Das nobelste persönliche Ziel ist die Überwindung der Angst vor der Wahrheit, egal wie sehr diese uns auch verletzen mag, weil sie uns in den Pathos der ganzen Welt zurückführt und uns mit der Erinnerung an ihren kollektiven Schmerz rückverbindet.

Auf kluge Art dumm

Selbsteinschätzung ist immer eine Herausforderung. Wir alle halten uns im Allgemeinen für viel klüger, als wir es eigentlich sind. Es geht sogar soweit, dass unsere Gesellschaft so sehr nach Prestige giert, dass wir Bescheidenheit oft für eine Schwäche halten. Und damit meine ich nicht dieses künstliche gedrückt sein und sich klein machen, sondern die ehrliche Erkenntnis der eigenen Grenzen. Schlau ist nämlich nicht der Gedanke wie schlau du bist, sondern wie schlau man sein könnte, es aber eben nicht wirklich ist, weil wir nicht den Mumm, die Muse oder die Zeit haben um unser Potenzial zu wecken. Darum müssen wir uns diese Überlegenheit einreden, weil wir sonst böse auf die Menschen werden, wegen den Gelegenheiten um zu wachsen, die wir selbst verpasst haben, aber uns dennoch die Anerkennung wünschen, für die Dinge die wir vielleicht geschafft hätten. Weniges macht uns dümmer als zu glauben, dass wir klüger wären als alle anderen. Uns schmeichelt einfach nur der Gedanke. Ich selbst ertappe mich gelegentlich dabei. Und vermutlich kann jeder von uns irgendetwas besser, als der Durchschnitt. Aber irgendwie ist unser Gefühl für die eigene Überlegenheit genauso übertrieben scharf, wie sich unser Gewahrsein für unsere Defizite stumpf ausnimmt. Es gibt immer jemanden unter und über dir. Also vielleicht sind wir ja alle nur auf eine dumme Art klug, oder auf kluge Art dumm. Ich wünschte wir würden mit uns selbst genauso hart konkurrieren, wie wir das ständig mit anderen tun. Dann würden wir vielleicht einzeln an uns selbst arbeiten, und uns gemeinsam ergänzen.

Kindheit – Oder die DDR. Part V

Der Unerreichbar-Joghurt

Die DDR war mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit an vielen Stellen unlogisch. Als wenn Bananen ein Volk bei Laune gehalten hätten. Pfff, was ein Unsinn. Heute mag ich die gelben Dinger gar nicht mehr. Affenfutter. Die dreimal im Jahr damals haben durchaus gereicht. Schließlich hatten wir kulinarisch noch andere Highlights, wie etwa Erstickungsanfall verursachende, superstrohige Nabelapfelsinen aus Kuba, jede Menge Rotkohl und Weißkohl und eben den Unerreichbar-Joghurt.

Zurück zum Thema. Der Unerreichbar-Joghurt war eine Klasse für sich. Nee, is gelogen. Er war die Sahnehaube der DDR. Stimmt auch absolut nicht. Okay, er war das sauerste Gelumpe, was ein Mensch konsumieren hätte können. Es gab ihn in den Farben Drecksbraun und Drecksbraun mit nem Stich rot drin. Sollte dann Beere sein, welche auch immer. Ich weiß es nicht.

Soweit, aber nicht gut, denn das dreckige Gelumpe war in Glasflaschen abgepackt und wahrscheinlich hat nen Blinder den Flaschenhals und die Öffnung konzipiert. Oder es war ein Unfall, also Flaschenhals und Öffnung. Vielleicht auch das Gesamtprodukt, also ein Unfall. Wahrscheinlich, denke ich heute, wurde irgendwas total Krasses an uns armen, armen (ha ha ha) Ossis getestet. Drecksbrauner Molatsch zum Beispiel. Westdeutscher Schlamm, bestimmt aus dem versifften Ruhrpott oder so. Nur mal so am Rande, vielleicht ist die Frabe ne Erklärung für die heutige politische Einstellung? Vielleicht ist ja der missratene Joghurt an allem schuld?

Back to Basic II.

Nicht nur, dass dieser Joghurt, (falls man den überhaupt so nennen durfte), in einer Flasche mit behinderten, sorry Inklusion -peripher benachteiligter Öffnung- daher kam, er kam buchstäblich auch nicht raus aus der Flasche. Hätte ein Leben davon abgehangen, keine verfluchte Chance. Mir kommt gerade, keine Arme – keine Kekse in den Sinn, aber das war es nicht. Selbst mit Armen, Löffel oder sonst was bewaffnet. Keine beschissene Chance an das Zeug zu kommen.

Ich fasse zusammen. Kein Löffel passte in die Glasflasche. Der große Löffel war zu groß. Der kleine Löffel zu kurz, damit bekam man lediglich eine traurige Diätportion aus dem Ding. So 20 Gramm also mit nem kurzem Löffel vielleicht. Ich höre Euch schreien, nimm doch den Latte Macciato Löffel, die langen kleinen. Nee, nee nee, die gab es inne DDR nicht. So.

Patt.

Kein Löffel passte. Was blieb, schütteln. Pulle inne Hand, Deckel abreißen und über Kopf schütteln als hänge ein Leben davon ab. Welches Leben? Woher soll ich das denn wissen, meine Fresse. Ich habe andere Sorgen! Fitnesscentergleich durfte der eventuelle Konsument also schütteln wie ein Berserker. Wenn dann irgendwas herauskam, dann hatte es eine Konsistenz als wäre Mutti eine gesamte Packung Mondamin Fix Soßenbinder in den Joghurt gefallen. Es flatschte und so vielleicht die Hälfte der schlammfarbenden Masse, die viel zu fest war, rotzte in die DDR-like Plastikschale in orange.

Das sah halt nicht nur ekelhaft aus und hörte sich wie ne unfassbar schwere Erkältung an, die ohne zu fragen aus der Nase schießt und zufällig deine Desertschale trifft. Nein, jetzt wird es richtig schlimm. Ihr ahnt es, es schmeckte so sauer und sowas von beschissen, dass ich in diesen Momenten halt doch gern eine Banane gehabt hätte.

Meta as Fuck

Einer meiner Lieblingsmomente in Videospielen, ist erst durch die Erinnerung entstanden. Das war damals nicht mal ein besonders gutes Videospiel. Auch den Namen weiß ich gar nicht mehr. Ein Point and Click Adventure war es, zu einer Zeit als dieses Genre bereits quasi
 ausgestorben war. Da gab es eine Referenz an Matrix, zu der Zeit als der Film gerade noch in den Kinos war, in welcher der Film als klassischer SciFi Streifen bezeichnet wurde. Weil das Spiel in der Zukunft spielte. Damals hätte ich Matrix gar nicht so in diesem Genre verortet und irgendwie war es witzig, etwas Aktuelles als Klassiker zu beschreiben. Zu dieser Zeit war das für mich ironisch. Aber jetzt, da das alles so eingetroffen ist, hat sich diese Vorspiegelung en-tironisiert, weil das alles wirklich so ist, wurde aber gleichzeitig auf einer anderen Ebene ironisch, weil das alles damals schon so vorhergesagt wurde. Ich mag das alles, weil es eigentlich nur in der Vergangenheit existiert, und quasi ohne Gegenwart, weil es damals noch nicht so war, sondern erst heute als Erinnerung an Damals funktioniert. Der Moment erschafft sich dadurch selbst, dass er vergangen ist. Und vielleicht ergibt das alles nur in meinem Kopf Sinn, diese seltene doppelte Ironie, als Unterschied zwischen wirklicher und wahrlicher Bedeutung, aber dort ist es herrlich.

Meta as Fuck.

Die Dunkelheit in Kellern

Die Dunkelheit in Kellern scheint dafür gemacht worden zu sein, um Menschen, vor allem die kleineren Versionen von ihnen (informell Kinder), auszuladen. In ihrer Katakombenatmosphäre, die nur von arachniden Architekten wertgeschätzt wird, um unbehelligt ihre seidige Weberkunst auszuführen, fühlen sich Menschen von einem Untergrundgefühl heimgesucht, welches sie mit der Urangst vor Unterwelten verknüpft. Es ist ganz so wie mit den mythologischen Vorstellungen, der Hölle oder dem Tartarus, dass eine zweite Welt unter den Lebenden besteht, von Toten bevölkert, die sich in unseren Abstellkammern ein paar schöne Stündchen machen. Vampire, die alte ausrangierte Möbel einem zweitem Verwendungszweck zuführen, um in unseren alten Spielkisten (für die kleinen Vampire) und Kleiderschränken ihr Schattenbad nehmen. Es ist völlig natürlich, beim Abstieg in den Keller mit einem Ohr nach schlurfenden Geräuschen zu lauschen, falls eines dieser Wesen aus unserer menschlichen Fantasie hervor gekrochen kommen sollte, um in den muffigen Korridoren, nach einem rot-saftig sterblichen Snack zu suchen.

Bleibe bei dir

Wenn man etwas liebt, besonders in der Kunst, vertieft man sich solange darin, bis aus Talent und Anlage eine Fähigkeit wächst. Man wird besser darin sich selbst zu verwirklichen. Das ist oft der schmerzhafte Punkt, an dem man beginnt sich dafür Anerkennung zu wünschen, und das birgt für die meisten sehr viel Enttäuschung. Darum halte ich es für sehr wichtig, wenn man etwas liebt, die Fähigkeit zu behalten, es für sich selbst zu tun. Was nicht bedeutet, dass man das was man geschaffen hat, nicht teilen kann, aber man sollte sich nicht allzu viel daraus machen, oder zumindest darf es nicht das Wichtigste werden. Der Wunsch nach Anerkennung zerstört so viel, was so schön sein könnte, weil einen der Gedanke frustriert, dass es nicht gewürdigt wird. Nun, niemand muss dich würden. Und wenn du es schaffst etwas für dich selbst zu tun, aus Freude an der Sache, reinigt das diese Dinge. Das ist auch der Unterschied zwischen Kunst und Kommerz. Damit meine ich nicht, dass etwas Kommerzielles nicht auch künstlerisch sein kann, aber der Schwerpunkt ist eben verschieden. Wenn du nicht gerade versucht von etwas zu leben, solltest du dir nicht allzu viele Sorgen darüber machen, was andere davon halten. Halte deine Kunst und dein Ego auseinander, dann bleibt dir mehr Freude für dein Schaffen. Außerdem finde ich den Gedanken romantisch etwas zu erschaffen, das nicht von vielen Augen gesehen wird. Bleibe bei dir. Das ist eine der seltensten Gaben.

Das Wunder

Das Wunder der Literatur liegt nicht einfach in der Schönheit der Sprache. Aber durch diese Schönheit wird alles so viel näher gerückt, was sich sonst im Grenzland der Seele nicht ausdrücken lässt. Dinge die wir alle schon einmal gefühlt haben, ganz nah auf unseren Sinnen, oder als ein fernes Gefühl der Sehnsucht, die uns irgendwie alle gleichmachend, mit einer Ehrfurcht verbindet, vor einer Selbstverständlichkeit ohne Worte, die sich Mensch für Mensch wiederholt, ohne sich jemals in etwas Unpersönliches zu teilen. Ich glaube das hat mein Denken mehr geprägt als alles andere, diese Stimmen wie von Freunden und Lehrern, die mir eine Karte meiner eigenen Seele aus Metaphern und Zeichen hinterlassen haben, die mich zu Schätzen aus Nüchternheit und Poesie führten, zu einer fernen Musik, die ich meiner Seele gar nicht zugetraut hätte, weil ich den Klang meiner eigenen Mitte kaum erkannte. Weil ich lange und rätselnd diese Melancholie befühlte, aus der sich selbst gemacht bin, aber der ich vielleicht alleine niemals so nahe gekommen wäre, weil ein Leben manchmal zu kurz ist um alleine dorthin zu finden, und es dann noch abzutasten, bis man einen Spalt oder eine Öffnung findet, in dieser Geschlossenheit die man mit dem Älterwerden errichtet, hinter der all die Jahre eingesperrt sind, als zeitloser Schaum eines gleichzeitig vergangenen und ewigen Lebens.