Kontaktbeschränkungen

Hektisch, geradezu impulsiv drängte zuerst sein Geist und verzögert sein Körper an die verdreckte und mittlerweile trüb gewordene Fensterscheibe. Beinahe hätte er sich auf den eiskalten Fliesen langgelegt.

»Wäre auch nicht das erste Mal«, brummte er missgestimmt und jonglierte seinen noch immer eiernden Leib Richtung Ausblick. Der Lauf seiner Pumpgun drängte sich mit einem lauten Gebrumm gegen die Scheibe. Beinahe hatte er Angst, dass das Glas bersten würde. Aber es hielt Stand.

»Glück gehabt«, flüsterte er ehrfürchtig, denn es gab ja keine Möglichkeit auf eine neue Scheibe oder einem Glaser, »oder auf sonst irgendwas«, schimpfte er zynisch vor sich hin. Sein Atem traf dabei auf die Scheibe und ließ sie kurzzeitig erblinden. Er sah dabei zu, wie der Spiegel von eben keiner mehr war, fast träumte er ein wenig, obwohl er sich´s nicht leisten konnte. Er schüttelte sich innerlich und besann sich darauf, dass er das Draußen checken wollte. Nein, musste. Seine eben noch gedankenverlorenen Augen stellten sich umgehend scharf, die Blindheit wich vom Glas und er taxierte die Dunkelheit, die vor der Hütte lag. Links, nichts. Er konnte die Umrisse der Bäume erkennen, sie lagen hoch und schwarz im dunkelblauen Nachthimmel. Sie ragten so selbstverständlich in die Nacht hinein, dass es ihn fast schmerzte, alles nur noch durch diese Scheibe sehen, besser erahnen zu können. In Zeitlupe drehte sich sein Kopf vom linken Rand in Richtung Mitte und dann nach rechts vor der Hütte. Er atmete durch.

»Nichts«

Das beruhigte ihn, denn nicht alle hielten sich an die Anordnungen der Politik. Und auch die Exekutive konnte man als nicht mehr existent bezeichnen. Als er das vor drei Jahren endlich begriffen hatte, kam die Knarre ins Haus naja und diverse andere Mittelchen zur Verteidigung. Die Zeit der Selbstjustiz kehrte ein. Viele Gesellschaften gab es mittlerweile nicht mehr, sie waren schlicht nicht mehr existent, nach ersten Plünderungen und Morden kam der gesellschaftliche Zusammenbruch und es blieb in vielen Ländern nichts mehr übrig. Grundlegend, dachte er, war es wie immer in der Geschichte. Hochkulturen konnten sich nur von innen heraus auflösen und damit abschaffen. Seine Gedanken gingen ganz kurz zu den Maya, den Babyloniern und den Ägyptern …

»Hat ja gut geklappt und alles begann mit diesen fürchterlichen Kontaktbeschränkungen«, schoss es ironisch aus ihm heraus. Er dachte nochmal darüber nach, schließlich hatte ihm bereits sein …

Ein laut-krachendes Geräusch zerriss die angespannte Stille und als er trockenes Holz laut bersten hörte, wusste er, dass es zu spät war. Die Hintertür. Verdammt aber auch. In der einen Hand hielt er die geladene Pumpgun, die freie Hand befühlte die Seitentasche der Hose. Erleichterung stellte sich ein, als er die extrem scharfen Kanten der Wurfsterne ertastete. Über die Jahre hatte er sich alle möglichen Arten der Selbstverteidigung beigebracht. Ein Hoch dem Internet und den ganzen YourFight Videos der Streaming Dienste. Aus dem Hinterzimmer vernahm er leise knarrende Töne, die perfekt zu den Schritten der Eindringlinge passten. Seine schweren, ledernden Schuhe bewegten sich hingegen lautlos auf den Fliesen. In der Nähe der Tür blieb er stehen und wartete. Gleich würde es losgehen. Adrenalin flutete sein Inneres, es breitete sich ähnlich eines Orgasmus aus seiner Körpermitte heraus in alle noch so kleinen Winkel seines Leibes aus. Keine Zeit für Angst oder Rückzug. Er musste Kämpfen. Die freie Hand holte einen Wurfstern aus der Tasche. Ohne Hinzuschauen, drehte er in sich ruhend den Stern ähnlich einem Spinner in seiner Hand. Er lauerte wie ein blutdürstendes Tier auf den oder die Dissidenten, die nicht in der beschissenen Lage waren, sich an die Kontaktbeschränkungen zu halten. Das Knarren kam sekündlich näher, wenn auch langsam und mit Bedacht. Der oder diejenigen schienen keine Amateure zu sein. Er neigte sich kurz weit in den offenen, in der Dunkelheit liegenden Türrahmen, sein Arm schwang brachial zurück, dann feuerte er den Stern mit voller Wucht in Richtung des ersten Eindringlings, denn mittlerweile sprach viel dafür, dass es mindestens zwei waren. Das Geräusch des nach vorn schnellenden Sterns schnitt pfeilschnell durch die Luft. Dumpf schlug der Stern im Fleisch seines Gegners ein. Er konnte nicht genau sagen, wo er ihn getroffen hatte, aber dass es ein guter Treffer war, zeigte sich daran, dass der Typ mit einem dumpfen Laut zu Boden ging und sich anscheinend nicht mehr regte.

»Scheiße«, hörte er aus dem Hinterzimmer. Aber die Stimme klang so … technisch? Ein Cyborg? Was war das? Sein Herz machte einen Satz als das Deckenlicht seines Zimmers ansprang. Oder war es die Taschenlampe direkt vor ihm? Er war geblendet und hielt sich abwehrend einen Arm vors Gesicht. Sein Blick schweifte so gut es ging, kurz durchs Zimmer, am Kalender blieb er hängen, ehe schwere, metallische Schritte auf ihn zukamen.

16. Oktober 2052

»Sag mal, wie oft soll ich dich eigentlich noch zum Abendessen rufen, oder magst Du kalten Flammkuchen lieber.« Seine Hand lag warm und liebevoll auf ihrer rechten Schulter, streichelte und massierte sie ein wenig.  Sie drehte sich mit hochgezogenen Augenbrauen, fragend zu ihm um.

»Wie spät ist es«

»Kurz vor neun«

»Oh«

»Das trifft es, wir wollten um sieben essen, Schatz.«

Sie sah ihren Mann an, aber wo die letzten beiden Stunden hin waren, konnte sie beim besten Willen nicht sagen. So war das nun mal als Schriftstellerin.

»Was für ein Roman wird es denn, du bist ja völlig hypnotisiert davon«, fragte er interessiert. 

»Ich glaube Science-Fiction«, konterte sie grinsend.

Oder doch ein Drama, vielleicht auch ein Essay zur jetzigen Zeit? Wer wusste das schon? Schließlich galten ja auch im realen Leben seit 2020 immer wieder oder bis auf weiteres …

Kontaktbeschränkungen.

Veröffentlicht von Vielverwinkelte

Lyrik berührt Moderne.

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