Ich halte die Kaffeetasse fest in beiden Händen, weil ich die ausstrahlende Wärme an meinen Handinnenflächen mag. Das ist das Schönste was Kaffee für einen tun kann, dir dieses Brutkastengefühl zu geben. Tröstlich mit den Fingerspitzen über den glatten Rand schlittschuhzulaufen.
Kotelettknochen hinterm Ohr
Warum haben wir Deutschen für fremde Menschen aus anderen Ländern mehr Bereitschaft zu spenden als für Menschen im eigenem Land?
Ich hab ne Hypothese!
Ich glaube ja, dass Westdeutschland nen Kotelettknochen hinterm Ohr hat, sie sind quasi so satt, dass sie den Welthunger stillen könnten. Nach dem zweiten Weltkrieg ging es immer weiter Richtig Wohlstand. Es gab nur eine Richtung, nach vorn. So viele Jahre blindes Vertrauen in Politik und Medien. Das macht anscheinend Gedankenträge.
Die Ostdeutschen hatten ja weniger Wohlstand, weniger Kotelettknochen und eben den Break 1989. Miterlebt, wie etwas quasi zusammenbricht. Neu anfangen, sich was aufbauen müssen.
Schämen wir uns also für den Wohlstand den wir haben? Sind wir satt davon? Geben wir deshalb so gern, um uns weniger schuldig zu fühlen, weil nur noch Kohle ausgeben glücklich macht? Weil jeder rechts und links nen Kotelettknochen hat? Aber warum geben wir dann lieber extern als intern?
Müssen wir erst alle in der Bedarfspyramide von Maslow nach ganz unten rutschen, um glücklich zu sein? Haben wir ein schlechtes Gewissen? Und wenn ja, warum?
Kontaktbeschränkungen
Hektisch, geradezu impulsiv drängte zuerst sein Geist und verzögert sein Körper an die verdreckte und mittlerweile trüb gewordene Fensterscheibe. Beinahe hätte er sich auf den eiskalten Fliesen langgelegt.
»Wäre auch nicht das erste Mal«, brummte er missgestimmt und jonglierte seinen noch immer eiernden Leib Richtung Ausblick. Der Lauf seiner Pumpgun drängte sich mit einem lauten Gebrumm gegen die Scheibe. Beinahe hatte er Angst, dass das Glas bersten würde. Aber es hielt Stand.
»Glück gehabt«, flüsterte er ehrfürchtig, denn es gab ja keine Möglichkeit auf eine neue Scheibe oder einem Glaser, »oder auf sonst irgendwas«, schimpfte er zynisch vor sich hin. Sein Atem traf dabei auf die Scheibe und ließ sie kurzzeitig erblinden. Er sah dabei zu, wie der Spiegel von eben keiner mehr war, fast träumte er ein wenig, obwohl er sich´s nicht leisten konnte. Er schüttelte sich innerlich und besann sich darauf, dass er das Draußen checken wollte. Nein, musste. Seine eben noch gedankenverlorenen Augen stellten sich umgehend scharf, die Blindheit wich vom Glas und er taxierte die Dunkelheit, die vor der Hütte lag. Links, nichts. Er konnte die Umrisse der Bäume erkennen, sie lagen hoch und schwarz im dunkelblauen Nachthimmel. Sie ragten so selbstverständlich in die Nacht hinein, dass es ihn fast schmerzte, alles nur noch durch diese Scheibe sehen, besser erahnen zu können. In Zeitlupe drehte sich sein Kopf vom linken Rand in Richtung Mitte und dann nach rechts vor der Hütte. Er atmete durch.
»Nichts«
Das beruhigte ihn, denn nicht alle hielten sich an die Anordnungen der Politik. Und auch die Exekutive konnte man als nicht mehr existent bezeichnen. Als er das vor drei Jahren endlich begriffen hatte, kam die Knarre ins Haus naja und diverse andere Mittelchen zur Verteidigung. Die Zeit der Selbstjustiz kehrte ein. Viele Gesellschaften gab es mittlerweile nicht mehr, sie waren schlicht nicht mehr existent, nach ersten Plünderungen und Morden kam der gesellschaftliche Zusammenbruch und es blieb in vielen Ländern nichts mehr übrig. Grundlegend, dachte er, war es wie immer in der Geschichte. Hochkulturen konnten sich nur von innen heraus auflösen und damit abschaffen. Seine Gedanken gingen ganz kurz zu den Maya, den Babyloniern und den Ägyptern …
»Hat ja gut geklappt und alles begann mit diesen fürchterlichen Kontaktbeschränkungen«, schoss es ironisch aus ihm heraus. Er dachte nochmal darüber nach, schließlich hatte ihm bereits sein …
Ein laut-krachendes Geräusch zerriss die angespannte Stille und als er trockenes Holz laut bersten hörte, wusste er, dass es zu spät war. Die Hintertür. Verdammt aber auch. In der einen Hand hielt er die geladene Pumpgun, die freie Hand befühlte die Seitentasche der Hose. Erleichterung stellte sich ein, als er die extrem scharfen Kanten der Wurfsterne ertastete. Über die Jahre hatte er sich alle möglichen Arten der Selbstverteidigung beigebracht. Ein Hoch dem Internet und den ganzen YourFight Videos der Streaming Dienste. Aus dem Hinterzimmer vernahm er leise knarrende Töne, die perfekt zu den Schritten der Eindringlinge passten. Seine schweren, ledernden Schuhe bewegten sich hingegen lautlos auf den Fliesen. In der Nähe der Tür blieb er stehen und wartete. Gleich würde es losgehen. Adrenalin flutete sein Inneres, es breitete sich ähnlich eines Orgasmus aus seiner Körpermitte heraus in alle noch so kleinen Winkel seines Leibes aus. Keine Zeit für Angst oder Rückzug. Er musste Kämpfen. Die freie Hand holte einen Wurfstern aus der Tasche. Ohne Hinzuschauen, drehte er in sich ruhend den Stern ähnlich einem Spinner in seiner Hand. Er lauerte wie ein blutdürstendes Tier auf den oder die Dissidenten, die nicht in der beschissenen Lage waren, sich an die Kontaktbeschränkungen zu halten. Das Knarren kam sekündlich näher, wenn auch langsam und mit Bedacht. Der oder diejenigen schienen keine Amateure zu sein. Er neigte sich kurz weit in den offenen, in der Dunkelheit liegenden Türrahmen, sein Arm schwang brachial zurück, dann feuerte er den Stern mit voller Wucht in Richtung des ersten Eindringlings, denn mittlerweile sprach viel dafür, dass es mindestens zwei waren. Das Geräusch des nach vorn schnellenden Sterns schnitt pfeilschnell durch die Luft. Dumpf schlug der Stern im Fleisch seines Gegners ein. Er konnte nicht genau sagen, wo er ihn getroffen hatte, aber dass es ein guter Treffer war, zeigte sich daran, dass der Typ mit einem dumpfen Laut zu Boden ging und sich anscheinend nicht mehr regte.
»Scheiße«, hörte er aus dem Hinterzimmer. Aber die Stimme klang so … technisch? Ein Cyborg? Was war das? Sein Herz machte einen Satz als das Deckenlicht seines Zimmers ansprang. Oder war es die Taschenlampe direkt vor ihm? Er war geblendet und hielt sich abwehrend einen Arm vors Gesicht. Sein Blick schweifte so gut es ging, kurz durchs Zimmer, am Kalender blieb er hängen, ehe schwere, metallische Schritte auf ihn zukamen.
16. Oktober 2052
»Sag mal, wie oft soll ich dich eigentlich noch zum Abendessen rufen, oder magst Du kalten Flammkuchen lieber.« Seine Hand lag warm und liebevoll auf ihrer rechten Schulter, streichelte und massierte sie ein wenig. Sie drehte sich mit hochgezogenen Augenbrauen, fragend zu ihm um.
»Wie spät ist es«
»Kurz vor neun«
»Oh«
»Das trifft es, wir wollten um sieben essen, Schatz.«
Sie sah ihren Mann an, aber wo die letzten beiden Stunden hin waren, konnte sie beim besten Willen nicht sagen. So war das nun mal als Schriftstellerin.
»Was für ein Roman wird es denn, du bist ja völlig hypnotisiert davon«, fragte er interessiert.
»Ich glaube Science-Fiction«, konterte sie grinsend.
Oder doch ein Drama, vielleicht auch ein Essay zur jetzigen Zeit? Wer wusste das schon? Schließlich galten ja auch im realen Leben seit 2020 immer wieder oder bis auf weiteres …
Kontaktbeschränkungen.
Katzenaugen
Katzen helfen beim Vergessen. In ihren Augen ist viel Platz. Meine trägt mein halbes Leben.
Erkenntnisse
Ich vertraue dieser narzisstischen Gesellschaft nur soweit ich sie werfen kann.
Also gar nicht! (Wie überraschend.)
Du fragst warum?
Weil Menschen Dir immer zeigen wer sie sind, es bedarf dazu nur eines: Geduld.
Es ist immer und immer dasselbe. Eine soziologische Endlosschleife des beschissenen täglichen Murmeltiers.
Nimm hin, muss ich schließlich auch.
Enttäuscht
Bis heute hatten alle Apotheken bei mir so nen Souveränitätsstatus. Der war implizit, den habe ich nie gedacht, er war einfach da. Frau von Welt gibt also ihr Hausarztrezept in Souveränien ab und wartet bis die souveräne Frau im weißen Kittel die benötigte Chemie von hinten holt. Zack bezahlt, Zack injepackt. Und weil wir Kapitalisten eben überall nen Benefit in Form von kleinen Geschenken erwarten, Kundenbindung und so, schob sie mir so ne rote Packung rüber. Eben ausjepackt und nicht schlecht geguckt!
Vagisan? Creme? Hat mir die bis eben vorletzte moralische Instanz dieser Gesellschaft ernsthaft ne Creme für die Muschi als Geschenk mitgegeben?

Häääää?
Was bekommen denn dann die Herren in meinem Alter als Gratisprobe? Erektionssalbe? Marke Stehpimmel, genderungerecht in blau? Ich meine, wenn, dann doch bitte konsequent!
Dicke Glasscheibe
Ich habe manchmal Angst, dass andere Menschen bemerken, dass ich immer noch ein Kind bin. Obwohl ich immer weiter von mir weg wachse, mich die Zeit wie ein Rasiermesser von meiner Kindheit abschneidet. Darum stehe ich in einem Art Niemalsland. Ich denke und handle nicht wie ein Kind. Das Leben hat mir das schon lange ausgetrieben, aber ich fühle immer noch so. Was ich war fühlt sich an wie eine viel tiefere Wahrheit, als das was ich bin, aber es ist eine dieser lautlosen Welten, von denen man durch eine dicke Glasscheibe getrennt ist. Mein Erinnern ist reines Beobachten, ohne dass ich noch etwas verändern kann. Die Welt in der mein Leben spielt dagegen, ist allgegenwärtig und voller Handlungsraum, aber gibt mir das Gefühl blind zu sein. Also wandere ich einsam zwischen diesen Welten, und versuche herüberzuretten was ich kann.
Dazzling Night.
Vengeful Touch.
Cloudy Words.
Bursting Love.
Lover’s Craft, in my Heart.
Aus der besseren Gegend
Diese Jugendlichen aus der besseren Gegend in der ich jetzt wohne, sind völlig anders als wir es damals waren. Irgendwie sind sie gleichzeitig klüger und dümmer. Sie wirken deutlich gebildeter, aber gleichzeitig auf infantile Weise intellektualisiert. Wir? Wir waren junge Erwachsene. Obwohl wir gar nichts wussten. Unsere Probleme haben uns dazu gemacht. Nicht unser Verstand. Unser hartes Leben formte uns schneller. Ihren kindlichen Freigeist hatten wir nicht. Wir kannten nur Rebellion und Wut. Wir hatten andere Augen. Man sieht wenn darin… Dinge sind. Dinge die in einer Kinderseele nicht untergehen. Und daraus werden Geheimnisse. Wir waren schneller als unsere natürliche Zeit.
Liebe die Frau mit den schönsten Augen.
Nicht ihre Farbe. Das was sie damit sieht.