Glück

Es ist dunkel draußen, als ihr Wecker schrill aufschrie und sie aus dem Tiefschlaf riss. Wie jeden Morgen, erahnte sie die Zahlen auf dem Display lediglich, denn die Uhrzeit war ihr seit vielen Jahren und Wochenenden bekannt. 04:50 Uhr. 

Frühschicht in der Sozialstation. Ambulante Pflege von alten und kranken Menschen. 

Die morgendliche Routine war schnell gemacht, beim Öffnen des Küchenfensters schlug ihr eisiger Wind entgegen. Winter eben, sofort fröstelte es ihr, Gänsehautwellen schwappten einmal über ihrem Oberkörper. Aber der Temperaturtest war wichtig, schließlich musste die Arbeitskleidung für die anstehende erste, sechsstündige Hälfte des geteilten Dienstes im Dienste der Menschlichkeit stimmen. Den ganzen Tag frieren wäre der Abturner schlechthin. Dazu gab es noch die andere Hälfte Menschlichkeit, sie würde an beiden Tagen des Wochenendes um halb vier am Nachmittag ein zweites Mal beginnen und gegen 22 Uhr enden. 

Schnell auf das Außenthermometer geschaut. Minus 17 Grad. Januar in Magdeburg. Das konnte schon mal richtig kalt werden. Nicht durchgehend, aber auch nicht ganz so selten. 

Die Kälte am offenen Fenster fraß die Müdigkeit. Zurück zum Kleiderschrank. 

Die Wahl fiel pragmatisch auf eine dunkelblaue Skihose mit breiten schwarzen Hosenträgern. Darunter eine Thermostrumpfhose. Dazu ein Thermo-Langarmshirt und eine Jacke drüber. Winterstiefel. Bei sechs Stunden draußen würde sie frieren.

Die Frage war nur, ab wann …

Auf zum Auto. Im Hof erkannte sie, dass zu den bereits 40 cm Schnee von gestern Abend, weitere 20 cm draufkamen. Der Dienstwagen fristete sein kaltes Dasein auf dem Parkplatz, anfangs unklar, welcher Wagen der Richtige war, stapfte sie durch den knisternden, leicht knirschenden Schnee. Kein Geräusch ringsum. Nur ihr sichtbarer Atem, ein sternklarer Himmel, eiskalte Temperaturen und das Schneegeräusch mit jedem Schritt. Ein Blick zurück offenbarte den Weg hierher sowie die Höhe des Schnees. Das konnte was werden, der Dienstwagen ein knochenalter Fiat Cinquecento ohne Winterreifen, ohne irgendeinen Komfort. 

Geübt den Schnee vom Auto geholt und mit dem Eiskratzer die dünne Eisschicht von den Scheiben entfernt. 

Mist. Handschuhe vergessen. Taube Finger und das Bewusstsein, die Heizung würde vorerst nicht warm werden. 

Keine Zeit, um nochmal hochzugehen. Der erste Patient wartete …

Vor acht würde es nicht hellwerden, die kaum lesbare Uhrzeit ließ kurz vor sechs erahnen. 

 

Zeit, loszufahren. 

 

Langsam parkte sie den durchgehend rutschenden Wagen beim ersten Patienten. Da das Auto nicht im Ansatz warm war, fiel das Aussteigen nicht schwer. Der Abstand zum Bordstein bemerkenswert, aber bei den Schneemengen, kam es nicht in Frage, mit den Sommerreifen in die Massen zu rutschen. 

Das Wohnhaus des Patienten lag in einem Innenhof. Zwischen den beiden L-förmig stehenden Blöcken aus Beton gab es einen kleinen Pfad, der sich völlig unberührt in reinem Weiß präsentierte. 

Optisch Kunst. Glitzernd funkelnde Oberfläche im Licht der leicht orange-farbenden Straßenbeleuchtung. Kahle Bäume und Äste. Voller Schnee und teils Eis von der kalten Nacht. Absolute Ruhe, niemand da. Eine gleichmäßige Fläche. Sie wollte da nicht durchgehen. Sie musste. 

Querfeldein stapfte sie langsam durch den Schnee. Es knirschte dumpf. Die Schneehöhe mit jedem Schritt akustisch hörbar, schließlich dauerte es einen Moment, bis die Sohle des Winterstiefels den Grund erreichte, vernahm sie ein weiteres Geräusch. Bewegungslosigkeit.

 

Stille. 

 

Erneut der unbekannte Ton und sie konnte einen Vergleich denken. Als würde jemand Pflaster von einer Rolle ziehen. Ganz langsam. 

Sie sah sich um, konnte aber nichts erkennen. 

Ein weiteres Stück Pflaster wurde von der Rolle gezogen und nun blickte sie auf die nackten Äste des Baumes über sich. 

Ein Taubenpärchen saß gut erkennbar auf dem schmalen Ast. Unter ihren Füßen war kein Schnee und auch kein Eis. Das eine Tier hatte seinen linken Flügel über den Rücken des anderen Vogels gelegt. Da sie unter dem Baum durchlief, musste sich das Fluchttier bewegen, dabei knirschte der schützende, wahrscheinlich wärmende, eingefrorene Flügel als würde man langsam Pflaster von der Rolle ziehen. 

Wie lange sie Besucher des Moments war … wusste sie nicht. Der linke, etwas größere Vogel, wahrscheinlich der Hahn, versuchte behutsam seinen eisigen Flügel zurück ins Leben zu holen, ohne der Henne den Schutz zu nehmen, während sie sich mit geschlossenen Augen press an seinen Körper schmiegte. Vertraute. 

Der erste bewusste Moment gefühltes Glück in ihrem Leben. 

Veröffentlicht von Vielverwinkelte

Lyrik berührt Moderne.

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