Kindheit – Oder die DDR Part IV. – Ominöse Feiertage

Da stand ich nun im Flur der Neubaubude. Fertig zum Aufbruch und aus der Retrospektive würde ich sagen, dass ich um die sieben bis neun Jahre alt war. Wer konnte das rückblickend schon so genau sagen. Richtig, ich nicht und ihr auch nicht, da ihr nicht dabei wart.

Gut. Irgendwie erinnere ich mich an viel Geschäftigkeit, ohne zu wissen, wo genau die herkam oder wer sie verbreitete, vom Warum mal ganz zu schweigen. Klingt ja irgendwie wie nen Demenzbericht. Gar nicht so übel der Vergleich, denke ich, schließlich ist die Kindheit in meinem Alter eine ganze Weile her.

Das hier soll ne Shortstory sein, erinnert mich mein kreatives Hirn, bevor ich ganz in die gerontopsychiatrischen Tiefen stürze und so gehe ich den ganz kurzen, den informellen Weg:

Straßenbahn

Viele Menschen

Und zack waren wir in der Innenstadt von Magdeburg.

#kurzkannich

Magdeburg war ja zu DDR-Zeiten echt unfassbar grau. Also wir hatten an 364 Tagen lediglich die Farben schwarz, weiß und grau zur Verfügung. Was anderes gab die DDR visuell einfach nicht her. Bis auf diesen einen Tag, da kam Farbe ins Spiel. Wir standen umzingelt von tausenden Menschen in der Innenstadt, auf der Otto von Guericke Straße, glaube ich. Die Flaniermeile. Rammelvoll. Ätzend. Also als Kind mochte ich das echt null. Wie eine Signallampe rollte mein Kopf gefühlt 360 Grad immer rundrum, um den Trubel in mich aufzunehmen. Musik. Menschen. Musik und Menschen … und …

Zu aller Freude bekam ich einen kleinen weißen Staab aus Hartpapier in die Hand gedrückt, daran am oberen Ende ein rotes Blatt Papier. Es war leicht eingerollt, was mich etwas ärgerte. Mein analoges Spielzeug funktionierte also nicht korrekt.

Ganz große Klasse.

Ich weiß noch genau, dass ich meiner Kinderrolle entsprechend sofort wie irre mit dem Ding wedelte? Heißt das so? Vielleicht Fahnte – nee. Winkte? Klinkt doof. Was doof ist, kann nicht sein.

Back to Basic:

Ich bleibe also bei wedelte, was zur Folge hatte, dass das rote Stück Papier sofort vom kleinen, weißen Staab aus Hartpapier riss und sich von mir verabschiedete, um in der Menge unterzutauchen. Ich schaue mit weit aufgerissenen Augen ungläubig hinterher und bin verwundert und sauer, wie etwas so schnell kaputt gehen kann. Da alle Fahnen rot waren, hatte ich auch keine Chance, sie wiederzufinden. Davon ab hatte ich auch keinen Klebstoff bei. Gab ja keinen zu kaufen, also Klebstoff.

Da meine Eltern von dem ganzen Zirkus mit der Huldigung der SED und den Funktionären nichts hielten, war ich nicht mit meinen Eltern vor Ort. Mit wem ich da war, weiß ich aber auch nicht mehr.

Was genau passierte in den nächsten aus Kinderperspektive 47 Stunden, wahrscheinlich waren es nur fünfzehn Minuten, schließlich bin ich realistisch.

Also, was taten die Unbekannten und ich?

Latschen

Latschen

Latschen

Dazwischen wurden mir immer wieder neue rote Fahnen in die Kinderhand gedrückt und ich glaube 99,8 Prozent rissen umgehend wieder vom weißen Staab aus Hartpapier. Das mit dem analogen Spielzeug haben die echt beschissen gemacht, denke ich heute. Kein Wunder, dass sich die DDR nicht halten konnte. Keen Kleber, keene richtigen Fahnen.

Und so schredderte ich irgendwann voll gelangweilt alle roten Fahnen und verstand immer noch nicht wirklich, was da draußen los war, in schwarz-weiß-grau.

Irgendwann sagte einer der Unbekannten Erwachsenen, dass wir jetzt was essen gehen. Ich hatte zwar kein Hunger, aber endlos rote Fahnen kaputtwedeln war halt bedeutungslos und so saßen wir kurze Zeit später in einer Kneipe, die auch essen machte. Restaurant konnte man das ja nicht nennen, schließlich hieß ein son Ding in Insiderkreisen Zum dreckschen Löffel. Aus der Perspektive von heute würde da wahrscheinlich keiner mehr reingehen. Egal, ich begann diesen ominösen Feiertag ganz slow motion zu mögen.

Ich warf also so unauffällig ich konnte, die restlichen 0,2 Prozent rote Fahnen, die, die hartnäckig nicht kaputt gehen wollten untern Tisch und las die Karte. Als Mensch mit gutem Geschmack bestellte ich mir standesgemäß natürlich ein Schnitzel mit …

Pommes? Nee – die gabs nicht. Nein, auch kaum Ketchup und nie Mayo. Zumindest in meinem Leben.

Bratkartoffeln! Es gab Schnitzel mit Bratkartoffeln und da Kinder ja ab dem Moment der Bestellung quasi verhungerten, musste mein Magen noch gefühlte 53 Stunden leiden, bis der für mich riesige Teller von irgendwo einflog und von irgendwen vor mir abgestellt wurde.

Grandios. Mein Blick glitt über das braungebratene, riesige Schnitzel und die mit Zwiebeln gebratenen Kartoffeln.

1. Mai. Ich liebe Dich.

Außerdem lag da am Rand noch so ein bisschen Wiese ohne Dressing. Gabs ja damals auch nicht, also Dressing. Und dann, dann erblickte ich auf dem Schnitzel so einen verzierten Kringelberg kalter Butter, oder Sahne. Sah aus wie ne Herzogin Kartoffel, war auch ähnlich groß.

Und ähnlich schwer.

Da dachte ich, gut, der kleine Haufen kalter Sahne zuerst, dann das Schnitzel und mit einem Haps, steckte ich mir das komplette Teil in den Mund und starb eine Nanosekunde später gefühlt tausend Tode in meinem zarten Kinderleben.

Meine Augen tränten, alle jungfräulichen Geschmacksnerven explodierten und ich spuckte das Teil in hohen Bogen auf den Teller zurück. Auf welchen der vielen Teller weiß ich nicht mehr.

Es war Meerettich. 20 oder 30 Gramm.

1. Mai. Ich hasse Dich, du ominöser, kataströser, Geschmacksnerven zerstörender, beschissene Fahnen verteilender Feiertag. 

Veröffentlicht von Vielverwinkelte

Lyrik berührt Moderne.

Ein Kommentar zu “Kindheit – Oder die DDR Part IV. – Ominöse Feiertage

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