Pappnasenfest oder Ballermann für Senioren

Elf Jahre hatte ich es geschafft und mich eisern dem Pappnasenfest, Fasching, Fastnacht, Helau, Alaaf und was auch immer verweigert, aber dieses Jahr haben meine Kollegen es geschafft und mich buchstäblich drangekriegt und somit konnte ich einfach nicht mehr nein sagen und musste diese Woche auf eine Seniorenveranstaltung, ähm Fastnachtssitzung mitgehen. Läuft sowas eigentlich unter Mobbing? 

 

Die Vorbereitung:

Der Welpe im Büro schlägt ein grandioses Kostüm für uns beide vor. Uli und Uschi von 1984. Nein, nicht George Orwell, sondern wir beide als Assipaar aus den 80-ern. So richtig groß im ekelhaften Plastetüten-Jogging-Anzug, Fokuhila Perücke, Stirnband und Slang aus´m Ruhrpott. Jetzt beim Schreiben denke ich darüber nach, ob das nicht auch im gewissen Sinn eine kulturelle Aneignung war und weiß, dass ich das mit Marc-Uwe im Büro reflektieren muss. Sozialistisch wie immer, er kennt das. Grüße, das Känguru.

In jedem Fall bestelle ich mir auf Amazon den wirklich hässlichsten Jogging-Assi-Anzug der Welt in Orange-Neongrün und dazu eine unbeschreiblich furchtbare Perücke.

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Alles kommt an, ich lache Tränen und frage mich ernsthaft, welcher Teufel mich geritten hat, da mitgehen zu wollen müssen. Ich komme aus einem Bundesland, wo niemand das Pappnasenfest feiert oder feiern will und auch niemals feiern wird. Meine Biografie ist somit jungfräulich und sollte das eigentlich auch bleiben.

So ab drei Wochen vorher wollten die Kollegen natürlich wissen, mit welchem Kostüm wir beide nun auflaufen würden, aber für mal eben verquatschen oder rausposaunen sind wir leider zu schlau und damit blieb es ein Geheimnis. Hätte ich gewusst, dass die Büro Bande weder mich noch Marc-Uwe sofort erkennen würde, wäre ich sofort wieder gegangen und hätte steif und fest behauptet, nicht nur dagewesen zu sein, sondern mit allen gegessen, getrunken und kräftig gefeiert zu haben.

 

Leider bin ich für sowas viel zu ehrlich. Verdammt. 

 

Am Abend:

Ich habe 10 Stunden Fortbildung, weil ich mich fortbilden wollte und saß gefühlte 15 Stunden vorm PC und mache ne Online-Schulung, um dann in der letzten Pause gegen 16 Uhr diesen Augenkrebs verursachenden Jogging Anzug anzuziehen. Dazu schnappe ich mir ein Baumwoll-Unterhemd und mache es mit Make-up schmutzig. Wenn schon Assi, dann richtig. Da bin ich konsequent. Somit sitze ich nun mit pattigen Hemd vorm Rechner, aber das ist mir egal. 18 Uhr, Voodoo-Weiterbildung ist vorbei und ich sprinte ins Bad. Marc-Uwe schreibt schon, weil er wissen will, ob Uschi pünktlich da sein wird.

 

Logo. Werde ich. 

 

Im Bad trage ich 327 Schichten Make-up Puder auf und bin beeindruckt, wie dunkel mein Gesicht davon wird. So dunkel, dass das Rouge keine Chance mehr hat. Egal wie oft ich versuche es aufzutragen, es entsteht einfach kein Rot auf der Haut. Okay, härtere Geschütze, denn ich hab das Zeug noch in der Creme-Version und klatsche mir einen breiten Streifen davon an die Wangenknochen. 

 

Fetzt. Sieht scheiße aus. Genauso will ich es haben. 

 

Und großes Finale … Nein, kein Orgasmus, sondern übertrieben schreckliche Augenbrauen und dazu einen fett-rosa-Streifen Augen Make-Up, welcher sich gegen die anderen Schichten erstaunlich gut durchsetzt.

 

Kurzer Check im Spiegel. Ich hoffe, ich werde auf dem Weg dorthin nicht verhaftet und jogge im Jogging Anzug (kicher, kicher) zu meinem Handy und will noch kurz was gucken, während sich mein Handy verweigert, denn es erkennt mich nicht mehr. Die Gesichtserkennung will nicht. Okay. Versteh ich sogar. 

 

Vor Ort.

Endlose Tischreihen hintereinanderweg und eine krasse Lautstärke allein vom Quatschen der Leute. Es gibt ja diese Saufen-oder-Gehen-Momente und dies war so einer.

Als ich am Tisch ankomme, erkennt mich lediglich Marc-Uwe, schließlich sieht er mir voll ähnlich, nur in lila-blau anstatt orange-grün. Ich mag überhaupt keinen Wein, nun ratet mal, was ich umgehend getrunken habe? Richtig, ne Menge Wein, bevor ich feststelle, dass ich eigentlich Biertrinkerin bin. 

 

Bier bestellt, aber das hat auch nicht geschmeckt. Mir gegenüber sitzt Marc-Uwe aka Uli, der mich anspricht, als hätte er einen IQ von 40 und einen EQ von -40. Links daneben ein wundervolles Reh und daneben zwei Mechaniker der US Air Force. Rechts vom Welpen die nächsten Mechaniker der US-Flotte. Dazu die Offenbarung am Blaumann, eine #badassmom zu sein. Ja eins geht nur, entweder für den Präsidenten den Flieger reparieren oder Mom sein. Somit eine gute Entscheidung für die Air Force One. 

 

Links neben mir sitzt der Förster mit derselben verweigernden Haltung wie ich. Er konnte sich wohl bisher 16 Jahre erfolgreich drücken und ich freue mich, dass ich nicht als Einzige gemobbt gefoltert werde. Wir stoßen an, schließlich müssen doch die Vernünftigen unter den Verrückten zusammenhalten. Als das Programm startet, frage ich ihn, ob WIR eine Exitstrategie haben. Er lacht, aber nicht überzeugend. 

 

Ähnlich wie bei einem Verkehrsunfall schaue ich mir das an und die böse Mom erklärt mir lachend, dass das Niveau nicht weiter steigen würde. Ich schaue verstohlen auf die Uhr, während Uli das bemerkt und mich zum Trinken animiert. Er versteht mein Leid, ich bin mir sicher. Und als der erste Redner im Alter von gefühlten 104 diese unfassbar schreckliche Büttenreden hält, frage ich den Förster, ob er nicht auch findet, dass das hier sich wie Ballermann für Senioren anfühlt. Nur schlechter. Er lacht wieder und ich weiß, er kommt aus der Nummer nicht raus. Schließlich gehört das schunkelnde Reh ihm gegenüber zu ihm. Das Reh hat Spaß, Uschi und der Förster nicht.

 

Dann kommt die Artistik in Form des 1000 und 1 Nacht Märchens Aladin ins Spiel. Da wird getanzt, aus dem Off gesungen, Sherazades hin- und hergeworfen und weiter getanzt und nicht gesungen, aber so getan. Ja, okay. Ist nett, denke ich, da fliegen die schon sechs Minuten nach Beginn der Show ihrem Happy End (nein, immer noch kein Orgasmus) entgegen und fliegen auf dem Teppich über die Bühne.

Keine Minute später tanzen alle aus 1001 Nacht zu Helene Fischer mit Tekkknno Mukke und ich versteh das Konzept einfach nicht. Was ist es denn nun? Ein Märchen? Rentnerveranstaltung? Tekknoo Party? Wo ist der rote Faden? Verdammt nochmal, warum holt einen diese Veranstaltung nicht ab?

 

Danach wieder einer, der noch langweiliger ist als der 104-jährige und ich schaue abermals zur Uhr, die mich verarscht, denn die Zeit vergeht einfach nicht. Leider kann man sich auch null unterhalten, weil es so ohrenbetäubend laut ist, dass ich nicht mal den Assi-Uli mir gegenüber sauber verstehen kann. Aber er bestellt mir ein weiteres Anti.Leid.Bier. Das rechne ich ihm hoch an. 

 

Ich bin angetrunken und frage mich, ob es legitim wäre, jetzt folgendes zu tun:

 

–              Einen Schwächeanfall zu bekommen.

–              Einfach nach Hause zu gehen.

Da mir das Diva-Gen fehlt und ich unfassbar pragmatisch bin, entscheide ich mich für einfach nach Hause gehen.

Ich verlasse also diese gruselige Veranstaltung und nehme in Kauf, nun ernsthaft von meinen Kollegen gemobbt zu werden. Und ja, auch wenn ich es wirklich nicht verstehen kann, gönne ich den gebürtigen Helau-Alaaf Leuten ihren Spaß. Und mir meine Ruhe.

Den Förster frage ich nicht, ob er mitflüchten will, schließlich ist sich in solchen Situationen jeder selbst der Nächste und ich weiß sehr sicher, das war das erste und letzte Mal für mich.

Veröffentlicht von Vielverwinkelte

Lyrik berührt Moderne.

6 Kommentare zu „Pappnasenfest oder Ballermann für Senioren

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