Wie Tinte

Negative Gefühle sind für mich wie Tinte. Umso schlechter es mir geht, desto besser schreibe ich, weil man Ehrlichkeit wie eine Waffe benutzen kann. Kunst ist oft auch so eine Art Schmerzsucht. Man braucht das Schwarz für den Kontrast. Schreibe über das was dir Angst macht, das ist der literarische Sprengstoff, der die Dinge erst interessant macht. Ob das hilft? Über den therapeutischen Nutzen lässt sich streiten, man fühlt sich eher so wie ein Schlangenbeschwörer. Es ist ein gefährliches Spiel, aber gute Kunst bedeutet Nacktheit. Etwas von sich zu zeigen, was man sonst verbergen würde, nur dann besitzt das was man schreibt eine Seele. Wie oft können Sie die selben Liebesschwüre lesen? Wenn man so tut als ob alles schön wäre, wenn nichts hässlich ist, dann erzeugt das ein schöngeistiges Vakuum. Wer jeden liebt, der liebt niemanden. Wenn alles gleich ist, ist alles gleichgültig. Natürlich tun sich pathetische Gedichte, die nicht enden wollen, gegenseitig das Gleiche an. Positiv und Negativ, Gut und Böse, Liebe und Hass ― darum geht es nicht. Sondern um Umpolung und Schwankung. Wenn man das Bild stürzt, dann ist es das wert gemalt zu werden. Ich glaube nicht an Liebe und Hass, sondern an Schmerz. Weil Schmerz immer eine Veränderung ist. Alles Emotionale davor ist träge. Eine Geschichte passiert immer dort, wo es weh tut. Und wenn man den Schmerz erzählen lässt, dann ergibt das wenigstens einen Sinn. Man muss den Namen seiner Dämonen aussprechen. Wenn einem Gründe bewusst werden, gewinnt man Macht über die Angst, weil sie das Gegenteil von Bewusstsein ist. Wenn man eine Form gibt, tritt etwas ins Leben, und sucht auch seinen Tod. Das ist Sinnsuche. Eine prosaische Konkretisierung. Natürlich ist diese Macht rhetorisch, aber Macht ist Macht. Den Dingen, die keine Gestalt haben, fällt es leichter uns heimzusuchen, weil sie Phantome bleiben, die sich mit keinen Namen verbinden, und uns als Gefühl im Magen liegen. Namen sind wie das Licht der Seelenwelt, gegen das unbewusste Dunkel.

5 Kommentare zu „Wie Tinte

      1. Wir leben in einer stets defizitär denkenden, postmaterialistischen Leistungsgesellschaft, in welcher jeder nur an sich denkt.

        Sagen wir so: Ich genieße es, Dich und dein Können öffentlich wertzuschätzen.

        *lächelt Dich an …

        Gefällt 1 Person

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