Spiegel durch die Zeit

Das da auf diesem Foto war mein funfjähriges Ich, wie ich es selbst noch nie gesehen habe. Es gibt von mir sonst keine Bilder in diesem Alter. Ich war voll von einem Gefühl der Erkennens. Gleichzeitig zu meinem Sehen, war es als würde sich ein Druck der Erinnerung aufbauen. Die Bilder haben sich in mich gedrückt, und mit dem Negativ meiner Erinnerung verbunden. Durch einen entsprechenden Reiz lässt sich das Vergessen rückgängig machen. Man sieht oder hört etwas, an das man sich nicht mehr zu erinnern glaubt, aber dieses Gefühl der Vertrautheit schwimmt auf all dem Vergessen. Und wenn man seine Form lange genug berührt, dann verbindet es sich wieder mit einem. So als ob das Vergessen bloß ein Implodieren gewesen wäre, bei dem sich die gesamte Erinnerung in Farben und Formen zusammenfaltete, bis der Druck der Bilder wieder zu groß wurde, und sich unser gesamtes Inneres mit Wiedererkennen flutet. Ich erinnere mich. Ich erinnere mich durch die Zeit. Ich umgehe den leeren Punkt und finde alles wieder. Und ich sehe wie ich mich sehe. Von Bild zu Bild. In diesem Spiegel durch die Zeit.

Selbsteinschätzung

Nachdem mir mehrere wissenschaftliche Probleme gestellt wurden, für deren System mir die Regeln erklärt, und mir dann Beispiele genannt wurden, für die ich logische Problemlösungen und Erklärungen durch nachdenken finden sollte, kann ich mit Gewissheit sagen, dass ich tatsächlich wesentlich dümmer bin als ich es von mir selbst glaube. Das kränkt mich. Ist aber normal. Wir halten uns allgemein für klüger als wir tatsächlich sind. Oder wir verbrennen uns die Finger, wie ich gerade, fühlen uns gedemütigt und trauen uns dann selbst gar nichts mehr zu. Aber sich selbst realistisch einzuschätzen ist auch sehr schwierig bis fast unmöglich. Wie auch? Wenn mein Geist eine Waage wäre, mit allem was ich weiß auf der einen Seite, dann wäre das was ich nicht weiß auf der anderen, das Nichtwissen, für mich unsichtbar.

Ich weiß nicht mal, was ich nicht weiß.

Ein langer Anfang

„Bist du nicht wütend weil deine Mutter dich so oft geschlagen hat?“ Nein, ich bin überhaupt nicht wütend. Ich wünschte sogar es wäre so einfach. Ok, das stimmt eigentlich nicht ganz. Ich bin wütend wegen vieler anderer Dinge, die mich gar nicht so wütend machen sollten, aber nicht deswegen. Vielleicht habe ich Angst auf sie wütend zu sein. Weil ich dafür eine Vergangenheit akzeptieren muss, die gar nicht zu meinem Leben passt und zu dem was ich empfinden möchte. Weil diese Zeit wie ein Fremdkörper für mich ist, mit dem ich mich nicht verbinden möchte. Außerdem ist das Leben nicht wie ein Film. Es gibt keine klare Linie zwischen gut und böse. Auch meine Mutter war nicht so schlecht. Sie selbst wurde viel schlimmer misshandelt. So sehr, dass ihr von ihrer Mutter mit einer Bratpfanne die Hand gebrochen wurde. Das Überbein davon hat sie heute noch. Flaschen wurden nach ihr geworfen. Eine Zeit lang mussten ihre Geschwister und sie sogar in einen Kübel defäkieren, weil kein Geld für die Handwerker da war, und als die Polizei in die Wohnung kam, wurden die Kübel umgeworfen und die Scheiße schwamm durch das Kinderzimmer. So gesehen war meine Kindheit ein Bilderbuch. Meine Mutter schaffte es einfach niemals ihre Dämonen zu besiegen. Und heute verstehe ich das besser als ich das möchte. Ich verstehe, dass ich diese unglaubliche Komplexität nicht verstehe. Die Dinge die sie in sich begraben musste und einfach immer weitermachen, einfach nur weil es das ist, was Menschen eben so tun. Das soll keine Ausrede sein die ich ihr zurechtlege, aber auf einer menschlichen Ebene, wenn ich vergesse, dass sie meine Mutter war, kann ich sie verstehen. Auch wenn es sich um exemplarisches Verständnis handelt. Ich verstehe sie als eine Mutter, wenn es nicht meine Mutter wäre. Meine Kindheit war auch nicht nur schlecht. Es gab darin sehr schöne Momente, aber meine Mutter fühlte sich immer schnell ohnmächtig und überfordert. Das Gefühl machte ihr Angst, weil sie schon so früh jede Kontrolle über ihr Leben verloren hatte, was sie in ihrer Kindheit immer mit Gefahr assoziieren musste, selbst wieder zu einem Opfer zu werden. Die Gewalt meiner Mutter war eine Art seelische Blindheit aus Verzweiflung, weil ihr nie jemand beigebracht hatte, wie man sich menschlich gegenüber verhalten sollte. Könnte man das von mir nicht auch sagen? Ja. Wieso kann ich das dann trotzdem? Weil nicht alle Menschen mit dem selben Maß an Empathie geboren werden, auch wenn diese Antwort vielen nicht gefallen könnte. In gewissem Maß ist das einfach eine menschliche Disposition. So wie die Menschen unterschiedlich gut mit Süchten umgehen können, genauso steht es um ihre Gabe die eigene Vergangenheit zu bewältigen. Und ja, die Vergangenheit ist eine Sucht. Sie verleitet einen ständig dazu darin nach dem eigenen Ich zu suchen, weil das immer noch weniger beängstigend ist, als sich nach der Zukunft zu orientieren. Wenn einem oft genug etwas angetan wird, fängt man irgendwann an es sich selbst anzutun. Darauf habe ich diesmal keine gute Antwort, aber es schweißt sich irgendwie einfach an das eigene Leben. Darum gibt es solche Sätze wie „Meine Eltern waren genauso und ich bin doch auch groß geworden“, weil die Vergangenheit ein gutes Werkzeug ist um die Gegenwart zu legitimieren, wir vertauschen quasi die Samen mit den Früchten, betrügen uns selbst mit einer pervertierten Normalität. Ich liebe meine Mutter. Und sie mich irgendwie auch. Nur dass Gewalt in ihrer Liebe etwas völlig normales ist. Darum sagte sie auch immer zu mir: „Ich hoffe du bringt mich nicht irgendwann um, weil ich so zu dir bin“, für sie war es normal so zu denken. Und das einzige was ich tun kann, ist mich aus diesem ganzen Chaos raus zu definieren und mich selbst in den tiefen Gedanken zu stoßen, was für ein Mensch ich sein will. Kann ich das beantworten? Nein, nicht mal annähernd. Aber ich weiß was für ein Mensch ich nicht sein möchte. Das ist ein Anfang, ein sehr sehr langer Anfang.

Schönheit macht das Leben nicht leichter

Schönheit macht das Leben nicht leichter sondern trügerischer. Die Leute sind nett zu einem, aber nur weil sie etwas haben wollen, und hinter deinem Rücken reden sie über dich. Wenn sie dir Komplimente machen, dann versuchen sie deine Reaktion abzuschätzen. Und wenn man sich schlecht gelaunt zeigt, weil man davon überdrüssig ist, dass dich jemand von sich zu überzeugen versucht, gilt man als arrogant. Sie tun so als würden sie sich für dich interessieren, dabei geht es nie wirklich um deine Person, sondern jeder hat seine eigene kleine Version von dir. Sie kommen mit diesen Vorstellungen und wollen, dass du genau so bist wie in ihrer Fantasie. Jeder will dich dazu bringen etwas zu werden, ihr Freund oder ihr Liebhaber, aber niemand fragt danach, was du in dir drinnen bist. Du bist für sie gleichzeitig das Ziel und ein Hindernis, und sie versuchen dich für sich einzunehmen. Alles was sie sagen, endet mit einer stillen Frage. Es geht immer um ihren Fortschritt, eine bestimmte Reaktion von dir zu bekommen. All diese netten Gespräche sind dürftige Verstecke ihrer Absichten. Sie wollen dich auf eine bestimmte Weise sehen, dass du für sie lächelst und über ihre Witze lachst, dass du von ihnen beeindruckt bist und sie bittest zu bleiben, aber dahinter sind sie ganz anders. Bei all diesem Hofieren denken sie eigentlich nur an sich. Sie haben keine Geduld für natürliche Zuneigung und Freundschaften, sondern sie sind wie Vertreter, die dir ständig einen Fuß in die Tür stellen. Niemand respektiert deinen Wunsch nach Abstand. Niemanden interessiert es, wie du dich gerade fühlst, sondern sie versuchen immer nur sich das Recht zu erkämpfen zu bleiben. Es interessiert sie nicht, ob dir das unangenehm ist, dass du einfach nur wie ein ganz normaler Mensch behandelt werden möchtest, sondern sie erwarten immer nur, dass du der Höhepunkt ihrer Tage bist. Sie jagen dich wie irgendeine bedrohte Tierart, weil sie irgendwie glauben, dass du selten seist.

Antwort auf einen Kuss

Wenn man erwachsen ist, kann man so viele Dinge mit einem Lächeln beantworten auf die keine Worte passen. Es ist die perfekte Antwort auf einen Kuss, wenn er unerwartet kommt und man den Moment nicht verderben möchte. Vielleicht die einzige, weil man innerlich weniger erschüttert ist, nicht so zerstreut wird und sich wieder aufsammeln muss. Stattdessen hält man sich mit einem Lächeln einfach zusammen, und zähmt damit die gesamte Situation. Es ist ein Signal, dass es schön, dass es ok war, und wir uns für den Moment bereit gefühlt haben. Ein Lächeln rundet den Augenblick und dehnt ihn bis zur nächsten Gelegenheit, es macht Mut auf mehr und bedeutet, dass man seinen Frieden nach außen tragen kann. Ein Lächeln ist das Gegenteil davon, sich erst fragen zu müssen ob etwas wirklich in Ordnung war. Es sagt, dass man nichts sagen muss, weil nur das Unvollendete sich gierig mit Sprache verbinden muss.

Der aus uns Sinn macht

Seltsam wie sehr wir uns wünschen von anderen verstanden zu werden, obwohl wir uns oft selbst nicht verstehen. Vielleicht möchten wir ja gerade deswegen stellvertretend verstanden zu werden, vielleicht brauchen wir irgendjemanden, der aus uns Sinn macht, weil unser Leben sonst nur daraus bestünde auf irgendetwas zu reagieren. Jemand der dich wirklich kennt und das was du tust voraussehen kann, gibt einem immer das Gefühl dich zu bremsen. An so jemandem kann man mit seinen Entscheidungen nicht einfach vorbeifliegen, weil er weiß wo unsere Gedanken wohnen und wo man uns finden kann, wenn wir abwesend sind. Ich glaube, dass dich nur jemand versteht, der dir ein Stück weit in dich folgen kann, und der weiß woran wir oft hängen bleiben, wenn wir tief in uns versunken sind. Wir wünschen uns jemanden der uns diese Geheimnisse abringt, auch wenn es uns gleichzeitig die größte Angst macht, weil wir uns dadurch selbst wie in einem Spiegel betrachten können. Jemand der weiß was du denkst, glaubt dir nicht alles was du sagst, weil er in deinen äußeren Lücken nach innen spüren kann, in denen du einfach nur fühlst.

Zauselig

Mit den Jahren wurde der Kater immer zauseliger. Mittlerweile ist er schon ein altes Schmusekätzchen und sieht ein wenig so aus, wie ein Teddybär der einige Zeit auf dem Dachboden zugebracht hat. Vor Liebe wirkt er etwas gebraucht, zu unzähligen Gelegenheiten struppig gestreichelt. Er hat jetzt etwas Wartendes, viel mehr als früher. Als hätte er mit jedem Strich meiner Hände durch sein Fell, wie durch ein Weizenfeld, gleichsam abgestreift mit den vielen Haaren die durch die Luft fliegen, auch etwas Wildes verloren. Seine Bewegungen werden geduldsam und er erstarrt wie ein Gemälde.

Wie Geschichten an dir vorbeigehen

Früher habe ich mich gerne auf dem Bahnhof irgendwo hingesetzt, nur um die Leute dort zu beobachten. Wenn man etwas lange genug beobachtet, wird man ein Teil davon. Man spürt wie diese fremden Leben auf einen abfärben. Wie Geschichten an dir vorbeigehen, schnell oder langsam, und dir Momente aus ihrem Leben erzählen. Du fängst an ihre Geschichte zu antizipieren, lauscht ob du vielleicht eine Stimme zu ihren Gesichtern aufsammeln kannst, ob sie vielleicht unerwartet hell oder dunkel sind. Du besiehst ihre Kleidung, du stellst sie dir nackt vor. Du suchst in ihrer Mimik nach winzigen Ausdrücken, die ihnen vielleicht selbst gar nicht bewusst sind. Und du siehst schnell weg, wenn sich jemand beobachtet fühlt, und du mit deinen Augen zu nahe an ihn herangetreten bist. Man muss die Menschen wie wilde Tiere beobachten und immer darauf achten, dass sie nicht scheuen. Dann gehst du ihnen mit den Augen nach und sammelst ihre privaten Augenblicke die sie fallen lassen und versuchst diese Fetzen wieder zu einem ganzen Schriftstück zusammenzufügen, als ob jemand einen Brief zerrissen und verstreut hätte.

34 Millionen

Der alte Flatscreen wies schon immense Pixelstörungen rechts und links an den Seiten auf. Grün-rote und gelbe Streifen, auf denen kein Bild mehr zu erkennen war. Vor wenigen Wochen hätte er diesen Ausfall auf vielleicht je zwei Zentimeter geschätzt. Jetzt aber, würde er die Problematik bei guten zehn Zentimetern sehen. Eine Frage der Zeit, wann das Display das Zeitliche segnen würde. Es war nicht so, dass sein Konto regelmäßig im Dispo segelte und sich da niemals wieder raus manövrieren könnte, aber so ein Lottogewinn, dachte er … ein neues Auto, ein Olet TV in 85 Zoll, das könnte ihm gefallen.

Die Ziehung der Lottozahlen ging los, er war bei bester Laune und die ersten beiden Zahlen stimmten schon mal mit seinem Schein überein. Er war entspannt, wobei da in ihm dieses leise, dennoch unbedingte, fast drängende Gefühl der Hoffnung, dass jetzt auch die dritte, vierte, fünfte und sechste Zahl mit denen auf seinem Schein übereinstimmte in ihm aufflammte und eine gewissen Euphorie auslöste. Das wird sowieso nichts, versuchte er sich einzureden, wie zur Bekräftigung schüttelte er seinen Kopf. Wie immer eben. Zwei von 49 brachte in Summe eben nullkommanix!

»Zwölf«, zischte er, der Schein lag trotz aller Gedankengänge angespannt in seinen Händen. Diese drängende Hoffnung, die Spielermagie hatte ihn im Griff.

»Zwölf«, verlas die gutaussehende Moderatorin. Er zog die Augenbrauen nach oben.

»Dreiunddreißig«, sagte er grinsend, als wäre es ein Spiel, das auf Leichtigkeit basierte. Solange man nicht alles gewann, ging es ja prinzipiell um nichts.

»Dreiunddreißig«

Seine Hände begannen zu zittern, sein Magen verkrampfte sich und sein Mund wurde trocken, aber er konnte den Blick nicht abwenden. Es blieb ihm keine Zeit, um irgendwelche Bedürfnisse zu erfüllen. Er hatte jetzt vier von sechs. Die kleinen cremefarbenen Bälle drehten sich hin und her, rutschten über Kopf wieder nach unten und sammelten sich in dem farblosen, bauchigen Behälter, nur, um im nächsten Augenblick erneut von den Schienen nach oben geführt zu werden. Sein Blick war hochkonzentriert, der drängende Wunsch und die Hoffnung auf die Millionen beherrschten ihn jetzt.

»Acht«, hauchte er leise. Die Leichtigkeit wich aus ihn heraus, als würde man einem Ballon die Luft ablassen.

»Acht«

Er schrie spitz auf und wollte seine Frau aus der Küche dazu rufen, aber er konnte nicht. Als wäre der Zauber verflogen, sowie man ihn unterbrechen würde. Wie gebannt sah er all diesen 44 Kugeln hinterher. Ein kurzer Blick auf das zitternde Papier in seinen Händen, die fehlende Zahl war …

»Schatz, alles in Ordnung«, drangen die Rufe seiner Frau an seine Ohren. »Ja«, brüllte er laut. Nein, dachte er tief innen.

»Siebenundvierzig«, kam nur noch stockend geflüstert aus seinem Mund. Jetzt hatte er Adrenalin, sein Herz raste und jede Zelle seines Körpers hatte verteidigend Position bezogen als gebe es einen Feind, den es zu bekämpfen galt.

»Siebenundvierzig« erwiderte die Moderatorin wie zur Bestätigung.

Jetzt sackte er in sich zusammen. Das Spiel war vorbei, die Euphorie hatte er gegen andere Empfindungen eingetauscht, denn nun war er sprachlos, geflasht, verängstigt, glücklich, angespannt und gelöst zugleich. Ging das überhaupt, konnte ein Mensch synchron so ambivalente Gefühle haben? Es fühlte sich an wie Hunger bei Übelkeit. Wie fliegen bei heftigster Flugangst.

So also fühlte sich Gewinnen an?

Er hatte sich im Vorfeld nie Gedanken darüber gemacht, wie es sein würde zu gewinnen. Er spielte auch nur, weil alle seine Kollegen und Freunde spielten. Diese eine Möglichkeit eben. Die Chance. So also war es, diese eine Chance bekommen zu haben, fragte er sich. Sein Herz jagte in seiner Brust, er konnte sich nicht bewegen und hatte Schiss, einen Infarkt vor Aufregung zu bekommen. Wie festzementiert, die Augen noch immer auf das defekte TV geheftet. 

Dass die Zusatzzahl ebenfalls mit seinem Schein übereinstimmte, nahm er nur noch am Rande wahr, denn er fragte sich, was jetzt zu tun war. Glich dieses Wochenende bis eben noch einem glücklichen und zufriedenen Zustand in seinem Leben, fühlte er sich jetzt verängstigt, anfällig und durcheinander. 

Seine Frau kam mit den liebevoll zurecht gemachten Tapas ins Wohnzimmer und stellte die kleinen Köstlichkeiten auf dem von ihm gebauten Holztisch ab. Wie im Trance nahm er wahr, dass sie ihm eine Flasche Borbones Rotwein reichte, damit er sie öffnete.

»Was ist mit dir, du bist leichenblass«, hörte er besorgt von ihr.

»Wir haben eben gerade einen Sechser mit Zusatzzahl im Lotto gewonnen« Klar, hörte er seine eigene Stimme, doch er erkannte sie kaum wieder. Seine Frau nahm anscheinend seine Hautfarbe an, denn auch sie war nun leichenblass.

Die eine Chance, doch glücklich sah seine Frau gerade nicht aus und glücklich fühlte er sich auch nicht.

Drei Monate später

Genervt zerrte er die Anfragen und Anschreiben der letzten zwei Tage aus dem Briefkasten. Es mussten um die fünfzig Stück sein, die er gerade in seiner linken Hand stapelte, nur, um sie umgehend in die Papiertonne zu katapultieren. Der Umzugswagen war schon gut gefüllt. Nur noch Kleinigkeiten, dann würden sich seine Frau und die Kinder ins Auto setzen und er sich hinters Steuer drücken, um ganz woanders neu anzufangen. Die Benutzerdaten der großen Lottogesellschaft wurden kurz nach ihrem Gewinn gehackt und seither gab es zusätzlich zu aller Grundnervosität ein Bombardement an Anfragen nach Spenden und Mitgliedschaften, an Vorwürfen und sozialer Ächtung. Wie sollte man sich bei so viel negativem Scheiß denn über einen Gewinn freuen?  

Die eine Chance, dachte er zynisch, denn er liebte diese Stadt, sein Haus und vor allem die selbstgebaute Werkstadt im Keller. Er hatte sie kurz nach dem Einzug liebevoll und pedantisch errichtet. Jede einzelne Schublade gesägt, geschmirgelt, verleimt, alles hatte er aus Holz gebaut. Er war so stolz drauf, dass er keinen Fehler gemacht hatte.

Noch einmal ging er schweigend durch sein Haus, welches jetzt der Makler verkaufen würde, wobei die Summe, also der Erlös keine Rolle für ihn spielte. Es fühlte sich an, als hätte das Haus und alles, was sein Leben vor den 34 Millionen ausmachte an Wert verloren, nicht gewonnen. Das Dachgeschoss war leer. Er ging eins tiefer, die beiden Kinderzimmer waren leer. Die Kinder waren sauer, unglücklich und gestresst, da sie alle Freunde zurücklassen mussten. Der Große mit seinen siebzehn sogar die erste Liebe. Und dabei war ihnen nicht mal klar, warum. Er und seine Frau hatten sich entschieden, es den Kindern nicht zu sagen. Aus Angst, dass sie es einfach aufgrund naiver Freude weiter erzählen würden. Es fühlte sich für beide falsch an, solch einschneidende Veränderungen anzugehen und die Kinder über das Warum zu belügen. Das war definitiv nicht richtig. Er schüttelte sich, um die Gedanken um das Lügenmüssen abzustreifen.

Als er im Erdgeschoss ankam, überlegte er noch einmal in seinen geliebten Garten zu gehen und in seine Werkstatt, aber er konnte nicht. Übelkeit überrollte ihn und er musste sich jetzt hier losreißen. Etwas, dass er vor wenigen Monaten noch für unmöglich gehalten hatte. Er und hier weg? Ausgeschlossen. Nope, nada. Niemals.

Er stieg ins Auto, eisige Stille empfang ihn. Die Kinder ignorierten ihre Eltern, seine Frau kämpfte mit den Tränen, ihre kleinen Hände spielten nervös miteinander. Es war für alle schwer. Als er rückwärts ausparkte und den ersten Gang einlegte, schob sich sein Haus behäbig an ihm vorbei. So, als wollte es das was geschehen ist, rückgängig machen. Als würde es nach ihnen greifen und sagen wollen. Ich bin euer zu Hause, bleibt.

Er sah zur Seite, schaute seine Frau an. Kurz blickte er in den Rückspiegel, sah die Gesichter der Kinder. Dann suchte er im Spiegel seinen eigenen Blick.

Alle sahen aus, als hätten sie diese eine Chance nicht gewollt.