Kongress der Urologen II

Irgendwann ließ die Faszination für den 2 Kilogramm schweren, in Silber gefassten Klunker nach, denn wir machten was? Richtig, Vorglühen im Hotelzimmer. Scheiß auf das Geschmeide, auf die Schmuckvitrinen und die polierte Lobby. Wir wollten was trinken, schließlich wartete ja noch der Bankettabend auf uns alle. Vorglühen läuft im Osten meist ähnlich ab. Man lädt 12 Leute in sein Hotelzimmer ein (nein, kein Swinger Gelage), jeder weiß, dass jeder was zu essen und trinken mitbringt. Knabberkram, Schokolade und Gummibärchen. Viel wichtiger mit über 40 ist und bleibt jedoch der Alkohol. 

Logo. Oder nicht? 

Also brachte jeder der 30 irgendwas Flüssiges mit, was garantiert Prozente aufwies. Der aufmerksame Leser fragt sich jetzt, wie 30? Waren doch nur 12 eingeladen. Tja, ebenfalls Osten. Es werden immer mehr sein, als man denkt. Liegt auch daran, das sozusagen die Coolsten überhaupt in diesem 25 qm Hotelzimmer vorglühen und jeder will dazugehören. Soziologie eben. 

Was wird eigentlich vorgeglüht?

Es wäre ginlos ohne Gin. Und so machten wir ginvolle Dinge und tranken Gin Tonic. Mag ich nicht so, aber Madlen fand das Zeug super ginvoll. Zumindest so lange, bis sie bereits 22:30 Uhr auf der Couch wegknackte aber immer noch gepflegt an den richtigen Stellen der rundum Gespräche nickte. Respekt, Madlen. Dafür haben dich die 29 anderen hart gefeiert. Dann gab es selbstgemachte Liköre aus Obst, dass man weder rausschmeckte noch in irgendeiner Parallelwelt zuordnen konnte. Davon ab, selbst auf den Tag genau 33 Jahre nach der Wiedervereinigung, könnte es dennoch sein, dass es ein uns armen Ostdeutschen unbekanntes Obst war. Oder vielleicht war es auch ein ökologischer Jemüselikör? Wobei der Mitbringer, der Ralf mit PH also der Ralph nicht wie nen Bio-Rübli-Öko-Jemüse-Likörbrenner-Ralf-Mit-PH aussah. Aber wer wusste das schon und so verlagerten wir die unbekannten Liköre nach hinten und tranken was? 

Richtig, Rum und Gin. Wein und Sekt. Alles zusammen? Ja klar! Osten eben. Ungezwungen quatschten alle 30 und tranken alle 30 bis wir aufbrachen, um mit 900 anderen Menschen gemeinsam zu Abend zu essen. 

Ich meine … was ne verrückte Idee an sich, oder? Ich kenne niemanden, der einfach so sagen würde … Yeahhhh … lass uns mal zu neunhundert Abendbrot essen gehen. Sie etwa? Macht nix, wir taten es trotzdem und waren an unserem Tisch acht von knapp tausend. Alle Ladies hatten sich voll schick gemacht, die Männer ebenfalls. Sehen und gesehen werden. So ist das eben und so war es immer und so wird es immer sein. Kausal, wenn man so will.

Zuerst gabs ne kurze Ansprache. 

Dann Eröffnung Buffet. 

Und dann holten wir uns etwas zu essen.

Das Essen war köstlich und hervorragend, aber am Tisch konnte man sich nur mit seinem direkten Nachbarn unterhalten, alles andere konnte getrost unter Anschreien ohne Verstehen verbucht werden. Zum Anschreien tranken wir jeder noch so fünf Bier, ab dann wurde die Lautstärke und auch das Anbrüllen wesentlich gemütlicher. Sag mal noch einer, Alkohol wäre keine Lösung. 

Irgendwann fanden wir uns dann in der Disco wieder, die in ihrer Lautstärke das Abendessen mit neunhundert anderen nochmal um Längen toppte. Leider war ich erkältet, angetrunken, zu satt und dann auch kaputt. 

Während also der eine Teil tanzen ging, ging ich zurück in mein Hotelzimmer und genoss die Ruhe. 

Am nächsten Morgen trafen wir uns zum Frühstück und Nicole sah von allen am coolsten aus. Als hätte sie weder getrunken noch mit neunhundert gegessen oder danach in ohrenbetäubender Atmosphäre getanzt. (Ich muss an ihr Geheimnis kommen. Dringend!) 

Back to Frühstück. 

Ich reise aufgrund meiner beruflichen Tätigkeiten sehr viel, bin dadurch leider oft in Hotels und zu selten in Ferienwohnungen, aber wenn sich in den letzten zehn Jahren was verändert hat, dann das verlorengegangene Frühstück. Es ist nicht mehr da. Wie die D-Mark, vernünftige Spritpreise, und ne Pizza unter zehn Euro. Aber das hier flashte mich wirklich und ich erlangte meinen Glauben in das wahre Wesen eines guten Hotels zurück, denn hier gab es alles. Wenn ich alles sage, meine ich alles. Brot, Brötchen, Toast, Ei in fünf Varianten. Sogar Lachs und Bauernkäse. Kaffee, Tee, Kakao, Saft, Saft und noch mehr Saft. (Wir hatten immer noch die undefinierbaren Liköre. Hätten wir dazustellen können.)

Respekt. Ich überlege, ob ich mir nun zur Perfektion dieses Frühstücks das 2000 Dollar Herz kaufe und verwerfe diese Alice im Wunderland Idee sofort wieder, weil ich denke, vielleicht will Ellen es noch mehr als ich. —>🤪

Coming soon. Part III – Auf dem Weg zum Schloss liegen zu viele Biergärten.

Veröffentlicht von Vielverwinkelte

Lyrik berührt Moderne.

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