Rausgeprügelt

Ich habe nicht selbst geschlagen sondern nur zugesehen, während die anderen Jungs auf ihn einschlugen bis er zu Boden ging. Manche haben halbherzig zugeschlagen, diejenigen die sich überwinden mussten, weil sie dazugehören wollten. Andere haben Anlauf genommen und ihn mit vollem Schwung ins Gesicht geboxt, weil sie sich damit vor den anderen als Anführer beweisen konnten und ihre Stellung halten. Die Gewalt war wie eine Jahrmarktsattraktion. Es ging nicht um Hass, sondern darum aus dem eigenen Leben auszubrechen. Wenn man Jugendliche fragt, warum sie so etwas getan haben, wissen sie meist selbst keine Antwort darauf. Es ist einfach nur der Reiz von etwas Neuem, dem sie spontan folgen. So eine Situation formiert sich plötzlich und ist ein verlockendes Angebot, wenn man einfach nur etwas Neues will. Der andere hat einfach nur versucht unter den Schlägen wegzutauchen, die Augen zusammengekniffen und versucht sein Gesicht zu schützen. Weil er sich nicht gewehrt hat haben wir umso ekstatischer auf ihn eingeschlagen. Wie ein Voodoopriester wenn er in religiöser Ekstase einem Huhn den Kopf abbeißt. Seine Angst hat in uns noch mehr Gewalt erzeugt. Es war ein Wettbewerb, wer am meisten Schaden anrichten konnte. Wir haben uns angefeuert und gegrölt wenn jemand einen besonders harten Schlag landen konnte. Irgendwann ist er vor Erschöpfung zu Boden gegangen und meine Freunde haben ihm völlig abgestumpft ins Gesicht getreten. Er hat den Kopf zurückgeworfen, wie bei einem Autounfall, wenn ihn die Sohle auf der Stirn, dem Ohr, oder mitten auf die Nase erwischt hat. Es machte stumpfe Geräusche ― Pat Pat Pat ― schnell und gleichzeitig. Wir standen um ihn herum, haben ihn wie einen menschlichen Fußball bearbeitet. Er hat immer wieder versucht sich abzustützen und aufzustehen, aber dann wurde er von einem besonders wuchtigen Tritt wieder zu Boden geschickt. Irgendwann hat er diese instinktive Schutzhaltung eingenommen, das Kinn zur Brust gezogen, die Füße angewinkelt und geweint. Er lag da wie ein Embryo und wir wussten, dass wir ihn geknackt haben. Wir haben das Warum aus ihm rausgeprügelt. Als er sich nicht mehr bewegt hat, sind wir weggelaufen. In den nächsten Park und haben uns dort darüber unterhalten, als ob wir gerade einen Film gesehen hätten, wer sich am härtesten zuzuschlagen getraut hat, und was wir alles hätten machen können. Wir haben uns einander näher, machtvoller gefühlt und kamen uns wie Helden vor, aber eigentlich haben wir uns mit der Gewalt gar nicht identifiziert. Sie war nur etwas was wir tun mussten, damit wir danach mitreden können, dazugehören und eine neue gefährliche Version von uns selbst erschaffen. Eine abschreckende Schutzbehauptung falls irgendwann jemand das Selbe mit uns versuchen würde.

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