Marc …

Zwei Männer in einem heruntergekommenen Boxring. Nichts besonderes in den Armenvierteln Irlands, so normal wie irgendwas, schließlich brauchten auch die Ärmsten eine halbwegs vernünftige Freizeitbeschäftigung im Leben. Obwohl er sich nicht als arm, eher als einsam bezeichnen würde.

Überall, man könnte sagen an jeder Ecke, gab es provisorische, verkommene Hallen, in denen erfindungsreiche Einheimische, Boxringe aus einfachsten Mitteln erschaffen hatten.
Die Halle, in der er gerade stand war spartanisch und schlecht beleuchtet, sie roch modrig, nach Nässe und Kälte. Der Wind heulte durch eingeschlagene und eingeworfene Fensterscheiben, was ihn nicht im Geringsten störte, er war aufgewärmt von den letzten drei Runden im Ring.

>>Marc? Es reicht!<<

Klar drang sein Name an seine Ohren, er vernahm den Coach, wusste, dass das hier sein persönliches Stoppzeichen sein sollte, nur konnte er nicht damit aufhören, seinen Sparringspartner wieder und wieder in die Fresse zu schlagen. Seinem augenblicklichen Gegner weich zu prügeln.


Und? Ihm scheißegal, ernsthaft.


Woher dieses Aggressionspotential in ihm kam wusste er nicht, obwohl es eine Phase in seinem Leben gegeben hatte, in der er sich versuchte, ernsthaft damit auseinander zu setzen.
Im Resümee würde er sagen: Kläglich gescheitert. Völlig verkackt traf es auch ganz gut.
Er hielt eben nicht sonderlich viel von irgendwelchem pseudopsychologischen Gequatsche.
Gott bewahre, denn er war fest davon überzeugt, dass es ihm mehr schaden, als nutzen brächte. Seine Strategie mit sich selber klar zu kommen, hatte sich über die letzten zehn, vielleicht fünfzehn Jahre wie von allein eingeschlichen und perfektioniert.
Sie bestand aus fiesen Typen, viel Geld, Weibern und noch mehr Geld. Nicht zu vergessen, Gewalt, im Sinne von richtig viel Gewalt und damit meinte er nicht jenen lächerlich kleinen Boxring hier. Der Scheiß hier war ein aufwärmen, wenn überhaupt.
Diese kleinen Boxrunden machte er regelmäßig, obwohl er schon sechsunddreißig Jahre zählte, sie sollten ihn nicht fit halten, er überbrückte mit ihnen lediglich sein beschissenes Leben.

Er katapultierte sich mit dieser Form der Freizeitbeschäftigung einfach aus seinem Alleinsein. Zumindest tagsüber, denn sein Elixier war die Nacht und die bösen Jungs, aber oftmals schien es verdammt lang hin, ehe sie einsetzte, die Dunkelheit.

>>MARC!!!<<

Irgendwas zog von hinten an seinem Shirt, er fühlte es wie ein Benommener, weit aus dem Hintergrund. Eine Geste, die egal von wem sie kam, seine Aggressionen eher steigerte, als abebben ließ.

Niemand. Fasste. Ihn. an.

Wütend, wild geworden wie ein Tier schlug er um sich, seine Fäuste trafen weiterhin seinen massiv blutenden Sparringspartner, dessen Pupillen nichts, aber auch gar nichts mehr fixierten.
Der Typ taumelte lediglich und atmete, mehr war bei dem nicht mehr zu wollen. Er besaß nicht einmal mehr die Koordination umzufallen, die Schwerkraft nahm ihn einfach zu sich.
So, wie der aussah brauchte er ein paar Wochen, um sich von dieser Runde hier zu erholen. Nicht, dass  Marc dabei irgendeine Gefühlsregung in sich trug, diese Art des zwischenmenschlichen Miteinanders kannte Marc nicht. Oder besser, nicht mehr.

>>Hör jetzt auf, du verfluchtes Arschloch.<<

Abrupt änderte sich seine Perspektive, undefinierbare Gewichtsmassen drückten schwer auf seinen Rücken, sein Gesicht schlug ohne Vorwarnung hart auf dem Boden des Boxrings auf. Das knackende Geräusch in seiner Nase verriet ihm einen Nasenbeinbruch.
Schon wieder. Auch nichts Neues mehr. Wie wunderbar.
Marc hatte bei vier Nasenbeinbrüchen aufgehört zu zählen.
Und das war wann? Genau, vor acht Jahren. Noch schwereres Gewicht senkte sich auf seinen Körper, hintergründig hörte er den Trainer knurrende Worte murmeln, aber Marc nahm sie nicht wahr.
Nicht ein einziges davon. Alles in seinem Kopf war rot gefärbt, tief rot vor Wut und Zorn und er fühlte sich tief in seinem Inneren so verdammt allein.

Veröffentlicht von Vielverwinkelte

Lyrik berührt Moderne.

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