Manchmal erschüttert etwas deine Seele so sehr, vielleicht das Trauma der eigenen Kindheit, dass sich dadurch alles für immer verändert. Normalität war dann niemals eine Option. Du wirst entweder sehr weise, oder du wirst wahnsinnig. Du blickst auf all das Chaos in dir. Und du lachst. An der unpassendsten Stelle. Wo eigentlich Traurigkeit hingehört. Das machst du, weil du endlich lachen kannst. Weil du den Raum mit viel Mühe freigekämpft hast.

Wachsen

Weise meint fast das Selbe, wie in sich verfahren. Der Unterschied ist nur, dass man irgendwie zu sich zurückgefunden hat. Was sehr ironisch ist, so vehement wie man beschlossen hatte sich selbst aus dem Weg zu gehen. Man ging einfach nur weiter, weil man wissen wollte, was vielleicht noch kommt. Und in dieser Vorwärtsbewegung, diesem Trotz, findet man dann eine ganz eigene Art von Geduld. Mit sich selbst, aber auch mit der ganzen Welt. Weil man vielleicht weiß, dass noch lange nicht alles gut ist, und es auch nicht schönreden will, aber was bleibt ist immer noch selbst darüber und daraus zu wachsen, und wiederum anderes wachsen zu lassen.

Bücher sind wie kleine Schiffchen

Bücher sind wie kleine Schiffchen, mit denen sich über den Alltag fahren lässt. Ihre Abenteuer passen in Busfahrten, in kleine Pausen und in Wartemomente jeglicher Art. Sie sind Sinn in all dem Wahnsinn, das Schöne und das Hässliche, in all dem Grauem. Und wenn ich kein Buch bei mir habe, dann lese ich eben die Menschen. Weil es mein Hunger ist so zu sehen und zu denken.

Sein in all dem Werden und zwischen dem Vergehen

Etwas gut einfach sein lassen können, bevor man noch Wahnsinnig wird, ohne wiederum in völlige Passivität zu verfallen, nicht alles reparieren zu wollen, gegen alles kämpfend, sondern sein Leben zu leben, aber gleichzeitig auch die eigenen Möglichkeiten nutzend und erkennend. Sein in all dem Werden und zwischen dem Vergehen. Weil man gefestigt scheint, dabei aber tausendmal fast zerbrochen ist. Sich überkämpft und nicht mehr zu schocken ist. Denn wenn erst mal dieses Bewusstsein da ist, was man alles überleben kann, was man sich selbst gar nicht zugetraut hätte, warum dann nicht gleich die Gelegenheit beim Schopf packen, und ein richtiges Leben daraus machen? Also bewaffnest du dich mit Dankbarkeit. Dankbar für irgendetwas, sei es darum, was genau es ist. Bei jedem Anfang danach suchend und kramend, und so ziehst du dann in den Tag. Kleine Siege feiernd, die man mit Glück vergoldet. Sein in all dem Werden und zwischen dem Vergehen. Betrunken von der Gelegenheit.

Das unverstanden Gebliebene und die Erinnerung

Das menschliche Gedächtnis in seiner Funktion ist faszinierend. Manchmal wohnt man Ereignissen bei, in Lebensjahren, in denen man noch nicht begreift, aber der innere Schreiber dokumentiert alles genauso wie es geschehen ist, ob man etwas nun verstanden hat oder nicht. Und weil diese Erinnerung ganzheitlich so intakt ist, stößt man fast unvermeidlich irgendwann wieder in sich auf diesen perfekten Abdruck von Ereignissen, als ob man einen Film sehen würde, und plötzlich wird alles nachholend verstanden was damals geschehen ist. Ich habe in meiner Kindheit so oft erlebt, dass Dinge gesagt oder getan wurden, von denen man meinte, dass ich sie sowieso noch nicht verstehen würde, so als ob es dadurch für mich unsichtbar wäre. Verstanden habe ich sie damals auch wirklich nicht, aber gesehen habe ich dennoch alles. Und nicht selten fällt nun im Rückblick ein Puzzleteil in das andere, und plötzlich betrachte ich alles mit der selben Qualität des Verstehen, als ob ich das alles jetzt erleben würde. Wir unterschätzen den kindlichen Verstand sehr, dass man etwas verstehen müsste, um sich daran zu erinnern. Dabei hatte ich wie fast alle Kinder ein sehr feines Gefühl für Aussparungen, wenn mir etwas entgeht. Jeder Witz, der in meiner Gegenwart gemacht wurde, mit einer schmutzigen Pointe, wurde von mir vielleicht nicht verstanden, aber wohl verstanden von mir wurde, dass da gerade etwas geschehen ist, was über meinen Kopf ging, was gerade deswegen von mir umso mehr verstanden werden wollte. Ich hatte die selbe ehrgeizige Wahrnehmung, wie fast alle Kinder, und habe das unverstanden Gebliebene, mit meiner wachen Erinnerung kompensiert.

Einsamkeit

Wenn man sich einsam genug fühlt, wird alles was man gerade macht etwas Schlechtes. Weil man es nur tut, um dieses Gefühl mit irgendetwas auszustopfen, damit man nicht allein mit dem Alleinsein ist. Am Schlimmsten ist es, wenn es als Blitzgefühl kommt, dann trifft es einen am unvorbereitetsten, und es ist egal ob die Gründe dafür in der Gegenwart liegen, oder unter der Vergangenheit hervorkriechen. Du willst irgendetwas lauter drehen um das Gefühl damit zu verscheuchen, aber es hat sich in dir festgesetzt, also kannst du es entweder alleine fressen, oder blind mit was-auch-immer weitermachen und es verleugnen. Aber es ist und bleibt da, ein Gefühl wie kalte Füße, aber auf deiner Seele. Ein Gefühl, dass da mal etwas war, wo jetzt nichts mehr ist, und, dass einen diese Abwesenheit auffrisst. Man ist so mutterseelenalleine, dass man seine Geburt rückgängig machen möchte, und in das große Nichts gehen, um sich absolutes Vergessen zu wünschen. Man ist nicht nur lebensmüde, man ist existenz- und gefühlsmüde. Vor allem aber ist man leidensmüde und selbstüberdrüssig. Schmerzbetrunken. Entkernt. Angekettet an einen großen Fels aus Sinnlosigkeit. Mutterseelenallein.

Vielleicht

Vielleicht ist man meistens nur verliebt in die Liebe? Vielleicht muss das so sein? Und nur ein Mensch der besonders leuchtet, macht diese Faszination persönlich und sich dieses Gefühl zu eigen. Vielleicht beginnt Liebe immer als Sehnsucht? Bis sie jemand zu Geborgenheit machen kann. Weil er es schafft im Außen als Person so zu sein, wie er für uns in unserem Herzen ist. Während wir bei allen anderen irgendwann wieder aus diesem Gefühl erwach(s)en.

Beim Osteopathen II

Diese widerlichen Zeitschriften hatten ihr Ziel erreicht, denn ich schritt miesgelaunt in das Vorzimmer, wo mich ein durchaus netter Mann, Ende 40 mit meinem Namen begrüßte.

Es war der Osteopath.

Er saß hinter seinem Schreibtisch und schaute mich an.

Ich saß vor dem Schreibtisch und schaute ihn an. Ich war der Patient.

Patt. *lach

Ich fragte mich, ob das Gucken schon Teil der Therapie war und versuchte meine Rückenbeschwerden und das Übergewicht in seine Richtung zu transportieren.

Nee, im Ernst. Er fragte mich, was meine Probleme waren und am liebsten hätte ich umgehend mit den Zeitschriften im Wartezimmer angefangen, aber wahrscheinlich hätte er sich verarscht gefühlt. Aber mal gaaaaanzzzzz im Ernst, wie können diese Magazine links Diäten für die zu fettgewordene Frau empfehlen und auf der rechten Seite sind ihre zehn Lieblingsrezepte mit Sahne? Gefolgt von Torten und dann „so Grillen sie lecker“.

Dreckspapier! Musste mal gesagt werden.

Okay, ich erzähle ihm zack, zack, zack, was los ist und habe das Gefühl, dass der „Doktor Chill mal Deine Base“– komm mal runter denkt. Ich fühle seine Gedanken deutlich und merke, dass er das zu mir rüber teleportiert. Ja geh mal normal zum Doc, denke ich und teleportiere es energisch in seine Richtung zurück.

So mach mal ganz langsam kenne ich halt nicht mehr von Medizinern und bin überrascht, was er alles fragt. Ich beantworte alles und komme mir ein wenig so vor, als würde man mich im Altenheim aufnehmen. Okay, muss ich wohl durch. Dann kommt mein Auftritt.

Erzählen Sie doch, warum sie hier sind, höre ich von Dr. Slowly und sehe das als meine große Chance. Ich thematisiere meinen Rücken sowie meinen dicken Körper. Erzähle ihm, dass ich seit gefühlten 724 Jahren Diät halte, dennoch kugelrund und (un)glücklich bin.

Er schaut mich sehr mitfühlend an, fast hat er mich soweit, dass ich ihm diese Zeitschriften um die Ohren haue, aber ich halte inne. Nach so 20!!! Wahnsinn, oder? Nach so 20 Minuten also sagt er, ‚gut‘.

Ich sage auch … gut.

Wieder Patt.

Und dann kommt etwas, mit dem ich nicht gerechnet hatte.

»Ziehen Sie sich doch bitte bis auf die Unterwäsche aus und kommen zu mir in den Nebenraum«

Hab ich etwa -ich will Sex teleportiert- frage ich mich, oder bestraft er mich nun, weil ich seine Zeitschriften scheiße finde?

Coming soon. Part III