Casino Royal

Als er auf dem Weg zu seinen Freunden war, hatte er keinen blassen Schimmer, was ihn an diesem Abend erwarten würde. Sie wollten mal wieder zusammen sitzen, quatschen. Vielleicht ein Bier trinken. Meistens sprachen sie über die Arbeit, über ihre Partnerinnen oder Fußball. Ja, er saß bei ihnen und ja, er lachte auch mit ihnen. Aber irgendwie fühlte er sich nicht zu hundert Prozent, wenn er in dieser Runde saß. Warum auch immer, er wusste nicht, was das alles bedeutete. Er zuckte im Dunkeln die Schultern. Vielleicht lag es einfach an ihm selber, dachte er.

Am richtigen Mehrfamilienhaus angekommen, klingelte er bei seinem Freund und wartete auf das summende Geräusch, um dann die Treppen nach ganz oben immer in Zweierschritten zu nehmen. Gesagt, getan. Als er oben ankam, wehte ihm eine Mischung aus Bier, Zigarettenqualm und abgestandener Luft entgegen. Sein Kumpel begrüßte ihn und klopfte ihm überdimensioniert auf den Rücken, was ihn fast nach vorn fliegen ließ, obwohl er durchaus seine 90 kg auf knapp zwei Meter wog. Alle waren schon ordentlich angetrunken. Viele hatten also ihren Pegel für heute erreicht. Er schnappte sich ein Bier aus dem Kühli und schritt hölzern ins Wohnzimmer. Eine Traube von acht Männern saß im Halbkreis und schrie sich mehr an, als das sie normale Konversation betrieben. Puh, dachte er. Saufen oder Gehen. Mehr Option sah er gerade nicht und da er die Rolle des Spielverderbers auch nicht so gern trug, setzte er das Bier an und leerte es in wenigen Sekunden. Dieses Unterfangen wurde lautstark von den anderen begrölt. Wenn die wüssten, dachte er, dass er nur trank, um diese grölende Masse zu ertragen. Mit einem gespielten Grinsen prostete er der testosterongeladenen Masse zu und ging erneut in die Küche, um sich Bier Nummer zwei zu holen.

Nach Bier Nummer acht kam irgendwer auf den Plan in das neugebaute Casino zu gehen. Ein paar Euro verspielen. Keine so schlechte Idee, fand er. Oder sein besoffener Kopf. War jetzt nicht ganz klar, wem hier was gefiel. Also mündete die einzige Idee des Abends in einem allgemeinen Aufbruch und die Meute lief ins Casino. Dort angekommen sah er sich zuerst um und war erstaunt, wie viel Glitzer und Prunk in so einem Etablissement normal zu sein schien.

»Krasss«, seufzte er leise und während die Jungs alle eifrig Geld in Jetons tauschten und wie kleine Kinder in diesem riesigen Saal ausschwärmten, wollte Jim sich erst mal umsehen. Rechts: Einarmige Banditen soweit sein angetrunkenes Auge reichte. Alles stand auf rotem Teppich, überall prangten goldene Kordeln als Abstandshalterungen. Interessant, fand er. Etwas schwammig auf den Beinen lief er langsam weiter. Geradeaus erspähte er den klassischen Roulette Tisch, um den sich einige Menschen angesammelt hatten. Interessierte ihn nicht. Er neigte seinen Kopf nach links.

»Na, schöner Mann. Wie sieht es aus, Lust auf eine Runde Black Jack«, fragte eine engelsgleiche Frauenstimme und obwohl sein Fokus auf der linken Seite des riesigen Raums lag, sah er nichts.

»Klar doch«, haute er so souverän wie möglich und drehte sich in die Richtung aus der diese liebliche Stimme kam. Nichts.

»Häää«, er hielt inne. Was war das denn. Er rieb sich leicht gestresst die Nasenwurzel und musste für sich festhalten, dass er definitiv zu viel getrunken hatte. »Keiner …«, bestätige er nochmal für sich selbst, denn es war keiner in seiner Nähe. Zwar waren hier einige Frauen, aber keine so nah, als dass sie mit ihm hätte sprechen können. Komisch, fand er und fühlte sich magisch vom Black Jack Tisch angezogen, obwohl er absolut kein Spieler war.

Irgendwas stimmte hier nicht …

Am Tisch angekommen nickte der Geber ihm kurz zu, um ihn zum Spielen zu animieren. »Nein, nein, ich schaue erst mal«, sagte er mit einer Coolness, die er von sich nicht kannte. Am Tisch saßen sechs Spieler und seine Augen beobachteten alles, was am Tisch passierte. Obwohl er die Wirkung des Alkohols ganz präsent fühlte, machte sich sein Kopf irgendwie selbständig, denn er bekam jedes noch so kleine Detail mit. Der Geber mischte das Kartenspiel, teilte aus. Jeder bekam zwei Karten. Mal überkaufte sich ein Spieler, mal der Geber. Mal gewann der eine, mal verlor er wieder. Das alles hielt sich in einer guten Waage. Irgendwie wurde er das Gefühl nicht los, dass der letzte am Tisch, der der ganz links saß einen großen Einfluss auf den gesamten Tisch hatte. Und irgendwie wusste er, dass er dieses Spiel in Perfektion beherrschen würde, obwohl er es noch nie gespielt hatte.

Aber der Platz war vergeben.

Er schaute auf den Mann, der diese Box belegte und schüttelte leicht seinen Kopf, da er kaum eine Chance für sich sah … als …

»Geh, setz dich hin«, raunte diese wundervolle Stimme und verwirrte ihn wieder, denn es war niemand da. Dennoch gehorchte er und setzte sich an den Platz, der eben frei geworden war. Er zog seinen Geldbeutel aus der Jeans und holte Geld heraus.

Und dann … tauchte er in ein berauschendes Spiel ein, denn sein Gehirn machte etwas, was bisher nur zu wenigen Prozenten da war. Es funktionierte. Alles, was am Tisch passierte wurde von seinen grauen Zellen registriert. Was ein Hochgefühl. Hatte der Geber als erste Karte eine sechs, schwirrte ihm durch seine grauen Zellen, konnte der Tisch zu einem hohen Prozentsatz gewinnen. Und er war mit dem letzten Platz am Tisch das Zünglein an der Waage.

»Erhöhe den Einsatz «, befahl die engelsgleiche Stimme, die ihn den ganzen Abend begleitete und er erhöhte den Einsatz. Er spielte und spielte, alles um ihn herum verschwamm zu einem glamourösen Irgendwas.

Sein Smartphone piepste und er wunderte sich, warum er das überhaupt hörte … schließlich war die Lautstärke in diesem Gebäude im Laufe der Zeit immer lauter geworden. Er ignorierte das Piepen.

Stunden später erwachte er in seinem Bett. Sein Kopf schmerzte aber er grinste, denn sein Traum, ein Star im Black Jack zu sein, war super real in seinem Kopf und hallte noch ordentlich nach.

Er hatte noch alles an. Jacke, Jeans, Schuhe. Verrückt, dachte er und versuchte sich an irgendwas zu erinnern. Nichts.

War da nicht …, überlegte er und öffnete widerwillig sein linkes Auge. Schnell schloss er es wieder, der Tag war ihm im Moment zu hell. Ja, mit den Jungs einen trinken war am nächsten Morgen halt immer heftig, dachte er. Er würde noch liegen bleiben, weiterschlafen, … wobei sein Traum echt krass gewesen war. Er und Zocken, dass er nicht lachte.

Als er sich in seinem Bett drehte, rutschten acht Rollen mit Geldscheinen aus der Jackentasche. Der Stapel aus der Jeans lugte ebenfalls hervor …

Veröffentlicht von Vielverwinkelte

Lyrik berührt Moderne.

13 Kommentare zu „Casino Royal

      1. Ich weiß. Is‘ n Klischee. Also ich bin schon n Kerl. Klar ist das nett. Aber nicht bei ’ner fremden Frau, die dafür bezahlt wird. Das ist mir unangenehm.

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      2. Ne, ich bin eigentlich Amoralist. Es ist mir unangenehm. Es bringt ihr nichts und mir nichts. Selbst wenn ich darauf abgehen würde, kann ich sie danach nicht mal ficken. Und wenn doch, würde ich das vermutlich wieder nicht wollen. Es ist nicht mein Ding.

        Gefällt 1 Person

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