Die Operation
Mann von Welt denkt an seine Frau, die ganzen Verhütungsmittel, die sie einnehmen muss und wie sehr ihr diese doch schaden. Er entschließt sich dazu dem ganzen Drama ein Ende zu setzen und sich sterilisieren zu lassen.
(Die wahre Wahrheit ist folgende: Sex mit Kondom fetzt nicht, aber das sagen wir jetzt mal definitiv nicht zu laut.)
In den Vorgesprächen hatte man ihn aufgeklärt, bei den Risiken stellten sich die Ohren von allein auf Durchzug und bei der theoretischen Durchführung der Operation liefen Schauer durch ihn hindurch, dennoch würde er es ihr zuliebe tun.
(Stichwort: Kondome)
Also, da angekommen stellte er sich darauf ein, einmal im Leben auf einen Gynäkologenstuhl liegen zu dürfen, schließlich musste der Doc an seine Hoden (Umgangssprache: Eier.)
Wie sollte das anders gehen, außer auf nem Gynstuhl? Er wusste es nicht. Nicht sein Zoo. Nicht seine Affen. Er war ahnungslos.
Okay. Der Tag war da …
Irgendwer gab ihm eine Pille mit der Anmerkung, dass er bei seiner Statur mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sofort einschlafen würde.
10 Minuten nach Einnahme:
Er überlegte wie viel Zeit vergangen war und zeitgleich riss ihn irgendwer aus seinen Gedanken, da er untenrum blank auf dem OP-Tisch ausharrte. Der Typ schaute ihn mitleidig an und deckte sein freiliegendes Geschlecht ab, damit er sich nicht erkältete. Wie nett, davon mal ab, dass der Typ echt dreist war, also der Erste. Was hieß hier bei seiner Statur?
Er schlief immer noch nicht.
Um seinen Phallus herum bildete sich eine Menschentraube in OP-Kleiddung und einer von allen, oder alle auf einen? … ha ha ha, selten so gelacht. Also irgendwer fummelte an seinen Hoden herum und er bemerkte freundlich, dass er noch immer nicht schlief.
Wenn doch jetzt nur der Typ mit dem Staturspruch hier wäre. So richtig eine Reinhauen, das wäre es doch.
In jedem Fall löste sich die Menschentraube untenrum nicht auf und es piekte in den umgangssprachlichen Eiern.
Die Anästhesie.
Er.war.wach!
»Hallo«, hauchte er … »ich bin immer noch wach. Ding, Ding, Ding …«, interessierte aber auch keinen. Er wünschte sich in Ohnmacht zu fallen.
Geschah halt eins A nicht.
War zu erwarten, braucht Mann mal ne Ohnmacht, bekommt Mann sie nicht.
Immer noch wach.
Lange Rede kurzer Sinn, es gab keinen Schlaf, am Ende hatte er den Kampf gegen die Kondome gewonnen und war nun einer, der blind schoss. Er und seine Frau hatten zwei Kinder, die Familienplanung war abgeschlossen.
Kurz überlegte er, dass er Folgendes schade fand:
1. Er durfte nicht auf den Gynstuhl … sich so einmal wie im Porno fühlen, gönnte ihm einfach keiner
2. Den Staturspruch Schmeißer wiedersehen … einmal zeigen, dass seine Statur ziemlich schlagfertig sein konnte
3. Wissen, wer sein Gemächt und seine Eier vor einer dicken Erkältung gerettet hatte, sich bedanken war eben auch schwierig
4. Bei der nächsten OP unterrum ne Viagra nehmen und allen zeigen, wer der Chef im Ring ist
5. Einmal im Pulk vorm Geschlecht stehen, dann aber sollte der Patient eine Frau sein …
Der Nachteil an der Geschichte war definitiv, dass er seit der Operation Angst vor tätowierten Männern hatte …
🤪🤪🤪
Getigert
Lautlos als großer Jäger, schleicht der Kater, eine Pfote vor die andere setzend, durch die Möbellandschaft, der Dreizimmerwohnung. Seine Sinne auf die Jagd kalibriert, sein wiegender Gang, ein tödliches Muskelballett der Evolution. Eine hochmotivierter Hauskatze, mit der kochenden Seele von Shir Kahn. König des Wohnzimmers! Sein innerer Zugang, zu seinen vererbten Instinkten, verleiht ihm das Selbstvertrauen seiner Vorfahren. Seine Bewegungen sind makellos, zumindest in seinem Kopf. Sein Körper ist, wenn auch etwas pummelig, annähernd stromlinienförmig, und nicht frei von Eleganz. Slalom zwischen den Zimmerpflanzen. Ehrfurchtsvoll rascheln Ficus Elastica und Geldbaum. Wie der Pfeil eines Primitiven, flitzt er an ihnen vorbei. Schlängelt sich wie eine Flüssigkeit durch jede Ritze. Aquarium und Kater rücken aufeinander zu. Der kleine pelzige Ares hält inne, sein suchender Blick streift in die Höhe. Mit einem Satz wechselt er die Etage. Sitzt neben dem Aquarium. Die Pfote sehnsuchtsvoll auf dem kühlen Glas, seine räuberische Visage wird auf ihn zurückgeworfen. Er streckt sich, gleitet quietschend vertikal über das Glas, erklimmt den Rand wie einen Zaun. Vor ihm glitzert das Wasser, sprudelt von den Pumpen. Die Pfoten tappen spielerisch auf die Wasseroberfläche, nach jeder Bewegung schnellen sie zurück, verharren, stoßen erneut vor, kalt und feucht, aber da! Ein Auge aus der Tiefe. Teil eines unförmigen Körpers. Sepia und Kater starren sich aus der Land und Wasserzone entgegen, treffen sich an der Schwelle von Luft und Feuchte. Das Artenaquarium ist pompös und zu tief für pelzige Fischer, aber den Versuch lässt er sich nicht nehmen. Der Tintenfisch wechselt die Farbe, ein chromatisches Gähnen. Gelb, in Japan die Farbe der Feigheit. Ein Hohn, welcher der Katze gilt. Des Katers Ohren sind aufgestellt, aber unempfänglich für derartige Beleidigungen. Dann schnellt der Tintenfisch nach vorne, wie eine einzige knorpelige Wolke. Die Tentakel tanzen wie Seegräser in ihrer natürlicher Strömung, schlingen sich um den Kater, saugen sich fest, Tentakel für Tentakel, fixieren den sich windenden Kater. Er strampelt wild, aber aussichtslos gegen den muskulösen Kraken, den Herrn der Tiefe. Kleine Luftbläschen steigen auf, der Kater gleitet in die Tiefe. An der Oberfläche platzen sie mit einem gequälten Miau. Dann: Aquatische Stille. Sonst nichts mehr. Für unfressbar befunden treibt der leblose verfilzte Fellklumpen zurück an die Oberfläche, schwimmt dort wie eine getigerte Seerose.
Wie Tinte
Negative Gefühle sind für mich wie Tinte. Umso schlechter es mir geht, desto besser schreibe ich, weil man Ehrlichkeit wie eine Waffe benutzen kann. Kunst ist oft auch so eine Art Schmerzsucht. Man braucht das Schwarz für den Kontrast. Schreibe über das was dir Angst macht, das ist der literarische Sprengstoff, der die Dinge erst interessant macht. Ob das hilft? Über den therapeutischen Nutzen lässt sich streiten, man fühlt sich eher so wie ein Schlangenbeschwörer. Es ist ein gefährliches Spiel, aber gute Kunst bedeutet Nacktheit. Etwas von sich zu zeigen, was man sonst verbergen würde, nur dann besitzt das was man schreibt eine Seele. Wie oft können Sie die selben Liebesschwüre lesen? Wenn man so tut als ob alles schön wäre, wenn nichts hässlich ist, dann erzeugt das ein schöngeistiges Vakuum. Wer jeden liebt, der liebt niemanden. Wenn alles gleich ist, ist alles gleichgültig. Natürlich tun sich pathetische Gedichte, die nicht enden wollen, gegenseitig das Gleiche an. Positiv und Negativ, Gut und Böse, Liebe und Hass ― darum geht es nicht. Sondern um Umpolung und Schwankung. Wenn man das Bild stürzt, dann ist es das wert gemalt zu werden. Ich glaube nicht an Liebe und Hass, sondern an Schmerz. Weil Schmerz immer eine Veränderung ist. Alles Emotionale davor ist träge. Eine Geschichte passiert immer dort, wo es weh tut. Und wenn man den Schmerz erzählen lässt, dann ergibt das wenigstens einen Sinn. Man muss den Namen seiner Dämonen aussprechen. Wenn einem Gründe bewusst werden, gewinnt man Macht über die Angst, weil sie das Gegenteil von Bewusstsein ist. Wenn man eine Form gibt, tritt etwas ins Leben, und sucht auch seinen Tod. Das ist Sinnsuche. Eine prosaische Konkretisierung. Natürlich ist diese Macht rhetorisch, aber Macht ist Macht. Den Dingen, die keine Gestalt haben, fällt es leichter uns heimzusuchen, weil sie Phantome bleiben, die sich mit keinen Namen verbinden, und uns als Gefühl im Magen liegen. Namen sind wie das Licht der Seelenwelt, gegen das unbewusste Dunkel.
Beim Osteopathen V
Okay, sein Lachanfall verunsichert mich zutiefst, und es gibt in diesem Augenblick nicht eine logische Fraktion in meinem Kopf, die ein Schwachsinns-Veto einlegt und mir rational erklärt, dass er wegen allem Möglichen lachen könnte, nur nicht, weil er in meinen wirren Kopf hineinschaut. So habe ich also eine Minute Zeit, in welcher er lacht und mein Kopf mit 7422 Gehirnwindungen pro Minute alles durchforstet, was ich lieber für mich behalten würde.
Begebenheiten.
Erlebnisse.
Schönes.
Trauriges.
Emotionales.
Abgegessenes.
Selbstbefriedigung.
Eigens produzierte Sexszenen.
Die geguckten Pornofilme.
Peinliche Sexerlebnisse.
Jedem Leser muss gerade klar werden, dass sich in dieser einen Minute meine panische Denkweise zuspitzte und letztlich kann jetzt nur noch eins kommen, dass Frau von Welt im Leben nicht preisgeben würde. Schließlich hat die geheime Schublade in meinem Hirn gerade alle Peinlichkeiten des Lebens rausgehauen, aber eine fehlt … die Königin sozusagen.
Tadaaaaa ….
Das absolute damalige Höchstgewicht.
Scheiße, jetzt bin ich wirklich am Arsch, denke ich, denn die böse Zahl pingt vor meinem geistigen Auge in riesigen, roten, mahnenden, neonumrahmten, leuchtenden Zahlen auf. Sie tanzt wie diese Bildschirmschonerschrift von windows früher. (Jaahaaa, ist doch gut!)
Mich wundert ernsthaft, dass sein Lachanfall nicht epischer wird. Was stimmt mit dem nicht, denkt meine humorvolle Gehirnseite, während die ernsthafte Gehirnhälfte nur noch mit dem Kopf schüttelt. (An dieser Stelle sollte sich der aufmerksame Leser ehrlich fragen, wie nur eine Gehirnhälfte mit dem Kopf schütteln kann)
Und dann höre ich von ihm …
»Entschuldigen sie bitte, dass ich lache, aber letztens lag hier eine Frau, ich war auch an ihrem Kopf und fragte sie, wie wars auf Sylt. Die Dame erschrak heftig und fragte, ob ich in ihren Kopf gucken könnte, was ich verneinte, sie aber darauf hinwies, dass auf ihrem Slip überall Sylt stand«, ich hörte ihm zu und fand das jetzt nicht so lustig, schließlich litt ich gerade wie ein Hund. Freude kam aber darüber auf, dass ich nicht allein war, dass es noch andere Menschen gibt, die in Betracht ziehen, dass er ins Hirn schaut.
Und dann war ich auf wundersame Weise enttäuscht von ihm. Da öffne ich mal die Schatzkiste meiner ganz persönlichen Peinlichkeiten. Selbst mein absolutes Höchstgewicht hatte ich ihm verraten. Die absoluten Rotwerdsituationen aus meinen Jahren und er?
Anstatt in meine Rübe zu schauen und anerkennend durch die Zähne zu pfeifen, weil ich ziemlich cooles Gedankengut mit mir rumtrage, erzählt er mir ne Story von einer fremden Frau.
Wenn das kein Abturner ist …
Aus. Ende. Fertig.
Heute morgen 04:50 Uhr
Es war wunderschön. Kalt, dunkel und doch alles weiß. Der Himmel hatte irgendwie viele Farben, dazu Spuren von Hasen, Rehen und was weiß ich im Schnee.
Und dann nur wir zwei. Ziemlich schön. Und erst diese knarrzende Winterruhe, die es eben nur im Winter gibt. Nach der mam sich bei über 30 Grad im Sommer sehnt.
Glücklich, beide kalt, um dann wieder aneinander gekuschelt einzuschlafen.
Für die Seele …
❄❄❄
Beim Osteopathen IV
Die Show mit meinem Bein macht er gefühlt zwanzig Minuten. Das Witzige ist ja, dass einem sowas so 02:34 Minuten endlos peinlich ist, so sehr, dass man im Boden versinken will, aber dann ist es ab Minute 02:35 völlig egal. Als wenn da im Kopf nen Schalter umgelegt wird.
Peinlich an.
Peinlich aus.
Roter Kopf.
Kopf wieder normal.
Ich meine grundlegend ist das ja ne grandiose Sache, sonst hätte ich fast ne halbe Stunde im Modus der Peinlichkeit verbringen müssen. Wer will das schon? Ich jedenfalls nicht. Also, meine Welt war soweit wieder gut. Irgendwann bekam ich meinen Intimbereich auch wieder für mich, da er von meinem Bein abließ und sich an mir hocharbeitete. (Ich finde ja, dass der letzte Satz durchaus aus nem Porno hätte kommen können.)
Er drückte auf meinem speckigen Bauch rum und ich sah dabei genau in sein Gesicht. Er verzog keine Miene und ich zollte ihm Respekt, denn er war das perfektionierte Pokerface. Eine Frau in einem String, welcher im Stehen vom Bauch gefressen wird, muss auf einen Mann doch zumindest lustig wirken. Eins muss ich lassen, so ein Osteopath fasst Menschen auf komische Weise an. Er sagt mir, dass er an meinen Gedärmen bemerkt, dass mein Stoffwechsel sehr träge ist und ich freue mich diebisch, dass es eine Erklärung für diesen Körper gibt.
Am liebsten würde ich es mir auf die Stirn tätowieren.
Ich habe schwere Knochen.
Meine Muskeln haben enormes Gewicht.
Mein Osteopath sagt, mein Stoffwechsel ist halt kacke!
Ich kann nichts dafür.
Das alles wären natürlich grandiose Ausreden, nur bin ich dafür leider zu schlau. Ich leide nicht unter dem Dunning Kruger Effekt (was ja prinzipiell bei jedem Betroffenen ähnlich ist) ((ha ha ha)) und weiß deshalb, dass ich mehr esse als mein Körper braucht.
Ich werde eiskalt aus meinen unschuldigen (Lüge) Gedanken gerissen, als er hinter mir Platz nimmt und seine Hände und ich meine alle Finger auf meinem Kopf auflegt.
Ich dachte immer, schlimmer als mein Hintern kann es ja eigentlich nicht sein, doch dann frage ich mich, ob diese weisen, sehenden, sehr begabten Osteopathenhände vielleicht meine wirren Gedanken „sehen“ können.
Ich bin verloren, denke ich, als dieser Mann hinter mir zeitgleich einen Lachkrampf bekommt.
Coming soon: Part V
Sarkasmus ist der Mut der Verzweifelten
Du liefst zu mir in die Küche, weil dir gerade wieder alles zu viel wurde, hast das Küchengitter hinter dir zugeschlagen und die Kindersicherung davor gemacht. Darüber hatte ich mich immer gerne lustig gemacht, dass es in deiner Wohnung ein verdammtes Kindergitter gab. Das war einer unserer Insider, dass sowas wohl zu deinen fraglichen Erziehungsmethoden gehören würde. „Wer sich nicht benehmen kann, muss in den Käfig, dann und wann“, sprach ich in Reimen um dich aufzuziehen. Obwohl heiße Herdplatten eben wirklich nicht zum zugänglichen Abenteuerspielplatz werden sollten. Verdutzt stellte ich meinen Kaffee ab. Ich fragte dich, ob alles ok ist, und du hast wie immer nur cool geantwortet, wie das eben so zu deiner Art gehörte. Obwohl ich ja immer noch finde, dass das eigentlich meine Tour ist. „Ich habe gerade meine Mutter angerufen. Das war auch nur halb so klug“, sagtest du. Du hast es gehasst dich so wichtig zu fühlen, aber das brauchtest du gerade. In deinen Augen hattest du nie das Recht, einfach Panik zu bekommen. Du warst jetzt eine Mutter.
„Die Russen kommen?“, fragte ich.
„Komm, pieks nochmal und ich fang an zu weinen.“
„Du hast doch gar keine Zeit zum Weinen!“, untermalt mit meinem künstlichen Lachen. „Treffer versenkt.“
„Meine Emotional-Time ist zwischen 06:30 wenn die Kinder duschen sind, und 7 Uhr bis der Kaffee kocht. Dann weine ich immer leise“, äffte ich dich nach. „Du kümmerst dich zu wenig um dich selbst“, meinte ich eigentlich damit, aber das sagte ich natürlich nicht. Wir waren immer so sarkastisch zueinander. Eigentlich zappelten wir die ganze Zeit wie Fliegen in einem Netz aus Sarkasmus. Aber immer wenn du sarkastisch wurdest, wolltest du dich danach gleich wieder dafür entschuldigen. Du warst darauf programmiert dich schuldig zu fühlen. Dabei hatte ich deinen Sarkasmus lieb. Sarkasmus ist der Mut der Verzweifelten. Bei mir durftest du dich scheiße fühlen. Nicht einfach nur schlecht, sondern scheiße. Egal wie lächerlich dir selbst die Gründe dafür vorkamen, weil du zum Beispiel gerade wieder eine Kernschmelze bekommen hast, nachdem du ein Telefongespräch mit deiner Mutter führtest. Ich habe mir alles angehört. Ohne, dass ich darunter leiden würde, dich nicht reparieren zu können. Was dir noch ein zusätzlich schlechtes Gewissen beschert hätte, was auch der unausgesprochene Grund war, warum du dich von Menschen fast immer zurückgezogen hattest. Ich wollte für dich einfach nur da sein. Um dir Schatten zu spenden wie ein Baum. Und wenn du lieber alleine sein wolltest, dann würde ich das ebenfalls akzeptieren. Weiterhin verlässlich für dich da sein, und dabei nur etwas weiter weg. Natürlich hätte ich dich gerne gefragt, ob ich irgendetwas für dich tun kann. Wüsste ich nicht genau darum, wie naiv oder einfach nur gestellt diese Frage wäre. Ein Angebot damit du kurz gezwungen wärst so zu tun, als ob du dich besser fühlen würdest, obwohl wir beide es besser wissen, dass das gar nicht in meiner Macht läge. Das ich nicht die Möglichkeit dazu hatte. Hätte ich es in dieser Situation gesagt, dann nur, um mir selbst ein warmes Gefühl zu geben, was für ein guter Mensch ich wäre, damit du dich in der Pflicht fühlen würdest, dich dafür zu bedanken. Wir hatten einander nur eines zu geben. Raum. Du weintest und hast gleichzeitig gelächelt. Es war ein sehr stilles Weinen. Ich fragte mich immer, wer von uns beiden jünger oder älter war. Zwischen uns herrschten andere Regeln der Zeit. Wir beide hatten ein Trauma aus unserer Kindheit. Dinge, die wir sehr lange verdrängt hatten. Die wir erst jetzt begannen langsam wieder auszugraben. Diese ganze Integration auf Desintegration führte dazu, dass wir uns wir gänzlich neue Menschen fühlten. Weil wir uns zum ersten Mal selbst verstanden haben. Wir waren wie Klone von uns selbst. Das erst war unser richtiges Leben. Alles fühlte sich an wie eine Zeitreise. Nachdem wir uns erinnerten, an fast alles, war das als ob wir wieder Kinder wurden. Nachdem wir diese Zeit solange mit der Schere unseres Unterbewusstseins aus unserer Erinnerung ausgeschnitten hatten. Aber jetzt kam alles wieder zurück. Als ob wir die eigene Kindheit re-absorbiert hätten. Gleichzeitig wurde uns aber dadurch bewusst, dass wir jetzt erwachsen geworden waren. Und alles zusammengenommen fühlte es sich so an, als ob wir schlagartig erwachsen geworden wären. An einem Tag noch Kind, am nächsten haben wir selbst Kinder. Für andere Leute mag das alles keinen Sinn ergeben, aber es war unser beider Realität und das schweißte uns zusammen. Wir so kaputt wie zerbrochenes Porzellan, und mussten uns immer wieder mit Sarkasmus zusammenhalten. Du warst längere Zeit obdachlos und dann in einer Klinik, weil du dir Psychosen angekifft hattest. Danach zogst du in eine WG, weil du dank Schulden keine seriöse Unterkunft fandest. Der Anbieter war ein Typ, der wirklich, wirklich gruselig war, und du hattest dir vorsichtshalber die Pille geholt, falls seine Übergriffigkeit gewaltsam werden würde. Bei dem Frauenarzttermin hast du dann erfahren, dass du schwanger wurdest. Du musstest so extrem darüber lachen, sofort und unmittelbar, weil das einfach der einzige Zeitpunkt für sowas war, der in den Plot passte. Aber wie sagtest du immer? „Eine Vergewaltigung wäre es nur gewesen, wenn ich Nein gesagt hätte“. Das alles fühlte sich wie Verrücktwerden an und saß im Nacken. Und Gott, wenn du darüber nachgedacht hast, wurden deine Augen so unglaublich traurig, und ich konnte dir richtiggehend dabei zusehen, wie du gleichzeitig alles zu verstecken suchtest. Wie du mit den Augen deine ganze Welt zusammengehalten hast, und langsam kraftlos wurdest, als ob du an einer Felsspalte hängen würdest. Du warst so vergiftet und so wunderschön.
Perspektive

Beim Osteopathen III
Ich latsche also hinter diese ominöse Absperrung und ziehe mich langsam aus. Unweigerlich muss ich an Striptease denken, aber ich werde das hier nicht machen, auch wenn ich das grad völlig originell fände. Für so ne Scheiße bin ich echt zu haben, grinse ich immer noch. Ich ziehe mein Shirt aus und begutachte meinen BH. Okay, soweit unkritisch, weil sich bei diesem Modell nicht grundlegend mein Fett über die Seiten rollt. Natürlich ziehe ich, seit ich weiß, dass ich mich ausziehen muss, meinen Bauch ein. Ganz Frau halt. Noch kriege ich ja Luft, schließlich können wir über Stunden mit reduzierter Sauerstoffaufnahme hervorragend leben.
Als nächstes knöpfe ich meine Jeans auf, ziehe sie bis in die Kniekehlen und bekomme einen kleinen Schock, als ich bemerke, dass ich keinen Slip, sondern einen String anhabe. Wobei meine Gedanken völlig bescheuert sind, denn ich trage tagsüber niemals Schlüppis. Für mich allein und unter der Hose ist das Ding String völlig in Ordnung, aber dieser hier, hat …
Weder eine schöne Farbe.
Noch hat er die optimale Passform.
Er franst an den Seiten leicht aus.
Mein Bauch frisst ihn fast auf.
Man könnte gut und gern sagen, dass er eine winzig kleine Nummer zu klein ist. (Ich würde das natürlich abstreiten)
Er ist alt und ausgewaschen.
Am Bauchgummi kommen so kleine Gummischlangen raus, weil er sich eigentlich schon in der Transformation ins Nichts befindet.
Mein Hintern liegt ab sofort vor diesem fremden Mann quasi frei.
Ich habe Cellulite.
Ich schäme mich schon jetzt in Grund und Boden.
Ich denke darüber nach mir anzugewöhnen, immer einen richtigen, echten Arschumspannenden SCHLÜPFER in meiner Handtasche mit zu haben.
Dann fällt mir ein, dass ich nicht weiß, wie ich den Reserveschlüpfer halbwegs glaubhaft meinem Mann erklären könnte. (Mein durchlebtes Elend wird im Anschluss bei meinem Mann einen heftigen Lachanfall auslösen.) Natürlich denke ich darüber nach, warum meine Freundin mir verschwiegen hat, dass ich dem Osteopathen meinen Hintern zeigen muss, komme aber zu dem Schluss, dass auch ich hätte nachfragen können. Nun denn, da ich nichts tun kann, gehe ich in das Nebenzimmer, wo er mich strahlend empfängt.
Er strahlt.
Ich nicht.
Ich werde angehalten mich auf den Bauch zu legen, was bedeutet, dass er meinen Hintern auf dem Silbertablett geliefert bekommt.
Er beginnt … Seine Finger bewegen sich irgendwie mechanisch auf meinem unteren Rücken entlang, danach streichelt er meine Cellulite. Das geht ja alles, ich vergesse fast meinen Hintern …
Zu allem Überfluss nimmt er ohne Vorwarnung mein gesamtes linkes Bein und dreht es so komisch oben im Gelenk und ich denke nur, klasse.
Hätteste den String auch gleich weglassen können.
Egal, was mein Mann denkt, ich werde ab sofort einen endhässlichen Schlüpfer mit mir rumschleppen, denke ich noch und will im Boden versinken.
Coming soon. Na ihr wisst schon.