Manchmal überschneiden sich Leben, weil man miteinander verwandt ist, die so gar nicht zusammenpassen. Vielleicht ist man das Kind solcher Menschen, oder ist füreinander Brüder und Schwestern. Dann hat man das ganze Leben bereits neben der Spur begonnen. Weil man in etwas hineingeboren wurde das einem immer das Gefühl gibt am falschen Ort zu sein. Man steht als Kind ganz außen, wird älter und wächst in dieses Gefühl immer mehr hinein. Bis man es gewohnt ist, nirgends dazu zu gehören. Weil man dieses Grundvertrauen durch das Gefühl der Geborgenheit nie kennenlernen durfte. Manche bekommen die Selbstzweifel schon mit der Muttermilch. Trotzdem ist es dein Leben, und dann verbringt man eben den Rest des Aufwachsens und große Teile des Erwachsenseins damit, diese Fäden immer wieder aufzutrennen, weil man wieder und wieder diesen ungesunden Zusammenwuchs mit der eigenen Familie hat, weil man wirklich kurz glaubt, dass sich doch etwas ändern könnte, nur um dann immer erneut enttäuscht zu werden. Man fragt sich warum die Dinge so sein müssen, und an welchem Punkt alles begonnen hat auseinanderzulaufen, aber viel wahrscheinlicher ist es, dass rein gar nichts schiefgelaufen ist, dass diese Menschen einfach so sind, wie sie sein wollen, und auch, dass man selbst das eigene Leben anders gestalten kann, darf und sogar muss, wenn man sich selbst irgendwie gerecht werden will. Manchmal ist man einfach das Kuckucksei im eigenen Nest und wirklich niemand kann etwas dafür. Dann sind die Menschen, die einem lange Zeit am nächsten sind, bevor man überhaupt damit anfangen kann sich ein eigenes Leben aufzubauen, diejenigen auf der Welt, die einen am wenigsten kennen und auch gar nicht kennen wollen. Ihr seht euch zwar ähnlich und teilt den Großteil eurer Gene, aber du hast dieses fremde Herz.
Alte Häuser
Alte Häuser haben manchmal diesen Charme wilder anachronistischer Blumen. Vereinzelt stehen sie da, und verändern unseren Begriff von Zeit. Als ob jemand mit einem ganzen Gebäude aus der Vergangenheit in die Gegenwart gereist wäre, sind sie dem Versuch nicht aufzufallen verschrieben und dabei ganz still. Wäre die Stadt ein Gemälde, so ließe sich sagen, dass diese Gebäude dessen mutigster Pinselstrich sein mögen. Dass darin seine Seele wohnt, verpackt in eine alte ausgediente Zeit. In etwas aus schwerer Luft und verblichenen Farben, wie ein sehr sehr altes Kind, mit nichts anderem beschäftigt als seinem mutterlosem Warten. Ich mag diese Häuser, weil sie Geschichten in einer Geschichte sind. Eine Stadt hat nicht nur, sondern ist selbst immer eine Geschichte, aber manchmal bestehen seine Wörter aus noch viel älteren Buchstaben, die schon oft verwendet wurden, um irgendetwas zu erzählen von dem niemand der es hörte mehr da ist, um sich noch zu erinnern. Also haben diese Häuser alles aufgegeben, lauschen und sind Anker in der Zeit. Ein langsamer Kern in einer immer schneller werdenden Welt.
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Vergiss nicht…
Du darfst der Traurigkeit nicht alles glauben.
Nur weil sie größer ist, stellt sie sich oft einfach so vor das Glück.
Aber vergiss nicht, dass das Glück älter ist.
Weil es schon lange davor zuerst bei dir war.
Grenzen
Und dann gehst du deinen Weg, weil du ihn gehen musst und willst. Der rote Faden liegt bereits, du greifst ihn lediglich auf. Machst anfangs dies und das, bis du findest, was zu dir gehört, was dich glücklich macht und was dir zeigt, wer du bist und was du kannst. Mach jedoch nie den Fehler zu erwarten, dass andere, selbst die eigene Familie einen scharfen Blick für dich und diesen Weg haben. Das wird nicht passieren.
Zweifle nicht an dir, es sind ihre Grenzen.
Nicht deine.
Vergeben und Verzeihen
Darin nämlich liegt für mich der Unterschied zwischen Vergeben und Verzeihen. Verzeihen kann ich nur dort, wo auch aufrichtige Reue empfinden wird. Dafür braucht es ein Einsehen und den gegenseitigen Willen, dass man seinen Weg auch gemeinsam fortsetzen möchte. Es bedeutet, dass wieder Friede herrscht, oder in manchen Fällen auch eher heilsame Neutralität um sich neu zu begegnen. Vergebung dagegen brauche ich dort, wo ich nicht verzeihen kann. Um trotzdem mit etwas abzuschließen und ohne dessen Last fortzuleben. So kann ich immer nur etwas vergeben, oder jemandem verzeihen.
Vermissen
»Ach komm! Nun komm schon«, lachte sie aufgeregt und verzauberte ihn damit. Er konnte nichts anderes, er grinste unwillkürlich mit ihr.
»Mhm«, sollte alles sein, was er gerade herausbrachte. Ihre lachenden grünen Augen strahlten ihn mit unendlicher Liebe an.
Diese Tiefe … sinnierte er und schüttelte leicht seinen Kopf. Klar, er sah, dass sich ihre Lippen teilten, dass sie immer noch jubelnd irgendwas zu ihm sprach, aber er konzentrierte sich nur noch darauf, sie zu sehen. Die schmale Nase, die nach unten etwas knubbelig wurde, die volle Oberlippe in einem kräftigen Rot. Die leicht schmalere Unterlippe, ebenfalls kräftig im Farbton. Sie trug nie Lippenstift, denn keine Farbe würde ihr besser stehen als die eigene. Ihre hohen Wangenknochen gaben ihrem Gesicht etwas sehr weibliches, aber auch Markantes. Er fand, dass dieser physische Umstand ihre Intelligenz sichtbar machte, wovon sie natürlich nichts wissen wollte und ihn deshalb zum Pseudowissenschaftler des Monats ernannte.
Was lange her war, denn mittlerweile durfte er sie seine Frau nennen. Die Frau, die ihm seine Kinder geschenkt hatte. Ihre rechte Hand war zu ihm ausgestreckt, sie wollte, dass er sie ergriff, um mit ihr auf diese Wiese zu stürzen und sich irgendwann und irgendwo im nirgendwo fallen zu lassen. Er liebte ihre Spontanität. Vielleicht wollte sie heute auf die Wiese, möglicherweise aber auch in das angrenzende, zartgelbe Feld. Aber, dachte er und musste wieder schmunzeln, mochte es heute auch der Wald sein.
Sie überraschte ihn. Immer.
Natürlich würde er ihre Hand ergreifen, so wie er es immer tat und sein Leben lang tun würde, aber es war ein Fest für ihn, sie einfach nur anzuschauen. Sie wusste das auch sehr genau.
Und dann tat er es. Er streckte ihr seine Hand entgegen, unterstützend schob er seinen fast zwei Meter großen Körper aus seiner Körperspannung heraus in die Senkrechte.
»Wo geht es dieses mal hin, Mam?«, fragte er mit übertrieben männlicher Intonation und blickte ihr dabei fest, leicht schmunzelnd in die Augen.
»Lass Dich überraschen«, war die erwartbarste aller Antworten von ihr. Und dann ging es los. Im Strom des Lebens zog sie ihn mit sich, rannte leichtfüßig und voller Lebensfreude mitten durch diese Wiese. Ihr Lachen allgegenwärtig. Nur das und die Geräusche der Natur. Als sie beide völlig außer Atem waren, riss er sie zu sich herum und umfasste sie. Er ließ sich nach hinten fallen und zog sie mit und auf sich. Sein Körper bot ihrem den nötigen Schutz. Er landete sanft und weich auf den Gräsern und Blumen. Leicht neigte er seinen Kopf nach oben, seine Lippen streiften sanft die ihrigen.
»Ist das alles real«, fragte er kindlich.
»Glaub schon«, konterte sie.
»Womit habe ich Dich verdient«, und das meinte er sehr ernst, denn so wirklich klar war ihm das alles nicht und oft beschlichen ihn Ängste, dass es vorbei sein könnte.
»Das entscheidet mein Herz, nicht Dein Verstand.«
***
Seine trüben Augen betrachteten das Bild, welches in seinen trockenen und faltigen Händen lag. An den Seiten hatte das Fotopapier längst nachgegeben und war eingeknickt oder hatte begonnen, sich einzurollen. Für ihn verlor es dadurch nicht an Wert. Der Zeigefinger seiner rechten Hand strich sanft aber zittrig über die bunte Wiese. Wie viel Zeit verstrich, konnte er nicht sagen. Es gab keinen Raum dafür, es war ihm schlicht egal. Gedankenverloren legte er seinen Kopf etwas schief und bestaunte das Bild, ein liebevolles Lächeln auf dem alten Gesicht. Er schloss seine Augen, sein Geist machte sich erneut auf den Weg und reiste an jenen Tag, an welchem das Foto aufgenommen wurde, zurück. Ein
Sommertag 1984. Auf dem Punkt wusste er es nicht mehr. Damals war sie ungefähr 50 Jahre alt. Auch das verschwamm mit den Jahren. Mental fühlte er sich nicht immer klar. Es gab eben solche und solche Tage.
Als er abermals schemenhaft seine Frau hinter den geschlossenen Lidern erkannte, rannen ihm Tränen über die Wangen. Er wollte zu ihr. Es war Zeit. Bis heute hatte er nicht akzeptieren können, dass sie vor ihm gehen musste.
Jeden Morgen, wenn er erwachte und sich sein Geist soweit orientierte und er erkannte, dass er im Altenheim, in seinem Zimmer zu sich kam, war er traurig und glücklich zu gleich. Traurig, weil er nicht bei ihr sein durfte. Besser, noch nicht bei ihr sein durfte.
Glücklich, weil …
Es klopfte zart an der Tür …
»Ja«, seine Stimme brach, denn ihm liefen noch immer Tränen über die Wangen und sich gedanklich zu dieser Wiese zu bringen, zu diesem Sommertag, war heute sehr real für ihn gewesen. Viel authentischer als an vielen anderen Tagen. Oder er bildete sich das alles ein. Er wusste es nicht.
»Denken sie an sie«, die Schwester kam auf ihn zu, sie fragte mit Nachsicht, Gefühl und Respekt in der Stimme.
»Wie immer«, er hauchte die wenigen Worte und nickte leicht mit dem Kopf dabei.
Die ihm so vertraute Pflegekraft stellte sich hinter seinen Rollstuhl und legte eine Hand auf seine linke Schulter. Er wusste, dass sie jetzt auch auf das Foto mit der Wiese sehen konnte. Sie kannte das Bild, nicht jedoch dessen Geschichte. Er legte seine Hand auf die Hand der Schwester, welche auf seiner Schulter ruhte.
Dankbar und … zumindest zeitweise
… glücklich.
Kindheit – oder die DDR. Part III Das grüne Kaugummi oder das grüne Ge-lum-pe
Freunde der Sonne, es geht weiter mit meinen reichlichen Erinnerungen. Fragt mich bitte nicht, warum meine Erinnerungen sich so viel ums Essen drehen? Vielleicht ist es ja deshalb, weil wir nicht so viel anderes da drüben hatten, außer …
(Wiederholungen veranschaulichen und festigen ja …)
Also was hatten wir?
– Fahnenapell
– Milch in einem riesigen Bottich, die geangelt werden wollte und wo Dirty Dancing eine unbekannte, jedoch entscheidende Rolle einnahm
– schwarz-weiß-grau 👉🤪
– Kubarumpeln (konkret geniales Wort für Apfelsinen, die man eigentlich nicht essen konnte, da akute Erstickungsgefahr)
– den Unerreichbar Joghurt (der Teil kommt noch, Geduld)
Also, liebe Nichtostdeutsche, nur kein Neid …
Was gab es nun noch Schönes in meiner Koof-ha-lle des Vertrauens? Es gab in jedem Fall nicht sonderlich viel Süßigkeiten. Also lachte mich in meinen jungen und wilden Jahren immer das heilig-grüne Kaugummi an. Schließlich mutete es westdeutsch, modern, ja mondän an, denn es stand was drauf?
Kaugummi? – Klar, sonst hätte ja keiner gewusst, um was es sich handelt. Ich meine das Wort!
S
P
A
E
R
M
I
N
T
Das! war wahrscheinlich ein Versehen, schließlich hat die DDR nix freiwillig vom kapitalistischen Feind übernommen. So war der Hot Dog die Ketwurst und das Chicken der Broiler. Kreativ, oder? Muss man sich mal vorstellen, saß da prinzipiell der Vorläufer des heutigen Marketings und hat sich den ganzen sozialistischen Arbeitstag lang den Kopf zerbrochen, wie man Dinge umbenennen kann. Wow, da pfeife ich anerkennend durch die Zähne, denn ich hätte diesen Job auch gern gemacht, bin schließlich erfolglose Autorin. Da müsste doch was gehen.
Wusstet ihr, dass der Stoff Nylon aus der BRD in der DDR mehr oder weniger kopiert wurde und Dederon hieß? Und habt ihr bemerkt, dass im Wort DEDERON – die Buchstaben DDR sind?
Leute! Das ist doch schon die Grenze zur Genialität!
Back to Basic, da ich ja keine Dederon Marketing Managerin mehr werden kann.
Das grüne Kaugummi lag also immer irgendwo in meiner Koofhalle und lauterte nur darauf, dass ich es kaufte. Soweit ich mich erinnere kostete der Spaß 40 Pfennig und ich kaufte das Teil gefühlte 5 Mal bis zur Wende, weil …
Ausgepackt war er ähnlich grün wie injepackt, dann aber, wenn man ihn in den Mund steckte, war er:
– zu groß
– zu kantig (piekte im Zahnfleisch)
– zu hart (wahrscheinlich schon ein paar Jahre alt – mit uns konnten se es ja machen)
Und wenn ich den mit meinem Kindergebiss endlich, endlich durch hatte, ließ er mir so zirka acht Minuten Zeit, bis er sich im Modus der Selbstzerstörung im Mund atomarisierte. Er zerfiel also in kleine und jetzt kommt es, er zerfiel in 3.754.842 Atomgroße Einzelteile, die …
Ja …
Wie soll ich das denn jetzt wertneutral beschreiben?
Bedenkt, ich hab es echt versucht.
…
…
…
Also dieser elende, scheiß-wichs-drecks-Gelumpe-Kaugummi zerfiel in super-widerliche-kaum-aushaltbare-bittere Flatschen. Das war der Moment, in welchem ich mir einen westdeutschen Zungenreiniger gewünscht hätte.
Coming soon IV: Ominöse Feiertage
Über Zeit
Zeit ist die Füllmenge an Langeweile, die man fähig ist, in einem Moment zu empfinden. Vor allem aber, ist sie die Fähigkeit, mit dem was man tun sollte zu warten, bis man es nicht mehr tun kann, um dann zu behaupten, dass man es will, aber nicht schafft. Zeit ist ein Kontinuum, und als solches gebunden an den Raum. Das heißt das Wann, ist immer eine unzulängliche Information, ohne das Wo. Erst durch dieses Kontinuum wird es überhaupt erst möglich, irgendwohin zu spät zu kommen. Darin liegt nämlich die praktische Anwendung. Man muss wissen, wohin man will, und braucht dann auch noch einen Zeitpunkt. Sonst könnte man nirgendwo nicht ankommen. Das Gleiche gilt natürlich auch für das Pünktlich-sein. Kommt aber so gut wie nicht vor, also darf man diese Aufzählung vernachlässigen. Zeit ist auch das, was man bei einem langen Vortrag aus den Menschen saugen kann, was man daran merkt, dass langsam ihre Augen glasig werden. Man kann die Zeit also stehlen, aber scheinbar nicht zurückgeben. Außerdem ist sie ein begrenzter Rohstoff, was vor allem dann spürbar wird, wenn man sich gerade im Urlaub befindet. Außerdem hat Einstein einmal behauptet, dass sie relativ sei. Das bedeutet, sie dehnt sich wenn uns etwas quält, oder zieht sich zusammen, wenn es lustig wird. Interessanterweise kann diese subjektive Zeitspanne von zwei gleichzeitig Beteiligten als völlig unterschiedlich empfunden werden. Zum Beispiel beim Kauf von Schuhen, bei welchem Frauen meinen, sie wären doch gerade erst angekommen, während die Männer darauf schwören, dass bereits eine Ewigkeit vergangen wäre. Genau umgekehrt ist es dann lustigerweise oft im Schlafzimmer. Zeit als Träger, der immer gleichen Information, wird in seiner Spannweite also oft als unterschiedlich empfunden. Ein weiterer besonderer Umstand ist, dass man Zeit theoretisch unendlich oft teilen kann. So kann man die Hälfte einer Sekunde nehmen, und diese wiederum in die Hälfte teilen, was sich beliebig oft wiederholen ließe. Womit sich sagen lässt, es gibt kein Atom, kein Unteilbares der Zeit. Trotzdem schafft es aber fast niemand, sich seine Zeit aufzuteilen. Der Volksmund behauptet oft, Zeit wäre kostbar. Was die Einen so verstehen, dass man sie gut nutzen sollte, während die Anderen glauben, Zeit ist Geld, was so einfach nicht stimmen kann, weil die Meisten viel Zeit darauf verwenden, eben dieses Geld zu verdienen. Richtig müsste man also sagen ›Zeit statt Geld‹. Auch interessant ist, dass Zeit sich immer in die selbe Richtung bewegt, nie umgekehrt. Darum ist morgen, heute gestern und aus dem Gestern, wird dann nie wieder heute. Was natürlich bedeutet, dass alle die von Gestern sind, keine Zukunft besitzen. Zeit ist die Kraft, die an unseren Uhren dreht, und Brüste immer weiter zu Boden sacken lässt. Die Kinder zum Wachsen bringt, und Opa schrumpfen lässt. Zeit ist das, was ich jetzt nicht mehr habe, und darum aufhören muss, aber schön war’s.
Vergessen ist der Neigungswinkel der Zeit, beim Schreiten über das Gefälle der Aufmerksamkeit. Das müssen Sie aber nicht verstehen.
Der tiefe Respekt vor dem gegenseitigen Sein führte uns zu unserem Blog. Grundverschieden, dennoch gleich.
Im Schreiben erkannt.
Das Gegenteil des Gefühls der eigenen Mitte
Und dann hast du dieses Gefühl einer letzten Zigarette, einer Letzten, weil es niemals wirklich die Letzte ist, sondern viele Letzte sind, und dieses spezifische Gefühl hast du, weil du mit etwas aufhören musst, aber noch nicht loslassen willst. Du durchlebst die gesamte lange Diskrepanz von Wille und Entscheidung, weil du alles in diesen Entschluss aufzuhören investieren möchtest, aber das einzige Puzzleteil das dir fehlt, welches aber entscheidender als alle anderen ist, es auch wirklich zu wollen. Du weißt nur, dass du solltest, dass du musst, und das versetzt dich in einen Kampf mit dir selbst, ohne, dass du gewinnen willst. Dies ist die Metapher für die Liebe zur Selbstzerstörung schlechthin, zu wissen, dass etwas schlecht für dich ist, aber weil es sich in diesem Moment gut anfühlt, auch wenn das Wohlgefühl welches es dir gibt, vielleicht nur darauf beruht, vergessen zu haben, wie es ohne diese Abhängigkeit zu leben ist, aber weil es dir den Schmerz nimmt zu verzichten, oder vor einer großen Veränderung zu stehen, weil es dich so belässt, unreflektiert und vor dir selbst versteckt, bringt man sich einfach auf Zeit um, solange man noch genügend Leben hat, um sich nicht mit dem Tod zu streiten, weil man zu wenig Vernunft hatte. Auf diese Weise ist jede Sucht, sei es zu einer Droge oder einer Person, eine Form des Wartens, und sich in diesem Gefühl selbst verdauen, des bewusst weniger Werdens, und ins Unbewusste gleiten, solange man noch ein Komma statt einem Punkt setzen kann, noch etwas weiter fallen kann, statt aufzuschlagen, weil man noch so viel Zeit hat mit diesem langen Sterben, dass man glaubt, dass es bloß weit gedehntes Leben ist. Man muss nur weit genug von sich weg, und die Sucht macht alles andere peripher, weil es ein Neben-sich-stehen, und das Gegenteil des Gefühls der eigenen Mitte ist.