Der gefallene Engel

Als das Urteil vom Obersten gesprochen wurde, schoss verzögerungsfrei ein gleißend heller Blitz um ihn herum. Von oben und unten, rechts wie links, vorn und hinten. Überall brannte das Licht wie Feuer auf seiner Haut und auf seinen riesigen weißen Flügeln. Seine goldene Aura wandelte sich zu einem dunklen Halo. Dieser Aspekt ängstigte ihn, Adrenalin schoss in Wellen durch seinen Körper. Er fühlte Übelkeit und furchtbares inneres Entsetzen. Er bemerkte erst später, dass er nicht mehr im Gericht des Himmels stand. Ihm war nicht klar, dass er schon fiel …

Als seine mächtigen Flügel unerträglich schmerzten, jede einzelne Feder bis zum Kiel in Flammen stand, als seine Haut sich der Hitze beugte, sich unaufhaltsam schmerzhaft zusammen zog und er das erste Mal in seinem Dasein das eigene Körpergewicht fühlte, wurde ihm klar, dass er gefallen war. Er sah an sich herab. Aus seinen Füßen waren dämonische Hufe geworden. Aus seinen ehemals reinweißen Federn stand lediglich ein metallischer Bogen.

Seine Haut schimmerte dunkel.

Alles an ihm war dunkel …

Der Aufprall kam rasend schnell auf ihn zu. er breitete seine brennenden Arme aus und versuchte seine Brust zu straffen. Er nahm das harte Urteil an, denn er hatte es verdient. Nur sein Gesicht wandte er ab, denn er wollte nicht mit dem Gesicht zuerst in der Unterwelt aufschlagen. Würde er jetzt sterben?

Ruuummmms.

Stille.  Für lange Zeit.

Stunden vergingen.

Tage …

Das Schluchzen von Bafa begleitete ihn über Wochen. Wie lange genau konnte er nicht sagen und er wusste auch nicht, seit wann genau sie bei ihm saß oder wie sie zu ihm gefunden hatte. Irgendwann war sie da gewesen. Er hatte sie gerochen, schließlich kannten beide sich viele Jahrhunderte. Er schaffte es nicht seine Augen zu öffnen und in ihre zu schauen. Sein Kopf ruhte auf ihrem Oberschenkel. Das einzig weiche an diesem trostlosen Ort. Beide verharrten in einer kalten und dunklen Höhle der Unterwelt. Faules Wasser tropfte von der steinernen Decke. Seine Hufe und die Unterschenkel, sein Bauch und der Brustkorb lagen auf den blanken Steinen, unzählige Wunden bluteten seit Tagen vor sich hin.

Er musste aufstehen. Er musste weitermachen.

Auch wenn er keine Ahnung hatte, wie er das bewerkstelligen sollte. Zumindest sollte er damit beginnen seine Augen zu öffnen.

Plitsch …

Wieder trafen ihn Bafas Tränen im Gesicht. Er zog seine Augenbrauen zusammen und ließ damit unzählige Falten auf seiner Stirn entstehen. Dann öffnete er das erste Mal seit einer gefühlten Ewigkeit ganz langsam seine Augen. Sofort kniff er sie wieder zusammen, denn gleißend helles Licht in reinem Weiß erhellte alles so stark in dieser Höhle, dass seine Augen schmerzten. Bafa wusste, dass er erwachte, aber sie ließ ihm die Zeit, die er dazu brauchte. Sie würde eines Tages gehen müssen, denn hier, an diesem trostlosen Ort, hatte sie nichts zu suchen. Erneut öffnete er seine Augen und stellte fest, dass es Bafas Halo war, das die Höhle erleuchtete. Sie zog ihn eine Nuance enger an ihren Körper, die Federn ihrer mächtigen Flügel kitzelten seine Flanke und seinen Rücken. Er bemerkte, dass ihr Haar sich an seinen Kopf schmiegte, was bedeutete, dass sie ihm jetzt sehr nah sein musste. Er fühlte, dass sie etwas sagen wollte aber ins Stocken kam. Langsam drehte er sich zu ihr herum. Seine vor Schmerzen brennenden Muskeln und Knochen schnitten ihm die Luft zum Atmen ab. Trotz all dieser Widrigkeiten legte er sich auf den Rücken, der Metallbogen, der nun seine Federn ersetzte, stach in seine dunkle Haut. Als er sie erblickte schossen ihm Tränen in die Augen. Sie war wunderschön. Und mager, da sie sich seit langer Zeit nicht mehr genährt hatte. Übelkeit wallte durch ihn hindurch und das Weiß ihrer Flügel, sowie die goldene Aura erinnerten ihn an das, was er nicht mehr besaß. Langsam hob er seinen Blick, um ihr in die Augen zu sehen.

Sie weinte. Genau wie er.

Sie öffnete ihren wunderschönen Mund. Es kam nichts heraus. Was, fragte er sich. Was sollte sie auch sagen? Er musterte ihr Gesicht sehr lange, ehe er das sagte, was nicht im Mindesten ausreichen würde, für nichts eine Erklärung darstellte und nie genug sein würde. Tränen rannen in Strömen über sein Gesicht.

Aber es war ein Anfang …

Sein Anfang.

»Es tut mir leid«

Veröffentlicht von Vielverwinkelte

Lyrik berührt Moderne.

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