Knastleben

Die Besonderheit am Knastleben ist, dass man sich nicht aus dem Weg gehen kann. Wenn du draußen mit jemandem Ärger hast, und wenn dieser Ärger dann irgendwann eskaliert, dann kann der Verlierer einfach den Schwanz einziehen, und seinem Peiniger für einige Zeit, oder manchmal sogar für immer aus dem Weg gehen. Der Eine hört für den Anderen im Interesse beider Seiten einfach auf zu existieren. So respektiert man in der Welt da draußen jemandes Dominanz, der dir die Zähne ausgeschlagen hat. Hinter Gittern ist das viel komplizierter. Egal was man einander grässliches antut, spätestens beim Hofgang sieht man sich wieder. Darum kann niemals Gras über eine Sache wachsen. Genau genommen hast du zwei Möglichkeiten, und keine davon ist sonderlich attraktiv: Entweder legt sich jemand mit dir an, und du lässt dir das einfach gefallen. Dann bist du seine Schlampe und jeder sieht, dass du ein Schwächling bist, und man mit dir sowas einfach machen kann. Deine andere Möglichkeit besteht darin, dass du dem Clown einfach mit deiner Faust das Gesicht verstopfst. Klingt gut, aber dieser jemand hat dann durch dich sein Gesicht verloren. Also entweder hat er dann Lust seine restliche Zeit wirklich nur noch mit Einstecken zu verbringen, oder er MUSS sich rehabilitieren, in dem er Rache an dir nimmt. Notfalls gerne auch von hinten, wenn du ihn gerade nicht kommen sieht. Das wird er durchziehen, egal wie übel du ihn auch zusammengeschlagen hast, völlig gleich wie viel Angst er vor dir haben mag, weil er vor den anderen immer noch mehr Angst haben muss, die jetzt alle zusammen, wie ein Rudel Hyänen, seine Schwäche gewittert haben. Das bedeutet außerdem, dass jeder kleine Scheiß eskaliert. Drinnen kann man einfach nicht vergessen und absolut alles schaukelt sich hoch. Alleine schon weil alle immer von einem erwarten, dass man jetzt irgendetwas unternehmen muss. Selbst wenn man keine Lust darauf hat, oder dir wird irgendjemand zeigen, der sich so sehr langweilt, und in dem sich so viel Hass angestaut hat, wie man einen anderen Menschen fachmännisch so auseinandernimmt, dass es nur noch ein verdammt guter Arzt schafft ihn wieder zusammenzusetzen. Im Knast ist das Karma. Der ewige Kreis. Ficken und gefickt werden. Darum ist es immer am besten einfach den Kopf unten zu halten, und jedem Ärger fern zu bleiben. Aber auch das wird natürlich nicht funktionieren, weil es hier drinnen viele Arschlöcher gibt, die verzweifelt einen Grund suchen, warum ihnen heute deine Visage nicht passt. Einfach nur damit die anderen sehen, was für harte Schweinehunde sie sind, und nicht selbst auf blöde Gedanken kommen, was man jemandem alles mieses antun könnte. Und schon musst du jemandem zusammenschlagen, oder du bist für den Rest deiner Zeit seine Schlampe, und danach muss er dich zusammenschlagen. Bis jeder vergessen hat worum es bei der Sache eigentlich ging. Man zählt einfach nur die Punkte wie bei einem Spiel. Nur, dass es dabei niemals einen Gewinner gibt, und es ist auch niemals vorbei. Also ist deine beste reelle Möglichkeit ein perverses Schwein zu werden, weil man nur so nicht kaputt geht. Gewalt ist ab jetzt deine Religion. Und Gott ist dein Stiefel, dessen Gewicht sich auf jemandes Kehle verlagert. Das akzeptierst du am besten möglichst schnell.

Mr. Wackelauge und Mrs. Sexerzwingerin Part. III

Sie brauchte Zeit.


Ein Blick auf die Uhr, kurz nach 13 Uhr mittags und er wollte sie 20 Uhr treffen. Waaaaaaas, sie wurde nervös. Das konnte doch nicht sein Ernst sein. Nur sieben Stunden zur Vorbereitung? Kaum zu schaffen! Was bildete er sich ein? Nadine meldete sich für den Rest des Tages auf Arbeit krank, denn schließlich war sie der Sache mit der blutüberströmten Stirn nur knapp entkommen.

Alle mal ein top Grund. Oder ein blutiger, wie man will.


Sie warf sich ins Auto, startete den Wagen und trat brachial aufs Gas, um schnellstmöglich nach Hause zu kommen.


Nur noch 6,5 Stunden. Scheiße.
Was sollte sie anziehen? Welche Schuhe, welche Dessous? Rock oder Hose? Strapse oder Halterlose? Mädchen oder Lady like …? Oder Vamp, alles in schwarz? Sie verwarf die schwarze Idee, denn er sollte ja nicht schreiend vor ihr wegrennen. Wobei es die passende Antwort auf seine Gemeinheit wäre, witzelte sie.


Fragen über Fragen, auf die sie keine beschissenen Antworten finden würde. Sie brauchte ein Beruhigungsbad und einen Prosecco und zehn Kilo weniger! Kurz vor zwei wollte Nadine ihre Lavendel – Baldrian – Melisse – Johanniskrautbadewanne gemeinsam mit einer 0,5 Liter Flasche Prosecco in der linken und einer Champagnerflöte in der rechten Hand besteigen, als sie im Schlafzimmer kurz vorm Spiegel „hängenblieb“.


Grummelig betrachte sie ihren Bauch, der aufgrund des Steaks nach vorn gewölbt stand. Nadine zog ihn ein, brachte aber nix, da Fleisch halt stundenlang brauchte, um vom Magen zum Darm zu wechseln. Schöner Mist, ernsthaft. Sie begutachtete ihren nackten Körper so lange, bis sie bemerkte, dass sie nicht mehr atmete. Im Spiegel sah sie, dass ihr Gesicht schon dunkelrot anlief.

»Wuhhhhhh«, atmete sie aus, um sofort einen tiefen Atemzug zu nehmen. Sie goss sich das erste Glas ein und freute sich diebisch, dass sie schon 18 Kilo bei ww abgenommen hatte.

»Yessss«, feixte sie auf dem Weg ins blubb und blaa Beruhigungsbad. In Gedanken hörte sie den Song Lady in red und fand ihn situativ und persönlich voll angemessen.


15:30 Uhr bestieg sie die Badewanne und wunderte sich ein wenig darüber, dass das Wasser irgendwie nur lauwarm war und sie sich die ätherischen Öle auch hätte schenken können. Zack,

Heißwasser marsch …


15:40 Uhr. Sie schloss ihre Augen, der Prosecco fand auch blind den Weg zu ihren Lippen. Sie überlegte … Ob sie sich wohl genug zu erzählen hatten? Also sie und der Mann mit den blauen Wackelaugen? Ob ER gleich über sie herfallen und sie küssen würde?

15:50 Uhr. Ob SIE sofort über ihn herfallen und ihn küssen sollte? Nein, dachte sie, Männer wollten immer jagen. Gut, damit konnte sie hervorragend leben.


15:52 Uhr. Warum durften Frauen eigentlich nicht jagen?


15:56 Uhr. Raffiniert wäre, wenn sie einen BH anziehen würde, der vorn aufgeht.


16:00 Uhr. Nee, doch einen normalen BH, wäre ja voll peinlich, wenn er wie doof hinten suchen müsste.
Sie füllte sich vom Prosecco nach.


17:00 Uhr. Ob John wohl wirklich John hieß, fragte sie sich. Und dann fragte sie sich, wo sie sich eigentlich treffen würden.


Gegen 18 Uhr verließ sie das Bad und stand in Dessous, Halterlosen, einer Ladung Make-up und 100 ml ihres Lieblingsparfüms erneut vorm Spiegel, der ihr vorhin den Atem nahm.

»Eben noch im Minilädchen uuunndddd jetzt durch die Zauberkugel«, witzelte sie mit einem gespielten holländischen Akzent, denn es hatte tatsächlich ein wenig was von der Mini Playback Show.

Aber …
Sie schnappte sich einfach ihre Lieblingsjeans und irgendein Langarmshirt. Sie mochte sich. Genauso wie sie war. Sie würde sich selber jagen, also wäre sie ein Mann. *zwinker an alle Ladies dieser Welt.


Mit diesen Gedanken schnappte sie sich den Autoschlüssel und machte sich auf, Mr. Wackelauge zu treffen.

Mr. Wackelauge und Mrs. Sexerzwingerin Part II

»Nein«, keuchte sie als der Freud’sche Versprecher bei ihr ankam. Metaphorisch knallte ihr Kopf gerade mit karacho auf die Tischkante.

Wobei … überlegte sie, eigentlich keine schlechte Idee, um aus der Nummer rauszukommen. Blutüberströmt würde er sicher schnell vergessen, dass sie Sex von ihm wollte. Nadine riss ihre Augenbrauen bis fast unterm Haaransatz und sah in sein dreckig überlegendes Grinsen.

Doch die Tischkante?

Kurz schätzte sie die Entfernung ab. Boah, wenn er doch nur nicht so verdammt gut aussehen würde.


Und nun? Was sollte sie denn in so einer beschissenen Situation tun? Hatte sie ihm eben wirklich gesagt, dass sie Sex von ihm wollte? Alles nur wegen des dämlichen Rumbakurses, den sie nicht machen wollte. Beste Freundinnen wurden definitiv überbewertet. Da sie ihn die gesamte Zeit über ansah, verstand ihr Hirn nicht, dass er weiterhin schmunzelte oder lachte und seine stahlblauen Augen ihr wie fröhliche große Wackelaugen vorkamen, die sich die ganze Zeit um 360 Grad drehten.


Ob sie jetzt wohl verrückt werden würde? Oder er? Mit nen bissel Realismus sah sie beides im Bereich des Möglichen.
Apropos Realismus, Nadine zog ihren Bauch umgehend ein, reckte nochmal stolz das Kinn und natürlich auch die Brüste.

Die Waffen einer Frau, normal also.
»Ähm«, setzte sie an und da war das gesamte Potpourri an Schlagfertigkeit erneut erschöpft. Innerlich rollte sie jetzt ähnlich mit den Augen wie er, so genervt war sie von sich.

»Möchten sie vielleicht zahlen«, hörte sie seine lachende Stimme und wusste echt nicht mehr, wie sie aus dieser Chose rauskommen sollte. Sie nickte ihm entgegen und ihre Körpertemperatur rutschte von 42 auf 36 Grad, was sich gut anfühlte. Jetzt konnte sie durchatmen, er würde doch mit Sicherheit nicht selbst zum Kassieren kommen, oder?
Nein, würde er nicht.

Und ob, er kommt.

Neiinnnn, im Leben nicht.

Oh doch.

Scheiße, dass kann er nicht machen.

Wird er aber!

Und während dieser innere Monolog gefühlt Geburtstag in ihrem Kopf feierte, bemerkte sie nicht, dass ER ihr anstatt einer Rechnung eine Visitenkarte hinlegte. Als sie aus purer weiblicher Verzweiflung erneut die Tischkante taxierte und das mit der blutüberströmten Nummer Gestalt annahm, traf ihr Blick auf die Visitenkarte.

»Hä?« Nadine schaute drauf, sah alles, konnte alles lesen und nahm doch nichts auf.
Doch dann kam ihr hochgelobter Verstand zurück.
Er hieß John. Und er hatte ihr eine dominante Anweisung zum Treffpunkt dagelassen.

Heute Abend.


Sie las seine Worte und in ihrem Kopf durchforstete sie ihre Dessous Schublade, die Auswahl der Halterlosen, die High Heels. Dieser Mann mit den stahlblauen Wackelaugen wollte sie. Erneut senkte sie ihren Blick auf die Karte.

»Erotisches Abenteuer, ich komme«

Mr. Wackelauge und Mrs. Sexerzwingerin. Part I

»Und, Madame, hat ihnen das Essen geschmeckt«, säuselte dieser Kellner total künstlich, dabei beugte er seinen Oberkörper so sehr zu ihr herunter, dass ihr heiß und kalt wurde. Sie lupfte peinlich berührt ihren Pulli. Leider war sie viel zu schüchtern, sonst hätte sie ihm gern ins Gesicht geschaut.
Dabei hatte sie eigentlich echt miese Laune. Ihre beste Freundin wollte sie in so ein modernes Sportprogramm ziehen. Samba, überlegte sie. Nee, revidierte sie gedanklich. Simba? Rambazamba, witzelte sie gedanklich.

Keine Ahnung, alles neumoderner Schnickschnack. Mit ihren 48 Jahren brauchte ihr keiner mehr mit Sport kommen.
Mochte sie nicht. Heute nicht, morgen nicht und auch in Zukunft nicht. Ende der Ansage.

»Nein«, sagte sie im strengsten Ton, denn das, was dieser Laden hier Amerikanisches Steak nannte, war ne Frechheit.
Sie wollte gerade ihren Gedanken nachhängen, sich nochmal innerlich aufregen, warum es hier nicht mal einen Rotwein auf der Getränkekarte gab, warum das Steak nicht am Rand durch knapp tausend Grad Hitze karamellisiert wurde, da hörte sie, wie der Pinguin sich neben ihr räusperte.

Um ihn anzusehen, neigte sich Ihr Kopf in Zeitlupe zur Seite, dann nach oben, und dann …

Bäääääääääääääääääämmmmmm!

Eigentlich wollte sie ihn zumindest mit ihrem bösesten Blick treffen, aber im Moment schienen ihre neuronalen Bahnen auszusetzen, denn sie bekam nur ein katzengleiches miau heraus. Oder so ähnlich

… Super!

Warum war schlagfertig eigentlich immer erst hinterher?
»Hmm«, grunzte sie halb fragend, denn der Ober, Kellner, Pinguin … Verfluchte Scheiße, dieser Typ sah unfassbar gut aus. Die Chemie stimmte hier nicht, sie war fucking perfect. Jetzt galt es nur, IHN davon zu überzeugen. Also von der Chemie.


Sie schaute ihn erneut an, ihr wurde schwindlig und übel, jetzt hatte sie Angst, hier jede Sekunde über den Tisch kotzen zu müssen.
Anscheinend amüsierte ihn was er sah, denn sein Kopf neigte sich schmunzelnd zur Seite, ein leichtes Nicken begleitete seine Bewegungen. Gut, er wollte also wissen, warum ihr das Steak und der fehlende Rotwein nicht geschmeckt hatten.


Nicht gerade ein guter Einstieg, um dieser Sahneschnitte mitzuteilen, dass sie ihn:
A) Absolut umwerfend fand.
B) Sie eigentlich total schüchtern, aber eben sehr ehrlich war.
C) Sport ursächlich für die schlechten Laune war.
D) Sie ihre beste Freundin überdenken müsste.
E) Er froh sein konnte, dass sie sich nicht erbrach.
F) Wenn er das Dessert gewesen wäre, das Essen definitiv bombastisch und so weiter.
G) Die ganze Zeit ein kleiner Vogel im Kopf „Ich will Sex“ brüllte.


Forschend versuchte er in ihrem Gesicht zu lesen, das vorwitzige Lächeln umspielte noch immer seine sinnlichen Lippen. Sie musste jetzt unbedingt was Vernünftiges zu ihm sagen, damit er sie nicht für völlig bekloppt hielt.

»Ich will Sex!«

Um den Abgrund

Wir haben um den Abgrund herumgeredet und grundlosen Alkohol getrunken. Eine erdige Note Tristesse passt gut zu dem Abgang von Berührungen, die nicht nach innen dringen. Du warst noch da, aber deine Augen waren schon weg. In ihnen brannte noch Licht, aber niemand war mehr zuhause. Sex war bei uns wie Schach mit unseren Körpern. Der harmloseste Teil von mir wurde am gefährlichsten. Ich küsste dir immer wieder die Gedanken aus dem Kopf, und was wir fühlten war wie Strom, der von unserer Haut geleitet wurde. Wir fickten uns in eine andere Welt. Nicht weil wir geil gewesen wären, sondern weil es der einzige Teil von uns war, der noch funktionierte. Mir tat es leid. Dir tat es leid. Aber statt etwas zu sagen, stöhntest du mir in den Mund, und ließt mich deine Traurigkeit schmecken. Deine ganze Seele tropfte von meinem Schwanz.

Katzenschwermut

Der Kater reagiert schwermütig, als er endlich seinen Willen bekommt, und ich ihm das Fenster öffne. Es entspricht seiner Gewohnheit von der Küche aus seine Umgebung zu inspizieren, während ich ihm nun das Fenster des Wohnzimmers öffne. Als sich meine Hand nähert um ihn beruhigend zu streicheln, maunzt er skeptisch und langgezogen wie ein Theremin. Er muss sich erst versichern, dass es sich dabei was ich ihm darbiete wirklich um das selbe Draußen handelt.

Die österreichische Seele

Die österreichische Seele ist eine geheime Sprache mit wenigen Eingeweihten. Etwas das man nicht ganz richtig, aber auch nicht völlig falsch, als das Gegenteil von Poesie umschreiben könnte: Ein bisschen grob eingebildet, etwas stumpf im Gefühl für Sinn und Zeit, träge und immer drei Schritte zurückgefallen, aber auf einer ausladenden Säule der Gemütlichkeit errichtet. Während ich den amerikanischen Enthusiasmus immer als höchst affektiert empfunden habe, erscheint mir die österreichische Bärbeißigkeit grausam aufrichtig. Eine kollektive Anstauung von Wut über die niemals grüßenden Nachbarn, den charakteristischen Anwuchs des Ausländeranteils im Straßenbild, und das zimperliche Nüchtern-werden im betrunkenen Weltschmerz auf dem Nachhauseweg. Und als Gegengewicht nur noch die große große österreichische Freude, irgendetwas gerade NICHT tun zu müssen.

Post-Kindheit

Über meine Kindheit verteilt liegt sehr viel Verlorenes. Die Abwesenheit dieser verlorenen Dinge ist vielleicht sogar das, was mich zu einem Erwachsenen werden ließ. Seltsame Dinge, die seltsame Schatten werfen, die mich berühren und melancholisch werden lassen. Ich spüre sie überall dort, wo sie gar nicht hingehören. In den Titelliedern alter Zeichentrickserien aus meiner Kindheit, deren Texte ich so sehr verinnerlichte, dass ich heute noch jedes Wort auswendig kenne. Etwas zupft an meinen Seiten, wenn ich sie höre. Dieses Gefühl rapide zu altern, aus der Post-Kindheit, in der man eigentlich schon erwachsen geworden war, aber in dem noch deutlich mehr Jahre aus dem eigenen Leben, als Kind verbracht wurden, gegenübergestellt der geringeren Summe der Tage, die man seit dem Erwachsenwerden zählt, aus dieser Zone endgültig verbannt worden zu sein. Ich bin sehr altes Sich-erinnern, an sehr junges Leben. An die Bedeutungen von Pfützen und das Spucken gegen den Wind. Ein seltsames Gefühl verlassen zu werden, wenn man gleichzeitig derjenige ist der geht, und der bleibt. Die Zungen der Zeit, ihre Sprache ist das Vergessen, wenn wir uns immer wieder teilen wie Regenwürmer, denen die Phantomgegenwart schmerzt, des Zurückgelassenen, alles was wir aus Zeit und Gründen nicht mehr sind.

Winter in Badisch Sibirien – Part IV

Ich stehe am Hauptbahnhof einer mittleren Großstadt und bin völlig ehrfürchtig, weil ich pünktlich angekommen bin. Harte Geschichte nachdem immerhin Dinosaurier und Bomben gefunden und ganze Loks abhanden gekommen sind. Da willste einmal auf der Rückreise rummaulen, weil die Deutsche Bahn es mal wieder verkackt hat. Und was ist? Sie ist pünktlich. Ich warte also auf meinen ICE, in welchem ich natürlich keinen Platz gebucht habe. Da ich noch vor ein paar Augenblicken davon ausging, dass ich nach Hause laufen würde, schaffe ich die knapp hundert Kilometer auch im Stehen.

Schließlich war ich nüchtern. (kicher)

Jetzt muss ich nur zwölf Minuten warten und da schreibt mir meine Schwester, dass sie ihre Weiterbildung bestanden hat. Wie toll, denke ich und schnappe mir sofort mein Handy, um sie anzurufen. Was nur semi klappt, denn sie geht nicht ran. Ich latsche ein wenig den Bahnsteig hoch und runter, da es kalt ist. Dann die Durchsage. Zug kommt. Perfekt. Just als der ICE einrollt, klingelt mein Handy. 

Schwesterherz! 

Ich gehe ran (logo) und freue mich mit ihr und ihren Erfolg. Sie erzählt mir von der Abschlusspräsentation, vom Lampenfieber, weil sie das zu selten macht und der Freude, dass alles souverän gemeistert zu haben. Ich höre ihren euphorischen Tönen zu und finde nebenbei einen ungebuchten Platz und pflanze mich dahin. Wir reden so eine Minute, da merke ich, dass jemand sich mir annähert. 

Eine Frau. Blond. Um die Mitte fünfzig.  

Ich habe meine Schwester am Telefon und diese Frau fängt an mit mir zu sprechen. Das wirkt komisch auf mich. Ich kann beiden nicht folgen, das ist frustran, aber eigentlich egal. Meine Schwester redet und ich nehme wahr, dass mich die fremde Frau eigenwillig darauf hinweist, dass ich mich im Ruheabteil befinde. 

Aha. 

Ich sage meiner Schwester, dass wir auflegen müssen, und schreibe ihr sofort eine WhatsApp, dass das typisch deutsch ist. Dann fällt mir auf, was ich an der Art und Weise so eigenartig fand. Diese Frau tat bei der Rüge für mich so, als wäre sie dazu gezwungen, mich zu rügen. Getreu dem Motto, ich verstehe ja auch nicht, was das Theater soll, aber ich muss sie drauf hinweisen. 

Was ein Scheiß. 

Ich bin still, schließlich ist es ein Sei-Still-Abteil. Wobei meine linke Hirnhälfte viele kreative Ideen hat, was ich jetzt in dem Abteil tun könnte. 

Gut, wir halten erneut und es steigen zwei Herren in das Klappe-halten-Abteil. Sie setzen sich an so ne Viererkonstellation mit Tisch in der Mitte und der ältere von beiden zückt umgehend Zettel und Stift, um dem Jüngeren was Mathematisches zu erklären. Ich möchte das auch verstehen und so höre ich den beiden aufmerksam zu, bis mir zwei Dinge auffallen:

Ich komme nicht mit, was sich die Herren in den schicken Anzügen erklären, und ich wette, der Jüngere am Tisch auch nicht, obwohl er so tut. 

Das! hier ist das Sei-jetzt-still-Abteil! 

Krass … jetzt warte ich darauf, dass Mutti erneut aufspringt, um den Anzugträgern ebenso verzweifelt und authentisch nahezubringen, dass man hier den Mund halten muss. 

Schließlich findet sie diese Scheißidee hier drin auch ätzend, aber Regel ist Regel. Komme was da will, oder wer!

Oder etwa nicht?

Ich warte so zwei Minuten und denke, dass es jetzt aber Zeit wird, die eiserne Regel hier umzusetzen, aber es passiert nichts. Was macht den Unterschied, frage ich mich und komme fix darauf, dass es die Anzüge sein müssen. 

Ich fühle mich ungerecht behandelt. Was ist schon ein Telefonat im Kontrast zu ewigen mathematischen Erklärungen im Halt-die Fresse-Abteil? Kurz überlege ich aufzustehen und die Dame zu fragen, was nun ist. Ist zwar ne Kackregel, die ihr und mir nicht gefällt, aber nun …

Naja, was solls. Plötzlich sitzt eine super nette Frau neben mir und ich fange ein Gespräch mit ihr an. Natürlich bin ich gezeichnet von den Regeln in diesem Abteil, aber so nach 40 Sekunden ist es mir ganz egal, schließlich dürfen alle anderen ja auch quatschen. Außer die Mahnmeisterin, ich habe angenommen, dass sie den ganzen Abend geschmollt hat. 

Sie wollte die Regeln ja auch nicht, hatte sie suggeriert. Wer weiß, vielleicht haben wir ihr ja über ein Trauma geholfen und ab sofort kann sie im Halt-die Fresse-Abteil ebenfalls mathematischen Kram frönen, oder einfach mit netten Menschen qautschen.

The End (Die Deutsche Bahn ist schuld. Sie war pünktlich, sonst hätte es noch weitere Teile gegeben. So 24.)

Winter in Badisch Sibirien – Part III

Irgendwann bin ich doch eingeschlafen und freue mich sehr, dass mich die Kälte bereits 05:30 Uhr nach gefühlten drei Stunden Schlaf wieder hat wach werden lassen. Ich liege über eine Stunde vor Wecker klingeln in meinem Bett und weiß nichts mit mir anzufangen, da ich mich weigere, wach zu sein. Schlafen kann ich aber auch nicht mehr.

Patt.

Gut, ich schnappe mir mein Handy, habe Hunger und könnte dringend eine warme Dusche gebrauchen. 

Oder Urlaub. 

Eine funktionierende Heizung?

Wärmflasche!

Ein guter Kaffee würde mir auch helfen, aber sechs Uhr morgens gehe ich dafür nicht los. Ich akzeptiere meinen wachen Geist, stehe auf und mache mich im Bad fertig, da meine Augen noch nicht in der Lage sind zu lesen. Ich ziehe mich schnell an und sitze ähnlich ratlos hungrig wie vor gefühlten drei Stunden.

Mein physischer, wie psychischer Zustand ist konsequent, finde ich. Mir fällt spontan ein, dass ich dieses Hotel für Anfang Januar nochmal gebucht habe und weiß, dass ich es lächelnd stornieren werde. Aber nicht sofort, ich habe Angst vor Repressalien und werde erst im Zug nach Hause stornieren. Nicht, dass die mir die zehn funktionierenden Prozent meiner Wohn/Schlafzimmer Heizung auch noch abstellen.

Dann wäre ich am Arsch. 

Ich fahre also zu meinem Job, mache den ziemlich gut und kehre gegen Abend zurück in den 12 qm Eispalast. Da ich heute Abend in einem Restaurant was gegessen habe, friere ich wesentlich weniger und freue mich darüber. Was Käsespätzle alles können, denke ich und pfeife anerkennend durch die Zähne.

Ich kann die zweite Nacht gut schlafen, wache auf und packe meinen nichtvorhandenen Koffer. An der Rezeption steht ein Mann aus der ehemaligen DDR und spricht mich mit Thüringer Bratwurst Akzent an, ob meine Klimaanlage da an der Wand beim Schrank auch so laut war. Ich lächle freundlich und sage, dass meine Klimaanlage auch laut war, aber direkt über meinem Kopfkissen hing. Der Typ ist geladen und er hat Recht.

Er storniert umgehend. Ich sehe ihm an, dass anscheinend jeder in dieser Bude nur drei Stunden Schlaf bekommt. Vielleicht ein therapeutischer Ansatz? Ich weiß es nicht. 

Meinen zweiten Tag mache ich meinen Job auch gut und sitze pünktlich in meinem Zug nach Hause. Was auch immer im Universum passiert ist, erschließt sich mir nicht, aber ich bemerke, dass der Zug pünktlich ist.

Er ist pünktlich. Der Hammer. 

In der App schaue ich selbstbewusst, inwiefern mein Anschlusszug auch pünktlich ist und lese drei interessante Nachrichten. Jede einzelne mit einem fetten roten Ausrufezeichen versehen. 

1.     Fliegerbombe gefunden – kann alles dauern!

2.     Irgendein Triebwagen ist irgendwo abhanden gekommen und dadurch ebenfalls  – kann dauern!

3.     Ich erinnere mich nicht. 

Gedanklich produziere ich einen weiteren Grund. 

4. Sehr geehrte Damen und Herren und Diverse und wer auch immer …

Überraschenderweise ist es Dezember und damit kalt. Noch überraschender haben wir auf IHREM Weg nach Hause ein 800 Millionen Jahre altes Skelett eines noch nie zuvor gesehenen Dinosauriers gefunden, welchen wir selbstverständlich mit einem Teelöffel ausgraben werden. Bitte haben Sie Verständnis und laufen sich die verdammten Käsespätzle ab. 

Ich muss lachen, dass muss der sogenannte Galgenhumor sein, denke ich und bin wirklich belustigt darüber. 

Ich denke darüber nach zu Fuß zu gehen. Wie lange brauche ich für über 80 km? Was könnte ich zum Abendbrot essen bei dem Kalorienverbrauch?

Mir jetzt völlig Latte, was die gefunden, verloren oder mit nem Teelöffel ausgraben müssen, irgendwann werde ich zu Hause sein.

Lächelnd storniere ich das Hotel. Konsequent und so.

Coming soon. Part IV.