Dienstleistung ist … naja ihr wisst schon!

Gefühlt schreibe ich über die gestorbene Dienstleistung mit dieser gemachten Erfahrung den 3725. Teil.

Aber ich kann das einfach nicht an mir vorbeiziehen lassen und nichts schreiben. 

 

Es.muss.raus.

 

Für mich. Für dich. Für alle. 

(Klingt wie ein Werbeslogan, ich komme nicht drauf, welcher. Singe es aber die ganze Zeit beim Schreiben.) 

 

Also, ich hatte vor Weihnachten ein nicht näher bezeichnetes Problem am Auge und tat erst mal was? Richtig, gar nichts, weil unser Gesundheitssystem seinen Zenit vor Jahren überschritten hat und man weder einen Arzt bekommt noch einen Termin noch sonst etwas. Also beobachtete ich Auge kritisch aber reflektiert und wünschte mir jeden Abend, dass es doch am nächsten Morgen besser sein würde. 

 

Natürlich nicht. 

 

Dienstag 16.12.25

 

Ich recherchiere, wie meine Augenärztin offen hat und fahre hin, schließlich schwillt mir mein Auge auf eine so gemeine Art und Weise zu, dass ich aussehe, als hätte mir (laut dem Welpen im Büro) gepflegt jemand eine reingehauen. Dazu fühlt es sich auch ähnlich an. Mag psychosomatisch sein, also das mit dem Gefühl, streite ich gar nicht ab. Aber als Frau mit so´nem Matschauge fühlste dich einfach völlig beschissen. Zumal am Abend noch ein wichtiges Treffen anstand, wo der Welpe und ich eigentlich ne gute Figur mit normalen Augen machen wollten.

 

Ein Dank an meine völlig pragmatische Haltung, auf meine Niveauflexibilität und Souveränität, sonst wäre ich so niemals essen gegangen. 

 

Zurück zur Augenarztpraxis. Ab 13:45 Uhr offen und ich hatte nicht den Anspruch sofort bleiben zu dürfen. So ein Termin im April 2033 wäre okay gewesen. Ich komme dort an, stehe vor der Praxistür und sehe: Dienstag zu. Scheiß Google, denke ich, da stand 13:45 Uhr offen. 

 

Aber drinnen brannte Licht. 

 

Zack, ich klingel an der Tür mit dem Milchglas. Es passiert einfach gar nichts. Gut, denke ich, klingel nochmal, vielleicht haben sie dich nicht gehört, obwohl ich natürlich genau weiß, dass mich niemand hören will.

 

Es reagiert erneut keiner. Ich will wieder gehen, denke aber an Auge und will wenigstens noch gegen die Tür drücken, nicht, dass ich unten denke, hätteste mal gegen die Tür gedrückt. 

 

Ich drücke gegen und die Tür geht auf. Direkt rechts ist die Rezeption mit einer etwa Mitte zwanzigjährigen Arzthelferin mit Handy in der Hand, sie schaut mich an, als wäre ich so gesehen die Unverschämtheit in Person. Da ich absolut Dienstleister bin, verstehe ich nicht, warum sie nicht an die „offene“ Tür gekommen ist, um mir zu sagen. Nee, sorry. Ist zu —> Geh weg. 

 

Stattdessen schaut sie mich an und fragt, was ich will. 

 

Ich erkläre in ganz kurz. Rechtes Auge. Matsch. Fett entzündet. Tut weh und sieht kacke aus. Wird im Übrigen seit ein paar Tagen immer schlimmer. Meine beteiligte, offene Beobachtung hat Auge nicht abgeschreckt, schlechter zu werden. 

 

Sie erklärt mir:

 

Meine Ärztin ist in Rente gegangen.

Die, die eigentlich in der Praxis ist, ist krank.

Die Vertretung ist da, aber …

 

Was haben sie überhaupt, fragt sie erneut und ich fühle latenten inneren Frust. Ich erkläre alles erneut in kurz und frage mich, ob Gen Z dementer ist als die Gen Wirtschaftswunder. Sie krönt die Situation, indem sie mir erklärt, dass sie nichts sieht. Ruhiges Durchatmen ist meine Stärke. 

 

Ich sehe zwar auch bald nichts mehr, wenn Auge nicht behandelt wird, aber ich bitte sie, die Vertretung der Vertretung der in Rente gegangenen zu fragen, ob ich bleiben kann oder einen Termin im Jahr 2033 bekomme.

 

Sie steht auf, straft mich mit ihrem Blick und geht offen genervt ins Sprechzimmer, um mir eine Minute später lächelnd mitzuteilen, dass ich nicht behandelt werde. Ich frage sie, was ich denn dann machen soll. Sie erklärt mir, lediglich noch drei Stunden zu warten, dann in die Klinik fahren und die müssen mich behandeln. Dabei lächelt sie mich erneut an und mir fallen die aufgespritzten Lippen auf, weil der kleine Entenschnabel irgendwie unpassend und zu groß auf mich wirkt. Aber mit dem Auge, denke ich, sollte ich wirklich still sein. 

 

Patt.

 

Ich sage ihr ruhig und besonnen, dass, wenn jeder einfach bis abends wartet, um in die Klinik zu fahren, das System Krankenhaus dekompensiert. Sie schaut mich an, als wäre ich die missratene Pizza. Woher ich das wissen will, meint sie und ich sage ihr, dass ich in der Klinik arbeite. 

 

Wieder patt, aber sie merkt es nicht. 

 

Stille und wieder sehe ich ihr an, dass sie mich unfassbar doof findet. 

 

Okay, denke ich und gebe zu, dass ich wütend war. 

 

Spoiler: Wird gleich noch getoppt. Dienstleistung ist schließlich Motherfucker. 

 

Ich sage ihr dann mit ner Menge Fachwissen zu dem ganzen Kram, dass ich von der Ärztin eine Notfallüberweisung brauche und dann weg bin, schließlich will ich ja die romantische, fast leere Sprechsunde bei geschlossener Praxis mit offener Tür nicht weiter stören, da raunt sie mir zu, dass sie von so einer Überweisung nichts weiß. Ich bitte sie die Ärztin zu fragen, schließlich will mich vor Ort niemand behandeln und wenn ich nicht wie ein schlechter Rummelboxer aussehen will, sollte ich in irgendeiner Form, irgendwo behandelt werden. 

 

Sie schaut mich an, schnauft genervt, steht auf und während sie an mir vorbei geht, stöhnt sie absichtlich laut. Ich bin jetzt wirklich wütend. Nicht im Außen, aber innen drin. Ich frage mich, wie man so eine Arzthelferin dort hinsetzen kann. Unfreundlicher und dreister geht es kaum und glauben sie mir, ich bin die ganze Zeit sehr freundlich geblieben. 

 

Ich drehe mich, während sie im Sprechzimmer verschwindet zu ihrer Rezeption um, quasi zur Vorhölle einer jeden Arztpraxis und sehe einen kleinen Zettel, auf welchen sie sich Notizen zu ihren Überstunden, Überminuten in der letzten Woche gemacht hatte.

 

Montag: plus 9 Minuten

Dienstag: plus 12 Minuten …

 

Man sieht, sie hat in jedem Fall ganz viel Spaß an ihrem Job, schließlich ergab die Summe des Zettels nicht mal die Zahl 30 Minuten in der zweiten Dezemberwoche. 

 

Sie kommt wieder, schaut aber absichtlich an mir vorbei.

 

Ich darf bleiben, weil die Vertretungsärztin die Form der Überweisung auch nicht kennt. Ich bin 3 Minuten im Sprechzimmer und gehe, Überraschung mit einer antibiotischen Salbe da raus. 

Sie würdigt mich keines Blickes mehr und ich frage mich, wie Arzttermine in zehn Jahren aussehen werden?

 

Da es ja im Leben immer einen Ausgleich gibt, traf ich mich am Abend mit dem Welpen und einem wichtigen Mann zum gemeinsamen Abendessen. Und während wir über Wein, Essen und Weihnachten sprachen, eröffnete sich eine Gelegenheit zu etwas so Gutem, womit Marc Uwe und auch ich niemals gerechnet hätten.

 

Wir werden sehen, wenn an diesem Abend auch nur mit einem Auge. 

Veröffentlicht von Vielverwinkelte

Lyrik berührt Moderne.

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