Um den Abgrund

Wir haben um den Abgrund herumgeredet und grundlosen Alkohol getrunken. Eine erdige Note Tristesse passt gut zu dem Abgang von Berührungen, die nicht nach innen dringen. Du warst noch da, aber deine Augen waren schon weg. In ihnen brannte noch Licht, aber niemand war mehr zuhause. Sex war bei uns wie Schach mit unseren Körpern. Der harmloseste Teil von mir wurde am gefährlichsten. Ich küsste dir immer wieder die Gedanken aus dem Kopf, und was wir fühlten war wie Strom, der von unserer Haut geleitet wurde. Wir fickten uns in eine andere Welt. Nicht weil wir geil gewesen wären, sondern weil es der einzige Teil von uns war, der noch funktionierte. Mir tat es leid. Dir tat es leid. Aber statt etwas zu sagen, stöhntest du mir in den Mund, und ließt mich deine Traurigkeit schmecken. Deine ganze Seele tropfte von meinem Schwanz.

Katzenschwermut

Der Kater reagiert schwermütig, als er endlich seinen Willen bekommt, und ich ihm das Fenster öffne. Es entspricht seiner Gewohnheit von der Küche aus seine Umgebung zu inspizieren, während ich ihm nun das Fenster des Wohnzimmers öffne. Als sich meine Hand nähert um ihn beruhigend zu streicheln, maunzt er skeptisch und langgezogen wie ein Theremin. Er muss sich erst versichern, dass es sich dabei was ich ihm darbiete wirklich um das selbe Draußen handelt.

Die österreichische Seele

Die österreichische Seele ist eine geheime Sprache mit wenigen Eingeweihten. Etwas das man nicht ganz richtig, aber auch nicht völlig falsch, als das Gegenteil von Poesie umschreiben könnte: Ein bisschen grob eingebildet, etwas stumpf im Gefühl für Sinn und Zeit, träge und immer drei Schritte zurückgefallen, aber auf einer ausladenden Säule der Gemütlichkeit errichtet. Während ich den amerikanischen Enthusiasmus immer als höchst affektiert empfunden habe, erscheint mir die österreichische Bärbeißigkeit grausam aufrichtig. Eine kollektive Anstauung von Wut über die niemals grüßenden Nachbarn, den charakteristischen Anwuchs des Ausländeranteils im Straßenbild, und das zimperliche Nüchtern-werden im betrunkenen Weltschmerz auf dem Nachhauseweg. Und als Gegengewicht nur noch die große große österreichische Freude, irgendetwas gerade NICHT tun zu müssen.

Post-Kindheit

Über meine Kindheit verteilt liegt sehr viel Verlorenes. Die Abwesenheit dieser verlorenen Dinge ist vielleicht sogar das, was mich zu einem Erwachsenen werden ließ. Seltsame Dinge, die seltsame Schatten werfen, die mich berühren und melancholisch werden lassen. Ich spüre sie überall dort, wo sie gar nicht hingehören. In den Titelliedern alter Zeichentrickserien aus meiner Kindheit, deren Texte ich so sehr verinnerlichte, dass ich heute noch jedes Wort auswendig kenne. Etwas zupft an meinen Seiten, wenn ich sie höre. Dieses Gefühl rapide zu altern, aus der Post-Kindheit, in der man eigentlich schon erwachsen geworden war, aber in dem noch deutlich mehr Jahre aus dem eigenen Leben, als Kind verbracht wurden, gegenübergestellt der geringeren Summe der Tage, die man seit dem Erwachsenwerden zählt, aus dieser Zone endgültig verbannt worden zu sein. Ich bin sehr altes Sich-erinnern, an sehr junges Leben. An die Bedeutungen von Pfützen und das Spucken gegen den Wind. Ein seltsames Gefühl verlassen zu werden, wenn man gleichzeitig derjenige ist der geht, und der bleibt. Die Zungen der Zeit, ihre Sprache ist das Vergessen, wenn wir uns immer wieder teilen wie Regenwürmer, denen die Phantomgegenwart schmerzt, des Zurückgelassenen, alles was wir aus Zeit und Gründen nicht mehr sind.

Winter in Badisch Sibirien – Part IV

Ich stehe am Hauptbahnhof einer mittleren Großstadt und bin völlig ehrfürchtig, weil ich pünktlich angekommen bin. Harte Geschichte nachdem immerhin Dinosaurier und Bomben gefunden und ganze Loks abhanden gekommen sind. Da willste einmal auf der Rückreise rummaulen, weil die Deutsche Bahn es mal wieder verkackt hat. Und was ist? Sie ist pünktlich. Ich warte also auf meinen ICE, in welchem ich natürlich keinen Platz gebucht habe. Da ich noch vor ein paar Augenblicken davon ausging, dass ich nach Hause laufen würde, schaffe ich die knapp hundert Kilometer auch im Stehen.

Schließlich war ich nüchtern. (kicher)

Jetzt muss ich nur zwölf Minuten warten und da schreibt mir meine Schwester, dass sie ihre Weiterbildung bestanden hat. Wie toll, denke ich und schnappe mir sofort mein Handy, um sie anzurufen. Was nur semi klappt, denn sie geht nicht ran. Ich latsche ein wenig den Bahnsteig hoch und runter, da es kalt ist. Dann die Durchsage. Zug kommt. Perfekt. Just als der ICE einrollt, klingelt mein Handy. 

Schwesterherz! 

Ich gehe ran (logo) und freue mich mit ihr und ihren Erfolg. Sie erzählt mir von der Abschlusspräsentation, vom Lampenfieber, weil sie das zu selten macht und der Freude, dass alles souverän gemeistert zu haben. Ich höre ihren euphorischen Tönen zu und finde nebenbei einen ungebuchten Platz und pflanze mich dahin. Wir reden so eine Minute, da merke ich, dass jemand sich mir annähert. 

Eine Frau. Blond. Um die Mitte fünfzig.  

Ich habe meine Schwester am Telefon und diese Frau fängt an mit mir zu sprechen. Das wirkt komisch auf mich. Ich kann beiden nicht folgen, das ist frustran, aber eigentlich egal. Meine Schwester redet und ich nehme wahr, dass mich die fremde Frau eigenwillig darauf hinweist, dass ich mich im Ruheabteil befinde. 

Aha. 

Ich sage meiner Schwester, dass wir auflegen müssen, und schreibe ihr sofort eine WhatsApp, dass das typisch deutsch ist. Dann fällt mir auf, was ich an der Art und Weise so eigenartig fand. Diese Frau tat bei der Rüge für mich so, als wäre sie dazu gezwungen, mich zu rügen. Getreu dem Motto, ich verstehe ja auch nicht, was das Theater soll, aber ich muss sie drauf hinweisen. 

Was ein Scheiß. 

Ich bin still, schließlich ist es ein Sei-Still-Abteil. Wobei meine linke Hirnhälfte viele kreative Ideen hat, was ich jetzt in dem Abteil tun könnte. 

Gut, wir halten erneut und es steigen zwei Herren in das Klappe-halten-Abteil. Sie setzen sich an so ne Viererkonstellation mit Tisch in der Mitte und der ältere von beiden zückt umgehend Zettel und Stift, um dem Jüngeren was Mathematisches zu erklären. Ich möchte das auch verstehen und so höre ich den beiden aufmerksam zu, bis mir zwei Dinge auffallen:

Ich komme nicht mit, was sich die Herren in den schicken Anzügen erklären, und ich wette, der Jüngere am Tisch auch nicht, obwohl er so tut. 

Das! hier ist das Sei-jetzt-still-Abteil! 

Krass … jetzt warte ich darauf, dass Mutti erneut aufspringt, um den Anzugträgern ebenso verzweifelt und authentisch nahezubringen, dass man hier den Mund halten muss. 

Schließlich findet sie diese Scheißidee hier drin auch ätzend, aber Regel ist Regel. Komme was da will, oder wer!

Oder etwa nicht?

Ich warte so zwei Minuten und denke, dass es jetzt aber Zeit wird, die eiserne Regel hier umzusetzen, aber es passiert nichts. Was macht den Unterschied, frage ich mich und komme fix darauf, dass es die Anzüge sein müssen. 

Ich fühle mich ungerecht behandelt. Was ist schon ein Telefonat im Kontrast zu ewigen mathematischen Erklärungen im Halt-die Fresse-Abteil? Kurz überlege ich aufzustehen und die Dame zu fragen, was nun ist. Ist zwar ne Kackregel, die ihr und mir nicht gefällt, aber nun …

Naja, was solls. Plötzlich sitzt eine super nette Frau neben mir und ich fange ein Gespräch mit ihr an. Natürlich bin ich gezeichnet von den Regeln in diesem Abteil, aber so nach 40 Sekunden ist es mir ganz egal, schließlich dürfen alle anderen ja auch quatschen. Außer die Mahnmeisterin, ich habe angenommen, dass sie den ganzen Abend geschmollt hat. 

Sie wollte die Regeln ja auch nicht, hatte sie suggeriert. Wer weiß, vielleicht haben wir ihr ja über ein Trauma geholfen und ab sofort kann sie im Halt-die Fresse-Abteil ebenfalls mathematischen Kram frönen, oder einfach mit netten Menschen qautschen.

The End (Die Deutsche Bahn ist schuld. Sie war pünktlich, sonst hätte es noch weitere Teile gegeben. So 24.)

Winter in Badisch Sibirien – Part III

Irgendwann bin ich doch eingeschlafen und freue mich sehr, dass mich die Kälte bereits 05:30 Uhr nach gefühlten drei Stunden Schlaf wieder hat wach werden lassen. Ich liege über eine Stunde vor Wecker klingeln in meinem Bett und weiß nichts mit mir anzufangen, da ich mich weigere, wach zu sein. Schlafen kann ich aber auch nicht mehr.

Patt.

Gut, ich schnappe mir mein Handy, habe Hunger und könnte dringend eine warme Dusche gebrauchen. 

Oder Urlaub. 

Eine funktionierende Heizung?

Wärmflasche!

Ein guter Kaffee würde mir auch helfen, aber sechs Uhr morgens gehe ich dafür nicht los. Ich akzeptiere meinen wachen Geist, stehe auf und mache mich im Bad fertig, da meine Augen noch nicht in der Lage sind zu lesen. Ich ziehe mich schnell an und sitze ähnlich ratlos hungrig wie vor gefühlten drei Stunden.

Mein physischer, wie psychischer Zustand ist konsequent, finde ich. Mir fällt spontan ein, dass ich dieses Hotel für Anfang Januar nochmal gebucht habe und weiß, dass ich es lächelnd stornieren werde. Aber nicht sofort, ich habe Angst vor Repressalien und werde erst im Zug nach Hause stornieren. Nicht, dass die mir die zehn funktionierenden Prozent meiner Wohn/Schlafzimmer Heizung auch noch abstellen.

Dann wäre ich am Arsch. 

Ich fahre also zu meinem Job, mache den ziemlich gut und kehre gegen Abend zurück in den 12 qm Eispalast. Da ich heute Abend in einem Restaurant was gegessen habe, friere ich wesentlich weniger und freue mich darüber. Was Käsespätzle alles können, denke ich und pfeife anerkennend durch die Zähne.

Ich kann die zweite Nacht gut schlafen, wache auf und packe meinen nichtvorhandenen Koffer. An der Rezeption steht ein Mann aus der ehemaligen DDR und spricht mich mit Thüringer Bratwurst Akzent an, ob meine Klimaanlage da an der Wand beim Schrank auch so laut war. Ich lächle freundlich und sage, dass meine Klimaanlage auch laut war, aber direkt über meinem Kopfkissen hing. Der Typ ist geladen und er hat Recht.

Er storniert umgehend. Ich sehe ihm an, dass anscheinend jeder in dieser Bude nur drei Stunden Schlaf bekommt. Vielleicht ein therapeutischer Ansatz? Ich weiß es nicht. 

Meinen zweiten Tag mache ich meinen Job auch gut und sitze pünktlich in meinem Zug nach Hause. Was auch immer im Universum passiert ist, erschließt sich mir nicht, aber ich bemerke, dass der Zug pünktlich ist.

Er ist pünktlich. Der Hammer. 

In der App schaue ich selbstbewusst, inwiefern mein Anschlusszug auch pünktlich ist und lese drei interessante Nachrichten. Jede einzelne mit einem fetten roten Ausrufezeichen versehen. 

1.     Fliegerbombe gefunden – kann alles dauern!

2.     Irgendein Triebwagen ist irgendwo abhanden gekommen und dadurch ebenfalls  – kann dauern!

3.     Ich erinnere mich nicht. 

Gedanklich produziere ich einen weiteren Grund. 

4. Sehr geehrte Damen und Herren und Diverse und wer auch immer …

Überraschenderweise ist es Dezember und damit kalt. Noch überraschender haben wir auf IHREM Weg nach Hause ein 800 Millionen Jahre altes Skelett eines noch nie zuvor gesehenen Dinosauriers gefunden, welchen wir selbstverständlich mit einem Teelöffel ausgraben werden. Bitte haben Sie Verständnis und laufen sich die verdammten Käsespätzle ab. 

Ich muss lachen, dass muss der sogenannte Galgenhumor sein, denke ich und bin wirklich belustigt darüber. 

Ich denke darüber nach zu Fuß zu gehen. Wie lange brauche ich für über 80 km? Was könnte ich zum Abendbrot essen bei dem Kalorienverbrauch?

Mir jetzt völlig Latte, was die gefunden, verloren oder mit nem Teelöffel ausgraben müssen, irgendwann werde ich zu Hause sein.

Lächelnd storniere ich das Hotel. Konsequent und so.

Coming soon. Part IV.

Winter in Badisch Sibirien – Part II

Logo, ich bin eindeutig im Teil des Hotels, der nur den Mitarbeitern zugänglich sein sollte und bin traurig, weil dieser Teil des Hotels nicht wirklich schön ist. Dazu lieblos und kalt und ich meine wahre Kälte. 

S-I-B-I-R-I-E-N

Da ich noch nicht zu hundert Prozent weiß, ob es nicht doch im Bereich des Möglichen liegt, dass das mein Hoteltrakt ist und ich mich zum Personal kuscheln muss, überlege ich, ob ich um die späte Uhrzeit (20:30 Uhr) noch mit der Deutschen Bahn nach Hause zurückkommen würde. Sind ja nur 150 Kilometer …

Ausgeschlossen! Nein. Niemals.

Ich könnte laufen!

Gut, dann überlege ich, da es ja keine Zimmernummern gibt, dass es eine weitere Treppe geben müsste. 

Latsch, latsch, latsch. Zweite Treppe gefunden. 

Im zweiten Obergeschoss ist tatsächlich mein Zimmer. Ich schließe es auf, nachdem ich gefühlte 18 Stunden unterwegs war und stehe im allerwahrsten Sinne in badisch Sibirien. Ich habe ernsthaft noch nie im Leben ein so eiskaltes Hotelzimmer betreten und ich frage mich, warum wir Deutschen nur extrem können. 

Entweder extrem gut oder extrem schlecht. 

Also gar nicht geheizt! Seit Winter 1994!

Gut, ich drehe die Heizung auf, weil 12 Grad im Schlafzimmer bedeuten, dass ich auch auf dem Hof hätte schlafen können.

Für 90€ die Nacht. 

Ohne Frühstück. 

Die Heizung rotzt, grummelt und macht aberwitzige Geräusche und ist nach 30 Minuten so zehn Prozent heiß, der Rest des Metalls ist und bleibt kalt. Muss ich nun immer einen Entlüftungsschlüssel mitnehmen? Braucht Frau heute so einen Werkzeugkoffer?

Könnte das ne Marktlücke sein?

Kurz wäge ich ab, gleich auf dem Innenhof zu nächtigen, als mir sowas wie eine Klimaanlage direkt über meinem Bett auffällt. Ahh, da kam das Zwischengeräusch her, denke ich und schaue mir das Teil genauer an. Nach sieben Sekunden sehe ich ein, dass ich null Ahnung habe, wie ich das Teil bediene, jage es aber hoch auf 26 Grad, schließlich hat mein 12 qm kleines Zimmer noch immer nur 12,1 Grad. 

Es passiert nichts! Also die Heizung im Wohn/Schlafzimmer geht nicht und die Klimaanlage direkt über meinem Kopfkissen geht auch nicht, denn die Luft bleibt kalt. Ich stelle zurück von 26 auf die voreingestellten 22 Grad und bleibe ratlos in meiner Winterjacke sitzen. 

 

Versteckte „wir sparen Gas“ Kamera?

Davon ab, wer baut bitte eine Klimaanlage so 50 Zentimeter über ein Kopfkissen? Frozen Face im Sommer? Ich könnte mit dem Kopf ans Fußende wechseln, finde aber, dass ich ja dann in den ganzen Füßen meiner Vorschläfer liege und finde den Gedanken nicht akzeptabel.

Ich sitze immer noch ratlos auf dem Bett. In voller Montur.  

Ich fühle mich wie das Michelin Männchen und sehe ein, dass ich so nicht schlafen kann, die knisternde Jacke, die Stiefel im Bett und in Jeans schlafen geht nicht.

Also, zack, Schlafzeug angezogen, Zähneputzen und ins Bett. 

 

 

Kalt.

 

Kalt.

 

Immer noch kalt.

 

Ich brauche eine Lösung, da mich die Kälte nicht einschlafen lässt. 

 

Die Klimaanlage auch nicht.

 

Die fehlende Thüringer Bratwurst vom Weihnachtsmarkt auch nicht.

 

Der nichtvorhandene warme Kakao mit Cointreau auch nicht.

 

Die fehlende Million auch nicht.

 

Während ich unter der synthetischen Decke friere, überlege ich, wie ich dieses Hotel nur bewerten soll?

 

Coming soon. Part III

Winter in Badisch Sibirien – Part I

Klingt nach einer spannenden Story. Oder nach einer Kalten. Darf jetzt jeder bei der Überschrift denken, was er will.  Nein, ich gendere nicht! 

Februar 2022

Es war einmal eine freiberufliche Dozentin, die Anfang des Jahres unter schlimmsten pandemischen Bedingungen nach Badisch Sibirien reiste und nicht wusste, dass hier also der eisige Hammer hängt. Da die Pandemie in vollem Gang war, durfte ich bei meinem unbekannten Asiaten des Vertrauens nach der Bestellung draußen vor der Tür warten. Naja, nicht so schlimm, dachte ich, schließlich waren ja zwei Grad plus und Regen. Außerdem wusste ich ja noch nichts von Sibirien mitten in Deutschland. Wobei das nicht mittig liegt, eher unten, aber nun denn, wer will jetzt schon so genau auf die Geografie schauen. Es war kalt!

Und während ich da so eine Minute stehe, friert mein gesamter Körper auf Knopfdruck und ich habe das Gefühl, dass ich weinen möchte, obwohl ich dazu nur bei Trickfilmen neige, weil die eben die stärksten Botschaften haben, damit die Knirpse das auch verstehen. In jedem Fall hample ich vor der Bude von einem Bein aufs andere und wünsche mir acht weitere Beine. Passiert halt einsA nicht. Fast laufen mir die Tränen, aber der Asiate hat Mitleid und reicht mir ruck zuck mein Essen in nachhaltigem Plastik durchs Fenster und ich stürze zum Auto. Mir wird klar, dass ich wirklich keine zehn Sekunden länger durchgehalten hätte, so kalt war es dort. Später werden mir die Fortbildungsteilnehmer sagen, das wäre alles normal – wir sind in badisch Sibirien. Während sie das sagen, lachen sie alle. Verstehe ich nicht. Das war nicht witzig!

 

Das Jetzt:

Bei der Deutschen Bahn gehen nur zwei Wege. Warten oder Rennen. Das klingt so verdammt banal und ist doch die Wahrheit. Na, in jedem Fall musste ich auf der Hinfahrt nach Sibirien vor kurzem warten, denn die App benachrichtigte mich in einem halbstündlichen Takt, dass mein Zug Verspätung haben wird. 

 

1.     10 Minuten – gut, kompensierbar, denke ich. Muss ich beim Umsteigen nicht so lange warten.

 

2.     Nochmal 10 Minuten später – jut, jetzt im Modus 2 = rennen angekommen. Nervt zwar, aber da ich ja zehn, nee zwei Beine habe, müsste das funktionieren. 

 

3.     Ihr Zwischenstopp in.der.Stadt.wo.ich.umsteigen.muss, fällt aus. Bitte suchen sie sich alternative Routen! 

 

HaHaHa. Selten so gelacht.

 

Nee, oder? Das kann ich nicht glauben, denke ich und atme erst mal tief durch, bevor ich nen Anfallsleiden bekomme. Was stimmt mit denen nicht? Ist das ne Art Spiel? Was kann ich den rennenden oder wartenden Kunden zumuten? Warum machen sie nicht noch Rätselraten dazu, damit man dann seine alternative Route auch nicht bekommt, weil man intellektuell zu doof war? 

Egal, das Ende vom Lied war, dass ich zwei Stunden später ankam, nachdem ich seit kurz vor sieben morgens auf Arbeit war und nach Feierabend an den eisigen Arsch gefahren bin. 

Es ist natürlich stockdunkel als ich aus dem Zug steige. Nebenbei merke ich, dass ich keine zwanzig mehr bin, denn ich bin hundemüde. Mich entschädigt der Weihnachtsmarkt, der mich in der gemütlichen kleinen Stadt empfängt. 

Überall sind Lichter, große, schöne Lichter. In den Bäumen, vor der Kirche, dem Marktplatz. Ich erfreue mich daran, dass nicht alles abgeschaltet ist bei den Strompreisen und überlege, ob ich etwas essen sollte. Da es aber bereits weit nach zwanzig Uhr war, entschied ich mich dagegen, was ich in spätestens einer Stunde bereuen werde, und ich weiß es jetzt schon. Das finde ich wirklich cool, aber ich bin eben konsequent. Daran erkennt man klar, dass konsequent sein nicht zwangsläufig etwas Positives ist.

Also gut, es ist nur ein kleiner Weihnachtsmarkt, dafür aber unendlich schön und so laufe ich drüber und überlege jetzt, ob ich einen Glühwein trinken soll. Dann erinnere ich mich daran, dass ich Glühwein überhaupt nicht mag. Ich mag Schwarzbier, aber das hat hier leider keiner. Keine Bratwurst, kein Bier. Aber ein verspäteter Zug und ein Lichterabend in Sibirien. *Yeahhhh

Ich laufe also zum Hotel und finde an der Rezeption ohne Menschen einen Briefumschlag mit meinem Namen drauf. Ich bin Datenschutzbeauftragte auf Arbeit (macht das bloß nicht!) und kann mir ein Grinsen nicht verkneifen. 

2. OG – steht auf dem Umschlag. 

Hinter mir ist eine Treppe und ich latsche nach oben. Ein Wäscheständer voller Schlüpper empfängt mich und eine offenstehende Toilette, die gefühlt 80 Jahre alt ist.

 

Ich schaue an alle Türen, aber nirgends sehe ich eine Zimmernummer. 

 

Wo bin ich?

 

Coming soon. Part II

Aberglaube der Sentimentalität

Wenn man mit etwas abgeschlossen hat, aber es dann doch wieder hervorholt, Dinge wieder tut, die man nicht mehr tun wollte, oder jemanden aus der Vergangenheit trifft, von dem man sich trennen wollte, ist das wie mit einer Taschenlampe gebückt durch eine dunkle, muffige und feuchte Höhle zu kriechen. Man denkt es wäre vielleicht ein Abenteuer. Dunkle Vergangenheit in der doch irgendwas sein könnte. Aber man findet gar nichts und weiß es eigentlich, bis auf den Aberglauben der Sentimentalität.

In einem Fahrzeug

Als ruhender Punkt eines Beobachters, in einem Fahrzeug auf der Autobahn, verändert die passive Geschwindigkeit alles. Entfernungen, die du am Horizont erkennst, bedeuten nicht mehr das selbe, weil alles um dich herum zu fließen beginnt. Alles auf vertikaler Ebene wird gestaucht und magnetisch von einem angezogen. Man schneidet wie ein Messer durch die Landschaft, und der Farbverlauf der Geschwindigkeit irisiert alles unscharf Vorbeifliegende zu Märchenfiguren, für deren Geschichte man zu schnell ist.