Getigert

Lautlos als großer Jäger, schleicht der Kater, eine Pfote vor die andere setzend, durch die Möbellandschaft, der Dreizimmerwohnung. Seine Sinne auf die Jagd kalibriert, sein wiegender Gang, ein tödliches Muskelballett der Evolution. Eine hochmotivierter Hauskatze, mit der kochenden Seele von Shir Kahn. König des Wohnzimmers! Sein innerer Zugang, zu seinen vererbten Instinkten, verleiht ihm das Selbstvertrauen seiner Vorfahren. Seine Bewegungen sind makellos, zumindest in seinem Kopf. Sein Körper ist, wenn auch etwas pummelig, annähernd stromlinienförmig, und nicht frei von Eleganz. Slalom zwischen den Zimmerpflanzen. Ehrfurchtsvoll rascheln Ficus Elastica und Geldbaum. Wie der Pfeil eines Primitiven, flitzt er an ihnen vorbei. Schlängelt sich wie eine Flüssigkeit durch jede Ritze. Aquarium und Kater rücken aufeinander zu. Der kleine pelzige Ares hält inne, sein suchender Blick streift in die Höhe. Mit einem Satz wechselt er die Etage. Sitzt neben dem Aquarium. Die Pfote sehnsuchtsvoll auf dem kühlen Glas, seine räuberische Visage wird auf ihn zurückgeworfen. Er streckt sich, gleitet quietschend vertikal über das Glas, erklimmt den Rand wie einen Zaun. Vor ihm glitzert das Wasser, sprudelt von den Pumpen. Die Pfoten tappen spielerisch auf die Wasseroberfläche, nach jeder Bewegung schnellen sie zurück, verharren, stoßen erneut vor, kalt und feucht, aber da! Ein Auge aus der Tiefe. Teil eines unförmigen Körpers. Sepia und Kater starren sich aus der Land und Wasserzone entgegen, treffen sich an der Schwelle von Luft und Feuchte. Das Artenaquarium ist pompös und zu tief für pelzige Fischer, aber den Versuch lässt er sich nicht nehmen. Der Tintenfisch wechselt die Farbe, ein chromatisches Gähnen. Gelb, in Japan die Farbe der Feigheit. Ein Hohn, welcher der Katze gilt. Des Katers Ohren sind aufgestellt, aber unempfänglich für derartige Beleidigungen. Dann schnellt der Tintenfisch nach vorne, wie eine einzige knorpelige Wolke. Die Tentakel tanzen wie Seegräser in ihrer natürlicher Strömung, schlingen sich um den Kater, saugen sich fest, Tentakel für Tentakel, fixieren den sich windenden Kater. Er strampelt wild, aber aussichtslos gegen den muskulösen Kraken, den Herrn der Tiefe. Kleine Luftbläschen steigen auf, der Kater gleitet in die Tiefe. An der Oberfläche platzen sie mit einem gequälten Miau. Dann: Aquatische Stille. Sonst nichts mehr. Für unfressbar befunden treibt der leblose verfilzte Fellklumpen zurück an die Oberfläche, schwimmt dort wie eine getigerte Seerose.

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