Wenn Eltern ihre Kinder schlagen kommen immer wieder die selben Sätze und Erklärungen zum Vorschein: »Mir tut das mehr weh als dir« ― »Siehst du, wozu du mich bringst?« ― »Warum zwingst du mich dazu?« ― »Meine Mutter hätte mich umgebracht, wenn ich so gewesen wäre wie du« ― »Wir könnten es so gut haben« ― »Ich tue alles für dich und das ist der Dank« ― »Ich arbeite so hart und du tust mir das an«.
Ich habe sogar zwei große Aquarien solcher schwimmenden Sätze. Eines für davor und das Andere ist für danach: »Du darfst das niemandem sagen, sonst nehmen sie dich mir weg« ― »Hast du etwas daraus gelernt?« ― »Ich tue das, weil ich dich liebe« ― »Findest du nicht, dass du das verdient hast?« ― »Ich habe dich doch nicht zu fest geschlagen?« ― »Mir tut die Hand weh wegen dir« ― »Du weißt, dass die Mama das nicht gern tut«.
Das sind die zwei großen Kanister mit dem Öl welches man auf das Feuer gießen kann. Es sind immer und immer wieder die selben Sätze, mit leichten Abwandlungen natürlich, in verschiedenen Dialekten, aber eigentlich klingen sie alle gleich. Irgendwie kommen sie aus den Mündern all dieser Eltern gleichzeitig. Das ist einfach so dumm und wahr. Und wenn mir einer dieser Menschen seine Geschichte erzählt, dann ist es immer auch meine eigene Geschichte, die ich zu hören bekomme. Eine ständige Wiederholung der Schilderungen ihrer Abläufe. Das selbe Aufflackern von Verleugnung und Schuld. Dieses in den Schutz nehmen der Menschen von denen man geschlagen wurde. Der Zweifel ob das alles wirklich passiert ist, oder es nicht doch kindliche Einbildung war. Das Komische ist, dass ich mich an die Dunkelheit meiner Kindheit kaum noch erinnern kann, weil sich die Erinnerung mit dem Nachdenken vermischt hat. Ein Denken aus Gedanken, die endlich schlafen wollen. Dieser Wunsch einen Teil von sich selbst einzuschläfern. Ins Licht zu gehen durch den langen Tunnel des Vergessens.
Wahrnehmung
Die Menschen sehen dich nicht. Ihr Blick gleitet nur über deine äußeren Moleküle hinweg. Die Wahrnehmung für etwas anderes als uns selbst, ist wie der Wind, dessen Strömung sich teilt um um ein Hindernis herum zu fließen und sich dahinter wieder zu schließen.
Keine Kinder!
Meine Freundin so zu mir: „Sag mal, bist du dir wirklich sicher, dass du nicht irgendwann doch Kinder haben willst? Ich will nicht, dass du das irgendwann bereust und unglücklich bist, oder mir sogar vorwirfst.“
Darauf haben wir uns nämlich geeinigt. Sie hätte Angst, da sie keine Kinder will, dass mir irgendwann doch etwas fehlen würde. Also fange ich dann so damit an ihr Gründe aufzuzählen, warum ich das bestimmt nicht will.
Sie darauf: „Sag mal, könntest du bitte ein bisschen weniger keine Kinder haben wollen? Das ist ja asozial und ekelhaft.“
You asked for it…
Langeweile
Eines ihrer großen Talente war es sich zu langweilen. Darin war sie äußerst einfallsreich, sich für etwas nicht zu interessieren. Ihr Gemüt war wie aus Blei und sank immer sofort auf den Grund, von wo es auch nicht mehr zu bergen war. Eine Fähigkeit die meistens nur Teenager besitzen bevor ihnen klar wird, dass sie sich selbst beschäftigen müssen und nicht ständig die uneingeschränkte Aufmerksamkeit der ganzen Welt erwarten können. Langeweile ist eine Steuermüdigkeit als Reaktion auf ein ständiges Überangebot solange wir den Luxus der Egozentrik genießen.
Spielzeug
Ich hätte nie mein ganzes Spielzeug weggeräumt wenn ich gewusst hätte, dass ich es eines Tages nie wieder hervorholen würde. Ich frage mich wann genau das war und ob es sich überhaupt wie ein letztes Mal anfühlte, oder nur eines dieser blinden Gefühle mit dem man aufhört.
Menschliches
Ok. Was ich jetzt sage klingt unbescheiden, aber so ist es nicht gedacht. Es kommt immer wieder mal vor, nicht so oft aber doch wiederholt, dass irgendwelche Frauen auf mich stehen, weil sie geil finden was ich schreibe. Das sagt aber gar nicht so viel über mich als Mensch aus. Das sage ich deswegen, weil man damit böse in die Falle gehen kann. Nur weil ein Typ ein geiler Sänger oder was auch immer ist. Gute Kunst macht keinen guten Menschen. Klar kann man das sexy finden. Aber jeder Mensch ist ein Mensch. Seinen Partner sollte man auch nicht idealisieren sondern den Menschen finden, der zu einem passt. Ehrlich und so wie man als Mensch eben ist. Nicht als dieses vergrößerte Bild. Oder man wird irgendwann an ein ziemliches Arschloch geraten. Das sage ich nun als Mensch und sehr gut gemeint, weil es wahr ist.
Meerschweinmann
Weißt du was das traurige ist am Mannsein? Du wirst geboren und bist ein Gott. Ok, nein. Du wirst als kleiner Scheißer geboren. Dann sprießen dir langsam Haare am Sack. Du fängst an Gewichte zu stemmen. Dann bist du ein Gott! Du wachst auf und beginnst den Tag mit 100 Liegestütz. Du knallst dir 20 Kilo Hantelscheiben mit Schwung in den Bauch, die den Paketboden eindellen, um deine stählernen Bauchmuskeln zu testen. Du bist stark genug einen ganzen Menschen mit einer Hand zu heben. Dann wirst du älter. Klick macht es und du bist 30. Dann fast 40. Auf einmal hast du Hämorrhoiden und blutest aus dem Arsch. Und wenn du dir beim Schuhe zubinden den Bauch im Gürtel einklemmst, wirst du plötzlich bleich, weil du dir irgendwas geklemmt oder gezerrt hast, von dem du gar nicht wusstest, dass du es hast, und musst dich erst mal hinlegen. Nächste Station: Impotenz! Ich wusste gar nicht, was für ein Hengst ich war. Und jetzt bin ich der Meerschweinmann.
Schrittleben
Der Unterschied zwischen Okay, Gut, Sehr Gut, über Großartig bis zu genial wird immer größer. Wenn etwas okay ist, dann scheint es nicht mehr weit bis es gut wird. Aber zwischen Großartig und Genial liegen zwischen Welten. Obwohl die Unterschiede an immer kleiner werdenden Details auszumachen sind, wird jede Winzigkeit umso wichtiger. Es sind die letzten schweren Schritte eines Marathons bis zur Ziellinie, die länger erscheinen als die gesamten Kilometer des Weges davor. Darum muss man in jedem einzelnen Schritt leben.
Sprachgefühl
Um mit Sprache wirklich umgehen zu können, muss man ihre Seele verstehen. Die Verwandtschaft zwischen den Wörtern erkennen, und wie sich alles ändert, wenn man das eine gegen das andere austauscht, oder einander näher bringt. Wenn man aus Kontext Chaos verwandeln, und dabei trotzdem nach Gefühl zielen kann.
Schreibgründe
Ich finde es witzig, dass die meisten Leute mit dem was ich schreibe nichts anzufangen wissen. Was in Ordnung, wirklich in Ordnung ist. Diejenigen die meinen, das wäre gut, also wirklich gut, sind meist solche die selbst schreiben, und das vielleicht auf ähnliche Weise, oder besser gesagt aus ähnlichen Gründen. Ich versuche nicht schön zu schreiben. Und Menschen die das tun, wissen mit dem was ich tue auch nicht viel anzufangen, außer dass sie vielleicht merken, dass es nicht schlecht gemacht ist, sondern ich atomisiere Momente. Ich versuche Dinge mit einer inneren Kamera festzuhalten und beschreibe das was ich fühle. Oder ich erschaffe eine völlig neue Situation mit meinen Gedanken. Mich interessiert die Kunst etwas zu verbalisieren, was eigentlich fast gar nicht zu beschreiben ist. Und am liebsten nehme ich einen sehr kleinen, einen fast banalen Moment und suche in dieser winzigen Sache, umso kleiner desto besser, nach ihrer Magie. Bis ich das gefunden habe, was sich mit mir verbindet, und durch diese Verbindung eine neue Bedeutung schafft, die über das Ursprüngliche hinausgeht. Zum Beispiel, dass die Krallen des Katers wenn er den Milchtritt macht, so klingen wie weit entferntes Feuerwerk. Und dann höre ich es so deutlich, dass das meine Realität verändert. Genau das tue ich beim Schreiben: Ich drehe meine Welt. Das ist für mich nicht einfach nur schön, sondern auf spezifische Weise ästhetisch, und darin liegt für mich ein großer Unterschied. Ich erhöhe nichts wenn ich darüber schreibe, ich schmachte nicht, sondern ich suche für jede Situation das passende Kleid aus Worten, und fotografiere es auf eine introvertierte Geschichte. Ich glaube, dass auch das für viele wie Geschwafel klingt, aber es beschreibt haargenau das worum es mir geht. Diese Innensicht auf einen inneren Monolog, vor einer Kulisse aus Banalitäten, auf einer Bühne der Poesie. Mit einer Klugheit von der Wesenhaftigkeit wie stilles Wasser.
DAS! Das, das, das, das. NUR das! Weil ich es liebe. Bei mir, bei anderen und auch oder besonders bei der Frau, mit der ich diesen Blog hier führe. Auf ihre Weise, die so ganz anders ist als meine, aber verstehen sehr genau was und warum der andere etwas tut. Und darin liegt ein tiefer gegenseitiger künstlerischer Respekt.