Der gefallene Engel II

Als Bafa endlich ging konnte er damit beginnen sich über seine Zukunft Gedanken zu machen. Es brauchte eine ordentliche Portion Überzeugungskraft, damit der weibliche Engel diesen beschissenen Ort endlich verließ. Fair war das eben nicht von ihm.

Er hatte sie einfach nicht mehr ertragen.

Dieses Weinen, diese Stille, Angst und Verzweiflung. Und auch ihr Licht, ihr Halo ertrug er nicht eine Sekunde länger. Sie liebte ihn, er wusste das und auch sein Herz brach als er sie eben aus seiner Verdammnis warf, doch das war der Punkt. Seine Strafe, seine Verdammnis.

Seine beschissen dunkle Ewigkeit.

Als Bafa ging und es dunkel wurde in der Unterwelt, als die Fäulnis dieser kalten Höhle sich wieder in seine Nase schob und all seine physischen und psychischen Wunden simultan aufbrachen, wallten Wut und hemmungsloser Zorn durch seine Adern und sein Herz krampfte, weil alles unabänderlich war.

Er atmete tief durch und schleppte sich an die steinerne Wand. Sein linker Unterarm zog seinen Oberkörper und dieser anscheinend irgendwie seine Beine mit sich. Mit Kraft hatte das alles nichts mehr zu tun.

Kalt, nass und schroff rutschte seine Haut mit samt den Muskeln über den harten und kantigen Boden, er bemerkte schmerzhaft, dass sein Fleisch teilweise von seinem gepeinigten Körper riss. Er roch sein eigenes Blut. Als er zum Sitzen kam, begann er damit, seine Wunden zu ertasten und zu klassifizieren.

Es dauerte eine ganze Weile, aber irgendwann war er damit fertig und konnte fünf verschiedene Kategorien für sich festhalten. Von kleinstem Kratzer bis zur tiefsten Fleischwunde, bilanzierte er und wusste nicht wirklich, was er gegen diese Blessuren tun sollte. Anscheinend heilte er schlechter als zuvor. Oder gar nicht mehr und die Unterwelt sollte sein Ende sein? Sterben auf Raten?

»Oh nein«, presste er wütend hervor.
»Noch nicht!« Sich aus der sitzenden Perspektive ins Stehen zu wuchten, kostete immens viel Kraft und er bemerkte jede einzelne Wunde. Äußerlich wie innerlich.

Aber er stand. Immerhin, schob er gedankliche Ironie hinterher. Der metallische Bogen, der anstatt seiner Flügel jetzt auf seinem Rücken verweilte, fühlte sich kalt und schwer an. Ganz im Gegensatz zu den weichen, vor allem ultraleichten Federn, welche über Jahrhunderte auf seinen Schultern fest verankert waren.

»Okay«, hauchte er leise in die Dunkelheit und schob vorsichtig eine Hufe vor die andere. Dabei rutschten die Sohlen über den Boden, ohne den Kontakt zu selbigen zu verlieren, denn er besaß nicht die Energie, seine Füße zu heben.

Er sah an sich herab.

»Eher Hufe«, schnaubte er verärgert, denn er war ein Engel und kein Dämon. Sein Oberkörper nach vorn gebeugt wie ein alter, vom Leben enttäuschter Mann, schleppte er sich über die Steine, auf denen er vor ein paar Wochen aufgeschlagen war. Vor einer großen Pfütze kam er zum Stehen und verharrte eine Weile. Angst packte ihn. Er wusste nicht, ob er sein Antlitz sehen wollte. Alles bisher war Hypothese. Er hatte keinen blassen Schimmer, was der Aufprall aus seinem einst so perfekten Körper gemacht hatte. Ihm war nicht klar, was ihn optisch erwartete. Noch einen Schritt weiter, schliffen die Hufe beschwerlich nach vorn, ehe sie das Wasser und somit den Spiegel berührten. Sein Atem ging nur noch stoßweise, da Angst, Schwäche und Schmerzen einen heftigen Tanz in ihm tanzten und ihn davon abhielten, sich dem zu stellen, was er seit dem Urteil des Höchsten war.

Immer sein würde …

Es schlurfte etwas durch die Höhle, erschrocken drehte er sich um. Eine Bewegung, die jegliche Schmerzen auf einer neuen Ebene entfachte.

»Wer ist da«, fragte er grollend, denn er war ein leichtes Opfer. Schwach und angeschlagen.

Keine Reaktion.

Gut, dachte er. Wenn das sein Schicksal sein sollte und sich seine eigentliche Unsterblichkeit an diesem Platz vollenden sollte, würde er es annehmen.
Das Schlurfen kam näher, er hievte seinen Körper in die Richtung des Geräuschs. Er schwankte wie ein schmaler Ast im Wind aber er schaffte es, stehen zu bleiben.

Das Schlurfen stoppte, ein bekanntes Geräusch erfüllte die Stille. Ein Streichholz, dachte er. Noch einen Moment Stille und dann erhellte eine kleine Kerze den Raum. Eine zierliche Person schlurfte auf ihn zu. Eine alte Frau? Ein alter Mann? Das Licht der Kerze brannte in seinen Augen, dennoch breitete sich rasend schnell Hoffnung in ihm aus.

»Wer bist du«, hauchte er lediglich. Zitternd stand er in dieser Kälte und die einzige Hoffnung schien das Licht zu sein. Sein Blick hing tranceähnlich an der Kerze. Er dachte an nichts, die Angst legte sich langsam, das Adrenalin wurde weniger. Der Körper schwach, der Geist müde, vernahm er ihre wenigen Worte.

»Ich bin gekommen, um dich zu heilen.« Ungläubig starrte er Richtung der Stimme. »Aber warum …«, stieß er skeptisch aus. Sie kam näher. Er konnte nichts tun, er stand an Ort und Stelle. Wartete auf das, was sie ihm sagen würde. Licht und Hoffnung, dachte er.

»Weil du zu Unrecht hier bist«, hörte er noch als seine Knie nachgaben und er komplett in sich einknickte. Er reckte seinen Kopf gen Himmel. Seine Lungen hörten kurz auf zu atmen, denn er schrie aus vollem Halse. 

Und schrie und schrie und schrie.

Das letzte, was er sah, bevor er in Ohnmacht fiel, sollte ihr Licht sein, das unaufhörlich auf ihn zukam. 

Veröffentlicht von Vielverwinkelte

Lyrik berührt Moderne.

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