Seele einer fremden Welt

Die ersten Zeilen in einem Buch sind wie ein Sprung in kaltes Wasser. Man taucht in die Seele einer fremden Welt, und an ihrem tiefsten Punkt findet man vielleicht etwas Vertrautes, das man von dort bergen und mit in das eigene Leben nehmen möchte. Alles was die Welt nicht sagen kann, aber von dem man weiß, dass es irgendwo doch existieren muss, weil es unsichtbar an alle Worte angenäht ist, die einem unausgesprochen im Hals stecken, all das steht dann plötzlich in irgendeinem Buch mit so unerwarteter Klarheit. Und dann hältst du es in der Hand, dieses gebrauchte Wunder, das alles schon mal gesagt hat, was du je sagen wolltest, und du frisst seine Geschichte mit deinem Herz wie ein wildes hungriges Tier.

Anfangspunkt

Ich habe mir das Schreiben ausgesucht, da ich ein sehr guter Beobachter bin, auch weil ich in meinem frühen Leben so passiv war, und meine Angst vor Menschen paradoxerweise dazu führte, dass ich mich sehr für ihre Wesenhaftigkeit interessiere. Ich wollte meine Ängste verstehen, und darum wollte ich die Menschen verstehen. Das führte bei mir zu einem seltsamen Amalgam aus Distanz und Nähe, das ich empfinde, wenn ich sie betrachte. Ich halte mich für relativ intelligent, aber habe keine besonderen Fähigkeiten kultiviert, und deswegen, weil man beim Schreiben immer wieder bei Null beginnt, dass ist der wiederkehrende Anfangspunkt von Prosa und Lyrik, das weite, weiße Papier und die Einsamkeit der eigenen Gedanken, die man mit dieser Leere zu etwas verbindet, worin sich das eigene Leben ein Stück weit verankert. Schreiben ist eine Fiktion, aber etwas das sich für mich unglaublich echt anfühlt, weil ich dabei ein Stück meiner eigenen Grenzen aufheben kann. Es ist reflektierend und auf das Leben bezogen, aber gleichzeitig hat es auch einen meditativen Charakter. Es hilft mir sowohl Dinge heranzuziehen, als auch diese loszulassen, und mein eigenes Leben, in viele kleinere Leben zu zerteilen, und die Module meiner Seele beliebig zusammenzusetzen, indem ich mir einen eigenen inneren Kosmos gebe, worin ich tauchen kann, in einer Welt ohne Unterscheidung zwischen Betrachter und Betrachtung, und auch wenn ich das Wort scheue, würde ich es als meine Religion bezeichnen. Weil Schreiben eigentlich etwas ist, das ich immer schon getan habe, etwas das eigentlich nur die Fähigkeit zu denken und sich zu wundern ist, auch vor meinem Beschluss es durch Niederschriften zu konservieren und festzuhalten. Ich habe diese tiefe Reflexion, welche bei mir zwanghaft ist, in etwas verwandelt, mit dem ich mich mir selbst gegenüberstehe, und durch diese Form von Kunst gelernt zu gleiten, wo ich sonst nur Widerstand spüren müsste, weil ich ohne all das einen Teil von mir immer als abwesend empfinden würde, wenn ich das Bedürfnis habe mich gedanklich mit den Dingen rück zu verbinden. Das ist für mich Physik, Chemie, Mathematik und Religion. Das ist mein Skelett der Realität, meine Magie. Ich habe dadurch etwas Entkerntem seine Mitte zurückgegeben.

Ich frage mal aus Neugierde: Liest das hier eigentlich irgendjemand? Traffic ist ja manchmal doch vorhanden, auch wenn es sich sonst nicht abzeichnet. Was mir recht sein soll. Hauptsächlich schreibe ich für mich selbst, und ich mach das zusammen mit einer Freundin, was ich ziemlich cool finde, ein gemeinsames Ding zu haben.

Casino Royal

Als er auf dem Weg zu seinen Freunden war, hatte er keinen blassen Schimmer, was ihn an diesem Abend erwarten würde. Sie wollten mal wieder zusammen sitzen, quatschen. Vielleicht ein Bier trinken. Meistens sprachen sie über die Arbeit, über ihre Partnerinnen oder Fußball. Ja, er saß bei ihnen und ja, er lachte auch mit ihnen. Aber irgendwie fühlte er sich nicht zu hundert Prozent, wenn er in dieser Runde saß. Warum auch immer, er wusste nicht, was das alles bedeutete. Er zuckte im Dunkeln die Schultern. Vielleicht lag es einfach an ihm selber, dachte er.

Am richtigen Mehrfamilienhaus angekommen, klingelte er bei seinem Freund und wartete auf das summende Geräusch, um dann die Treppen nach ganz oben immer in Zweierschritten zu nehmen. Gesagt, getan. Als er oben ankam, wehte ihm eine Mischung aus Bier, Zigarettenqualm und abgestandener Luft entgegen. Sein Kumpel begrüßte ihn und klopfte ihm überdimensioniert auf den Rücken, was ihn fast nach vorn fliegen ließ, obwohl er durchaus seine 90 kg auf knapp zwei Meter wog. Alle waren schon ordentlich angetrunken. Viele hatten also ihren Pegel für heute erreicht. Er schnappte sich ein Bier aus dem Kühli und schritt hölzern ins Wohnzimmer. Eine Traube von acht Männern saß im Halbkreis und schrie sich mehr an, als das sie normale Konversation betrieben. Puh, dachte er. Saufen oder Gehen. Mehr Option sah er gerade nicht und da er die Rolle des Spielverderbers auch nicht so gern trug, setzte er das Bier an und leerte es in wenigen Sekunden. Dieses Unterfangen wurde lautstark von den anderen begrölt. Wenn die wüssten, dachte er, dass er nur trank, um diese grölende Masse zu ertragen. Mit einem gespielten Grinsen prostete er der testosterongeladenen Masse zu und ging erneut in die Küche, um sich Bier Nummer zwei zu holen.

Nach Bier Nummer acht kam irgendwer auf den Plan in das neugebaute Casino zu gehen. Ein paar Euro verspielen. Keine so schlechte Idee, fand er. Oder sein besoffener Kopf. War jetzt nicht ganz klar, wem hier was gefiel. Also mündete die einzige Idee des Abends in einem allgemeinen Aufbruch und die Meute lief ins Casino. Dort angekommen sah er sich zuerst um und war erstaunt, wie viel Glitzer und Prunk in so einem Etablissement normal zu sein schien.

»Krasss«, seufzte er leise und während die Jungs alle eifrig Geld in Jetons tauschten und wie kleine Kinder in diesem riesigen Saal ausschwärmten, wollte Jim sich erst mal umsehen. Rechts: Einarmige Banditen soweit sein angetrunkenes Auge reichte. Alles stand auf rotem Teppich, überall prangten goldene Kordeln als Abstandshalterungen. Interessant, fand er. Etwas schwammig auf den Beinen lief er langsam weiter. Geradeaus erspähte er den klassischen Roulette Tisch, um den sich einige Menschen angesammelt hatten. Interessierte ihn nicht. Er neigte seinen Kopf nach links.

»Na, schöner Mann. Wie sieht es aus, Lust auf eine Runde Black Jack«, fragte eine engelsgleiche Frauenstimme und obwohl sein Fokus auf der linken Seite des riesigen Raums lag, sah er nichts.

»Klar doch«, haute er so souverän wie möglich und drehte sich in die Richtung aus der diese liebliche Stimme kam. Nichts.

»Häää«, er hielt inne. Was war das denn. Er rieb sich leicht gestresst die Nasenwurzel und musste für sich festhalten, dass er definitiv zu viel getrunken hatte. »Keiner …«, bestätige er nochmal für sich selbst, denn es war keiner in seiner Nähe. Zwar waren hier einige Frauen, aber keine so nah, als dass sie mit ihm hätte sprechen können. Komisch, fand er und fühlte sich magisch vom Black Jack Tisch angezogen, obwohl er absolut kein Spieler war.

Irgendwas stimmte hier nicht …

Am Tisch angekommen nickte der Geber ihm kurz zu, um ihn zum Spielen zu animieren. »Nein, nein, ich schaue erst mal«, sagte er mit einer Coolness, die er von sich nicht kannte. Am Tisch saßen sechs Spieler und seine Augen beobachteten alles, was am Tisch passierte. Obwohl er die Wirkung des Alkohols ganz präsent fühlte, machte sich sein Kopf irgendwie selbständig, denn er bekam jedes noch so kleine Detail mit. Der Geber mischte das Kartenspiel, teilte aus. Jeder bekam zwei Karten. Mal überkaufte sich ein Spieler, mal der Geber. Mal gewann der eine, mal verlor er wieder. Das alles hielt sich in einer guten Waage. Irgendwie wurde er das Gefühl nicht los, dass der letzte am Tisch, der der ganz links saß einen großen Einfluss auf den gesamten Tisch hatte. Und irgendwie wusste er, dass er dieses Spiel in Perfektion beherrschen würde, obwohl er es noch nie gespielt hatte.

Aber der Platz war vergeben.

Er schaute auf den Mann, der diese Box belegte und schüttelte leicht seinen Kopf, da er kaum eine Chance für sich sah … als …

»Geh, setz dich hin«, raunte diese wundervolle Stimme und verwirrte ihn wieder, denn es war niemand da. Dennoch gehorchte er und setzte sich an den Platz, der eben frei geworden war. Er zog seinen Geldbeutel aus der Jeans und holte Geld heraus.

Und dann … tauchte er in ein berauschendes Spiel ein, denn sein Gehirn machte etwas, was bisher nur zu wenigen Prozenten da war. Es funktionierte. Alles, was am Tisch passierte wurde von seinen grauen Zellen registriert. Was ein Hochgefühl. Hatte der Geber als erste Karte eine sechs, schwirrte ihm durch seine grauen Zellen, konnte der Tisch zu einem hohen Prozentsatz gewinnen. Und er war mit dem letzten Platz am Tisch das Zünglein an der Waage.

»Erhöhe den Einsatz «, befahl die engelsgleiche Stimme, die ihn den ganzen Abend begleitete und er erhöhte den Einsatz. Er spielte und spielte, alles um ihn herum verschwamm zu einem glamourösen Irgendwas.

Sein Smartphone piepste und er wunderte sich, warum er das überhaupt hörte … schließlich war die Lautstärke in diesem Gebäude im Laufe der Zeit immer lauter geworden. Er ignorierte das Piepen.

Stunden später erwachte er in seinem Bett. Sein Kopf schmerzte aber er grinste, denn sein Traum, ein Star im Black Jack zu sein, war super real in seinem Kopf und hallte noch ordentlich nach.

Er hatte noch alles an. Jacke, Jeans, Schuhe. Verrückt, dachte er und versuchte sich an irgendwas zu erinnern. Nichts.

War da nicht …, überlegte er und öffnete widerwillig sein linkes Auge. Schnell schloss er es wieder, der Tag war ihm im Moment zu hell. Ja, mit den Jungs einen trinken war am nächsten Morgen halt immer heftig, dachte er. Er würde noch liegen bleiben, weiterschlafen, … wobei sein Traum echt krass gewesen war. Er und Zocken, dass er nicht lachte.

Als er sich in seinem Bett drehte, rutschten acht Rollen mit Geldscheinen aus der Jackentasche. Der Stapel aus der Jeans lugte ebenfalls hervor …

Ösenknöpfe

Ihr Blick ist gesenkt und sie nestelt an ihrem Smartphone herum. In ihren Augen die winzige Spiegelung der Social-Media. Eine Bank der Einsamen, in die man seine Zeit einzahlen kann, um sich dann eine gute Rendite zu erhoffen, wenn man irgendetwas sagt, das so gesagt ist, dass es wie ein Puzzleteil in die Sammlung von Nebensächlichkeiten eines anderen passt. Das analoge Klackern fehlt, kein Hufgetrabe winziger Pferde, nur das Schlieren der Finger auf dem Display, wie beim Eislaufen über einen zugefrorenen See. Sie sitzt fest, wie so viele andere, in der zu langsamen Zeit, die sie elektronisch zu beschleunigen, weil eine ganze Generation die natürliche Bedeutung des Wartens verlernt hat. An der obersten Stelle ihrer Bluse ist ein Knopf umgenäht, ein einsamer quietschgelber Migrant, in einer farbigen Revolution gegen das konservative Grau der Ösenknöpfe. Sie atmet so als es verboten wäre. Sie hält kurz die Luft an, immer wenn sie sich aufregt. Ihre Handflächen schweben über dem Bildschirm und werden einseitig beschienen, wie von einem winzigen Lagerfeuer. Da passieren Dinge, Briefkriege und Wortspiele, in einer Welt neben der Welt, während sich die kompakten Chipsätze im inneren des Gehäuses erhitzen. Es ist eine komische Zeit, nicht wirklich Frühling, wie festgeklemmte Klarviertasten auf der die Zeit ihr Lied zu spielen versucht.

Strichchen

Immer versuche ich mich so ein bisschen in den Windschatten der Zeit zu stellen, weil ich älter bin als ich es gefühlt eigentlich sein sollte. Also versuche ich manchmal aufzuholen, in dem ich warte, bis sich ein Sog der Gelegenheit ergibt. Dann sitze ich hier, als das älteste Kind der Welt, in Erstaunen wie groß das Leben ist, wenn man immer wieder versucht kleine Strichchen an Anfang und Ende zu malen, weil man markieren möchte, wo das alles eigentlich anfängt und wieder aufhört, als Ersatzwissen darüber, wie man hier eigentlich hingekommen ist. Und die Zeit ist komisch, also suchst du dir genauso komische Musik, und gleichst es damit aus. Ein Trick an den du dich noch erinnern kannst, aus einer Zeit in der du noch nicht so klug warst nicht an Magie zu glauben.