gelernt besser zu inszenieren als jedes andere Volk. Weil wir am schnellsten begriffen haben, dass Authentizität immer etwas Halbes bleibt. Echte Mimik ist nicht filmreif dramatisch. Aus dem Leben gegriffene Dialoge sind nicht geschliffen bis zu einem Opus. Die Natürlichkeit ist eine Andeutung. Etwas das interpretiert werden muss, und das Vertrautheit voraussetzt. Um dennoch zu funktionieren, trotz diesem Ausbleiben, muss ein Eindruck überlebensgroß sein. Darum braucht es dieses perfekte Lächeln aus Hollywood, und eine politische Rede mit vielen Phrasen. Wir zitieren Zitate und schlüpfen in eine fremde Größe. Wir haben uns sozusagen weginszeniert. Dahinter steckt eine Art intellektueller Aristokratie. Dadurch, dass wir größer sind als die Menschen die zu uns aufsehen, setzen wir sie unter den subtilen Druck uns alles zu glauben, weil sie sich lieber mit unserem Bildnis identifizieren möchten, als mit der normalen Unzulänglichkeit der echten Wirklichkeit. Es ist Schauspiel im wahrsten Sinne des Wortes, weil es immer darum geht die Träume der Menschen zu plastifizieren, aus ihrer Fantasie in das Leben zu steigen, und ihren Idealen zu gleichen statt ihrer Wirklichkeit zu entsprechen. Niemand interessiert sich für jemanden, in dem er einfach nur seinen Nachbarn, in einer verdienten oder vielleicht unverdienten sozialen Stellung erkennt. Was die Menschen wollen sind Helden und Schurken. Götter des Trugs die ihre Wirklichkeit verändern. Deren Größen einen Rausch hervorrufen, weil sie egal was sie eigentlich sagen, leise flüstern, dass wir Teil dieser Titanen sein können, wenn wir bereit sind bedingungslos zu glauben. Es geht nicht um Wahrheit sondern um Charisma und Verführung. Es geht um den Vampirismus an ihren Träumen und um mediale Apotheose. Wir spielen das Spiel des Erfolges und der Beliebtheit wie Schach.“

Gestrandete

Es ist nicht eure Schuld, dass ich nicht in eure Welt passe. Auch weil ich eigentlich weiß, dass sie niemandem gehört, dass jeder ein Stück weit fremd ist, aber weil mir der Gedanke nicht hilft, schiebe ich ihn weg, und trenne zwischen mir und euch. Wir sind alle Gestrandete. Angespült an verschiedenen Ufern des Lebens.

Rausgeprügelt

Ich habe nicht selbst geschlagen sondern nur zugesehen, während die anderen Jungs auf ihn einschlugen bis er zu Boden ging. Manche haben halbherzig zugeschlagen, diejenigen die sich überwinden mussten, weil sie dazugehören wollten. Andere haben Anlauf genommen und ihn mit vollem Schwung ins Gesicht geboxt, weil sie sich damit vor den anderen als Anführer beweisen konnten und ihre Stellung halten. Die Gewalt war wie eine Jahrmarktsattraktion. Es ging nicht um Hass, sondern darum aus dem eigenen Leben auszubrechen. Wenn man Jugendliche fragt, warum sie so etwas getan haben, wissen sie meist selbst keine Antwort darauf. Es ist einfach nur der Reiz von etwas Neuem, dem sie spontan folgen. So eine Situation formiert sich plötzlich und ist ein verlockendes Angebot, wenn man einfach nur etwas Neues will. Der andere hat einfach nur versucht unter den Schlägen wegzutauchen, die Augen zusammengekniffen und versucht sein Gesicht zu schützen. Weil er sich nicht gewehrt hat haben wir umso ekstatischer auf ihn eingeschlagen. Wie ein Voodoopriester wenn er in religiöser Ekstase einem Huhn den Kopf abbeißt. Seine Angst hat in uns noch mehr Gewalt erzeugt. Es war ein Wettbewerb, wer am meisten Schaden anrichten konnte. Wir haben uns angefeuert und gegrölt wenn jemand einen besonders harten Schlag landen konnte. Irgendwann ist er vor Erschöpfung zu Boden gegangen und meine Freunde haben ihm völlig abgestumpft ins Gesicht getreten. Er hat den Kopf zurückgeworfen, wie bei einem Autounfall, wenn ihn die Sohle auf der Stirn, dem Ohr, oder mitten auf die Nase erwischt hat. Es machte stumpfe Geräusche ― Pat Pat Pat ― schnell und gleichzeitig. Wir standen um ihn herum, haben ihn wie einen menschlichen Fußball bearbeitet. Er hat immer wieder versucht sich abzustützen und aufzustehen, aber dann wurde er von einem besonders wuchtigen Tritt wieder zu Boden geschickt. Irgendwann hat er diese instinktive Schutzhaltung eingenommen, das Kinn zur Brust gezogen, die Füße angewinkelt und geweint. Er lag da wie ein Embryo und wir wussten, dass wir ihn geknackt haben. Wir haben das Warum aus ihm rausgeprügelt. Als er sich nicht mehr bewegt hat, sind wir weggelaufen. In den nächsten Park und haben uns dort darüber unterhalten, als ob wir gerade einen Film gesehen hätten, wer sich am härtesten zuzuschlagen getraut hat, und was wir alles hätten machen können. Wir haben uns einander näher, machtvoller gefühlt und kamen uns wie Helden vor, aber eigentlich haben wir uns mit der Gewalt gar nicht identifiziert. Sie war nur etwas was wir tun mussten, damit wir danach mitreden können, dazugehören und eine neue gefährliche Version von uns selbst erschaffen. Eine abschreckende Schutzbehauptung falls irgendwann jemand das Selbe mit uns versuchen würde.