Wo fange ich jetzt an?
Gute Frage, denn eine Geschichte muss irgendwo starten.
Okay, ab hier Startpunkt, denn vom Heimatbesuch in der DDR ging es ein paar Kilometer (untertrieben) weiter und schwupp stand ich in einem schickimicki Hotel mitten in den Bergen. Ein wahrlich schönes Hotel. Riesige Lobby, gut sechs bis acht Leute hinterm Tresen, was mich wirklich erstaunte, schließlich wartet man in Hotels mittlerweile immer eine gewisse Zeit. Manchmal auch vor der Tür. Lange. Hab ich alles erlebt. Gerade Anfang des Monats in Köln.
Fachkraftmangel. Kannste nix machen. Musste warten. Willkommen in Deutschland. Im Land, wo die Baby Boomer in spätestens sieben Jahren alle in Rente sind und das Jetzt noch absolut harmlos ist.
Nein, ich bin nicht pessimistisch, ich bin Realistin und kenne die Zahlen.
Hier war alles top. Fachkräfte da und Baby Bommer at work. Zimmer frei, selbst beim zu früh kommen. Pardon, beim zu früh einchecken. Auch das ist ja nicht selbstverständlich. Sie hätten jetzt auch sagen können, nee, raus hier. Kommt mal in zwei Stunden wieder. Pardon, checkt mal in zwei Stunden ein.
Aber nein. Zimmerkarte aus Holz überreicht bekommen, aber nicht wegen der Nachhaltigkeit, sondern top Marketing, da alle Berge auch viele Bäume um sich haben. Fand ich gut. Holzschlüsselkarte. Coole Idee. Ich schaue mich in der polierten Lobby um und entdecke Folgendes.
Menschen – unglaublich. Scherz.
Rechts neben dem Tresen ein aufgebauter Empfang vom Kongress der Mediziner. Darauf liegen endlos viele Pappmappen, die an den Mann / die Frau / das Divers gebracht werden wollen. #gändärnkannich. Ich frage mich, ob ich als Referentin auch so eine Mappe bekomme und ziere mich rüberzugehen und die freundlich ausschauende Dame anzusprechen. Nicht, weil ich schüchtern wäre, sondern, weil ich nicht so wirken will, als wenn ich was umsonst abkramen will. Schließlich sehe ich das Schlüsselband und den Kugelschreiber aus der Mappe ragen. Das kann ich wirklich nicht. Seit ich Kind bin nicht. Wären alle Kinder wie ich, würden sie am Pappnasenfest in Mainz und Köln und wo auch immer von den fliegenden Kamellen lediglich erschlagen werden, oder drin ertrinken.
1A Kariesprophylaxe, denke ich.
Was ich sagen will, ich kann das nicht aufsammeln. Noch nie. Nicht mal als Kind mit fehlender Impulskontrolle. Das war mir schon immer peinlich. Warum? Woher soll ich das denn wissen? Frühkindliches Umsonsttrauma? Vielleicht weil klar war, dass es immer einmalig gewesen wäre, schließlich hatten wir armen Ossis ja nicht mal Mischgemüse! Wozu also einmal was Nettes naschen? Sollte das so sein, finde ich mich retrospektiv krass visionär.
Wenn also früher irgendwelche Erwachsenen Bonbons rumgeworfen und sich alle Kinder draufgestürzt haben, habe ich das verfolgt als wäre es ein Verkehrsunfall. Fasziniert und angeekelt zugleich. Nie habe ich was aufgehoben. Nicht ein Bonbon. Davon ab haben die in der DDR ja auch wirklich scheiße geschmeckt. Die Bonbons, nicht die Kinder.
Okay, ich entscheide mich später an den Stand zu gehen und mich als eine der eingekauften Referenten zu outen. Wegen der Mappe und so.
Ich zerre Koffer in Richtung Fahrstuhl, um meine Sachen ins Zimmer zu werfen und entdecke links vom Tresen drei aneinander stehende Vitrinen. Alle sind Swarovski-like ausgeleuchtet, ausgekleidet mit schwarzem Samt und beinhalten was?
Schmuck für die großartige Urologen Gattin. Heilige Scheiße, denke ich, schließlich liegen da kiloweise Geschmeide in den verschlossenen Glasschränken und warten nur auf den manipulativen Moment, wo sie ihm schmeichelhaft steckt, was sie aus dem Schrank gern hätte. Wahrscheinlich wird ihre Stimme dabei höher, sanfter, erotischer. Woraufhin er selbstverständlich die hölzerne Karte zieht und zu einem der acht Tresenboys und -girls sagt, „das da auf Zimmer 122.“ Er wird so tun, als interessiere ihn der Preis null, obgleich das ne Lüge ist. Sie hingegen freut sich, wahrscheinlich haben dann beide Sex. Im besten Fall miteinander.
Fasziniert von derart viel Klischee läuft mein Autorenhirn auf Hochtouren und ich schaue mir jede einzelne Etage an. Schlau sind sie ja, es ist wirklich für jeden Kontostand was dabei. Egal ob Assistenzarzt, Arzt, Chefarzt oder Selbständiger im Modus Beginner oder Fortgeschrittener. Für jede Gattin mit manipulativen Moment ist was in dem Glaskasten. Großartig.
Ganz oben lächelt mich ein riesiges zirka 1 kg. blau-grünes in Silber gefasstes blink blink Herz an, welches an diesem Wochenende zwischen Ellen und mir noch an Bedeutung gewinnt, denn wir ordnen es dem Film Titanic zu und spielen mit 1,8 am Sender (ja, Alkoholpegel) die Arzt/Arztgattenszene vor der Vitrine nach und lachen uns doof, weil wir beide fest der Meinung sind:
- Das Ding an der Kette sieht wirklich endkacke aus und soll, warum auch immer über 200$ kosten. Natürlich sind es Euro und im Dialog hatten wir den Preis auf 2000$ gehoben, sonst wäre es unnatürlich gewesen.
- Wir sind uns einig, dass wir niemals im Leben aus so einer Vitrine was kaufen würden, weil das Klischee uns echt zu schaffen macht. Nur wegen des Klischees.
- Würde dieses wirklich coole Hotel einfach die Glasteile „Klischeevitrinen für alle Ehefrauen“ nennen, wärs wenigstens witzig.
Ende Teil 1.
Coming soon: Es gibt Frühstück, man glaubt es kaum.