09: Schlangen, Sumpf, Feucht, Krachmacher, Schrullig, Unanständig, Zeit
Zeit, also Countdown: 03:00 Minuten.
Verdammt unanständig, dachte er, während ihm immer bewusster wurde, dass nach der Explosion nur Schlangen und Sumpf übrig bleiben würden. Was soll’s, feucht mochte er. Sein Grinsen lief einmal kreisrund übers Gesicht.
02:30 Minuten.
Dass der Krachmacher funzen würde, war mehr als gesetzt. Es hatte durchaus Vorteile, Sprengmeister zu sein. Zynisch? Definitiv und dennoch berechtigt in der Situation in der er sich befand.
02:00 Minuten.
Tick Tack, Tick Tack. Schrullig, nicht wahr, aber die Zeit lief immer. Sie machte keine Pause. Und das Schlimmste? Sie brachte immer beschissene Veränderungen mit sich. Politik die niemand wollte. Eine Gesellschaft, die Brechreize verursachte und einen Zeitgeist, der fernab jedweder Menschlichkeit rappte. Mutierte er hier gerade wirklich zum Philosophen?
Brauchte niemand. Er nicht. Sie nicht. Ende der Durchsage.
01:30 Minuten.
Seit wann er das hier plante? Nun, seitdem er erkannte, was hier lief. Sein Blick heftete sich auf die digitale Zeitbekundung des Zünders.
Er begann mitzuzählen.
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Alles müsste wieder aufgebaut werden. Anstrengend, sicher. Ihre Flugobjekte würden helfen, Material ranzuschaffen. Sein Blick glitt rüber zur Tür, wo diese eingepferchten Idioten feststeckten und auch nicht mehr rauskommen würden. Die Explosion würde man selbst auf dem Mars noch sehen, dachte er, aber diesen Kreaturen durfte er keinen Zentimeter überlassen.
Köpfe mit drei Ohren und acht Augen blickten ihn panisch an. Körper mit sechs Armen und Beinen zappelten hinter dem Glas da drüben.
Bevor ich mit der endlosen, kräftezehrenden, nur die Besten der Besten der Besten kommen oben an Wanderung zum Schloss beginne, wollte ich nicht unerwähnt lassen, dass ich zwischenzeitlich mehrere Vorträge gerockt habe. Vor über 100 Menschen. Und? Ja mein Bestes gegeben habe. Wie immer eben. Was denn auch sonst?
Was ist denn mein Bestes, frage ich mich und bin Antworten-technisch etwas einsilbig. Tja, was ist mein Bestes? Warum benutzen wir so komische Phrasen, um, wenn es drauf ankommt, nicht mal zu wissen, was das überhaupt bedeutet. Egal, ich habe gerade keine Lust auf Recherche und wollte nur sagen, dass ich mir wirklich immer Mühe gebe. Dazu kommt, ich glaube, ich habe ein Entertainment-Gen, welches mir bei Vorträgen immer hilft, das geneigte Publikum zu begeistern.
Gut, wäre meine wissende Unwissenheit medial geklärt. Ich stehe dazu. Ohne mich zu blamieren. Ohne schlechtes Gewi …
Ist ja gut jetzt. Ihr könnt selbst schauen, was das mit dem Besten geben bedeutet.
Also nochmal, die wahrlich Harten. Die, die das weit entfernte Schloss besteigen sollten, sorry erobern wollten, trafen sich halb vier, um loszulatschen. Wir hatten alles dabei. Uns. Es sollte eine Challenge Natur gegen uns sein. Meinetwegen auch der ökologische Einklang zwischen Natur und uns. Auf jeden Fall sahen wir als erstes einen Bus, der in Richtung Schloss fuhr und legten fast einstimmig fest, dass das unter unserer Würde wäre. Wir liefen also weiter, während Dagmar motzte.
Sie war für den Bus. Der Rest nicht. Demokratie und so.
Plötzlich war unklar, inwiefern wir da hochkommen sollten. Welche Straße führte jetzt nach oben? Ich schnappte mir mein Survival Handy und sah in der El Navigatore App nach, um festzustellen, dass es sich hier um einen weiten Weg handeln würde.
Sozusagen:
Far
Far
Away.
Ganze 1100 Meter zeigte mir die App und wir latschten entschlossen los. Und kamen exakt 200 Meter weiter, da uns ein Hinterhof lockte, den wir gemeinsam enterten, um uns an Federweißer und Knobibroten zu stärken, schließlich sollten noch fette 900 Meter auf uns warten. Der Federweißer war so grandios, dass das Schloss fast in Vergessenheit geriet. Aber nein, bevor da oben der Biergarten zumachte, mussten wir angekommen sein. Ziel war Ziel, da waren wir alle konsequent. Selbst Dagmar, die sich Buslos wieder beruhigt hatte.
Schweren Herzens ließen wir den Hinterhof, den fantastischen Federweißer und die knusprigen Stinkebrote hinter uns, um die verbliebenen 900 Meter gemeinsam als Team zu meistern. Gut, klingt natürlich nicht viel, aber der Anstieg war nicht so ohne, aber wir ließen niemanden zurück. Geil, klingt so krass episch.
So ungefähr 20 Minuten später standen wir im Einklang mit der Natur oben. Dann sahen wir uns so zwei Minuten um, zückten alle unser Survival Handy und machten Bilder. Aussicht, Schloss, Blumen, eigener Schatten (Ellen *grins). Dann beschlossen wir, dass wir nicht extra Eintritt zahlen würden, um uns dann eine extra eingerichtete Ausstellung anzuschauen.
Kultur, bäh! Wo kämen wir hin.
Uns lockte vielmehr der auf einer großzügigen Terrasse eingerichtete Biergarten. Immerhin hatten wir gute 25 Grad und ne top Aussicht. Also Biergartenwetter. Alles zwischen 12 bis 48 Grad ist bei uns Biergartentemperatur. Regel ist Regel. Also zack, alle an einen der mega unbequemen Tische und Stühle aus lackiertem Holz und Metall geschmissen. Die Sonne schien, Bier und Radler sowie Wein wurden subito geliefert. Uns irritierte lediglich die wirklich saumäßige, aus Papier gestaltete Billigkarte, die mit Flecken übersäht war, teils fehlten Ecken und jede einzelne Seite lag hinter einer gefühlt zwanzig Jahre alten Klarsichtfolie. Natürlich die Billigen. Bitte, das waren doch keine Amateure. Die hatten das wir-geben-uns-für-sie-keine-Mühe sozusagen inhaliert.
Während die Ladies ihren Wein aus ungepflegten (dreckigen) Gläsern tranken, Herpes damit in jedem Fall vorprogrammiert war, genoss ich mein kühles Bier. Ich sah mir das Glas auch nicht genauer an, verrückt machen half an dieser Stelle auch nicht weiter, schließlich musste ich in kurzer Zeit die 1100 Meter auch wieder runter. Ich beschwerte mich also nicht und habe schon seit langem eine gute Lebensweisheit.
Iss und trink niemals an Orten, wo endlos viele Touris sind. Letztlich müssen die sich bei dem Verkehr keine Mühe geben. Und sie tun es auch nicht. Also sich Mühe geben.
Nee, nee … die Geschichte braucht ja noch was Gutes. So kann ich Teil 3 nicht enden lassen.
Es gab drei Bier. Im Biergarten. Scheiß auf den ungenügenden Service. Manchmal müssen es eben drei Bier im Schmuddelgarten sein.
Coming soon. Der Tisch reicht nicht für sechs. Oktoberfest ist eröffnet.
Irgendwann ließ die Faszination für den 2 Kilogramm schweren, in Silber gefassten Klunker nach, denn wir machten was? Richtig, Vorglühen im Hotelzimmer. Scheiß auf das Geschmeide, auf die Schmuckvitrinen und die polierte Lobby. Wir wollten was trinken, schließlich wartete ja noch der Bankettabend auf uns alle. Vorglühen läuft im Osten meist ähnlich ab. Man lädt 12 Leute in sein Hotelzimmer ein (nein, kein Swinger Gelage), jeder weiß, dass jeder was zu essen und trinken mitbringt. Knabberkram, Schokolade und Gummibärchen. Viel wichtiger mit über 40 ist und bleibt jedoch der Alkohol.
Logo. Oder nicht?
Also brachte jeder der 30 irgendwas Flüssiges mit, was garantiert Prozente aufwies. Der aufmerksame Leser fragt sich jetzt, wie 30? Waren doch nur 12 eingeladen. Tja, ebenfalls Osten. Es werden immer mehr sein, als man denkt. Liegt auch daran, das sozusagen die Coolsten überhaupt in diesem 25 qm Hotelzimmer vorglühen und jeder will dazugehören. Soziologie eben.
Was wird eigentlich vorgeglüht?
Es wäre ginlos ohne Gin. Und so machten wir ginvolle Dinge und tranken Gin Tonic. Mag ich nicht so, aber Madlen fand das Zeug super ginvoll. Zumindest so lange, bis sie bereits 22:30 Uhr auf der Couch wegknackte aber immer noch gepflegt an den richtigen Stellen der rundum Gespräche nickte. Respekt, Madlen. Dafür haben dich die 29 anderen hart gefeiert. Dann gab es selbstgemachte Liköre aus Obst, dass man weder rausschmeckte noch in irgendeiner Parallelwelt zuordnen konnte. Davon ab, selbst auf den Tag genau 33 Jahre nach der Wiedervereinigung, könnte es dennoch sein, dass es ein uns armen Ostdeutschen unbekanntes Obst war. Oder vielleicht war es auch ein ökologischer Jemüselikör? Wobei der Mitbringer, der Ralf mit PH also der Ralph nicht wie nen Bio-Rübli-Öko-Jemüse-Likörbrenner-Ralf-Mit-PH aussah. Aber wer wusste das schon und so verlagerten wir die unbekannten Liköre nach hinten und tranken was?
Richtig, Rum und Gin. Wein und Sekt. Alles zusammen? Ja klar! Osten eben. Ungezwungen quatschten alle 30 und tranken alle 30 bis wir aufbrachen, um mit 900 anderen Menschen gemeinsam zu Abend zu essen.
Ich meine … was ne verrückte Idee an sich, oder? Ich kenne niemanden, der einfach so sagen würde … Yeahhhh … lass uns mal zu neunhundert Abendbrot essen gehen. Sie etwa? Macht nix, wir taten es trotzdem und waren an unserem Tisch acht von knapp tausend. Alle Ladies hatten sich voll schick gemacht, die Männer ebenfalls. Sehen und gesehen werden. So ist das eben und so war es immer und so wird es immer sein. Kausal, wenn man so will.
Zuerst gabs ne kurze Ansprache.
Dann Eröffnung Buffet.
Und dann holten wir uns etwas zu essen.
Das Essen war köstlich und hervorragend, aber am Tisch konnte man sich nur mit seinem direkten Nachbarn unterhalten, alles andere konnte getrost unter Anschreien ohne Verstehen verbucht werden. Zum Anschreien tranken wir jeder noch so fünf Bier, ab dann wurde die Lautstärke und auch das Anbrüllen wesentlich gemütlicher. Sag mal noch einer, Alkohol wäre keine Lösung.
Irgendwann fanden wir uns dann in der Disco wieder, die in ihrer Lautstärke das Abendessen mit neunhundert anderen nochmal um Längen toppte. Leider war ich erkältet, angetrunken, zu satt und dann auch kaputt.
Während also der eine Teil tanzen ging, ging ich zurück in mein Hotelzimmer und genoss die Ruhe.
Am nächsten Morgen trafen wir uns zum Frühstück und Nicole sah von allen am coolsten aus. Als hätte sie weder getrunken noch mit neunhundert gegessen oder danach in ohrenbetäubender Atmosphäre getanzt. (Ich muss an ihr Geheimnis kommen. Dringend!)
Back to Frühstück.
Ich reise aufgrund meiner beruflichen Tätigkeiten sehr viel, bin dadurch leider oft in Hotels und zu selten in Ferienwohnungen, aber wenn sich in den letzten zehn Jahren was verändert hat, dann das verlorengegangene Frühstück. Es ist nicht mehr da. Wie die D-Mark, vernünftige Spritpreise, und ne Pizza unter zehn Euro. Aber das hier flashte mich wirklich und ich erlangte meinen Glauben in das wahre Wesen eines guten Hotels zurück, denn hier gab es alles. Wenn ich alles sage, meine ich alles. Brot, Brötchen, Toast, Ei in fünf Varianten. Sogar Lachs und Bauernkäse. Kaffee, Tee, Kakao, Saft, Saft und noch mehr Saft. (Wir hatten immer noch die undefinierbaren Liköre. Hätten wir dazustellen können.)
Respekt. Ich überlege, ob ich mir nun zur Perfektion dieses Frühstücks das 2000 Dollar Herz kaufe und verwerfe diese Alice im Wunderland Idee sofort wieder, weil ich denke, vielleicht will Ellen es noch mehr als ich. —>🤪
Coming soon. Part III – Auf dem Weg zum Schloss liegen zu viele Biergärten.
Gute Frage, denn eine Geschichte muss irgendwo starten.
Okay, ab hier Startpunkt, denn vom Heimatbesuch in der DDR ging es ein paar Kilometer (untertrieben) weiter und schwupp stand ich in einem schickimicki Hotel mitten in den Bergen. Ein wahrlich schönes Hotel. Riesige Lobby, gut sechs bis acht Leute hinterm Tresen, was mich wirklich erstaunte, schließlich wartet man in Hotels mittlerweile immer eine gewisse Zeit. Manchmal auch vor der Tür. Lange. Hab ich alles erlebt. Gerade Anfang des Monats in Köln.
Fachkraftmangel. Kannste nix machen. Musste warten. Willkommen in Deutschland. Im Land, wo die Baby Boomer in spätestens sieben Jahren alle in Rente sind und das Jetzt noch absolut harmlos ist.
Nein, ich bin nicht pessimistisch, ich bin Realistin und kenne die Zahlen.
Hier war alles top. Fachkräfte da und Baby Bommer at work. Zimmer frei, selbst beim zu früh kommen. Pardon, beim zu früh einchecken. Auch das ist ja nicht selbstverständlich. Sie hätten jetzt auch sagen können, nee, raus hier. Kommt mal in zwei Stunden wieder. Pardon, checkt mal in zwei Stunden ein.
Aber nein. Zimmerkarte aus Holz überreicht bekommen, aber nicht wegen der Nachhaltigkeit, sondern top Marketing, da alle Berge auch viele Bäume um sich haben. Fand ich gut. Holzschlüsselkarte. Coole Idee. Ich schaue mich in der polierten Lobby um und entdecke Folgendes.
Menschen – unglaublich. Scherz.
Rechts neben dem Tresen ein aufgebauter Empfang vom Kongress der Mediziner. Darauf liegen endlos viele Pappmappen, die an den Mann / die Frau / das Divers gebracht werden wollen. #gändärnkannich. Ich frage mich, ob ich als Referentin auch so eine Mappe bekomme und ziere mich rüberzugehen und die freundlich ausschauende Dame anzusprechen. Nicht, weil ich schüchtern wäre, sondern, weil ich nicht so wirken will, als wenn ich was umsonst abkramen will. Schließlich sehe ich das Schlüsselband und den Kugelschreiber aus der Mappe ragen. Das kann ich wirklich nicht. Seit ich Kind bin nicht. Wären alle Kinder wie ich, würden sie am Pappnasenfest in Mainz und Köln und wo auch immer von den fliegenden Kamellen lediglich erschlagen werden, oder drin ertrinken.
1A Kariesprophylaxe, denke ich.
Was ich sagen will, ich kann das nicht aufsammeln. Noch nie. Nicht mal als Kind mit fehlender Impulskontrolle. Das war mir schon immer peinlich. Warum? Woher soll ich das denn wissen? Frühkindliches Umsonsttrauma? Vielleicht weil klar war, dass es immer einmalig gewesen wäre, schließlich hatten wir armen Ossis ja nicht mal Mischgemüse! Wozu also einmal was Nettes naschen? Sollte das so sein, finde ich mich retrospektiv krass visionär.
Wenn also früher irgendwelche Erwachsenen Bonbons rumgeworfen und sich alle Kinder draufgestürzt haben, habe ich das verfolgt als wäre es ein Verkehrsunfall. Fasziniert und angeekelt zugleich. Nie habe ich was aufgehoben. Nicht ein Bonbon. Davon ab haben die in der DDR ja auch wirklich scheiße geschmeckt. Die Bonbons, nicht die Kinder.
Okay, ich entscheide mich später an den Stand zu gehen und mich als eine der eingekauften Referenten zu outen. Wegen der Mappe und so.
Ich zerre Koffer in Richtung Fahrstuhl, um meine Sachen ins Zimmer zu werfen und entdecke links vom Tresen drei aneinander stehende Vitrinen. Alle sind Swarovski-like ausgeleuchtet, ausgekleidet mit schwarzem Samt und beinhalten was?
Schmuck für die großartige Urologen Gattin. Heilige Scheiße, denke ich, schließlich liegen da kiloweise Geschmeide in den verschlossenen Glasschränken und warten nur auf den manipulativen Moment, wo sie ihm schmeichelhaft steckt, was sie aus dem Schrank gern hätte. Wahrscheinlich wird ihre Stimme dabei höher, sanfter, erotischer. Woraufhin er selbstverständlich die hölzerne Karte zieht und zu einem der acht Tresenboys und -girls sagt, „das da auf Zimmer 122.“ Er wird so tun, als interessiere ihn der Preis null, obgleich das ne Lüge ist. Sie hingegen freut sich, wahrscheinlich haben dann beide Sex. Im besten Fall miteinander.
Fasziniert von derart viel Klischee läuft mein Autorenhirn auf Hochtouren und ich schaue mir jede einzelne Etage an. Schlau sind sie ja, es ist wirklich für jeden Kontostand was dabei. Egal ob Assistenzarzt, Arzt, Chefarzt oder Selbständiger im Modus Beginner oder Fortgeschrittener. Für jede Gattin mit manipulativen Moment ist was in dem Glaskasten. Großartig.
Ganz oben lächelt mich ein riesiges zirka 1 kg. blau-grünes in Silber gefasstes blink blink Herz an, welches an diesem Wochenende zwischen Ellen und mir noch an Bedeutung gewinnt, denn wir ordnen es dem Film Titanic zu und spielen mit 1,8 am Sender (ja, Alkoholpegel) die Arzt/Arztgattenszene vor der Vitrine nach und lachen uns doof, weil wir beide fest der Meinung sind:
Das Ding an der Kette sieht wirklich endkacke aus und soll, warum auch immer über 200$ kosten. Natürlich sind es Euro und im Dialog hatten wir den Preis auf 2000$ gehoben, sonst wäre es unnatürlich gewesen.
Wir sind uns einig, dass wir niemals im Leben aus so einer Vitrine was kaufen würden, weil das Klischee uns echt zu schaffen macht. Nur wegen des Klischees.
Würde dieses wirklich coole Hotel einfach die Glasteile „Klischeevitrinen für alle Ehefrauen“ nennen, wärs wenigstens witzig.
Ende Teil 1.
Coming soon: Es gibt Frühstück, man glaubt es kaum.
Da hast Du dieses eine Leben. Ein einziges, zumindest bewusst! Du kannst in diesem Leben nur eine gewisse Zeit leben, lachen, lieben und Du sein, weil Du die andere Zeit arbeiten musst. Musst. Musst. Über die Jahre kommen und gehen Krankheit und Leid als stete Begleiter.
Und dann? Werden Kriege angezettelt, Lebensmittel künstlich verknappt, Inflation erst provoziert und dann ignoriert? Und medial kann man Gleichschaltung „bewundern“.
Und was macht das alles? Dass Du noch weniger Zeit hast, weil aufgrund aller Verteuerung noch mehr gearbeitet werden MUSS!
Bloß keinen Moment zum Nachdenken haben.
Da ich nicht an Zufälle glaube, halte ich es für Absicht.
In der Bibliothek sitzend, bekam sie von ihrer gerade in der Chefetage besprochenen Entlassung nichts mit.
Typisch. Super!
Es war doch anscheinend immer dasselbe, dachte sie und leerte die widerlich schmeckende asiatische Instantsuppe vor sich. Wobei dieser Lebensmittelriese bei welchem sie arbeitete, der, der sich hier vor Jahren im Sumpf der Großstadt niedergelassen hatte, wahrlich genauso ein Kackverein war wie alle anderen auch. Sie hörte es ohrenbetäubend laut, wie sich der Mainstream dem kalorienarmen, angeblich ach so gesundem Essen aus Ping Pong schon fast fanatisch opferte. Würde ihnen doch wenigstens ne Flosse aus dem vom arbeiten krummen Rücken wachsen, dann würde den Massen ein Licht aufgehen, was für einen Dreck sie in sich hineinstopften.
Was natürlich nicht passierte. Also die Flosse.
Der Mann in schwarz betrat lautlos die Bibliothek und sie wusste, was das bedeutete. Erstaunlicherweise war es ihr scheißegal. Er überraschte sie nicht, indem er ihr die Kündigung lautlos übergab, schließlich hatte sie bereits seit drei Monaten das Essen von denen nicht mehr angerührt. Obwohl es laut Vertrag ihre Verpflichtung gewesen wäre.
Genau genommen konnte sie es nicht mehr, seit sie ausversehen in die Chemiebaukasten Abteilung gestolpert war. Was sie dort mit angesehen hatte, ließ jede Illusion einer gesunden Ernährung sofort sterben.
Für immer.
Als sie rausging, also vor die Tür, leuchtete das Firmenlogo in fetten Lettern.
Yam!
Ja nix yam, dachte sie und hatte gerade keine boshafte Beschreibung im Kopf, die auch nur annähernd zu diesem veganen Drecksverein passen würden.
Im Schatten seines Daseins überwies er die Steuernachzahlung ohne jede Regung vor dem Desktop.
Wie immer.
Jährlich.
Mit Verständnis, schließlich brachten seine Steuern doch blühende Landschaften, oder etwa nicht? Reparierte Straßen und Brücken, oder?
Stabile Werte in der Gesellschaft? Günstige Preise im Supermarkt? Konstante Beiträge zu was auch immer?
Er könnte ewig so weitermachen.
Die desillusionierten Antworten waren aber immer dieselben.
Nein.
Nein.
Nein.
Nein.
Und?
Nein!
Er wollte hart auflachen bei seinen bescheuerten Gedanken, doch selbst dazu war er, hier im Schatten seines Wohnwagens, zu faul.
Immerhin war es die letzte Nachzahlung für ihn. Jetzt, wo Wohnwagen und er die letzten Überlebenden der Firmenpleite waren.
Letzten und einzigen.
Grundsätzlich müsste er zum Amt schreiten, irgendwas beantragen in seiner misslichen, nicht selbstverschuldeten Lage. Aber er wusste, dass er hier nicht auf unschuldig, sondern eher auf Panzerfaust machen würde. So sehr er diese übersatten Beamten in ihrer Bräsigkeit auch verabscheute, es brauchte noch Zeit, Gärung, wenn man so wollte, damit er zu einer Entscheidung kam.
Andere Zeiten, dachte er und klappte das Technikteil zu.
Heute Abend sollte es soweit sein, dachte er lächelnd und freute sich diebisch auf die erste Peepshow seines Lebens. Er war zwar schon fast Mitte fünfzig, dennoch nahm er an sowas leicht verruchtes bisher nicht teil. Er war eben gut erzogen.
Ja, und Single, ohne Kinder, Grizzly ähnliche Ehefrau oder sonst irgendeinen Anhang, der ihm auf den Geist ging. Deshalb wollte er sich heute Abend auch die tanzenden Schönheiten anschauen. Ob sie auch strippen würden? Sich komplett nackig machten? Livesex?
Ihm wurde warm. Vorfreude breitete sich in seinem Körper aus. Noch stand er nackt und frisch geduscht vor dem Spiegel des Badezimmers. Zahnseide rutschte durch seine Zahnzwischenräume, dabei roch er wiederkehrend sein gutriechendes Deo. Verzückt putzte er sich die Zähne, zog sich fein an und warf die Wohnungstür ins Schloß.
Moment, er blieb stehen. Was, wenn er die Damen dort nicht attraktiv fand? Darauf hatte er keine vernünftige Antwort, und auch keine Lösung.
Doofer Gedanke.
Er schüttelte den Gedanken ab und fuhr mit seinem Cabrio in das Stadtteil, wo der Club stand.
Die Welt meinte es gut mit ihm, denn fußläufig war ein Parkplatz frei.
Eingeparkt, Schlüssel rausgezogen aus dem treuen alten Mercedes, Tür auf und dann …
Jemand flog über die offene Fahrertür des Cabrios und rumste ziemlich unsanft auf den Asphalt.
Ähm …
Er sah ihr hinterher und fühlte sich hilflos, erinnerte sich dann aber an seinen letzten Erste Hilfe Kurs und stürzte auf sie zu.
„Hallo“ Nun, irgendwie dämliche Anrede, aber er wusste weder, wie sie hieß, noch konnte er sie jetzt mit die, die über die Cabriotür geflogen ist, ansprechen.
Wobei das durchaus lustig wäre.
Sie stöhnte da unten, was ihn an die Peepshow erinnerte. Konnte er jetzt hier weggehen?
Nein!
Schade.
Gut, er hockte sich zu ihr und fasste ihr sanft an den rechten Arm. Ähm, „Hallo, sie da.“
Sie bewegte sich, in jedem Fall super. Dann hievte sie sich ein wenig nach oben und drehte sich zu ihm um. Das war dann der Moment, wo er auf seinem Hintern neben ihr landete.
„Sind sie ansteckend?“ „Wieso?“
Wie sollte er ihr denn nun sagen, dass sie aussah als hätte sie eine schwerste Pockeninfektion. Überall waren rote Flecken! Fast wollte er lachen, konnte sich aber zurückhalten. Gerade so!
„Nun. Sie haben dicke rote Pocken im Gesicht.“
Jetzt lachte sie ein glockenhelles Lachen, was ihn tief berührte. Vielleicht war es gar nicht das Lachen an sich, sondern eher die Unbedarftheit?
Sie wirkte trotz des Sturzes so …
Soooo …
Glücklich?
Ja, das war’s! Sie war glücklich. Wie ein Kind lachte sie und er verstand nur Bahnhof, begann aber gruseligerweise mitzulachen.
„Wo wollten sie denn eigentlich hin?“ „In die Peepshow.“
Scheiße, dachte er, aber er log nicht. War so“n Lebenskonstruckt. Mann mit Prinzipien eben.
„Da drüben?“ Sie zeigte auf den Nackedeischuppen.
„Genau“
Stille zwischen beiden. Und dann …
„Kommen sie doch mit, ich lade sie ein, schließlich sind sie über meine Tür geflogen.“
Irritiert schaute sie ihn an. Dann kramte sie in ihrer Handtasche und holte zuerst ein Taschentuch heraus, nahm seine Brille von seiner Nase und machte sie sauber.
„Setz mal auf“ „Und dann?“ „Sind meine Pocken geheilt.“
Er setzte verwundert seine Brille auf und tatsächlich, sie war geheilt. Und sah richtig hübsch aus aus ohne die roten Flecken im Gesicht.
„Wow“, mehr kam nicht aus ihm heraus. Irgendwie entfiel ihm völlig darüber nachzudenken, was seine Brille mit ihrer Infektionsheilung zu tun hatte. Aber nun denn. Mann von Welt konnte nicht an alles denken.
Er half ihr auf und sah sie kurz von oben bis unten an.
„Und nach der Show?“
Er kam in Erklärungsnot.
„Die Nacht bei mir?“
Sie lachte, griff erneut in diese unermessliche Handtasche und zog eine nagelneue Zahnbürste in Verpackung raus.
„Wir sind Gewinner!“
Er sagte es leicht, bot ihr seinen Arm an, stieg über ausgelaufene rote Farbe aus einem Plastiktopf und schritt mit seinem Date in die Peepshow.
Was er nicht sah, waren viele kleine rote Farbspritzer auf seinen Klamotten.
Die Geschichte beginnt mit folgender Überlegung. Woher kommt eigentlich das Wort Törn von Segeltörn? Tja, das Dilemma ist ja, dass mir nichts weiter einfällt als antörnen. Anmachen, angeilen, na ihr wisst schon, was ich meine.
Ich bin also mit meinem Ehemann auf den Weg zum Segel(antörn)Urlaub. Voller Vorfreude haben wir den langen Weg nach Piräus auf uns genommen, um auf die Star Flyer zu gelangen. Ein wunderschöner Segler, angekommen und Empfangscocktail bekommen. Reimt sich, haha!
Schnittchen, toller Empfang, leicht angeheitert die Kajüte bezogen. Etwas mulmig ist mir, ich muss unbedingt nachher Ausschau halten, ob es auch auf diesem Schiff einen Dr. Zeh gibt, der es auf meine kleinen Zehen abgesehen haben könnte. Für alle, die jetzt null verstehen, scrollt doch mal nen bisschen auf dem Blog! Nicole hat hier schon nen paar Stories bekommen.
Ich räume also die Sachen aus dem Koffer in den Schrank, zack, die Schuhe nach ganz unten und dann Huch!
Was ist das? Ungläubig schaue ich skeptisch in unser Schuhfach.
Es ist grau, leicht angerauht, ich bücke mich, um „es“ zu begutachten, mit spitzen Fingern hole ich „es“ hervor. Einen mir unbekannten Herrenslip.
Nen Schlüpper, Schlüpfer, Unterbuxxe.
Ich halte das Teil spitz zwischen Daumen und Zeigefinger und drehe mich mit fragendem Blick in Richtung meines Mannes.
„Meiner isses nicht“, höre ich von ihm, während er mich ebenfalls fragend mustert. „Guck mich nicht so an, meiner isses auch nicht!“ Sein Blick bleibt fragend, als würde ich nen fremden Männerschlüpper in meiner Handtasche mitschleppen, um ihn dann im Schuhfach auf dem Segelurlaub unbemerkt zu entsorgen.
„Krass gute Idee eigentlich“, sage ich ihm und zwinkere ihm zu.
„Sehr witzig“, mehr kommt da nicht.
Ich lache.
Er nicht.
Er schaut mich an und ich überlege, wo das Ding herkommt, was hat er erlebt, vor allem, wen? Groß? Klein? Dick, dünn? Roaar …
„Hm“, denkt mein Mann laut und ich merke, dass auch er sich dieselben, völlig unnützen Fragen stellt.
In schwenke das Teil so gut ich das zwischen Daumen und Zeigefinger eben kann wie ein Lasso über meinen Kopf und lasse selbstverständlich im richtigen Moment los, um es im Mülleimer zu beerdigen.
„Wollen wir ne Trauerrede halten, kommt trocken von meinem höchst witzigen Ehemann.“
„Seebestattung, später“, sage ich und hoffe das bis dahin der Müll geleert wurde.
Wir wollen hoch an Deck, den Urlaub genießen und alles, an was ich denke, ist das Stück Stoff aus meinem Schuhfach.
Hundewelpen, summe ich leise vor mich hin, damit ich von dem Ding gedanklich loskomme.
Dekadent wie ich grundsätzlich gar nicht bin, urlaube ich gerade auf einer niemandem unbekannten spanischen Insel. In einem Hotel mit Halbpension und mit Mietwagen, um nicht am Ort festgebunden zu sein. Denn nur am Strand brutzelnd liegen, kann mein Rücken und auch mein Geist nicht. Davon ab bin ich ne Weisswurst und verbrenne im Nu.
Im nächsten Leben hätte ich gern ein Latina Gen mehr. Vielen Dank!
Na in jedem Fall stellt sich dem Leser jetzt die Frage, warum wir verloren sind. Ah ja!
Also hier im Hotel sind auch Eltern mit Kinder. Überall. Und ich beobachte folgende drei Szenen in zwei Tagen.
Ein ungefähr Vierjähriger sitzt mit Eltern und Großeltern am Tisch. Oma holt sich Rinderbraten vom Buffet. Als die anderen am Tisch fragen, was es ist, meint sie Rippchen. Okayyy, denke ich und überlege sie kulinarisch aufzuklären, da Papa ja Fleischer war, lasse es aber. Am nächsten Abend hat Oma Schweinefleisch auf’m Teller und ich überlege sie aufzuklären, dass es Spargel ist. Lasse es aber wieder, was ich jetzt bereue. Wär ne witzige Aktion gewesen. Wer weiß, vielleicht wären wir uns einig gewesen.
Jedenfalls schaut der Vierjährige die ganze Zeit irgendwas auf (s)einem Tablet. Was auch immer, keine Ahnung und er isst dabei wie ein kleines Schwein sein Abendessen. Um Tablet bedienen zu können isst er mit einer Hand, ohne Besteck. Dabei landet fast alles auf dem Tischtuch in weiß und dem Boden. Kind bekommt nix mit. Eltern auch nicht, da null Interesse.
Ich hingegen schaue fasziniert zu und verstehe es nicht. Dieses Kind konzentriert sich null aufs Essen, Familie, Urlaub oder was auch immer, da es im Prinzip TV schaut. Kinder TV. Für alle anderen scheint das völlig normal zu sein.
Am Morgen im Frühstücksraum wird eine vielleicht dreijährige mit Essen gefüttert. Während sie auf ein Tablet irgendwas schaut. Mutti ist das völlig Wurst, Hauptsache die Luke geht ab und an auf, das Balg ist still und isst was. Wieder denke ich, was soll aus den Kindern nur werden? Oder sehe ich das alles einfach zu eng?
Am Pool liegt eine Familie mit einem etwa anderthalbjährigen auf so einem Pool-Sommer-Doppelbett. Kind hat anscheinend die Windel voll und Papa darf das wegmachen. Während da alles wieder auf Vordermann gebracht wird, hält Mutti dem Kleinkind das Handy direkt vors Gesicht.
Zum Ablenken? Zum Fresse halten?
Wozu?
Wozu beim Essen, beim gemeinsam Zusammensein? Wenn Oma und Opa dabei sind, wo niemand weiß, wie lange noch? Warum beim Windeln? Was soll das den Kindern denn bringen?
Jede Hochkultur hat sich irgendwann abgeschafft und ich denke, wir sind mittendrin.