So oder so ähnlich muss das ganze Ding 1992 vonstatten gegangen sein, denn ich wurde 1992 14 Jahre alt und da kurz vorher das Eingesperrt sein in der DDR beendet wurde, war das Überschreiten der Grenzen mit einem Mal möglich. Und mit 14 hatte man eigentlich Jugendweihe in der DDR. Also ergab sich die Frage, ob ich eine langweilige Feier wolle oder lieber Urlaub mit meiner Oma. Ich entschied mich für Urlaub mit meiner Oma anstatt der Feier. Die Idee fand ich super, schließlich winkten unglaublich viele Vorteile für mich als 14-jährige, wie etwa:
Urlaub mit Oma.
Mehr fiel mir zu Beginn nicht ein, schließlich wusste ich weder, wie es in Spanien sein würde, noch wie so eine lange Reise werden würde. Oder was es dort zu essen gab, oder zu trinken. Oder wie sich spanisch anhörte. Oder wie der Flug sein würde. Da es in der DDR ja auch kaum was zu shoppen gab, war auch das nicht mein damaliger Fokus, ich wusste aber auch ehrlicherweise nicht im Ansatz, was Spanien da für mich zu bieten hatte.
Wie jetzt Flug? Meine Eltern klärten mich sehr schnell auf, dass Oma und ich mit dem Bus fahren würden. Aus der heutigen Perspektive, frage ich mich, ob das der Moment war, wo Oma eigentlich kapitulieren wollte, es aber mir zuliebe nicht tat. Gut, als Jugendliche war mir das Schnuppe, ob Flug, Zug oder Bus, schließlich wusste ich nicht mal, wie weit Spanien weg war und was das in km/h im Kontext Zeit bedeuten würde.
Ich war happy!
Und dann fuhr uns mein DDR-Papa zum Busbahnhof, wo ein quietschgelber Bus mit dem Logo Tappe Reisen stand. Allein, dass ich mich so viele Jahre später noch an den Schriftzug auf dem Bus erinnere, bedeutet gesichert nicht, dass wir problemlos durchgekommen sind.
Das war er … so oder so ähnlich sah er damals aus.

Jut?
Jut!
Es ging also los. Oma hatte, ganz entsprechend einer weltbesten Oma folgendes dabei:
– Stullen mit Butter
– Stullen mit Wurst
– Stullen mit Käse
– Gebratene Schnitzel
– Gebratene Klopse
– Was zu trinken
– Schokolade
– Kekse
Ich hinterfragte die Mengen nicht, selbst jetzt war ich naiv-jungfräulich, was die vor uns liegende Strecke anging. Natürlich fuhren wir im Sommer mit dem Bus nach Spanien, draußen waren gut und gern 30 Grad und der Bus hatte keine Klimaanlage und auch keine kleinen Bildschirme in der Kopfstütze im davorliegenden Sitz.
Irgendwann waren alle Koffer im Bauch des Busses verstaut und Oma und ich hatten unsere Plätze eingenommen. Der Motor startete und ich zog den gedanklichen Vergleich zum maximal 20 km Strecke-Linien-Bus, denn viel besser, komfortabler oder angenehmer war der gelbe Bus nicht. Wir fuhren los, Papa winkte uns noch fröhlich zu und der Bus rollte aus Magdeburg raus, yeahhhh …
Um exakt 65 km später, nämlich in Braunschweig kaputt zu gehen. Der Bus hat ein Problem, propagierte der Fahrer und verließ die A2, um dann in einer großen Mercedes Werkstatt einzufahren. Wir DDR-Touris alle frohen Mutes, schließlich war diese Reise für mindestens 10 Menschen, also 5 Paaren die Hochzeitsreise. Aus der heutigen Perspektive bin ich mir sicher, das keine der so begonnenen Ehen gehalten hat.
Alle im Bus sollten sich in das Werkscafé der Werkstatt setzen und auf Kosten des Reiseanbieters Kaffee trinken. Taten wir und langweilten uns gemeinsam.
Dann, ohne das irgendjemand zuvor ne Info bekam, fuhren Großraumtaxen vor. Gefühlt 30 Stück, kann ich rückblickend nicht so genau sagen, aber einer der Fahrer latschte in das Café und rief, dass wir jetzt zu einem anderen Bus gefahren werden, das gelbe Ding sei soeben gestorben.
Alle rein in die Autos und dann ging es einige Kilometer von Braunschweig zum Autobahn Rastplatz Seesen. (Ich habe wirklich noch alle Orte von damals im Kopf.)
Dort angekommen saßen wir ungefähr 50 Touris bei sengender, mittlerweile Mittagshitze an einer Autobahnraststätte fest. Keiner hatte irgendwelche Infos, die Taxifahrer wussten auch nichts und so gammelten wir da alle einfach so, so einfach rum.
Ich glaube nach zwei Stunden kam von irgendwoher ein Mann, der uns erlöste, indem er sagte, wir können mitkommen, der neue Bus steht dahinten. Alle zuckelten voll verschwitzt und langsam nicht mehr so gut drauf in Richtung eines silbernen Busses, der die Welt war.
Doppelstock, Klimaanlage, breitere Sitze, Kühlschrank, Fernseher in jeder Kopfstütze.
Alle freuten sich wie doof und wir schoben sogar selbständig unsere Koffer in den Bauch des Ungetüms und hüpften in den Bus. Die frischverliebten waren happy, Oma und ich zufrieden. Oma packte die ersten Stullen aus, auf welchen das Brot schon die Butter inhaliert hatte und der Käse war fast wie auf ner Lasagne. Die Hitze war schuld.
Alle freuten sich und die beiden Fahrer, ein Pärchen, waren supernett, denn sie ließen die Klimaanlage laufen und verteilten eine Runde Coca-Cola Dosen für lau als Entschädigung. Die Stimmung war wieder auf 100%.
Aber irgendwie fuhr dieser Bus nicht los.
Wenige Minuten später verkündete der so so so nette Fahrer, dass sie sich vertan haben und das hier der Bus nach Griechenland sei. Mein jugendliches Gehirn verweigerte die Nachricht und ich spielte weiterhin am TV rum, bis meine Oma genervt drängelte, da sie Angst um unsere Koffer hatte. Also stand ich mit auf, war in meiner Stimmung out of order und zottelte meinen Koffer aus dem Bus. Alle waren zutiefst enttäuscht, auch wenn der Fahrer uns noch erklärte, ein toller anderer Bus wäre bereits auf dem Weg zu uns und würde in wenigen Minuten da sein.
*mit französischen Akzent gesprochen: 90 Minuten später …
Mittlerweile war es bereits Nachmittag und Oma und ich schon seit knapp acht Stunden unterwegs. Alle restlichen Stullen wurden von Oma im Mülleimer versenkt, da wir beschlossen hatten, jetzt nicht noch daran ersticken zu wollen. Zum Veranschaulichen der Strecke folgen jetzt zwei Bilder, zum einen die bisher geschaffte Strecke und anschließend die noch verbliebene Strecke.
145 km waren wir nach acht Stunden von Magdeburg entfernt.

Nur noch 1639 km zum Ziel …

Jetzt bitte alle festhalten, denn schon von weitem erkannte ich zuerst, dass der quietschegelbe Bus im Anrollen war. Das durfte nicht wahr sein. Der vermeintlich am Vormittag verstorbene Linienbus würde uns also tatsächlich nach Spanien bringen, oder in 145 km-Abschnitten bis dorthin. Immerhin hatten wir ja 14 Tage Zeit. Irgendwann würden wir da sein.
Alle Reisenden, frisch Verheirateten sowie Oma und ich waren unfassbar desillusioniert. Und da es kein Handy gab, konnte niemand Hilfe holen, oder ne WhatsApp schicken, oder nen Shitstorm auf irgendeine Social-media Plattform lostreten. Also stiegen wir alle ein und wurden von zwei ganz neuen Fahrern begrüßt. Als alle saßen und die hängenden Köpfe nicht depressiver sein konnten, riefen die beiden Fahrer Freigetränke bis Spanien aus, dazu free Bockworscht mit Toastbrot und Baut`zner Senf. MEGAAAA. Und da essen im Osten echt einen krassen Stellenwert hat, war die Stimmung sofort wieder bei? Naaaa? Genau 100%.
Da machte es auch nichts aus, dass die beiden nach so 30 Kilometern preisgaben, dass sie noch nie nach Spanien gefahren sind, weil sie eigentlich Griechenland fahren und sich null auskennen. Navis gab es nicht. Nur Karten in der Hand. Was soll`s …
Resümierend waren Oma und ich 36 Stunden unterwegs, um dann in ein 1 Sterne Glückshotel anzureisen. Problem hier war, dass das Zimmer noch nicht bezugsfertig war. Mal von allem abgesehen, huldige ich meiner leider schon verstorbenen Oma so unfassbar, das könnt ihr euch nicht vorstellen.

Und zum Abschluss dieser wundervollen Reise, stelle ich die Frage in den Raum, was im Glückshotel abgelaufen wäre, wenn wir pünktlich gewesen wären?