Dienstleistung ist Motherfucker

Das es sich da draußen verändert, merkt sicher jeder. Alles andere wäre auch nicht normal. Männer dürfen keine Männer mehr sein. Giftig und so. Aber wenn sie zu weich sind, findet das auch niemand mehr cool, dabei erwarten dennoch alle, dass ein Mann ein Mann ist. Ja was denn nun, da kommt doch keiner mehr mit! Und alle anderen haben ihre Daseinsberechtigung auch nur dann, wenn der Mainstream satt und vollgefressen, vegan oder mit Flipper im Magen, wohlwollend abnickt, während die Mehrheit aufgrund des ewigen Wohlstandes den Welthunger stillen könnte. 

 

Könnte. 

 

Tut der Mainstream aber nicht, denn es geht um mich, dich, mich und dich. Und mich und dich. Das könnte ich endlos fortsetzen, möchte aber festhalten, dass sich unsere Kollektivwerte gerade im Modus der Selbstzerstörung befinden, während die Individualwerte brachial Eintritt fordern.

 

Klopf. Klopf. Ich bin es, der Egoismus. Alle möchten sich selbstverwirklichen. Ich möchte, dass es um mich geht und weißt du was? Wenn es um mich gehen soll, kann es nicht um dich gehen. Niemals um dich.

 

Erkenntnis: Wahrheit ist ebenfalls ein Motherfucker. 

 

In binnen sechs Tagen ereilten mich zwei so krasse Beispiele dazu, dass ich die der lesenden Welt nicht vorenthalten will. Ich meine, vielleicht, (Regie, streich vielleicht), also jede beschissene Wette, dass ihr da draußen das ebenfalls wieder und wieder erlebt. Und …

 

Überraschung. Machtlos seid. Weil gesamtgesellschaftliche Veränderung und so. Unaufhaltbar von dir oder mir.

 

Jut, genug ausgeholt, um euch alle abzuholen. 1A geht los.

 

Ich bin griechisch essen an meinem Wohnort. Als wir gegen 20 Uhr den Laden betreten, ist nicht so viel los, was mich wundert, denn eigentlich gehen Menschen gern essen und so´n Grieche am Freitag vertreibt eben Kummer und Sorgen. Der Ouzo auch. Auf jeden Fall nehmen wir vier Platz und es schlurft eine gefühlt 19-Jährige retardiert an unseren Tisch, um die Karten in Zeitlupe und ohne wirklich hinzuschauen, jedem vage in die Hände legt. 

 

Und, trinken? Wow, denke ich. Sie hat entweder einen krass beschissenen Tag oder hat vom Konzept Dienstleistung noch nie im Leben was gehört. Fast will ich sie fragen, bin aber auch so tief davon beeindruckt, dass ich mir das Schauspiel weiter anschauen will. Schließlich will ich ja mein erfolgloses Autorendasein vorerst nicht beenden. Ist eben mein Ehrenamt.

 

Gut, sie schlurft weg und wieder zurück an unseren Tisch und bringt sehr umständlich die Getränke. Zum um den Tisch latschen, fehlen ihr Motivation und Motivation, sie gibt die Getränke von der einen Seite aus. 

 

Haben sie entschieden was zu essen, rotzt sie gefühlt einschlafend über den Tisch. Wir grinsen alle und geben unsere Essenswünsche bekannt. 

 

Dienstleistung kannse, stellen wir fest und freuen uns bereits auf den weiteren Service von ihr. Dann kommt sie mit den Tellern und drei Essen unterscheiden sich lediglich im Fleisch, dass sie nicht unterscheiden kann. Pute vs. Lamm vs. Schwein. Von außen niemals nicht unterscheidbar, stellt sie das falsche Essen bei allen ab. Es interessiert sie auch null, ob es das richtige Essen ist. Einer fragt, ob es Schwein ist und sie murmelt in die Runde, ob wer Schwein hat. Davon ab, ist sie nicht in der Lage, überhaupt zu wissen, was da welches Essen ist. Verstohlen schaue ich mich um, ob das hier versteckte Kamera ist.

 

Ist noch nicht Silvester, liegt mir wegen des Schweins auf der Zunge und wir regeln die Zugehörigkeit des Essens unter uns. Klappt. Jeder hat sein Essen und wir kommen der Sache näher, warum dieser Grieche so schlecht besucht ist. Auch drei Herren am Nebentisch grinsen jedes Mal, wenn sie was bringt, holt, von der Seite wirft, nicht kennt oder spricht, als wären wir der ungeliebte Sportlehrer in der sechsten Klasse. Nun denn, denke ich. Was soll´s. Ich weiß, dass es sich verändert, ich beschäftige mich beruflich damit, frage mich aber, warum mein Job mich bis zum Griechen verfolgen muss.

 

Die zweite Situation war in der Post. Ich schleppe drei Pakete und einen Brief zur Post, jongliere mit den Paketen, denn ich will nicht mehrfach zur Post müssen. Schließlich gibt es gefühlt nur noch eine Filiale pro 2 Millionen Einwohner in Deutschland. Und der Clou schlechthin liegt darin, dass diese eine Filiale zeitgleich auch noch eine Bank ist. 

 

Genial, um alle fett zu ärgern. Oder? Vielleicht wars auch Zufall. Und der Zufall ist meist nicht so intelligent. Können wir bitte die Dummen verbieten? 

 

Okay, ein älterer Mann hat Mitleid mit meiner Schlepperei und hält mir die Tür auf, damit ich mich in die Schlange von 15 Menschen einordnen kann. Mache ich natürlich und bekomme mit, dass der Postmann meines Vertrauens nicht da ist. An seiner Stelle steht eine Furie von Frau, die der Bankkundin (war klar, wenn ich da mal hinmuss, sind alle mit Paket und Bankanliegen da!), verbal niedertrampelt. Die Kundin murmelt was, dass der Vertrag doch unterschrieben war und das jetzt funktionieren müsste, die Frau ohne Dienstleistungsgedanken schreit sie an, ob das ihr Ernst wäre. Ob sie ihr jetzt drohen würde und dass das gar nicht ginge. Die Kundin versucht zu beschwichtigen, aber konsequent ist die Postbeschäftigte, denn sie stöhnt laut, würdigt die Kundin keines Blickes und rumpelt mit den Stiften, Paketen und Stempeln. Keine Ahnung, wie das hinter dem Tresen da ausschaut, aber sie tritt jedem Gegenstand mit Füßen und fetter Raucherstimme in den Arsch. Sie will so unbedingt, dass alle 14 mitbekommen, dass sie JETZT so richtig angepisst ist.

 

Kundin eins schleicht lautlos und sicher traumatisiert aus der Post. 

 

Der Scheiß hat Madame wirklich richtig sauer gemacht, sie benimmt sich ohne Ende verhaltensoriginell. Motzt lautstark rum, ob jemand was abzuholen hätte, dann sofort die Abholkarte her. Sie winkt die Leute ähnlich provokant wie Neo die ganzen Mr. Smiths in Matrix zu sich. Krass, denke ich und beobachte das alles mit hochgezogenen Augenbrauen. Im Prinzip fehlt jetzt nur noch, dass sie Kautabak kaut und den Matsch alle 45 Sekunden über den Tresen in die wartende Menge spuckt, während klar ist, dass sich niemand bewegen darf.

 

Alle ab Kunde 2-15 werden verbal angeraunzt, im Geiste Neos rangewunken und gefühlt zehn Mal mit Kautabak-Matsch angespuckt. Sie stöhnt sekündlich genervt vor sich hin und zeigt, dass sie Laune hat. Aber machen kannste nix, weil klar ist, dass die jeden mit Haut und Haaren fressen würde. Wer will das schon so kurz vor Weihnachten? 

 

Ich dachte die schlechteste Dienstleistung war die junge Frau beim Griechen. Weit gefehlt. 

 

Ich frage mich, wie das in zehn Jahren sein wird und weiterhin, wer und vor allem wann dazu aufgerufen wurde, gesellschaftlich einen Fehler nach dem anderen zu machen.

Veröffentlicht von Vielverwinkelte

Lyrik berührt Moderne.

2 Kommentare zu „Dienstleistung ist Motherfucker

  1. Diese Dienstleistungslegastheniker gibt es überall sogar auf 1142 m wo doch die Luft rein, die Sonne ganz nah und eigentlich die gute Laune garantiert ist, aber nein, selbst hier ist die Rezeptionistin schlecht gelaunt oder gar übellaunig…

    Gefällt 1 Person

    1. Haha! Ja, großartig. Die Tourirunde an der Rezeption kann ihre Frage nicht beantworten und sie kontert mit, ja lecken Sie mich doch am Arsch. Bin gespannt, was Dienstleistung in zehn Jahren kann. 🤪

      Like

Hinterlasse eine Antwort zu Vielverwinkelte Antwort abbrechen