Eine unheimliche Begegnung

Irgendein Freitagnachmittag, so Pi mal Daumen im Jahr 2007 muss es gewesen sein, ich war fast dreißig Jahre alt und arbeite seit meinem 22. Lebensjahr als examinierte Pflegefachkraft in einer ambulanten Pflege meiner Heimatstadt.

Das Diensthandy klingelt unterwegs, eine kooperierende Ärztin ist dran und bittet mich zu einer ihrer Patientinnen zu fahren, da sie einen Hexenschuss erlitt und wirklich schlecht klarkommen würde. Sie braucht Hilfe. 

Klar, mache ich, sage ich und habe keinen blassen Schimmer, was oder wer mich da wohl erwarten würde. Was ja die Regel bei Neupatienten ist. Ich fahre also mit einem qualitativ schlechten Fiat Panda die ersten zehn von 35 Patienten und halte dann bei dem so gesehenen Notfall von heute an.

Die Karre abgestellt fällt mir sofort auf, dass die von der Hexe geschossene Patientin einen entweder sehr naturbelassenen oder völlig ungepflegten Vorgarten hat, der möglicherweise Äonen von Jahre keinen Spaten, Gießkanne oder ähnliches gesehen hat. 

Wir reden hier von alten Menschen, da ist das alles verständlich, denke ich und gehe die kleinen zwei Stufen, um die Klingel zu betätigen. Dabei ruht mein Blick auf die anthrazitfarbenen dicken Gardinen, die in jedem Fall gewöhnungsbedürftig sind, denn sie haben dieselbe Auszeit wie der Vorgarten.

Geschenkt! Das hier ist real Altenpflege und es gibt ja prinzipiell nichts, was ich noch nicht gesehen habe, denke ich und in dem Moment geht die Tür auf und ich blicke in zwei blaue Augen, die mich an irgendwen erinnern, aber ich komme nicht drauf.

„Guten Tag, ich bin überrascht, dass so schnell jemand zu mir kommt“, sagt sie und schlurft zurück ins Haus. Sie ist ungefähr Ende 70 mit wilden, zerzaustem Haar, leicht untersetzte Figur und psychologischer Stimme. Sie schlurft in runtergelatschten Hausschuhen, eine schwarze Jogginghose und ein schwarzes Langarmshirt. Sie wirkt unbeteiligt, als hätte sie mich weder bestellt noch gerufen. Als wäre ich die falsche Wahl in der neuen Pizzeria. Ich schaue ihr nach, wie sie sich langsam in Richtung Ihres Bettes bewegt, welches mitten im Raum steht. Komisches Wohnkonzept. 

Dann sehe ich mich das erste Mal richtig um und bin erstaunt, wie verkramt so ein Untergeschoss eines Hauses sein kann. Links schließt sich übergangslos eine einzelne Küchenzeile an, auf welcher man nicht mal einen Radiergummi ablegen könnte, so vollgestellt ist alles. Danach sieht es von weitem so aus, als stände dort ein zusammengewürfelter, undefinierbarer Kram. Aus der Richtung der Frau knarzt es laut, was den Moment markiert, in welchem sie sich hingesetzt hat. 

Ich schaue zu ihr, sie ignoriert mich.  

Meine Faszination hängt noch an der wilden Bude, die unaufgeräumter kaum sein könnte, da stelle ich mich automatisch vor. 

„Guten Tag, mein Name ist Schwester …, ich bin von der Sozialstation, ihre Hausärztin hat mich angerufen, sie benötigen Unterstützung aufgrund Ihrer Rückenbeschwerden.“

Sie schaut mich nicht mal an. 

„Was kann ich denn für sie tun“, frage ich weiter und fühle schon so 4 Prozent inneren Frust.  

„Sie können mein Bett reparieren“, kommt von ihr und wäre es ein Witz, hätte ich wahrscheinlich losgeprustet, aber es lacht keiner. Nicht, dass ich sowas nicht könnte, mein Vater hat meine Schwester und mich schon früh mit Lötkolben an Leiterplatten gesetzt. Aber hier in meinem Job gehört sowas zum Möbelbauer oder Hausmeister. 

Also erkläre ich ihr, dass es nicht zu meinen Aufgaben gehört, ein Bett zu reparieren, woraufhin sie mich Ironie gepudert fragt, was denn dann zu meinen Aufgaben gehört. 

Mein innerer Skeptiker schlägt an. 

Essen, Trinken, Waschen, Einkaufen, Ofen anheizen und so weiter und so fort erkläre ich ihr, was ich so tun könnte. 

Sie schaut mich weiterhin nicht mal an. Frustration bei 17 Prozent. 

„Dann heizen sie mal“, höre ich von ihr und ehe ich fragen kann, wo ich das Zubehör finde, zeigt sie auf eine Holztür rechts von mir. 

Gut, denke ich, das wäre ja schnell erledigt, denn sie meint, dass sie nichts weiter von mir haben möchte. Ich dann gehen könnte. 

Sehr wohl denke ich förmlich und gehe die schmale, knarzende, mit endlos Spinnenweben und kiloweise Staub überzogene Treppe in den Kohlenkeller.

Dort angekommen ist einfach nur eine komplette Wand Kohlen. Davor ein Eimer. Mehr sehe ich nicht, obwohl ich Licht habe. Es wirkt so, als hätte man einfach diesen kleinen Keller voller Kohlen gepumpt und einen Eimer vorgeworfen. 

Als ich mich zum Kohlenberg wende, um die ersten Kohlen zu schnappen und in den Eimer zu werfen, höre ich ihre Stimme. 

„Sie nehmen aber vom hinteren Berg?“

Hä, denke ich, welcher hintere Berg? Ich hüpfe vor der riesigen Wall aus schwarzer Kohle und kann beim besten Willen keinen zweiten, hinteren Berg erkennen. Davon ab frage ich mich, wie Frau Hexenschuss in so kurzer Zeit direkt an der Kellertür oben stehen konnte, wische den Gedanken aber zu schnell wieder weg.

Ich schaue nochmal und stelle fest, dass ich den hinteren Berg Kohle nur mit Klettern erreichen könnte, was absolut ausfällt, da ich Schwester und kein Bestatter bin. 

„Sie haben aber schon die Farbe meiner Dienstkleidung gesehen?“ rufe ich nach oben, denn mit weißer Hose, Kittel und auch Turnschuhen, fällt das Krabbeln auf Kohlebergen einfach aus. 

„Wer in weiß kommt, will sowieso nicht arbeiten“, höre ich ihre triefend zynische Stimme und bekomme aus dem Nichts Angst. 

Scheiß auf mein Frustrationslevel.

Ich habe Angst um mich.

Angst um mein Leben.

Mein Hirn produziert mir sämtliche schlimmen Möglichkeiten und da ich Schriftstellerin bin, ist mein letzter Gedanke Misery, wo die verrückte Frau dem Schriftsteller im Bett mit der Schreibmaschine die Beine bricht, damit er nicht mehr wegkommt. 

Ich schaue zu meinen Beinen und tue mir jetzt schon leid. Mein Autorenhirn läuft auf Hochtouren und ich checke meine Kitteltaschen. Diensthandy ✅check. Aber keinen Empfang. Privates Handy ✅check, aber ebenfalls keinen Empfang. 

Wird sie mich in ihr defektes Bett werfen? Oder hinter den Kramhügel jenseits der Küche? 

Jetzt hilft nur Pokerface, denke ich, sammle selbstverständlich vom ersten Berg die Kohlen ein, sprinte hoch und erreiche das Erdgeschoss. Ich bin heilfroh, erst mal aus dem Keller raus zu sein und finde mich so lange wieder im Vorteil, bis ich mich erinnere, an wen mich ihre Augen erinnerten. 

Anthony Hopkins. 

Hannibal Lecter.

Nein. Nein. Nein. 

Scheiße denke ich und heize mich um mein Leben, was sehr gut funktioniert. Aber ich weiß, dass mich ihre Augen auf Schritt und tritt beobachten, was das Ganze nicht besser macht.

Der Ofen ist an. Sie sieht mich immer noch nicht an. 

Ich sage Tschüss ohne Hand geben, da ich nicht ausschließen kann, ob sie bei Berührung zaubern kann und ich weiß, dass ich hier nie wieder allein hinfahren werde.

800 Meter weiter gefahren halte ich an und atme tief durch, beseelt noch zu leben und da rausgekommen zu sein, rauche ich drei Zigaretten und feiere mein Leben.

Meier mit Eier oder Rouladen-Meier

Da waren wir wieder und lebten unser jährliches Ritual nach zehn Monaten erneut aus. Nein, kein Swingerclub! Was denken Sie denn von uns Wanderaffen?! Die glorreichen Sieben, die schon mit Sohlenverluste auf den Brocken latschten, trafen sich dieses Wochenende im Thüringer Wald.

Zum? Richtig, Latschen!

Irgendwo im Nirgendwo hatten wir ein gutes, sehr bodenständiges Hotel, klassisch kein Restaurant im Ort, sollte uns der Chef des Hauses typisch ostdeutsche Abendbrotplatten machen, siehe …

Wurscht
Käse

Dazu gab es für sieben Personen noch gefühlt 1000 Gramm Butter und 123 Brötchen und 56 Scheiben Brot. Die Leberwurst war krass gut, fragt mal Meier!

Was wir sieben noch zusätzlich mitbrachten:

Schokolade

Lebkuchenherzen

Chips

Rohesser

Knacker

Brot

Salami

Madeleines

Zirka 40 Kurze, Kräuter und Liköre

Porter Bier

30 Prosecco

Blätterteig Kekse

1,2 kg Gummibärchen

Knusperflocken

Erdnüsse und Mandeln

Tomaten und Gurke (niemand kann sagen, wir hätten nichts gesundes dabei gehabt)

Es schmeckte sehr gut! Also das zubereitete Abendessen. Und dank des mitgebrachten und im Hotel erhaltenem Alkohols, war das gesamte Essen bis 23 Uhr aufgegessen.

Naja außer der Schmelzkäse. Ganz im Haus des Geldes Stil, haben wir uns Stadtnamen gegeben und Meier meinte, er würde daraus was Spannendes machen. Er sagte, er würde es mit Liebe und Kreativität machen, was Petl mit einem Grinsen kommentierte. Der Käse sei schließlich unser, sagte ich, und müsste gegessen werden.

Bautzn, Dresden, Magdeburg, Amsterdam, Mumbai, Pirna, (Mundart Byrna) und Berlin.

Am nächsten Morgen präsentierte uns Meier seine Schnitzkunst. Er behauptete zwar, erst eine Stunde vor Frühstück angefangen zu haben, aber niemand glaubte ihm auch nur ein Wort. Hinter seinem Rücken waren einige zeitliche Hypothesen am laufen.

Die Gurke war in Buchstaben und Symbole jeschnitzt wurden.
Das war meins! Im Hintergrund mein Schmelzkäse.

Ab Freitag Abend sinnierte Meier bereits mit Hingabe, dass er nach der morgigen Wanderung zum Schneekopf in jedem Fall Roulade mit Rotkohl und mit, Achtung, original Thüringer Klöße essen möchte. Da gab es nicht den Hauch eines Kompromisses. Ähnlich wie Sex beschrieb er detailliert wie er die Soße mit den Klößen aufnehmen und den Teller sauber wischen würde. (Tat er später auch!) Da uns die Rouladen-Rotkohl-Klöße Geschichte nicht losließ, wurde aus Jemüse-Meier an diesem Wochenende der Rouladen-Meier. Um nicht teilen zu müssen, drohte er allen, das aus Rindfleisch bestehende Gebinde allein im Auto zu verschlingen. Dass man im Auto sowas kacke essen konnte, zählte argumentativ null.🙈

Am Frühstückstisch am nächsten Morgen meinte Meier dann, dass er keine Wanderroute für uns hat und wir mal schauen müssten, wie wir jetzt auf den unbeschneiten Schneekopf kommen würden. Das war der Moment der Übernahme!

Denn ich hab die wirklich empfehlenswerte App Komoot auf dem Handy, das ist eine Wanderrouten-App und dort wählte ich für uns eine mittelschwere 12,2 km Route, die 3:38 Stunden (hahaha, wer rennt den solche Strecke?) dauern sollte und wir starteten um 10:20 Uhr vom Hotel aus. Nicole und Jens völlig gechillt, Petl, Mutti und Wessi ebenfalls.

Meier mit nem Kilo Leberwurst vom Frühstück im Bauch!

Los ging es …

Nach glatten 2 km gab es aufgrund einer gelatschten Steigerung von 17 Prozent eine erste Pause, keiner brauchte was zu essen, aber alle aßen etwas und das erste Porter, Prosecco und Kurze wurden geöffnet, geleert und gefeiert. Nicole und Jens bauten liebevoll alles auf, damit wir alle es gut hatten👇:

Zehn Prozent von allem was wir mithatten!

Es stellte sich heraus, dass der Lieblingswessi Rinderrollade anstatt Rinderroulade sagt.

Wir fanden, dass das eine wichtige Wiesenstücke war, schließlich hängt das eine am Fenster und das andere liegt auf dem Teller. Den Unterschied haben wir ihm schnell und freundlich nähergebracht.

Die Wanderung zog sich wie een Kaugummi, irgendwie wollten die Kilometer nicht bewältigt werden und wir machten was?

Genau, was trinken und essen, obwohl niemand Durst oder Hunger hatte. Mittlerweile saßen wir oben auf dem Schneekopf in der Sonne. Meier und ich hatten dann einen Deal abgeschlossen, da wir echt hungrig sein wollten am Abend, hielten wir fest, dass ab 14 Uhr nichts mehr gegessen wird. Schließlich war das Original Thüringer Restaurant gebucht!

Ende der Durchsage. Aber um pünktlich 18 Uhr im Rouladen-Laden zu sein, bedurfte es ab sofort Druck und Drill. Meier übernahm umgehend und trieb die Gruppe an!

Das nix mehr essen ab zwei haben Meier und ich auch durchgezogen und deshalb endlos lange gehungert, weil die Strecke noch hier und da herausfordernd war.

Zwischendrin trafen wir den Horn-Mann, der dort mit dem Teil durch den Wald lief und ins Horn blies!

Kommt ein Mann mit Horn in den Wald.🌳

Ziemlich coole Klänge im Wald und wir halten für uns beim Weitergehen fest, dass der Mann das außerhalb des Waldes auch kaum machen kann, da man sich fragen würde, wie schwer krank er wohl sei …

Irgendwann nach survival Klettern an steilen Hängen, kommen wir nach 6,5 Stunden und 12,5 Kilometern wieder am Hotel an. Die coolste ist Nicoles Mutter, schließlich hat sie lächelnd die endlosen Kilometer mit 81 Jahren und ohne Alkohol bewältigt. Da ihr, im Gegensatz zu dem Rest, hinterher auch nichts wehtat, konnten wir ihr ausschließen huldigen.

Alle ruhen sich so eine Stunde aus und stehen völlig ausgehungert um Punkt 17:30 Uhr vorm Hotel und rein in Pirnas Bus von Meier und Petl. Und dann lotst uns Google Maps schnurstracks durch den Wald. Das ist im Dunkeln ein Abenteuer und erinnert mich sofort an Blair Witch Project. Während Meier das mit Aussicht auf seine Roulade souverän fährt, denke ich darüber nach, dass ihn wahrscheinlich nicht mal King Kong aufhalten könnte.

Und dann war es soweit:

Meier im Glück 🍀

Auch ich verhungere fast, genauso wie der Rest der Gruppe. Dann kommen die Bestellungen und das große Fressen mit Nachtisch, Rumkakao, Amarettokakao, warmer Apfelstrudel und Bier beginnt.

Und während Meier kein Wort mehr verliert, weil er die Roulade meditativ inhaliert, um später die Soße mit den Klößen sexuell zu belästigen und aufzunehmen, feiern wir anderen uns für unser gelungenes Wochenende.

Nächstes Jahr plane ich das Wochenende und werde mich mal umschauen, wo es hier Rouladen gibt!

Machts jut!

Eine Woche Urlaub

Da ich dazu neige, ein Freunde- und Familienmensch zu sein, schlage ich im September 2023 meinen Eltern, meiner besten Freundin und mir selbst einen gemeinsamen Urlaub vor. 

Wir werden uns auch ziemlich schnell einig, dass wir eine gemeinsame Schiffsreise machen wollen. Ist doch so gemütlich. Und man wacht jeden Tag an einem anderen Ort auf. Viel zu entdecken auf dem Schiff. Restaurants, Bars, Casino, Theater. Yeahhh …

 

Und so viele Möwen …

Gesagt. Getan. Ich buche für alle die Reise und dann hieß es ein Jahr warten, denn wir starteten im Oktober 2024 mit einem Lufthansa Flug nach Barcelona. Alle sind happy, die Welt ist schön, der Flug zwar extrem unruhig, aber kurz und ratz-fatz-zack stehen wir auf dem riesigen 5000-Mann Schiff, welches gegen 18 Uhr in Richtung Frankreich ablegen wird. Unsere drei Kabinen sind auf demselben Flur mit einem vernünftigen Abstand zueinander, der komische Geräusche zulässt, ohne familiär oder freundschaftlich enttarnt zu werden.

 

Tag eins auf dem Schiff. Wir verlaufen uns und verlaufen uns und verlaufen uns. War da eben noch ein Fahrstuhl in die Etage 18, ist er zwei Minuten später nicht mehr auffindbar. Wussten wir bis eben gerade, wo heute Abend Livemusik läuft, finden wir die Bar einfach nicht mehr wieder. Gab es hier eben die besten Cocktails, suchen wir jetzt wie doof danach und finden zwar 12 andere Bars, aber nicht die Eine. 

 

Aber da Urlaub ist, nervt das nicht einmal. Es ist okay und wir bleiben irgendwann, irgendwo auf dem Schiff sitzen und sind happy, dass es nicht der Maschinenraum ist. Das Schiff hat nen Skywalk, den wir erkunden und eine Eisdiele, die wahrlich zum Niederknien geil schmeckt. Dazu nen italienischen Schokoladenladen, in welchem eine Tafel Schokolade rund zehn Euro kosten soll. Mir egal, ich möchte zumindest probieren, nehme ich mir vor. 

 

Tag zwei. Wir sind in Cannes und haben mega Glück mit dem Wetter. Gute 25 Grad und das sieht alles unglaublich freundlich hier aus. Ein Cappuccino für 6 Euro und wir fühlen uns elitär. Wir essen nichts, weil keiner Hunger hat und entern den Wochenmarkt, wo wir handgemachtes Nougat entdecken und uns zwei minikleine Tortenstücke abschneiden lassen, um dafür dann knapp 70 € zu bezahlen. Ich schwöre, von außen betrachtet sah das nach vielleicht 200 Gramm aus. War dann aber doch nen Kilo. Na egal, dazu noch frische Medjoul Datteln für die Patin Herta und Parfüm für Ute und mich. 

 

Perfekter Tag … zurück auf dem Schiff, gehen wir deutsch-pünktlich 18 Uhr zu Abend essen und wählen immer jeweils eine Vorspeise, Hauptspeise und Nachspeise aus drei bis fünf möglichen Angeboten. Joar, schmeckt schon, wenn auch an mancher Stelle einfach etwas zu kalt. Ich liebe heißes Essen. Das hier ist nicht heiß. Dann geht es abends noch ins Theater, was uns gut gefällt, da die dargebotene Kunst kurzweilig und gut gemacht ist. 

 

Ich würde ja gern im Casino zocken gehen, aber der Rest zieht einfach nicht mit. 

 

Coming soon Teil 2 – Genua

Schlechter essen als Asia Bowl am Rastplatz geht nicht? Doch!

Da ich mein halbes Leben literarisch verarbeite folgt heute mein Eindruck vom lieblosesten Essen, welches ich je gegessen habe. Um ehrlich zu sein, dachte ich, dass die asiatische Bowl an der Autobahnraststätte irgendwo im Süden des Landes, die ich gemeinsam mit dem weltbesten Personalentwickler gegessen habe, der traurige Höhepunkt in meinem kulinarischen Leben war, aber weit gefehlt.

Ich wurde heute eines Besseren belehrt. 

Von vorn!

Ich bin in der guten alten Heimat, standesgemäß fuhr ich also am dritten Oktober nach Dunkel-AFD-Deutschland, um meine Familie zu besuchen, gut essen zu gehen, beim Umzug zu helfen und einfach zu Hause zu sein, denn gebürtig bin ich ebenfalls Teil der dunklen Community der DDR. *smile

Heute also die Rückreise nach Baden-Württemberg, das Navi zeigte an, dass es über Thüringen fahren will. Jut, schnell auf der Autobahn geschaut, wo man innerhalb der nächstgrößeren Stadt gut essen kann, da nix dabei und Sonntag auch nix offen zum Selbermachen.

Gesagt. Getan. 

Ein Restaurant in Erfurt rausgesucht, was bei über tausend Bewertungen knapp 4,5 von 5 Sternen vorzeigen konnte. Nach dem Debakel mit der lieblosesten asiatischen Bowl an der Raststätte, läuft das seither unter dem Motto -Erkenntnis verpflichtet-.

Also in Erfurt runter von der Autobahn, rein in die Innenstadt.  

Und dann erwischte es mich eiskalt, denn ich las etwas, was jedes ostdeutsche Herz rund um Sax´n, Sax´n-Anhalt und Thüringen hörschlagen lässt. Du kommst einfach nicht dran vorbei. Nicht mal mit Augen zu. So ein Kindheitsding. Orrrrrrrr ….

 

Veganer Leberkäse! Im Leben nicht.

 

Vegetarischer Kartoffelsalat? Nein.

 

Was dann?

 

Soljanka. Nein, dafür bin ich zu jung. Mag ich zwar, aber ist keine Pflicht.

 

Es ist natürlich die Thüringer Bratwurst. Nur echt vom Holzkohlegrill. 

 

Und schon waren alle guten Vorsätze gebrochen, das 4,5 von 5 Sterne Restaurant vergessen und ich parkte irgendwo ein, weil ich aus dem Augenwinkel den Schriftzug Thüringer Bratwurst gesehen hatte und schwupp trugen mich meine Beine in eine echt runtergeranzte Bude, die mehr Stamm als Laufgäste hatte und je haben wird. Aber egal. Die Karte unter Folie laminiert, knisterte so schön in mei´ne Bauchnabel. Nein, in meinen Händen und die Preise waren ja recht moderat. 

Ich bestellte also eine Thüringer Rostbratwurst mit geschmorten Zwiebeln und Bratkartoffeln, dazu eine Coca Cola mit ohne Zero. Zum Essen mag ich ja mit Zucker, sonst nur ohne. 

 

Okay. 

 

3

 

 

2

 

 

1

 

 

Zuerst kam die Cola und ich verwette meinen Hintern darauf, dass die mit Wasser gepanscht war. Mein humorvolles Ich argumentierte sofort, dass sie dann ja nicht so süß ist, aber haben Sie das mal probiert?

 

So 15 Minuten später …

 

 

3

 

 

2

 

 

1

 

 

Das Essen:

 

Sieht aus als wäre es zwei Wochen alt, jetzt wo ich es so sehe.

 

 

Joar. 

 

 

Hmm.

 

Ich hatte umgehend einen Lachanfall, sowas liebloses habe ich noch nie zuvor gesehen. Das hatte fast nen Akte X Faktor, weil ich mich wirklich fragte, wer da sowas in der Küche produzierte, was mit ihm/ihr/es nicht stimmte und wie viel Hass man auf diese Gesellschaft haben musste, um das! aus der Küche rauszubringen. (Ohne Lachflash).

 

Aber dann …

 

 

Ich bin selten sprachlos und dachte mir argumentativ, dass das Universum eben immer einen Ausgleich braucht. So ist das mit dem Ying und Yang. Die Zeit in der Heimat war schön. Gute Menschen, meine Familie, meine geliebte Schwester, durchgebratene Zwiebeln, Kartoffeln die nur ein paar Stunden, nicht mehrere Tage alt waren. Eine durchgebratene Wurst. Cola ohne Wasser.

👆 Mit Kohlensäure. 🥳

 

Aber hey, im Prinzip 4:1. Letztlich waren die vier Tage in der DDR echt top, was machen da schon 133 Gramm rohe (Schmor)-Zwiebeln und ewig alte, kaum angebratene und gar nicht gewürzte Brat-vorher-Pellkartoffeln aus?

 

Richtig nichts, vor allem deshalb, weil das Ding ist, ohne hätte ich das nicht mit euch teilen können. 

 

Tadaaa …

 

 

Und nur 14 Euro. Alles zusammen. Hätte schlimmer sein können.

Und jetzt im Anschluss der Trost schlechthin:

 

Machts jut!

Jugendweihe oder Urlaub mit Oma in Spanien. Entscheide dich.

So oder so ähnlich muss das ganze Ding 1992 vonstatten gegangen sein, denn ich wurde 1992 14 Jahre alt und da kurz vorher das Eingesperrt sein in der DDR beendet wurde, war das Überschreiten der Grenzen mit einem Mal möglich. Und mit 14 hatte man eigentlich Jugendweihe in der DDR. Also ergab sich die Frage, ob ich eine langweilige Feier wolle oder lieber Urlaub mit meiner Oma. Ich entschied mich für Urlaub mit meiner Oma anstatt der Feier. Die Idee fand ich super, schließlich winkten unglaublich viele Vorteile für mich als 14-jährige, wie etwa:

 

Urlaub mit Oma.

 

Mehr fiel mir zu Beginn nicht ein, schließlich wusste ich weder, wie es in Spanien sein würde, noch wie so eine lange Reise werden würde. Oder was es dort zu essen gab, oder zu trinken. Oder wie sich spanisch anhörte. Oder wie der Flug sein würde. Da es in der DDR ja auch kaum was zu shoppen gab, war auch das nicht mein damaliger Fokus, ich wusste aber auch ehrlicherweise nicht im Ansatz, was Spanien da für mich zu bieten hatte.

 

Wie jetzt Flug? Meine Eltern klärten mich sehr schnell auf, dass Oma und ich mit dem Bus fahren würden. Aus der heutigen Perspektive, frage ich mich, ob das der Moment war, wo Oma eigentlich kapitulieren wollte, es aber mir zuliebe nicht tat. Gut, als Jugendliche war mir das Schnuppe, ob Flug, Zug oder Bus, schließlich wusste ich nicht mal, wie weit Spanien weg war und was das in km/h im Kontext Zeit bedeuten würde. 

 

Ich war happy! 

 

Und dann fuhr uns mein DDR-Papa zum Busbahnhof, wo ein quietschgelber Bus mit dem Logo Tappe Reisen stand. Allein, dass ich mich so viele Jahre später noch an den Schriftzug auf dem Bus erinnere, bedeutet gesichert nicht, dass wir problemlos durchgekommen sind.

 

Das war er … so oder so ähnlich sah er damals aus.

👆

Jut?

 

Jut!

 

 

Es ging also los. Oma hatte, ganz entsprechend einer weltbesten Oma folgendes dabei:

 

–              Stullen mit Butter

–              Stullen mit Wurst

–              Stullen mit Käse

–              Gebratene Schnitzel

–              Gebratene Klopse

–              Was zu trinken

–              Schokolade

–              Kekse

Ich hinterfragte die Mengen nicht, selbst jetzt war ich naiv-jungfräulich, was die vor uns liegende Strecke anging. Natürlich fuhren wir im Sommer mit dem Bus nach Spanien, draußen waren gut und gern 30 Grad und der Bus hatte keine Klimaanlage und auch keine kleinen Bildschirme in der Kopfstütze im davorliegenden Sitz.

Irgendwann waren alle Koffer im Bauch des Busses verstaut und Oma und ich hatten unsere Plätze eingenommen. Der Motor startete und ich zog den gedanklichen Vergleich zum maximal 20 km Strecke-Linien-Bus, denn viel besser, komfortabler oder angenehmer war der gelbe Bus nicht. Wir fuhren los, Papa winkte uns noch fröhlich zu und der Bus rollte aus Magdeburg raus, yeahhhh …

 

Um exakt 65 km später, nämlich in Braunschweig kaputt zu gehen. Der Bus hat ein Problem, propagierte der Fahrer und verließ die A2, um dann in einer großen Mercedes Werkstatt einzufahren. Wir DDR-Touris alle frohen Mutes, schließlich war diese Reise für mindestens 10 Menschen, also 5 Paaren die Hochzeitsreise. Aus der heutigen Perspektive bin ich mir sicher, das keine der so begonnenen Ehen gehalten hat. 

 

Alle im Bus sollten sich in das Werkscafé der Werkstatt setzen und auf Kosten des Reiseanbieters Kaffee trinken. Taten wir und langweilten uns gemeinsam. 

Dann, ohne das irgendjemand zuvor ne Info bekam, fuhren Großraumtaxen vor. Gefühlt 30 Stück, kann ich rückblickend nicht so genau sagen, aber einer der Fahrer latschte in das Café und rief, dass wir jetzt zu einem anderen Bus gefahren werden, das gelbe Ding sei soeben gestorben. 

 

Alle rein in die Autos und dann ging es einige Kilometer von Braunschweig zum Autobahn Rastplatz Seesen. (Ich habe wirklich noch alle Orte von damals im Kopf.)

Dort angekommen saßen wir ungefähr 50 Touris bei sengender, mittlerweile Mittagshitze an einer Autobahnraststätte fest. Keiner hatte irgendwelche Infos, die Taxifahrer wussten auch nichts und so gammelten wir da alle einfach so, so einfach rum. 

 

Ich glaube nach zwei Stunden kam von irgendwoher ein Mann, der uns erlöste, indem er sagte, wir können mitkommen, der neue Bus steht dahinten. Alle zuckelten voll verschwitzt und langsam nicht mehr so gut drauf in Richtung eines silbernen Busses, der die Welt war.

Doppelstock, Klimaanlage, breitere Sitze, Kühlschrank, Fernseher in jeder Kopfstütze. 

Alle freuten sich wie doof und wir schoben sogar selbständig unsere Koffer in den Bauch des Ungetüms und hüpften in den Bus. Die frischverliebten waren happy, Oma und ich zufrieden. Oma packte die ersten Stullen aus, auf welchen das Brot schon die Butter inhaliert hatte und der Käse war fast wie auf ner Lasagne. Die Hitze war schuld. 

 

Alle freuten sich und die beiden Fahrer, ein Pärchen, waren supernett, denn sie ließen die Klimaanlage laufen und verteilten eine Runde Coca-Cola Dosen für lau als Entschädigung. Die Stimmung war wieder auf 100%.

 

Aber irgendwie fuhr dieser Bus nicht los.

 

Wenige Minuten später verkündete der so so so nette Fahrer, dass sie sich vertan haben und das hier der Bus nach Griechenland sei. Mein jugendliches Gehirn verweigerte die Nachricht und ich spielte weiterhin am TV rum, bis meine Oma genervt drängelte, da sie Angst um unsere Koffer hatte. Also stand ich mit auf, war in meiner Stimmung out of order und zottelte meinen Koffer aus dem Bus. Alle waren zutiefst enttäuscht, auch wenn der Fahrer uns noch erklärte, ein toller anderer Bus wäre bereits auf dem Weg zu uns und würde in wenigen Minuten da sein.

 

*mit französischen Akzent gesprochen: 90 Minuten später …

 

Mittlerweile war es bereits Nachmittag und Oma und ich schon seit knapp acht Stunden unterwegs. Alle restlichen Stullen wurden von Oma im Mülleimer versenkt, da wir beschlossen hatten, jetzt nicht noch daran ersticken zu wollen. Zum Veranschaulichen der Strecke folgen jetzt zwei Bilder, zum einen die bisher geschaffte Strecke und anschließend die noch verbliebene Strecke. 

 

145 km waren wir nach acht Stunden von Magdeburg entfernt.

Nur noch 1639 km zum Ziel …

Jetzt bitte alle festhalten, denn schon von weitem erkannte ich zuerst, dass der quietschegelbe Bus im Anrollen war. Das durfte nicht wahr sein. Der vermeintlich am Vormittag verstorbene Linienbus würde uns also tatsächlich nach Spanien bringen, oder in 145 km-Abschnitten bis dorthin. Immerhin hatten wir ja 14 Tage Zeit. Irgendwann würden wir da sein. 

 

Alle Reisenden, frisch Verheirateten sowie Oma und ich waren unfassbar desillusioniert. Und da es kein Handy gab, konnte niemand Hilfe holen, oder ne WhatsApp schicken, oder nen Shitstorm auf irgendeine Social-media Plattform lostreten. Also stiegen wir alle ein und wurden von zwei ganz neuen Fahrern begrüßt. Als alle saßen und die hängenden Köpfe nicht depressiver sein konnten, riefen die beiden Fahrer Freigetränke bis Spanien aus, dazu free Bockworscht mit Toastbrot und Baut`zner Senf. MEGAAAA. Und da essen im Osten echt einen krassen Stellenwert hat, war die Stimmung sofort wieder bei? Naaaa? Genau 100%.

 

Da machte es auch nichts aus, dass die beiden nach so 30 Kilometern preisgaben, dass sie noch nie nach Spanien gefahren sind, weil sie eigentlich Griechenland fahren und sich null auskennen. Navis gab es nicht. Nur Karten in der Hand. Was soll`s …

 

Resümierend waren Oma und ich 36 Stunden unterwegs, um dann in ein 1 Sterne Glückshotel anzureisen. Problem hier war, dass das Zimmer noch nicht bezugsfertig war. Mal von allem abgesehen, huldige ich meiner leider schon verstorbenen Oma so unfassbar, das könnt ihr euch nicht vorstellen.

Und zum Abschluss dieser wundervollen Reise, stelle ich die Frage in den Raum, was im Glückshotel abgelaufen wäre, wenn wir pünktlich gewesen wären?

Mein DDR-Papa II

Also er löscht alles. Glauben Sie mir nicht? Dann erzähle ich jetzt vom letzten Besuch. Meine Eltern fahren zu mir knapp 500 km, weil ich so weit weg, in den Westen migriert bin. Ich sage immer, ich war damals ein Wirtschaftsflüchtling. Gut, dass ich weggegangen bin, wer weiß, was sonst aus mir geworden wäre. Den Osten nennt man nicht umsonst Dunkeldeutschland. *lächelt rüber …

*summt: …und wie du wieder aussiehst, Löcher in der Hose und ständig dieser Läääärrmmmmm. 

Also meistens besuchen Sie mich Donnerstag bis Sonntag. Mehr als 4 Tage halten sie hier nicht aus, obwohl es schön ist, sagen sie. Ich halte auch nicht mehr aus, schließlich will Papa von mir immer umfangreich entertaint werden. Das bedeutet, dass ich mir immer was einfallen lassen muss, wenn er herkommt. Sowas wie, eine andere Stadt besuchen, irgendwas total verrücktes essen, oder gleich einen Tag in ein Nachbarland fahren, um dort einzukaufen, zu essen und die andere Kultur kurz wirken zu lassen. Abends dann, wenn wir zurück sind, ist er zufrieden. Papa nannte es liebevoll einmal japanische Tour. Ich stimmte zu. Und jetzt bitte nicht glauben, dass Papa jemals auch nur eine Stunde für mich oder meine Schwester entertainen würde. 

 

Wenn meine Schwester mit den Oldies in den Urlaub fährt, sagt sie immer, dass sie es sehr merkt, dass Papa entertaint werden will. Bisher hat sich mein Schwesterherz jedoch verweigert und alle haben sich tagelang gelangweilt, doch im letzten Urlaub lenkte sie auf Insel Rügen ein und sagte sich, sei wie deine Schwester im goldenen Westen. Entertain ihn. 

 

Sie stellte sich somit eine sehr gewichtige Frage. Nämlich. Was würde Schwesterherz tun. Und sie kam, Überraschung auf eine sehr logische Antwort. Entertainen. 

Und dann war der Urlaub auch für alle erfüllend. Ich bin stolz auf dich, Schwester in Dunkeldeutschland. 

Aber zurück zur Basis. Letztens im Mai waren sie hier, ich werfe mir mein Entertainment-Kostüm über und er erzählt mir irgendwann an einem erfüllten Abend, dass irgendwas bei seinem Mailanbieter nicht mehr stimmt, er da so komische Nachrichten bekäme, sodass er doch etwas irritiert wäre. 

Nochmal zur Erinnerung. Er ist der Prototyp des digital neandertalers.

Geduldig höre ich ihm zu und versuche zu folgen, da ich denselben Anbieter habe aber noch nie so eigenartige Inhalte gesehen hatte, wie er mir erklärt. Da sein Handy irgendwo rumliegt, suche ich es, um mich neben ihn zu setzen. 

„Hier, Papa. Halt mal dein Gesicht rein, dann gucken wir.“

„Ähm“

„Ja“

„Das geht nicht.“

„Warum nicht.“

„Ich bekomme meine Mails nicht auf´s Handy.“

„Doch, hatte ich dir doch das letzte Mal, als du hier warst, alles installiert.“

(in stundenlanger, mühevoller Kleinstarbeit)

Papa murmelt neben mir was Unverständliches, während ich geschockt auf das Display seines Handys sehe. 

„Mhh?“, frage ich ungefragt nach.

Und dann sagt er, was er eben sagt, weil er tut, was er eben tut. 

„Die App hab ich gelöscht.“

Ich atme tief ein und langsam wieder aus. 

Ich könnte nach dem Warum fragen, aber ich weiß es längst, schließlich ist er einfach skeptisch, die DDR hat ihre Spuren hinterlassen und ich werde das nicht mehr ändern. Stattdessen scrolle ich mich durch sein Handy und bin in gefühlt 10 Sekunden fertig, weil er einfach fast nichts auf dem Handy hat.

Kein Video.

Kein Foto.

Und auch keine Mails. 

„Kann das sein, dass du fast alles gelöscht hast?“

Jetzt ist er es, der nur mit einem Mh antwortet. 

Ich schaue ihn fasziniert an und mir bleibt einfach nur noch irgendwas spöttisches übrig.

„Ist halt schwer, wenn man sein Leben lang der Gefragteste der Gefragtesten war. Überall lauern eben üble Gestalten, die unbedingt auf dein 0,1% genutztes Handy Zugriff wollen. Quasi alle Hacker dieser Welt sind da dran.“ 

Ich lache. Er nicht. 

Später erzähle ich es meiner Schwester, die episch darüber lacht und Papas anstehende Ohren-OP ganz neu interpretiert, denn sie erklärt mir, dass er das Cochlea-Implantat nur bekommt, weil er es sonst löschen würde.

 

Ich stimme lachend zu. 

 

Mein DDR-Papa

Heute möchte ich dem geneigtem Leser meinen Papa vorstellen. Ja, Papa, denn Vater mochte er nie. Also nicht seinen eigenen, sondern das Wort. 

Er neigte dann immer dazu, es ganz langgezogen und streng auszusprechen, dabei kasperte er immer und bekam so einen lachenden, roten Kopf.

Vaaaaaaaataaaar. Vaaaaaterrrrrrrr. Vaarrtterrrr. Vatr!

Da hats ihn immer gegrault. Dann schüttelte er sich als würde ihn das Wort bei Nutzung mit einem Fluch belegen. Und so kommt es, dass er bis heute Papa ist, meine Schwester neigt zu Papilino. Der italienischen Variante also, obwohl wir stramm ostdeutsch sind. Ist das nun auch schon kulturelle Aneignung? Oder Nazi? Oder irgendwas, was irgendwem, irgendwann und irgendwarum nicht gefällt? 

Ehrlich? Mir egal. 

Nun gut, was ich eigentlich erzählen möchte, ist, dass er seine Medien Affinität erst sehr spät, weit 25 Jahre nach der Wende fand. Warum auch immer, schließlich war er der Reparatur Spezi der gesamten DDR. Der gesamten DDR? Nein, natürlich nicht, aber der mittleren Großstadt eben, in der wir eingesperrt waren. Darin schaffte Papa es Radios, TV´s, Küchenquirl und sämtlichen anderen technischen Kram für fremde Menschen und auch Freunde zu reparieren. Gefühlt waren die technischen Patienten damals mit 123 Jahren gestorben, da in der DDR ja fast alles sehr lange gehalten hat, außer Bananen, die sind an der Grenze zur DDR leider zu Staub zerfallen und deshalb nur sehr selten bei uns angekommen.

Nur so ein- bis zweimal im Jahr. 

Konsequent wie ich bin, esse ich die heute auch nicht gern. Biografie eben. Ich wünschte mir die furztrockenen, strohigen Kubarumpeln (Orangen, ostdeutsch Apfelsinen) zurück, aber die gibt es anscheinend nicht mehr. Wer weiß, vielleicht zerfallen die ja auch irgendwo zu Staub. 

Na, jedenfalls war Papa bis vor wenigen Jahren sowas wie der digital natives, neandertaler, bis ungefähr 2017. Dann entdeckte er das Internet mit all seinen tollen Seiten, wobei ich gar nicht weiß, was er da alles anschaut und will es auch nicht wissen. Ist schließlich der Vatr. *lächelt

Die DDR-Leute sind je definitiv wesentlich skeptischer als der gutgläubigere Westen. Bitte kein Aufschrei, dies ist keine Verallgemeinerung, ihr Naiven, ihr. Aber ich sage immer, wir Ossis sind die besseren Kapitalisten. 

Das mit der Skepsis gilt also auch für Papa und so kam es, oder kommt es, oder ist seine Realität, dass er alles, wirklich alles rigoros löscht. WhatsApp, Mails, Sprachnachrichten, Versandbestätigungen. Pushnachrichten. Keine Ahnung, einfach alles. 

Zum Leidwesen aller anderen familiär Beteiligten. Ha! Wenn das nicht scheiße neutral war von mir. 

Da meine Schwester und ich gute Kinder sind, fahren wir auch regelmäßig mit den Oldies in den Urlaub. Mal Ostsee, mal Spanien, auch schon USA. Und dann sende ich ihm natürlich die Buchungsbestätigungen per Mail zu, damit er folgende, für Papa völlig übertriebene Infos erhält:

–              Reisezeit

–              Flug

–              Ablauf der Reise

–              Zimmerkategorie

–              Essen und Trinken

–              Anzahlung

–              Restzahlung

–              Flug zum Zug

–              Ähhh

–              Zug zum Flug, wobei den ja auch niemand mehr nutzt, schließlich wäre man selbst mit nur einem Bein zu Fuß schneller am Flughafen

Alternative Idee: Zu Fuß zum Flug!

 

Coming soon. Teil II – Papa löscht irgendwann das Internet. 

Meine Woche, die fette Tante und das Sausackzahn-Gen – Part III

 

Wir entscheiden uns für die gesunde Seite und haben die Qual der Wahl zwischen gesunder Schnitzelbox, noch gesündere Currywurst Box und Falafel Box. Dann sticht uns die asiatische Bowl ins Auge, die doch tatsächlich für nur 9,95€ im Angebot ist, da macht es uns auch nix aus, dass die Coke zero glatte dreifuffizig kostet. 

Na perfekt, schließlich waren wir drauf und dran nach Japan zu fliegen. Zweimal bestellt, dazu zwei Coke zero.

Knapp 28 €. Danke, Inflation. Einfach Danke!

Da es fast 22 Uhr ist, wird die Bowl absolut öko-bio-frisch zubereitet. Bei der Wartezeit hätten wir dem Gen Z Typen auch geglaubt, wenn er uns gesagt hätte, dass er das Jemüse in der Bowl noch frisch pflücken gegangen ist.

Das Ding ist eh durch für heute, scheiß auf die Uhrzeit, denken wir. Immerhin gesund. MEGA, meint der Weltbeste und auch ich kann mich nicht erwehren, aber ein gesundes Essen fühlt sich für das Erfolgshosen Mindset eben immer besser an als:

20 Chicken McNuggets, Pommes, Coke und nen Eis plus Kaffee.

Also warten wir und kommen aufgrund der Wartezeit in den Genuss eine nicht näher bezeichnete, rumänische Großfamilie zu beobachten, wie sie diese Raststätte quasi mit den Augen inhaliert. Alle latschen in einer sicher gut durchdachten Formation durch die Regalreihen. Wieder und wieder. Fast hat es etwas Verschwörerisches, Sektengleich. Sowas habe ich noch nie gesehen. Auch wir werden eingehend gemustert, fast gescannt. Hätte nur noch gefehlt, dass es irgendwo an uns piept. Ich bin froh hier nicht allein zu sitzen, sonst wäre wahrscheinlich die fette Tante vom Weltbesten die normalste aller Begegnungen heute gewesen. 

Die Bowls kommen und die Rumänen ziehen bestimmt das zwanzigste Mal ihre Kreise. Neu ist, dass einige der Familie alle Verkäufer relativ zeitgleich in ein Gespräch verwickeln. Wir stecken Handys ein und ziehen unsere Taschen näher ran. Wobei das ja alles rechts ist. Rechts und Nazi. Hammse gehört? Sowas darf man nicht mal denken. Die sind sicher nur an Logistik und Pausenzeiten der Raststätte interessiert. Alles andere ist Nazi.

Ich widme mich dem Essen.

Ein Blick in die Bowl und der traurige Moment ist da. Ich habe optisch noch nie so ein trostloses, liebloses Essen gesehen. 

Für Sie:

Fundament aus zirka 200 Gramm gekochter Reis ohne jegliches Gewürz. Nein, kein Salz. Ein! Radieschen. 20 Gramm Salatgurke. Edamame und großzügige 40 Gramm undefinierbares Fleisch. Sollte Gockel sein. Keine Ahnung, ob es das auch ist. Keinerlei Dressing oder Soße. 

Ich schaue vor dem Probieren den Weltbesten an und er zuckt nur mit den Schultern. Männer, denke ich und bekomme nach dem Kosten einen Lachflash, da das Ding mit Abstand das beschissenste Essen meines Lebens ist. Klar, definitiv gesund und so esse ich das Jemüse und möglicherweise den in Rente gegangenen Verkäufer der Raststätte (Gockelfleisch) und fühle Frustration. 

Was ein Scheiß. Wer verkauft denn sowas mit einem guten Gewissen? 

(Die Rumänen kreisen weiter im Shop und ich kann nicht nachvollziehen, was das für ein Konzept sein soll. Man muss hier nur zehn Minuten sitzen, um zu verstehen, dass die sich wirklich, wirklich nur für die Arbeitsbedingungen hier im Shop interessieren. Wer sagt denen, dass wir gerade den ehemaligen Verkäufer des Ladens in der Bowl haben?)

Gut, wir sind fertig und schauen uns unbefriedigt an. Wahrlich wie Sex ohne Kommen. Dann sagt er und das ist entscheidend für seine Feststellung in exakt 18 Sätzen. Er meint, wir sollten nun nach Mäcces wechseln, um glücklicher zu sein. Gesagt, getan, ihr wisst ja, was es gab. 

Vergessen?

20 Mc Nuggets

Pommes

Coke

Eis für den Weltbesten

Kaffee für mich

Und dann fragt der Weltbeste, des Buttergolems Neffe, ob die um die Uhrzeit noch Eis haben und lacht ein schelmisches Lachen. Klar, sage ich und bestelle mir einen Kaffee. Kein Eis. Meine linke Hirnhälfte überlegt, den Weltbesten mit seinen schlechten Genen zu konfrontieren, wegen der Tante und so. Eis um die Zeit ist halt nicht so optimal. Ich lasse es. Da bin ich Kumpel.

Während wir warten, kreisen die Rumänen weiter und neben uns setzt sich eine Transfrau. Groß, riesige Hände, weinroter Pulli und Rock mit blickdichter Strumpfhose. Dazu lockige Perücke und Highheels, gefühlt Größe 45. Was haben die denn für ein Frauenbild, diskutieren wir, so sahen die 50-jährigen 1970 aus. Der Weltbeste findet, dass die alle ne Meise haben und fragt mich, was der Scheiß soll. Bin ich Psychologin? Nein, also habe ich auch keine adäquate Antwort, wobei er optisch echt altbacken ausschaut. Nicht er, Er!

Unser Nachtisch bei Mäcces ist fertig und der Weltbeste meint, dass wir immerhin 30 Minuten auf einen guten und gesunden Weg waren. Und dann schaut er mich von der Seite an und meint, dass man, wenn man mit mir unterwegs ist, immer unvernünftig ist.

Hääää?

Mit mir, frage ich und er nickt völlig überzeugend, bis ich ihn daran erinnere, wer hier gerade das Eis in der Hand hat, die fette Tante im Stammbaum und wer von uns den schwarzen Kaffee? 

Coming soon: Das Sausackzahn-Gen

Meine Woche, die fette Tante und das Sausackzahn-Gen – Part II

 

Wir kommen an und müssen beide Pinkeln. Da wir hier sehr ländlich sind, gibt es exakt einen Lebensmittelmarkt mit neumodernem Bäcker mit Kaffee-Trink-Möglichkeit. Ich wittere unsere große Chance. Da ich dem Gott der Personalentwicklung die feffrigen Pfefferbrezeln gönne, kaufe ich vier Stück und frage nach, ob es ne Toilette gibt. 

 

Gibt es. Juhuu. 

 

Nicht für uns!

 

Wäääääähhh?

 

Es löst sich schnell auf, weil wir nicht im Café des Bäckers sitzen, sondern nur die feurigen Brezeln injekooft haben, steht uns der Platz auf der Toilette einfach nicht zu🤡. Lösungsorientiert wie ich bin, bestelle ich zwei Cappuccino dazu und setze mich demonstrativ ins Café. Yeahhh. Ich hinterfrage an dieser Stelle natürlich nicht die Regel der Regeln für die Toilettennutzung, wer die kredenzt hat und warum zum Teufel man sowas macht. 

 

Was mache ich stattdessen? 12 Euro zahlen für vier Brezeln, 2-mal Klo und 2 tatsächlich lauwarme Cappuccino. Was ja gut war, wir hatten nur wenige Minuten Zeit und da kam uns die Schlingtemperatur des italienischen Gesöffs ganz Recht. 

PS: Danke, Inflation. 12 Euro für so wenig. Einfach Danke. 

Zack, weiter. Beide in verschiedenen Meetings bevor wir uns 17 Uhr zum gemeinsamen Denken zur Problematik des Personals wiedertreffen. 

Gegen 19 Uhr sitzen wir im Auto und stürzen uns als erstes auf die französischen Snacks und überlegen, ob wir das Bier jetzt während der Fahrt trinken oder später. Egal, Buttergolems Neffe düst mit 160 dahin, er wirkt top fit, sagt aber, dass er krass müde ist. Sieht man ihm nicht an. Muss an den vielen Armen und Beinen liegen.

Wir sinnieren über das Meeting, wie cool arbeiten ist, wenn alle Bock draufhaben und dass es endlich abends ist. 

Die Diskussion geht in die Planung des Abendessens über und wir einigen uns auf frisches Sushi an der Autobahn, um wenige Augenblicke später festzustellen, dass wir abends und hungrig gar nicht mehr so intelligent sind, denn es gibt gar kein frisches Sushi an der Raststätte. Kurz überlegen wir nach Japan zu fliegen, da Hunger bekanntlich böse macht und wir unsere Freundschaft definitiv nicht gefährden wollen, verwerfen diese Schnapsidee aufgrund der Entfernung zum nächstgelegenen Flughafen aber wieder.🙃

Wir einigen uns stilecht auf Mäcces und verpassen die erste Ausfahrt. Im ländlichen Bayern gibt es nicht flächendeckend das PappBurgerRestaurant und ich überlege kurz, ob ich ins Lenkrad greife, damit das hier was wird. Ich lasse es. Hunger macht zwar böse, aber mein Verstand stirbt nicht automatisch im Unterzucker. 

50 Kilometer weiter sehen wir das nächste Gasthaus zur goldenen Möwe und der Weltbeste fährt wieder fast dran vorbei. Kurz überlege ich, ob er Angst hat, dass ich die zu vielen Arme und Beine unter dem top sitzenden Hemd sehe? Er bezahlen muss?

Nee Spaß. 

Wir fahren da ran und betreten den fast leeren Laden. Links Mäcces. Rechts ein gesunder Laden mit gesundem Essen. 

Da haben wir es, denke ich. Nicht nur aktuell ne politische Debatte, sondern auch abends an der Raststätte gibt es keine konservative Mitte! 

Was machen wir?

Ungesund oder gesund?

 

Coming soon: Rückreise-Raststätten Trauma und haben die um die Uhrzeit eigentlich noch Eis? Ach ja, und das Sausackzahn-Gen.