Irgendein Freitagnachmittag, so Pi mal Daumen im Jahr 2007 muss es gewesen sein, ich war fast dreißig Jahre alt und arbeite seit meinem 22. Lebensjahr als examinierte Pflegefachkraft in einer ambulanten Pflege meiner Heimatstadt.
Das Diensthandy klingelt unterwegs, eine kooperierende Ärztin ist dran und bittet mich zu einer ihrer Patientinnen zu fahren, da sie einen Hexenschuss erlitt und wirklich schlecht klarkommen würde. Sie braucht Hilfe.
Klar, mache ich, sage ich und habe keinen blassen Schimmer, was oder wer mich da wohl erwarten würde. Was ja die Regel bei Neupatienten ist. Ich fahre also mit einem qualitativ schlechten Fiat Panda die ersten zehn von 35 Patienten und halte dann bei dem so gesehenen Notfall von heute an.
Die Karre abgestellt fällt mir sofort auf, dass die von der Hexe geschossene Patientin einen entweder sehr naturbelassenen oder völlig ungepflegten Vorgarten hat, der möglicherweise Äonen von Jahre keinen Spaten, Gießkanne oder ähnliches gesehen hat.
Wir reden hier von alten Menschen, da ist das alles verständlich, denke ich und gehe die kleinen zwei Stufen, um die Klingel zu betätigen. Dabei ruht mein Blick auf die anthrazitfarbenen dicken Gardinen, die in jedem Fall gewöhnungsbedürftig sind, denn sie haben dieselbe Auszeit wie der Vorgarten.
Geschenkt! Das hier ist real Altenpflege und es gibt ja prinzipiell nichts, was ich noch nicht gesehen habe, denke ich und in dem Moment geht die Tür auf und ich blicke in zwei blaue Augen, die mich an irgendwen erinnern, aber ich komme nicht drauf.
„Guten Tag, ich bin überrascht, dass so schnell jemand zu mir kommt“, sagt sie und schlurft zurück ins Haus. Sie ist ungefähr Ende 70 mit wilden, zerzaustem Haar, leicht untersetzte Figur und psychologischer Stimme. Sie schlurft in runtergelatschten Hausschuhen, eine schwarze Jogginghose und ein schwarzes Langarmshirt. Sie wirkt unbeteiligt, als hätte sie mich weder bestellt noch gerufen. Als wäre ich die falsche Wahl in der neuen Pizzeria. Ich schaue ihr nach, wie sie sich langsam in Richtung Ihres Bettes bewegt, welches mitten im Raum steht. Komisches Wohnkonzept.
Dann sehe ich mich das erste Mal richtig um und bin erstaunt, wie verkramt so ein Untergeschoss eines Hauses sein kann. Links schließt sich übergangslos eine einzelne Küchenzeile an, auf welcher man nicht mal einen Radiergummi ablegen könnte, so vollgestellt ist alles. Danach sieht es von weitem so aus, als stände dort ein zusammengewürfelter, undefinierbarer Kram. Aus der Richtung der Frau knarzt es laut, was den Moment markiert, in welchem sie sich hingesetzt hat.
Ich schaue zu ihr, sie ignoriert mich.
Meine Faszination hängt noch an der wilden Bude, die unaufgeräumter kaum sein könnte, da stelle ich mich automatisch vor.
„Guten Tag, mein Name ist Schwester …, ich bin von der Sozialstation, ihre Hausärztin hat mich angerufen, sie benötigen Unterstützung aufgrund Ihrer Rückenbeschwerden.“
Sie schaut mich nicht mal an.
„Was kann ich denn für sie tun“, frage ich weiter und fühle schon so 4 Prozent inneren Frust.
„Sie können mein Bett reparieren“, kommt von ihr und wäre es ein Witz, hätte ich wahrscheinlich losgeprustet, aber es lacht keiner. Nicht, dass ich sowas nicht könnte, mein Vater hat meine Schwester und mich schon früh mit Lötkolben an Leiterplatten gesetzt. Aber hier in meinem Job gehört sowas zum Möbelbauer oder Hausmeister.
Also erkläre ich ihr, dass es nicht zu meinen Aufgaben gehört, ein Bett zu reparieren, woraufhin sie mich Ironie gepudert fragt, was denn dann zu meinen Aufgaben gehört.
Mein innerer Skeptiker schlägt an.
Essen, Trinken, Waschen, Einkaufen, Ofen anheizen und so weiter und so fort erkläre ich ihr, was ich so tun könnte.
Sie schaut mich weiterhin nicht mal an. Frustration bei 17 Prozent.
„Dann heizen sie mal“, höre ich von ihr und ehe ich fragen kann, wo ich das Zubehör finde, zeigt sie auf eine Holztür rechts von mir.
Gut, denke ich, das wäre ja schnell erledigt, denn sie meint, dass sie nichts weiter von mir haben möchte. Ich dann gehen könnte.
Sehr wohl denke ich förmlich und gehe die schmale, knarzende, mit endlos Spinnenweben und kiloweise Staub überzogene Treppe in den Kohlenkeller.
Dort angekommen ist einfach nur eine komplette Wand Kohlen. Davor ein Eimer. Mehr sehe ich nicht, obwohl ich Licht habe. Es wirkt so, als hätte man einfach diesen kleinen Keller voller Kohlen gepumpt und einen Eimer vorgeworfen.
Als ich mich zum Kohlenberg wende, um die ersten Kohlen zu schnappen und in den Eimer zu werfen, höre ich ihre Stimme.
„Sie nehmen aber vom hinteren Berg?“
Hä, denke ich, welcher hintere Berg? Ich hüpfe vor der riesigen Wall aus schwarzer Kohle und kann beim besten Willen keinen zweiten, hinteren Berg erkennen. Davon ab frage ich mich, wie Frau Hexenschuss in so kurzer Zeit direkt an der Kellertür oben stehen konnte, wische den Gedanken aber zu schnell wieder weg.
Ich schaue nochmal und stelle fest, dass ich den hinteren Berg Kohle nur mit Klettern erreichen könnte, was absolut ausfällt, da ich Schwester und kein Bestatter bin.
„Sie haben aber schon die Farbe meiner Dienstkleidung gesehen?“ rufe ich nach oben, denn mit weißer Hose, Kittel und auch Turnschuhen, fällt das Krabbeln auf Kohlebergen einfach aus.
„Wer in weiß kommt, will sowieso nicht arbeiten“, höre ich ihre triefend zynische Stimme und bekomme aus dem Nichts Angst.
Scheiß auf mein Frustrationslevel.
Ich habe Angst um mich.
Angst um mein Leben.
Mein Hirn produziert mir sämtliche schlimmen Möglichkeiten und da ich Schriftstellerin bin, ist mein letzter Gedanke Misery, wo die verrückte Frau dem Schriftsteller im Bett mit der Schreibmaschine die Beine bricht, damit er nicht mehr wegkommt.
Ich schaue zu meinen Beinen und tue mir jetzt schon leid. Mein Autorenhirn läuft auf Hochtouren und ich checke meine Kitteltaschen. Diensthandy ✅check. Aber keinen Empfang. Privates Handy ✅check, aber ebenfalls keinen Empfang.
Wird sie mich in ihr defektes Bett werfen? Oder hinter den Kramhügel jenseits der Küche?
Jetzt hilft nur Pokerface, denke ich, sammle selbstverständlich vom ersten Berg die Kohlen ein, sprinte hoch und erreiche das Erdgeschoss. Ich bin heilfroh, erst mal aus dem Keller raus zu sein und finde mich so lange wieder im Vorteil, bis ich mich erinnere, an wen mich ihre Augen erinnerten.
Anthony Hopkins.
Hannibal Lecter.
Nein. Nein. Nein.
Scheiße denke ich und heize mich um mein Leben, was sehr gut funktioniert. Aber ich weiß, dass mich ihre Augen auf Schritt und tritt beobachten, was das Ganze nicht besser macht.
Der Ofen ist an. Sie sieht mich immer noch nicht an.
Ich sage Tschüss ohne Hand geben, da ich nicht ausschließen kann, ob sie bei Berührung zaubern kann und ich weiß, dass ich hier nie wieder allein hinfahren werde.
800 Meter weiter gefahren halte ich an und atme tief durch, beseelt noch zu leben und da rausgekommen zu sein, rauche ich drei Zigaretten und feiere mein Leben.




















