Komplimente die unsere Oberflächlichkeit verbergen

Menschen die von der Allgemeinheit als nicht oder nur mäßig attraktiv empfunden werden, müssen uns bei einem Kennenlernen erst von ihren guten Eigenschaften überzeugen, während es schöne Menschen völlig aus der Hand legen und uns überlassen können, diese guten Eigenschaften für sie zu entdecken, egal ob sie wirklich vorhanden sein mögen. Wir interpretieren sogar solche Züge an ihrem Verhalten als sympathisch, die wir sonst niemals dulden würden, weil Schönheit als eine Form von Macht empfunden wird, an der alle ihren passiven Anteil wollen. Es ist uns wichtig, dass uns schöne Menschen als ebenbürtig empfinden, weil es in den Augen der anderen immer das Versagen des weniger Schönen bleibt, von Personen nicht gemocht zu werden, die ausreichend anziehend sind, dass es für sie schon ausreicht bloß still bei Tisch zu sitzen, damit andere meinen die Klugheit in ihren Augen lesen zu können, weil Schönheit im mehrheitlichen  Glauben  alle anderen Talente in sich bindet. Sogar wenn sie völlig passiv bleiben, komplimentieren wir ihnen mit großem Eifer für alle möglichen guten Eigenschafen, weil wir uns sehr bemühen tiefgründige Komplimente zu finden, die unsere Oberflächlichkeit verbergen. Wir versuchen Schönheit durch Komplimente zu zähmen, weil sie uns wie wählerischer Adel erscheint. Und genau wie bei Reichtum gilt eine gewisse Diskretion, sie nicht direkt auf ihre Wohlhabenheit anzusprechen, sondern kreativere Gründe zu finden, um nicht vulgär und bittstellend zu erscheinen.

Die Unschuld wie eine Nadel fallen hören

Am schlimmsten ist das Gefühl aus heiterem Himmel wieder ein Kind zu sein. Diese Kinderangst, die nichts mit den Ängsten eines Erwachsenen zu tun hat, sondern aus einem viel älteren Gemüt heraus. Etwas das man so tief fühlt, wie von ihrer natürlichen Angst vor Dunkelheit heimgesuchte Kinder, und diese Angst reicht bis an deinen Urgrund, von dem du gar nicht mehr wusstest, dass so etwas in dir noch existiert, dort wohin man sich nur grundlos hinabweinen kann. Dann verbinden sich Erinnerungen mit dem Gefühl: Einzelne Tränen wie Beistriche aus dem Nirgendwo. Ich kann die Flügelschläge ihrer kleinen Dämonen hören. Ich wachse über dieses Labyrinth hinaus, und doch reicht es mir bis an den Hals. Nur mein Kopf ist erwachsen, aber meine Füße versinken in der Vergangenheit. Nass vor Kindertränen in einem tiefen Morast der Verletzlichkeit. Man kann die zerbrochene Unschuld wie eine Nadel fallen hören. Mir fehlen die Erklärungen für diese Schatten die mich verfolgen. Für die kleinen Nadeln die in mein Herz stechen.

Rückblicke als Erwachsener

Meine Kindheit war kein Zuckerschlecken. Meine Mutter hat mich sehr oft gedemütigt, auch vor anderen, und als jemand fragte „Warum bist du so gemein zu deinem Kind?“ sagte meine Mutter nur „Ich will eben Spaß haben.“ Die andere Person sagte dann: „Wenn du ihn weiter so behandelst, könnte er gefährlich werden. Der bringt dich irgendwann um, wenn du so weiter machst.“ (Kein Kommentar dazu) Und meine Mutter meinte: „Nein, mein Kind verzeiht mir. Der vergisst das alles. Das ist egal.“ Entsprechend verhaltensgestört war ich dann auch als Kind. Und auch wenn Gewaltverbrecher in der Zeitung waren, zum Beispiel einer der seiner Mutter den Kopf abgeschnitten hatte“, zeigte sie mir sofort sein Bild und meinte: „Der sieht aus wie du! Ich hab Angst, dass du genauso wirst. Bitte schneide mir nicht den Kopf ab.“ (Kein Kommentar) Von all den Schlägen die ich bekommen habe, war die psychische Misshandlung am Schlimmsten.

Mir wurde immer eingeredet, dass ich schlecht wäre. Das ich gefährlich bin. Und es hat lang gedauert das in meinem Kopf gerade zu rücken. Dazu muss man aber auch sagen, nicht, dass das eine Entschuldigung wäre, dass meine Mutter selbst noch viel schlimmer, von ihrer Mutter misshandelt wurde. Wie die meisten Eltern hat sie das weitergegeben, was sie selbst erfahren hat.

Und jetzt, selbst erwachsen und nichts vergessen, kämpfe ich um den letzten Frieden mit meiner Mutter. Weil sie meine Mutter ist. Leben ist komisch.

Mr. Wackelauge und Mrs. Sexerzwingerin. Part VII

Ich will Sex. Jetzt!
Aber das Steak …
»Du hattest doch heute Mittag schon ein Steak, ein beschissen schmeckendes, ja, aber es hatte enorm Punkte«
Ich will Sex. »Jetzt auf diesem Tisch!«
Du hast aber noch 16 Punkte über. »Du liebst Rotwein und Steak dazu!«
Irgendjemand störte diesen ausufernden inneren Monolog. Sie spürte die Vibration an ihrem Körper, vernahm auch das erneute, wirklich nervige Räuspern des Kellners und sie versuchte ja ins Hier und Jetzt zurück zu kehren.
Sex!

Steak …

»Sex!«

Steak …

Riesige blaue Augen sahen in ihre. »Würdest du bitte irgendwas bestellen«, presste er hervor und Nadine verstand mal gar nicht, warum er so angespannt auf sie wirkte. Was war denn passiert?
Nadine neigte ihren Kopf langsam zur Seite und dann etwas nach oben, um dem Kellner in die Augen zu sehen. Der Typ war doch völlig verwirrt, wie schaute er sie denn an? Der dürfte hier gar nicht arbeiten, dachte sie.

Sie schaute Mr. Wackelauge an und flüsterte ihm zu, dass dieser Typ in ein Betreutes Wohnen gehörte, aber nicht in ein so renommiertes Steakhaus, da hörte sie von ihm …
»Habe ich sie richtig verstanden, sie hatten heute schon ein Steak, was ihnen nicht schmeckte, weil es Punkte hatte?« Er sah sie irgendwie voll komisch an.

»Sie lieben Rotwein zum Steak und wollen alles jetzt auf den Tisch haben und der Rest galt wohl ihrer Begleitung nehme ich an.« Nadine war völlig überrascht, Euphorie schoss durch ihre Adern, schließlich war er der erste Mensch, der ihre Gedanken lesen konnte!
Krasser Scheiß …

»Mr. Wackelauge«, schrie sie ihn begeistert an. »Er kann meine Gedanken lesen! Ich bin völlig beeindruckt«, freute sie sich.

»Wow … er kann Gedanken lesen«, jubelte sie.
»Du hast laut gedacht, Sexerzwingern. Das ist alles«, presste er hervor, seine Mundwinkel zuckten schon wieder.
Nadine sah den Kellner an. »Laut gedacht«, fragte sie ihn und er nickte.


Scheiße …


Hörte das mit den Peinlichkeiten denn gar nicht mehr auf? Eigentlich würde sie jetzt gern Arschloch denken, hatte aber echt Schiss, dass sie wieder laut denken könnte und sich irgendwer angesprochen fühlte. Sie fing also laut an zu denken. Das! war wirklich krass.
Völlig cool, bestellte sie ein 300 Gramm Angus Rinderfilet, medium verstand sich. Scheiß auf die Punkte, dachte sie, da das viele Peinliche heute sicher viiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiel Energie kostete.
Mr. Wackelauge bestellte sich ein ähnlich gutes Stück Fleisch und dann kam die Frage, die sie back to Basic brachte. All ihre Ängste herauf beschwörte und sie grundlegend echt zur Idiotin degradierte.

Der Kellner fragte …

»Und was darfs zu trinken sein?«

Mr. Wackelauge und Mrs. Sexerzwingerin. Part VI

Schnell rutschte er direkt zu ihr heran. Joar … gefiel ihr hervorragend. Die Idee mit dem Sex auf dem Küchentisch drängte sich ohne Vorwarnung in ihr Hirn zurück.
Er hielt die ganze Zeit Augenkontakt und Nadine bemerkte, wie sie ihre Augen in Zeitlupe immer weiter aufriss, während ihre Lippen immer schmaler wurden und sich zu einer dünnen Linie formten.


»Du siehst wie ein potentielles Opfer aus einem Horrorfilm aus«, flüsterte er mit jetzt ebenfalls weit aufgerissenen Augen.
Er grinste …
»Du siehst nicht wirklich besser aus«, flüsterte sie ebenso leise zurück.

»Selber Opfer«, provozierte sie.


Er nickte wissend, sein Lächeln blieb.
Nadine verlor sich in diese jetzt riesigen Augen von Mr. Wackelauge und sie glaubte erneut daran, dass sich diese wundervollen blauen Kugeln 360 Grad drehten. Da war es wieder, dachte sie. Sie war am verrückt werden.

Hätte sie situativ echt schlechter treffen können …


»Ist. ES. noch. da.«, flüsterte er völlig amüsiert und noch leiser als zuvor. Offensichtlich stand er vor einem Lachkrampf, denn er zog zwanghaft seine Wangen nach innen, um nicht losprusten zu müssen.
»Jaaaaa«, schnaufte sie.

»Dir scheint der Ernst der Lage nicht bewusst«, nickte sie ihm todernst entgegen.
»Hm, Mrs. Sexerzwingern, was tun«, fragte er mit noch immer viel zu wenig Ernsthaftigkeit, fand Nadine.
»Du bist der Mann. natürlich musst du nachschauen«, flüsterte sie ungeduldig.
Er fixierte ihren Blick und war anscheinend heldengleich entschlossen, denn seine rechte Hand verschwand aus ihrem Blickfeld. Sie neigte ihr Kinn ein wenig und blickte der verschwunden Hand hinterher. Seine Hand wanderte auf ihren Oberschenkel.


»Andere Seite«, zischte sie. »Ok ok«, konterte er. Sie bemerkte die kleinen Nuancen seiner Berührungen, auch er hatte anscheinend Respekt vor dem Unbekannten.
Beide sahen sich an und er senkte seine Hand auf …
»Aaaahhhhhhhhhhh«, fuhr Nadine erschrocken zusammen.
»Tscht … ganz ruhig«, flüsterte er, seine linke Hand legte er unter ihr Kinn und hob es etwas an.


»Was ist es«, wollte sie von ihm wissen.
»Das!«, setzte er an und verfiel in eine opulente, ja melodramatische Pause …

(Länge der Pause für den Leser dargestellt.)

»ist mit Abstand die lustigste Aufforderung zur sexuellen Belästigung, die ich je erlebt habe«, feixte er.
»Bist du bereit dem Übeltäter ins Auge zu schauen«, fragte er gespielt heroisch. Nadine nickte nur noch, da sie nervös war, was jetzt kommen würde.
»Bereit«, vernahm sie von ihm und musste sich zusammenreißen, jetzt nicht ungeduldig zu werden und ihn anzuzicken.
Nun mach schon … zickten Engelchen, Teufelchen und natürlich sie selbst. Alle drei überlegten, wie sie ihn gleich anfallen würden, wenn er jetzt nicht mit der Sprache rausrückte.

***

Aus dem nichts riss er eine dritte Hand unterm Tisch vor und Nadine schrie wie am Spieß, während er sich vor Lachen nicht mehr einbekam. Er sah sie durchdringend an, schüttelte leicht seinen Kopf und prustete aus voller Seele, was sie irgendwie irritierte und auch verärgerte.

Da tatschte jemand Fremdes sie unterm Tisch an und er … lachte?
Sie zog ihre Augenbrauen tief nach unten, ihr Verstand setzte ein und sie begann damit die böse Hand zu begutachten. Als erstes stellte sie fest, dass die Hand in dem gleichen Langarmshirt steckte wie ihre Arme.
Nadine und der schrille Schrei verstummten.
Sie musterte die fremde Hand und erkannte ihr eigenes Armband aus Silber … seine Worte hallten nach. Was genau war es? Ihr Hirn rotierte und dann fiel es ihr wieder ein. Mit Abstand die lustigste Aufforderung zur sexuellen Belästigung, die er je erlebt hatte?

Sie sah ihn an, er lachte. Tränen rannen aus seinen Augenwinkeln, seine Haut rotgefärbt von den positiven Emotionen. Er sah toll aus, dachte sie. Nadine blickte auf ihre Schultern. Engelchen heulte riesige Krokodilstränen vor Scham und Teufelchen lachte sich schallend kaputt.
Diese Form des Blamierens würde sie als Königsdisziplin bezeichnen. Sie hatte es echt geschafft diese Herausforderung mit Eins plus zu bestehen.
»Es war meine Hand«, stellte sie nüchtern fest. Er nickte lachend, sein Oberkörper neigte sich weit nach vorn. Sein Gesicht tauchte direkt vor ihrem auf.


»Mein letztes Date ist sehr lange her«, sagte sie leise, dennoch selbstbewusst mit einer Prise Humor versehen. Sie wollte, dass er ihre Aufregung verstand, wobei das natürlich total dämlich war, denn Männer schafften es nicht mal, eines der 60 Stücken Butter im Kühli zu finden. Was wusste er schon, dachte sie und senkte ihren Blick nach unten, um diesem Moment zu entkommen. Ha ha ha selten so gelacht …


Als erstes bemerkte sie seinen warmen Atem an ihrem Ohr. Eher ein Rauschen, schnell, denn sein Brustkorb hob und senkte sich noch immer rasant, da er sich voll amüsierte.
Sie hörte, wie seine sinnlichen Lippen sich teilten, glasklar drang sein Einatmen zu ihr durch. Gänsehautwellen fluteten ihre Haut.
»Du bist wunderschön, Mrs. Sexerzwingern«, hauchte er in ihr Ohr, »das und nur das musst du wissen«, setzte er energischer hinterher.

Das wäre, dachte sie, der ideale Moment für die körperliche Liebe auf diesem Restauranttisch. Warum saßen sie denn hier in der Öffentlichkeit? Warum um Himmelswillen wollte dieser verfressene Geist ein Steak verspeisen?
Ihr Hirn setzte aus, als er begann ihr Ohrläppchen wie in Zeitlupe einzusaugen, sie hinterm Ohr zu küssen, dann spürte sie ihn am Bogen ihres Unterkiefers. Er blieb an ihrem Mundwinkel stehen und begann über ihre Lippen zu lecken. Im Schneckentempo, womit er hunderte kribbelnde Ameisen auf ihren Mund hinterließ.
Gerade als sie adäquat antworten wollte, nämlich das Shirt über den Kopf reißen, sich zur Musik tanzend ausziehen und dann ihm die Lumpen vom Leib zu reißen, über ihn herzufallen und endlich diesen verdammten Tisch zu nutzen …

Räusperte er sich?

Häääääää? Was war´n das jetzt fürn Scheiß, dachte Nadine und auch Mr. Wackelauge löste sich nur widerwillig. Beide schauten in das Gesicht des Kellners.

»Was darfs sein, die Herrschaften«, hörten sie hochgeschwollen von ihm.

Liebe aus dem Versagen heraus

Meine Mutter zu besuchen ist wie einen Mantel der Vergangenheit überzustreifen. Das warme Gefühl der eigenen Kindheit nochmal zu erleben. Aber die Erinnerung spielt einem Streiche. Meistens war meine Kindheit alles andere als schön, aber ich erinnere mich nicht so daran, wie sie gewesen ist, sondern so, wie sie hätte sein sollen. Seit ich nicht mehr bei meiner Mutter lebe, habe ich das Gefühl, dass sie mich wirklich liebt. Es sind ihre Verlustängste, die sie dazu bringen sich zu wünschen, dass sie es besser gemacht hätte. Und ich helfe ihr dabei das alles nochmal nachzustellen. Wir rücken an der Zeit herum, und finden ein bisschen näher zusammen. Dabei hilft es auch, dass sie alt geworden, und oft ist sie das Kind und ich der Erwachsene. Ich sage ihr jetzt oft, dass ich sie liebe, und spüre dabei ihr unendlich schlechtes Gewissen. Sie weiß, dass sie alles nochmal so machen würde, und vertraut auf meine Fähigkeit zu verzeihen. So ist das manchmal. Wir lieben die Menschen ohne wirklichen Grund, sondern weil wir in diese Rollen gefallen sind. Also machen wir das Beste daraus. Aber wir lieben uns gemeinsam aus unserem Versagen heraus, und das ist aufrichtig.

Mr. Wackelauge und Mrs. Sexerzwingerin. Part V

Lachend zog er sie in das sündhaft teure Restaurant. Nadine checkte gedanklich den Inhalt ihres Geldbeutels und musste feststellen, dass sie sich das hier definitiv nicht leisten konnte. So ein Steak mit Rotwein kostete mal eben über hundert Euro.

Alternativ, grinste sie lässig, könnte sie ja abwaschen, oder ihren Körper verkaufen. Sie strich den letzten Gedanken wieder. Der Kellner wies beiden den Platz, ein einsamer Tisch in der hinteren Ecke des Nobelschuppens. Spontan dachte sie an Sex auf dem Küchentisch. Spontaner verwarf das Engelchen diese Idee kopfschüttelnd.

»Blöde Kuh«, zischte Nadine. Sie setzten sich und Nadine sah, dass sich das Teufelchen die Hände rieb. Orrrr, worüber freute der sich denn jetzt? Steak? Wein? Sex? Küchentisch? Dass sie Engelchen gerade doof fand? Hörte das Kopfkino auch mal wieder auf? Also irgendwann im Leben?


»Wie heißt du eigentlich«, erstaunt über so viel Geistreiches, lächelten Nadine, Engelchen und Teufelchen souverän in sein wunderschönes Gesicht. Alle drei freuten sich diebisch, dass die Schüchternheit fürs Erste ad acta lag.
»Mr. Wackelauge und du«, fragte er und da war er wieder, der Schalk in seinen Augen. Das konnte er haben.
»Mrs. Sexerzwingerin«, konterte sie und wuchs erneut um drei Zentimeter.

Okay, okay, alle drei wuchsen um drei Zentimeter.
Anscheinend belustigte ihn dieser unfassbar, einzigartige und absolut geniale Konter, denn er vergrub sein Gesicht lachend hinter der Speisekarte. Sie tat es ihm gleich und steckte ihre Nase in die Karte. Als erstes suchte sie einen fruchtigen Bordeaux, der hervorragend zum Steak passte.


»Was trinken wir, Mrs. Sexerzwingerin«, seine Stimme klang leicht. Er hörte sich relaxed und zufrieden an, sie mochte das und fragte sich, ob er, nachdem sie ihn in ihrem Bett hatte, nur noch lallen würde, da sein Entspannungsfaktor ungeahnte Sphären betreten würde.


»Den hier«, Nadine drehte die Karte in seine Richtung und zeigte auf ihre Wahl.
»Welchen«, hörte sie ihn fragen, da er noch immer mit der Speisekarte beschäftigt schien. Nadine schaute auf den Namen des Weines und wusste nicht wirklich, wie der ausgesprochen wurde.
Teufelchen lachte. Prima, ganz klasse.
Château Vieux Coutelin 2011 Sie konnte das schon lesen. Aber wie sprach sie das nun elegant aus, schließlich hatte sie nie französisch.


»Hm«, merkte er an. Sie sah in sein Gesicht. Seine Mundwinkel zuckten.

»Gib zu, du kannst den Namen nicht aussprechen.«
Zugeben oder Abstreiten, überlegte sie kurz, entschied sich aber für Authentizität, schließlich konnte sie die zehn Kilogramm zu viel auch nicht weg atmen. Was wirklich sehr, sehr schade war.
»Erwischt«, gab sie zu und sein Gesicht nährte sich. Er grinste. Ganz kurz vor ihren Lippen hielt er inne.

»Hast du eigentlich eine Ahnung, wie schön du bist … und wie witzig?« Während er sprach, streiften seine Lippen ganz sanft ihren Mund. Würde seine Hand nicht direkt unter ihrem Kinn liegen, würde sie sich reflexartig umschauen, ob nicht irgendeine andere ganz witzige oder schöne Frau hinter ihr saß. Erneut küsste er sie, doch dieser Kuss war bedachter, langsamer und sie irre machend. Sie schmeckte ihn und war versucht, alles um sich herum zu vergessen, als sie etwas auf ihrem Oberschenkel fühlte.
Das ging jetzt aber zu weit. Ähm, zu schnell, denn weit stimmte so nicht, er saß ja fast auf ihrem Schoß.


War das billig oder genial?


Billig oder genial?


Billig oder genial?


Sex auf dem Tisch?


»Was ist«, wollte er von ihr wissen, da er merkte, dass sie stockte.
»Deine Hand auf meinen Oberschenkel«, stotterte sie mehr, als dass sie es normal aussprach.
Sie sah ihm ins Gesicht und bemerkte, wie seine linke und rechte Hand neben seinem Gesicht auftauchten.


»Hä«, jetzt war er verwirrt und es stellte sich die Frage, wessen Hand da NOCH IMMER ihren Oberschenkel streichelte?

Was ich am Schreiben lustig finde ist, dass ich in unregelmäßigen Abständen anfange alles, was ich bisher geschrieben habe, scheiße zu finden. Das ist gut, weil es in mir den Wunsch erweckt, und mir dabei hilft, mich zu verbessern. Verbessern im Sinne meiner Selbstwahrnehmung.

Erotische Problembeziehung statt netter Kerl

Ok, sie ist also mit einem richtig netten Kerl zusammen. Er liebt sie und behandelt sie mit Respekt, und sie weiß, dass er alles für sie tun würde. Aber ihre Leben driften langsam auseinander, wie das manchmal so ist, wenn die Umstände einfach nicht passen. Dann findet sie einen Job in einer anderen Stadt und macht Schluss, weil sie weiß, dass er ihr nicht folgen kann. Nach ihm lernt sie dann ein absolutes Arschloch kennen, mit dem sie aber gleichzeitig den Sex ihres Lebens hat. Es ist ne Liebe/Hass Beziehung und sie streiten sich dauernd, weil er ständig die selbe Scheiße anstellt, für die er sich dann wieder entschuldigt und schwört sich endlich zu bessern. Am Ende landen sie dann wieder im Bett, und habe ich schon erwähnt, dass der Sex verdammt gut ist? Irgendwann tritt dann wieder der Typ von damals in ihr Leben, dieser echt anständige Kerl, der jetzt auch hier lebt, und der sie immer auf Händen getragen hat. Sie treffen sich und irgendwie schlafen sie am Ende miteinander, obwohl sie ja jetzt mit einem anderen zusammen ist, aber der behandelt sie eben nicht gut, und irgendwie ist es auch ein Mitleids und gleichzeitig ein Vergangenheitsfick. Also macht sie mit diesem Dreckschwein Schluss und kommt wieder mit dem echt netten Kerl zusammen. Das Dreckschwein aber lässt einfach nicht los, weil er zwar ein Arschloch aber trotzdem aufrichtig in sie verliebt ist, und er verprügelt ihren neuen/alten Kerl so heftig, dass er kaum noch laufen kann. Jetzt sitzt sie neben ihm im Krankenhaus und hält sein Händchen, während sie sich dafür entschuldigt, dass ihr nach ihm Ex immer schon so drauf war, aber es gar nicht so meint, und sie weiß ja auch nicht, was mit ihm nicht stimmt. Und sie küssen sich ganz sanft, und als sie geht sagt sie ihm, dass er jetzt unbedingt etwas Ruhe braucht. Irgendwann kriegt er dann einen Anruf, ihre Nummer steht auf dem Display und er hebt ab. Sie sagt ihm, dass sie Schluss macht, schon wieder, also das sagt sie nicht so, aber es ist das was sie tut, weil sie den anderen, das Arschloch jetzt liebt und sie liebt ihn immer noch, und sie weiß ja auch nicht was sie fühlt, und das Ganze täte ihr echt leid, und der nette Kerl versteht die Welt nicht mehr. In der selben Nacht fickt sie dann das Dreckschwein wie sie noch nie gefickt wurde, und sie hat einen Orgasmus nach dem anderen, und sie beißt ihm in Ekstase ins Ohr, während sein riesiger Penis gefühlt bis unter ihren Bauchnabel gleitet, und sie ruft seinen Namen so laut, dass die Nachbarn den Fernseher lauter drehen müssen. Sie weiß das nicht, aber sie hat sich für das Arschloch entschieden, weil er ihr Leben aufregender macht. Außerdem hat sie das Gefühl selbst nicht so ein guter Mensch zu sein, und der andere hat sie immer wie ein Prinzessin behandelt, aber jetzt kann sie endlich sie selbst sein. Sie streiten sich dauernd und sie muss nicht mehr verstecken, wie kaputt sie eigentlich selbst ist, und sich auch nicht mehr belügen, dass Sex auch nicht alles wäre, weil der vorher nicht ganz so prickelnd war, aber jetzt lebt sie diese ganze Leidenschaft, die sie immer wollte. Und weil er nicht so ein guter Mensch ist, hat sie das Gefühl ein umso besserer Mensch zu sein. Und dafür liebt sie ihn noch mehr, weil er als Arschlochihre Freikarte ist, die Gute in ihrer Beziehung zu bleiben. Er wird weiterhin immer die selbe Scheiße anstellen, und sie wird ihm verzeihen, und sie werden wieder im Bett landen. Weil es besser ist mit einem Typen zusammen zu sein, der sie nicht immer korrekt behandelt, aber dafür einen Orgasmus nach dem anderen verschafft, und sie spürt diese ganze Leidenschaft, weil sie sich immer wieder anziehen, egal was er auch wieder angestellt hat. Und sie lebt lieber in dieser endlosen Schleifen ihres Versuchs ihn zu reparieren, aber eigentlich ist sie heimlich froh, dass er genau dieses Schwein bleibt, der ihr genau dieses Leben schenkt. Der Andere hätte ihr das so niemals geben können. Weil er lieb und nett aber ein Muttersöhnchen ist, und es ihr lieber ist, dass sie jetzt einen echten Kerl hat, an dem sie sich festhalten kann, und der sie einfach ein Stück nach vorn durch das Leben fickt, wenn mal wieder irgendwas schief geht. Weil das keine langweilige Geschwisterliebe ist, sondern genau diese erotische Problembeziehung die sie immer gebraucht hat. Und sie muss es sich nicht eingestehen, weil er sie immer wieder überwältigt und sie alles auf ihn schieben kann, weil er genug falsches tut, damit sie nichts falsches machen muss. Und er liebt sie und sie liebt ihn, und zusammen sind sie schlechte Menschen bis ans Ende ihrer Tage, die den gemeinsamen Sex ihres Lebens haben. Weil manche Menschen eben so sind und Langeweile ist schlimmer als jede Hölle.

Mr. Wackelauge und Mrs. Sexerzwingerin Part. IV

Auf dem Weg zum Date, drehte Nadine die Musikanlage auf Anschlag, brüllend laut hallte ihre Lieblingsband durchs Wageninnere. Schade, dass es so scheißekalt da draußen war, sonst hätte sie gern die Scheiben unten, um ihre Umwelt mitzubeschallen.

So wummerten die Bässe nur für sie und die drei Wagen vor und hinter ihr. Was nichts daran änderte, dass sich Engelchen und Teufelchen über ihre Schultern hinweg nicht unterhielten, sondern volle Pulle anschrien. Geil! Hatten die auch mal was zu tun. Sie konzentrierte sich auf die Musik, während das Engelchen sie nach Hause schicken wollte, was dem Teufelchen … tadaaaaa Überraschung … total gegen den Strich ging.

Sie parke den Wagen und die Musik ging aus. Die beiden Comicfiguren auf ihren Schultern stritten immer noch, was sie aber irgendwie nicht mehr interessierte, denn ihr Blick fiel auf …


»Nee, das glaube ich nicht …«, keuchte sie in die dunkle Nacht, als ihr klar wurde, dass sie vor dem nobelsten Steakschuppen der Stadt stand. Was heißt der Stadt, wahrscheinlich des gesamten Universums. Jetzt, dachte sie, könnte selbst das Teufelchen schreiend und weinend nach Hause wollen, sie würde bleiben. Keine verdammte Chance.

Als sie die Treppen zum Eingang nahm, bekam sie ne mittelschwere Panikattacke, die nichts mit ihrer Optik, ihrer Figur oder was Frauen sonst so störte zu tun hatte, eher so´n Gefühl, nicht genau zu wissen, ob sie Mr. Wackelauge sofort wieder erkennen würde.

Mist, wäre das peinlicher Scheiß … sie stellte sich vor, wie sie gleich endlos im Restaurant nach ihm suchen würde, während er wahrscheinlich auf dem best Primetimestuhl alles beobachtete und sich zeitgleich vor Lachen in die Hose machte.
In sowas war sie halt ne echte Heldin.
Ohne Vorwarnung und nein, sie war noch nicht im Restaurant, zog etwas an ihrem linken Arm und drehte sie so, dass sie mit dem Rücken an der Wand landete. Gerade als sie so tun wollte, als beherrsche sie sämtliche Kampfsportarten, erkannte sie, wer sie da an die Wand gedrängt hatte.


»Mr. Wackelauge«, flüsterte sie hörbar überrascht, was natürlich total dämlich war. Erstens, er hieß sicher nicht Wackelauge mit Nachnamen und zweitens, schrumpfte ihr Hirn wie heute Mittag auf die Größe einer Erdnuss. In Peinlichkeit kaum zu überbieten.
»Meinetwegen«, hörte sie lachend von ihm, da landeten seine Lippen auf ihre. Forsch küsste er sie und schmeckte fantastisch. In ihrem Kopf rotierte die Frage, ob das nicht minimal zu schnell ging, aber sie würgte das furchtbar sittsame Engelchen ab, denn irgendwas stimmte mit ihr nicht.

Eifersucht? Gute Frage.

Nadine schloss die Augen und gab sich diesem leidenschaftlichen Kuss hin. Sie kostete von ihm, schmeckte ihn und ließ ihn kosten. Dieser Kuss sollte ewig anhalten, dachte sie. Wann er sich löste, konnte sie nicht sagen, da ihr Hirn in den Tiltmodus gewechselt hatte.
»Hey«, hauchte er in ihr Gesicht. »Augen auf, Mrs. Sexerzwingern«, hörte sie ihn lachen.
»Hm …«, nur widerwillig schaute sie ihn an, denn sie wollte weiter küssen, kuscheln, Sex.

Aber …


Dann erinnerte sich Nadine, wo sie beide standen.
»Also, Babe. Steak oder Sex«, brachte er wieder schmunzelnd hervor. Sie fixierte sein Gesicht, schaute in diese himmlischen blauen Augen …

»Erst Steak, dann Sex!«
Nun war sie es die grinsen musste, denn Frau musste Prioritäten setzen und es ging einfach nix über ein Punktearmes Rindersteak.
Mit Rotwein verstand sich.