Bis hier würde er den Abend als positiv, leicht alkoholisiert und vor allem gut gelaunt bezeichnen. Und das, obwohl er arbeitete. Dass ihm Pissengehen so zum Verhängnis werden sollte, hätte er weder gedacht noch dran geglaubt oder vorhersehen können. Wobei er mit 19 zu naiv für solche Vorstellung gewesen wäre. Die Situation hier mutierte zwar krass suspekt an, dennoch überlegte er gerade, wie der Abend bisher so war.
Reflexion sozusagen.
Warum auch immer sein Kopf das mit ihm machte, irgendwie wirkte alles aussichtslos. Fehlte nur noch, dass sich hinter dem Wall aus angetrunkenem Testosteron ein weißes Licht auftat, welches ihn anlocken würde.
Wie bei Nahtoderfahrungen.
Was für beschissene Gedanken. Aber er konnte sie auch nicht abstellen. Kein on/off Knopf. Wie im Film kreuzten einzelne Sequenzen des Tages durch seinen Kopf.
Samstag, Ausschlafen, großes Dorffest heute. Jeder einzelne würde für fünf saufen, zog durch seinen Kopf. Wobei ein Lächeln über seine Lippen huschte, denn manche soffen sogar für zehn. Und kotzten in der Nacht für zehn. Woher er das wusste? Er zapfte den ganzen Abend das Bier. Sicherte ihm auch das ein oder andere Getränk, aber zeigte eben auch klar den Verfall der anderen, die das Gesöff am hohen Tresen bei ihm orderten.
Das ein oder andere Mädel hatte ihm heute Abend auch gut gefallen. Der Job in der Bierbude war halt ziemlich klasse.
Sein Tagesresümee stoppte abrupt, denn drei von fünfzehn kamen auf ihn zu. Sie lösten sich aus der aufgereihten Großkotzigkeit und schritten auf ihn zu. Adrenalin rauschte beschissen schnell durch ihn hindurch. Übelkeit wallte wie ein Halo in atemberaubender Geschwindigkeit hinterher.
Er war hier gefangen. Kein happy End.
Wollten ihm jetzt ernsthaft fünfzehn Typen in die Fresse hauen? Drei sollten der Anfang sein? Wovon? Vom Ende? War das hier ein beschissener Film?
>>Warum<<, kam zu rotzig aus seinem Mund, aber er war eben auch kein kleiner Irgendwer. Zu selbstbewusst, um klein beizugeben, um die Fresse zu halten, wie es wahrscheinlich angemessener in solcher Scheiße wäre. Die Antwort überraschte ihn dennoch, schließlich hatte er immer mal wieder Stress mit irgendwem. Aber wer schickte denn bitte schön seinen großen Bruder?
Das war wirklich, wirklich armselig, gleichzeitig sah er sie unter sich, er auf und in ihr. Ihr Stöhnen, das Kommen. Fast roch er den Sex. Sie war vom kleinen Bruder getrennt, als er sie nahm. Beide wollten es. Was also sollte das? Das ergab nicht mal Sinn!
Die drei kamen von allen denkbaren Fluchtwegen auf ihn zu und drängten ihn in das Gebäude. Ihm war im Rückwärtsgang klar, dass es eine Sackgasse sein würde, aber an den restlichen zwölf würde er eben auch nicht ohne weiteres vorbeikommen.
Scheiße beschrieb das gerade nicht, dachte er und seine angeborene Evolution entschied sich für Flucht. Damit drehte er sich reflexartig um und rannte gegen jede Logik ins Gebäude. Die Drei stürzten ihm direkt hinterher.
Noch eine kurze Gerade, ein Winkel, dann sollte sich der Fluchtweg erschöpft haben.
Schlagartig entschied sich seine Natur um und programmierte auf Kampf. Auch die innere Stimmung veränderte sich, zwar wallte das Adrenalin noch immer aus der Nebennierenrinde schubweise in seinen Körper, dennoch schlich sich da ein anderes Gefühl dazu.
Gewissheit?
Er wusste es nicht, es war grotesk, jetzt über sowas nachzudenken, aber sein Kopf machte das automatisch. Etwas traf ihn hart im Gesicht. Keine Faust. Kein Fuß. Harter Reset, dachte er, Schwindel waberte durch Kopf und Körper, ein Zustand den er sich aktuell nicht leisten konnte. Blut rann ihm über die Wange. Wahrscheinlich hatte er eine Bierflasche ins Gesicht bekommen. Nett. Sein Unterarm wischte das tropfende Blut beiseite. Klappte nicht ganz, da es ihm warm den Hals langrunter lief. Wut mischte sich zu allen anderen Empfindungen.
Mit voller Wucht lief er in den ersten Typen. Der große Bruder. Der Rädelsführer. Dreckfresse, dachte er. Beabsichtigt oder nicht war ihm scheißegal, er verpasste ihm eine und wehrte den Arm seines Kontrahenten so ab, dass er jetzt in einem krass ungesunden Winkel an der Wand stand. Der Typ verlor zuerst die Farbe im Gesicht, dann legte sich purer Schmerz über seine Maske. Irgendwas brach eben. Knochen? Tja.
Ihm egal. Der Typ sackte zusammen, da die Schwerkraft ihn zu sich nahm. Er wendete sich von ihm ab. Hinter sich bemerkte er sein leises Wimmern.
Noch zwei.
Er lief ihnen entgegen, sein Blut lief immer noch warm den Hals herunter. Den Schwindel hatte er einigermaßen im Griff.
Beide bauten sich in wenigen Metern Entfernung vor ihm auf.
Später sollte die Filmbranche das übernehmen, was sein Hirn gegenwärtig mit ihm machte. Diverse Szenen, was jetzt passieren könnte, spielten sich vor seinem geistigen Auge ab.
Schnitt! Er würde sich vergessen. Das pure Böse selbst würde sich nach außen kehren und es würde wie folgt enden: Zwei Chirurgen, zwei fünfstündige Operationen. Endlos Reha und Physio, um dann doch mit Schnabeltasse im Rollstuhl zu enden. Für beide verstand sich. Gähn. Bla, bla.
Schnitt! Knarre ziehen, alle tot? Scheitere daran, dass er keine Sig oder Glock in der Tasche hatte. Warum dann so einen Gedanken verflucht nochmal?
Schnitt! Seine besten Freunde würden hinzustoßen und sie würden diesen 15. Halt, 14 Idioten zeigen, wer hier Chef im Ring war. Passierte halt eins A nicht, wenn man sowas mal brauchte.
Schnitt! Trinity und er kämpften in der Matrix gegen Mr. Smith und seine 13 weiteren Mr. Smiths. Jeder verfickte Sprung saß und kickte einen der Gegner aus der Matrix heraus. Congratulation. You win.
Schnitt! Weißes Licht. Vergesst es. Nicht heute!
Schnitt – Realität!
Was auch immer passierte. Ob das Böse sich kurz nach außen kehrte oder nicht war unbegreiflich, aber es musste eine Szene gerade wahr geworden sein. Sie waren zwar nicht tot, aber der eine Typ lag mit dem Gesicht nach unten in der leicht erhöhten Pissrinne. Zwei seiner Frontzähne lagen abgebrochen neben seiner sich lilafärbenden Wange. Blut lief in einem Rinnsal die kleine Vertiefung für die Pisse entlang. Er weinte.
Der Dritte bekam reichlich eingeschenkt. Auch er kapitulierte letztlich.
Jetzt wimmerten drei von fünfzehn.
Er war stolz.
Nein, war er nicht.
Doch, war er.
Kacke, aus den Emotionen würde er heute Nacht nicht mehr rauskommen. Als er vor die Feuerwache trat, bot einer der Spinner seine Hilfe, Freundschaft an. Wich die gesamte Testosteron La Ola gerade vor ihm zurück? Das er nicht lachte. Das! war wirklich armselig, dachte er, schüttelte leicht seinen Kopf und sah zu, dass er hier wegkam.
Er war stolz.
Ja, war er.
Und er hatte jedes beschissene Recht dieser Welt dazu.
Immer wieder Kotze. Das muss unbedingt analysiert werden.
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Das war ja eine Tatsache. Ich finde es unbedenklich.😎
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Kotze ist nie unbedenklich.
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