Vermissen

»Ach komm! Nun komm schon«, lachte sie aufgeregt und verzauberte ihn damit. Er konnte nichts anderes, er grinste unwillkürlich mit ihr.
»Mhm«, sollte alles sein, was er gerade herausbrachte. Ihre lachenden grünen Augen strahlten ihn mit unendlicher Liebe an.

Diese Tiefe … sinnierte er und schüttelte leicht seinen Kopf. Klar, er sah, dass sich ihre Lippen teilten, dass sie immer noch jubelnd irgendwas zu ihm sprach, aber er konzentrierte sich nur noch darauf, sie zu sehen. Die schmale Nase, die nach unten etwas knubbelig wurde, die volle Oberlippe in einem kräftigen Rot. Die leicht schmalere Unterlippe, ebenfalls kräftig im Farbton. Sie trug nie Lippenstift, denn keine Farbe würde ihr besser stehen als die eigene. Ihre hohen Wangenknochen gaben ihrem Gesicht etwas sehr weibliches, aber auch Markantes. Er fand, dass dieser physische Umstand ihre Intelligenz sichtbar machte, wovon sie natürlich nichts wissen wollte und ihn deshalb zum Pseudowissenschaftler des Monats ernannte.

Was lange her war, denn mittlerweile durfte er sie seine Frau nennen. Die Frau, die ihm seine Kinder geschenkt hatte. Ihre rechte Hand war zu ihm ausgestreckt, sie wollte, dass er sie ergriff, um mit ihr auf diese Wiese zu stürzen und sich irgendwann und irgendwo im nirgendwo fallen zu lassen. Er liebte ihre Spontanität. Vielleicht wollte sie heute auf die Wiese, möglicherweise aber auch in das angrenzende, zartgelbe Feld. Aber, dachte er und musste wieder schmunzeln, mochte es heute auch der Wald sein.

Sie überraschte ihn. Immer.

Natürlich würde er ihre Hand ergreifen, so wie er es immer tat und sein Leben lang tun würde, aber es war ein Fest für ihn, sie einfach nur anzuschauen. Sie wusste das auch sehr genau.


Und dann tat er es. Er streckte ihr seine Hand entgegen, unterstützend schob er seinen fast zwei Meter großen Körper aus seiner Körperspannung heraus in die Senkrechte.
»Wo geht es dieses mal hin, Mam?«, fragte er mit übertrieben männlicher Intonation und blickte ihr dabei fest, leicht schmunzelnd in die Augen.
»Lass Dich überraschen«, war die erwartbarste aller Antworten von ihr. Und dann ging es los. Im Strom des Lebens zog sie ihn mit sich, rannte leichtfüßig und voller Lebensfreude mitten durch diese Wiese. Ihr Lachen allgegenwärtig. Nur das und die Geräusche der Natur. Als sie beide völlig außer Atem waren, riss er sie zu sich herum und umfasste sie. Er ließ sich nach hinten fallen und zog sie mit und auf sich. Sein Körper bot ihrem den nötigen Schutz. Er landete sanft und weich auf den Gräsern und Blumen. Leicht neigte er seinen Kopf nach oben, seine Lippen streiften sanft die ihrigen.


»Ist das alles real«, fragte er kindlich.
»Glaub schon«, konterte sie.
»Womit habe ich Dich verdient«, und das meinte er sehr ernst, denn so wirklich klar war ihm das alles nicht und oft beschlichen ihn Ängste, dass es vorbei sein könnte.
»Das entscheidet mein Herz, nicht Dein Verstand.«

***

Seine trüben Augen betrachteten das Bild, welches in seinen trockenen und faltigen Händen lag. An den Seiten hatte das Fotopapier längst nachgegeben und war eingeknickt oder hatte begonnen, sich einzurollen. Für ihn verlor es dadurch nicht an Wert. Der Zeigefinger seiner rechten Hand strich sanft aber zittrig über die bunte Wiese. Wie viel Zeit verstrich, konnte er nicht sagen. Es gab keinen Raum dafür, es war ihm schlicht egal. Gedankenverloren legte er seinen Kopf etwas schief und bestaunte das Bild, ein liebevolles Lächeln auf dem alten Gesicht. Er schloss seine Augen, sein Geist machte sich erneut auf den Weg und reiste an jenen Tag, an welchem das Foto aufgenommen wurde, zurück. Ein
Sommertag 1984. Auf dem Punkt wusste er es nicht mehr. Damals war sie ungefähr 50 Jahre alt. Auch das verschwamm mit den Jahren. Mental fühlte er sich nicht immer klar. Es gab eben solche und solche Tage.

Als er abermals schemenhaft seine Frau hinter den geschlossenen Lidern erkannte, rannen ihm Tränen über die Wangen. Er wollte zu ihr. Es war Zeit. Bis heute hatte er nicht akzeptieren können, dass sie vor ihm gehen musste.
Jeden Morgen, wenn er erwachte und sich sein Geist soweit orientierte und er erkannte, dass er im Altenheim, in seinem Zimmer zu sich kam, war er traurig und glücklich zu gleich. Traurig, weil er nicht bei ihr sein durfte. Besser, noch nicht bei ihr sein durfte.

Glücklich, weil …


Es klopfte zart an der Tür …
»Ja«, seine Stimme brach, denn ihm liefen noch immer Tränen über die Wangen und sich gedanklich zu dieser Wiese zu bringen, zu diesem Sommertag, war heute sehr real für ihn gewesen. Viel authentischer als an vielen anderen Tagen. Oder er bildete sich das alles ein. Er wusste es nicht.
»Denken sie an sie«, die Schwester kam auf ihn zu, sie fragte mit Nachsicht, Gefühl und Respekt in der Stimme.
»Wie immer«, er hauchte die wenigen Worte und nickte leicht mit dem Kopf dabei.
Die ihm so vertraute Pflegekraft stellte sich hinter seinen Rollstuhl und legte eine Hand auf seine linke Schulter. Er wusste, dass sie jetzt auch auf das Foto mit der Wiese sehen konnte. Sie kannte das Bild, nicht jedoch dessen Geschichte. Er legte seine Hand auf die Hand der Schwester, welche auf seiner Schulter ruhte.

Dankbar und … zumindest zeitweise

… glücklich.

Veröffentlicht von Vielverwinkelte

Lyrik berührt Moderne.

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